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Hier scheppert der DJ-Rollkoffer unerbittlich über Berliner Kopfsteinpflaster, schweißnasse Schaumstoffmatratzen treiben in ranzigen, beatdurchwummerten Kellern am Leser vorbei; eine von Erektionen umstellte Fitnessradtour im Kreuzberger Zimmer hilft das Speed abzubauen. Die Wände des Darkrooms kleben, Galeristen gieren nach frischem Fleisch und Plastikschwänzen. M. liefert sich aus und reißt die Macht an sich, sie fickt die Kunstszene, während sie für ihre nächste Ausstellung Gelnageldesignerinnen und Massagestühle auftreibt. M. ist das Protokoll einer Ermächtigung des eigenen Körpers, des…mehr

Produktbeschreibung
Hier scheppert der DJ-Rollkoffer unerbittlich über Berliner Kopfsteinpflaster, schweißnasse Schaumstoffmatratzen treiben in ranzigen, beatdurchwummerten Kellern am Leser vorbei; eine von Erektionen umstellte Fitnessradtour im Kreuzberger Zimmer hilft das Speed abzubauen. Die Wände des Darkrooms kleben, Galeristen gieren nach frischem Fleisch und Plastikschwänzen. M. liefert sich aus und reißt die Macht an sich, sie fickt die Kunstszene, während sie für ihre nächste Ausstellung Gelnageldesignerinnen und Massagestühle auftreibt. M. ist das Protokoll einer Ermächtigung des eigenen Körpers, des eigenen Begehrens, und kalter Bericht über dasAusbeutungsgefüge im Kunstbetrieb - in einer Sprache, die schonungslos die Entwicklung der Erzählerin von einer zynischen Beobachterin zur strippenziehenden Regisseurin vollzieht.
  • Produktdetails
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 248
  • Erscheinungstermin: April 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 187mm x 119mm x 23mm
  • Gewicht: 271g
  • ISBN-13: 9783957576941
  • ISBN-10: 3957576946
  • Artikelnr.: 54593289
Autorenporträt
Gien, Anna§Anna Gien, geboren 1991 in München, ist freie Autorin und arbeitet in unabhängigen künstlerischen Projekten. Studium der Kulturwissenschaft und Kunstgeschichte in Berlin und Florenz. Ihr Interesse gilt der Körperpolitik, feministischer Theorie, Sexarbeit und den Zusammenhängen von Kunst, Kapital und Popkultur. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 02.03.2019

Das Genie als Wrack
Geht sexuelle Provokation noch als politischer Protest durch? Der explizite Roman „M.“ von Anna Gien und Marlene Stark wirft Zweifel daran auf
Wahrscheinlich ist es der älteste Nebenjob des Künstlers, sich über den Kunstbetrieb aufzuregen. Er muss zusehen, wie diverse Menschen an seiner Kunst etwas verdienen, nur er selbst wenig. Das gilt erwiesenermaßen noch mehr, wenn der Künstler eine Frau ist. Ein Beispiel unter vielen: Bei einem Symposium, das kürzlich in der staatlichen Kunsthochschule in Kiel stattfand, bekamen die Kunstwissenschaftler für ihre Vorträge jeweils 500 Euro. Die Künstlerinnen und Künstler, die ebenfalls Vorträge hielten und ihre Arbeiten ausstellten, gingen leer aus. Erst nachdem die Hamburger Künstlerin Verena Issel das publik machte, stellte die Hochschule eine „angemessene Aufwandsentschädigung“ in Aussicht.
Über diesen Zusammenhang hat die Künstlerin Marlene Stark mit der Kunstkolumnistin Anna Gien einen Roman geschrieben, den man auf den Schlachtruf „Fickt das System“ bringen kann.
Es geht da um eine junge Frau namens M. Sie hat Kunst studiert, macht zur Zeit aber lieber Musik. In Berlin arbeitet sie als DJ. Nachts schleppt sie ihren Plattenkoffer durch Neukölln, legt im „Sameheads“ auf oder im Laden von Franz, und ist dabei selten nüchtern. Sie hat einen eigenen Begriff für den Kater am nächsten Morgen: „Die Kralle wächst aus meiner Stirn und zieht den Schmerz von dort aus über meinen Haaransatz bis ins Genick. Da greift sie sich fest, gräbt ihre Nägel tief in die Haut, bis in mein Rückenmark, und lässt mich bewegungsunfähig daliegen.“
Vor allem aber ist M. damit beschäftigt, Sex zu haben, mit Männern aus dem Kunstbetrieb, die sie in den Arsch fickt. Ja, das ist im Grunde das, was in diesem Buch passiert. In sämtlichen Ausführungen, an verschiedenen Orten, mit einer wechselnden Anzahl Menschen. Gefickt wird zu dritt in der Bar, im Darkroom vom legendären Club „Ficken 3000“ und während man auf Heimaturlaub ist behelfsmäßig auch per Videochat. Als es ihr langweilig zu werden droht, erklärt sich M. zur Sexgruppenleiterin und bestimmt im Chat, wer von ihren zahlreichen Freunden wann mit wem schlafen darf: „Eine virtuelle Sextauschbörse, in der ich die Fäden in der Hand habe. Nicht mehr selber ficken. Ficken lassen.“
Alles geht immer ganz schnell. Alles passiert im Handumdrehen. Dass die Autorinnen ein Blatt vor den Mund nehmen würden, kann man nicht behaupten. Pornografisch ausgeleuchtet jede Szene, in einfachen, unvermittelten Sätzen. „Er stupst mich mit seinem Teil am Schenkel an. Das machen alle Männer, die realisiert haben, dass die Frau keine Lust hat oder zu müde ist, um Sex zu haben. Wie ein Streber, der verzweifelt mit dem Finger schnipst. Die Lehrerin wendet sich ab. Wir schlafen.“ Was genau jeder vom anderen eigentlich will, ist nicht von Interesse. Hauptsache, es überschneidet sich für einen Moment.
Immerhin behauptet M. von sich, nie Sex für Geld gehabt zu haben, wie viele ihrer Kolleginnen. Die schwarzen Bretter der Kunsthochschulen sind offenbar voll mit lukrativen Angeboten. Das mit dem Hochschlafen sei so eine Sache, erklärt sie, „eigentlich funktioniert es nicht. Einmal Ficken bringt gar nichts.“ Zweimal ficken anscheinend aber schon – jedenfalls bekommt sie schließlich die Einzelausstellung in einer viel beachteten Galerie.
Ist dieses bunte Treiben Karrierismus oder Hedonismus? Im Leben von M. und ihren Freundinnen ist das vielleicht ein und dasselbe. Unter „Feminismus“ verstehen sie wohl eine Art hegelianische Aufhebung von beidem. Fest steht, dass Feminismus für M. etwas ganz anderes ist als für ihre Mutter, die in Süddeutschland ein sehr normales Familienleben führt. Für sie bedeutet Feminismus, alles schaffen zu können, wenn man es nur will. Was dann heißt: Eine 120-Prozent-Arbeitsstelle und 98 Prozent vom Haushalt. Es ist klar, dass so ein Leben keine Option ist für die hoffnungslos überdrehte M. In der Kunst kommt man selten zu Erfolg, wenn man nur fleißig alles richtig macht. „Manchmal denke ich, dass ich es allen leichter gemacht habe, indem ich ein echter Sonderling wurde“, sagt sie sich am Weihnachtsabend.
Damit ist prägnant auf den Punkt gebracht, wie die Emanzipation von Frauen nicht nur in Gesellschaft oder Berufsleben für Gesprächsbedarf sorgt, sondern auch innerhalb der Familie. Am Ende wirft der Roman die Frage auf, ob das, was wir als normale Familie empfinden, so auszusehen hat, wie es aussieht und nicht anders. „M.“ ist ein feministischer Roman, der es anderen Feministen nicht leicht macht.
Die Gründe dafür, dass das Konzept des Romans sich zu sehr aufdrängt und dann nicht ganz aufgeht, sind aber andere: Im Roman sind Abbildungen abgedruckt, zum Beispiel die Signatur von Jan Vermeer und irgendwelche Gemälde. Wozu bloß?
Und warum diese seitenlangen, vermeintlich geistreichen Tiraden, die Milieubeschreibung sein wollen aber Gehässigkeit sind? Ob es nun Rollkoffertouristen in Berlin trifft, die gentrifizierenden Nachbarn oder die Frauen „in den Frühstückscafés auf der Akazienstraße mit ihren Milchkaffees“. Wer es sich zum Ziel gesetzt hat, über möglichst viele Dinge zu sagen, dass sie bescheuert seien, schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe, wenn er eine bescheuerte Sache mit einer noch bescheuerteren Sache vergleicht. Spätestens nach dem zweiten nerven solche Vergleiche. Es gibt in „M.“ zu viele Klischees, die sich nicht gut vertragen mit dem offensichtlichen Anspruch des Romans, ein aufregendes Buch zu sein.
Es liegt nahe, dass der Name M. für die Autorin Marlene Stark steht und das Erzählte autobiografische Züge trägt; dass sich ihre Freunde in dem Buch wiedererkennen und manche Männer, die weniger gut dabei wegkommen. Als Leser hat man dann das Gefühl, jetzt werde gerade gegen jemanden ausgeteilt und versteht es als Außenstehender nicht ganz. Wer jetzt, was jetzt und warum? Aus ernst gemeinter Rache? Aus Spaß? Mehr Follower auf Instagram?
Aber immerhin: „M.“ ist ein lustiger, kurzweiliger Roman. Sollte man länger über ihn nachdenken, verliert er an Lustigkeit. Ob im Sinne der Autorinnen oder nicht, hängt davon ab, wie viel Hass man auf den Kunstbetrieb hat. Und wie viel Lust auf Gehässigkeit und sinnloses Rumgeficke.
Will „M.“ auch ein politisches Buch sein? Die Wut auf das System ist unübersehbar, auf die Macht einzelner, auf die Ungerechtigkeit, die man als Künstlerin erfährt, in einer Welt, die von Männercliquen dominiert wird, von den „Wirtschaftsweisen“ wie M. sagt. Dass sie den Kunstbetrieb symbolisch in den Arsch fickt, wirkt allerdings wie eine etwas ausgelutschte Metapher, wenn es denn eine sein soll. Die Zeiten, in denen außergewöhnliche Sexpraktiken mit außergewöhnlich vielen Partnern per se als politischer Akt von Befreiung und Protest galten, sind schließlich seit Ende der Siebzigerjahre vorbei. Es wirkt, als werde hier ein letztes großes Geschütz aufgefahren, um den privaten Sex noch einmal politisch aufzuladen. Dass der leider nach wie vor mit Erniedrigung assoziierte Analsex dafür herhalten muss, ist wiederum keine Überraschung.
Von echtem Protest oder mühseligem Kampf um angemessene Aufwandsentschädigungen sind die Protagonisten des Romans mehr als einen revolutionsbeflissenen Steinwurf weit entfernt. Eher handelt es sich um, alt aber bewährt, die Verklärung des Künstlergenies ins komplett Abgewrackte.
BIRTHE MÜHLHOFF
Marlene Stark, Anna Gien: M. Roman. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2019. 248 Seiten, 20 Euro.
Dass die Autorinnen ein Blatt
vor den Mund nehmen würden,
kann man nicht behaupten
Vom Kampf um angemessene
Aufwandsentschädigungen sind
die Protagonisten weit entfernt
Co-Autorinnen: Marlene Stark (links), Künstlerin und DJ, Jahrgang 1985, und die Autorin Anna Gien, Jahrgang 1991. Sie leben in Berlin.
Foto: Christoph Mack
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Für Birthe Mühlhoff wird im Roman von Marlene Stark und Anna Gien entschieden zu viel rumgefickt, ob in den Arsch oder sonst wohin. Politisch, etwa im Sinne einer Kritik am Kunstbetrieb (die Erzählerin ist Künstlerin mit lukrativem Nebenjob), kann sie das nicht finden, die Metaphern sind abgelutscht, meint sie. Der im Buch reichlich zur Schau gestellten coolen Offenheit diesbezüglich gewinnt sie wenig mehr als lustige Unterhaltung ab, die jedoch schnell fad wird, denkt sie länger darüber nach. Oft hat sie das Gefühl, die Autorinnen haben einen Schlüsselroman verfasst, nur dass dem Leser der Schlüssel fehlt. Gehässige Milieubeschreibungen allein machen für Mühlhoff noch keinen gutes Buch.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 07.05.2019

Hier kommt das Stroboproletariat
Musik, Drogen, Sexparty: Anna Gien und Marlene Stark erzählen in "M" von Berliner Kellerbars und stöbern im Fundus der Club-Literatur

Um 1820 entwarf der inzwischen in Vergessenheit geratene Frühsozialist Charles Fourier die architektonische Grundlage für seinen Traum von der idealen Kommune. Ein Gebäude, so groß wie Versailles, mit Platz für die kollektiven Studien seiner Bewohner, für gemeinsam eingenommene Mahlzeiten oder spontane erotische Vergnügungen. Er holte damit zum Schlag gegen die Ehe als unhinterfragten Nukleus der kleinstbürgerlichen Gesellschaftsformation aus - zumindest auf dem Blatt. Realisieren konnte Fourier das "Phalansterium" zeitlebens nicht. Doch hatte er mit seinem utopischen Grundriss des planmäßigen guten Lebens eine generationenübergreifende Ikone kommunenzugewandter Sehnsüchte geschaffen.

Eine Abbildung der perspektivischen Ansicht des Phalansteriums findet sich im Roman "M" des Autorinnenduos Anna Gien und Marlene Stark. Dabei geht es in "M" gar nicht um Utopie. Protagonistin des Romans ist die titelgebende M aus Süddeutschland, die nach Berlin kam, um Künstlerin zu werden, und inzwischen in Neuköllner Kellerbars und für die lokale Künstlerszene elektronische Musik aus den Achtzigern und von heute auflegt. In diesen Bars, in denen die Getränke noch nicht zu teuer und die nicht vom Mainstream entdeckt, gar von Touristen besucht sind, fühlt sich M sicher, nur hier kann sie "sich jeglicher Leistungslogik entziehen". Berliner Eskapismus mit hochkultiviertem Musikgeschmack, auf der Grenze stehend zwischen Narzissmus und intuitiver, wenngleich naiver Systemkritik. Das ist ein Spannungsverhältnis, das sich wie ein roter Faden durch ein ganzes Genre an Club-Literatur zieht, angefangen von Rainald Goetz' "Rave" bis hin zu Airens "Strobo - Technoprosa aus dem Berghain" und natürlich Helene Hegemanns "Axolotl Roadkill".

Die Lieblingsbar der Protagonistin wird beschrieben als ein Loch, in das eine wacklige Aluminiumtreppe führt. Auf der Mitte der Tanzfläche liegt eine schäbige Matratze, "ein herrlich abgeschrammter Körper, an dem die Hautfetzen der Vornacht wie Lametta hängen". M liebt die Momente, wenn die Körper während eines guten Sets in der Bewegung zu einer Einheit verschmelzen: "Was hier passiert ist Alchemie. Die Musik, der Raum, die Bewegung, die Körper, alles wächst zusammen, irgendwo im Dazwischen von analog und digital." Das Streben nach Authentizität als Selbstvergewisserung einer Subkultur, auch die Aufhebung von Vereinzelung und Zusammenführung aller zu einem sich im elektronischen Takt bewegenden Gesamtkörper gehören zum motivischen Fundus der Club-Literatur. Eine neue Sprache dafür findet der Roman aber nicht.

Das Auf- und Abtauchen Ms in die Musik oder in fremde Körper ist stakkatohaft minimalistisch formuliert. M beobachtet sich im Präsens, in selbstanalytischer Passivität widerfahren ihr die Begegnungen, ohne dass sie je verwundert wäre. Die Sätze sind kurz und befindlichkeitsorientiert, ständig ist jemand müde und gleichzeitig aufgekratzt oder hängt kotzend über der Toilette. Der Slogancharakter der Formulierungen nimmt Anleihen bei den Titeln der Elektrosongs, die M auflegt. Spielt sie "Debiler Drang" der Dark Wave Band Black Spider Clan, bekommt sie "Lust auf Dummheiten" und spürt "latente Gier". Diese moralisierende, nachlässige Sprache klingt mitunter, als würde nicht die party- und szeneerfahrene Mittdreißigerin M sprechen, sondern ihre 20 Jahre ältere Tante, die sich von Süddeutschland aus für einen Kurztrip nach Berlin begeben hat.

Das Thema des Romans, Daseinsformen einer kunstszenennahen, prekären Elektrobohème, hätte es nahegelegt, eine eigene sprachliche Vermittlung von Spontaneität, Autonomie und Hedonismus zu finden. Ohne Frage ist auch der mit Techno befeuerte Kurzzeitausstieg aus der Gesellschaft eine Möglichkeit, anders sehen, anders hören, anders leben zu lernen. Nur möchte man meinen, dass dazu eine generationentypische Erfahrung und Sprache kommen müssen. Wie feiert eine mit linker politischer Theorie und metropolitischem Selbstbewusstsein satt ausgestattete Generation in diesen Nächten? Wie feiert "das Stroboproletariat", zu dem M sich zählt, wenn längst zur allgemeinen Weisheit geworden ist, dass exzessiv durchtanzte Wochenenden auf Drogen eher systemerhaltenden als systemstürzenden Charakter haben und auch in der Mehrheitsgesellschaft Rausch und Intensität als Lebensprinzip der ehelichen Gemütlichkeit den Rang abgelaufen haben? M jedenfalls scheint übergangslos an die Entgrenzungserfahrungen aus dem mythischen Arsenal der achtziger Jahre anzuschließen, wenn sie einem Fremden spontan Oralverkehr auf der Toilette anbietet. Seine Absage nimmt sie indifferent auf: "Der Korb ist mir egal, solange er mich ein bisschen gespürt hat." Oralverkehr bei Erstkontakt, damit schockt man in Zeiten boomender sozialer Plattformen für unverbindlichen Sex keinen mehr.

Ohnehin ist Ms Geschlechterbild, mit Ausnahme des Blicks auf sich selbst, höchst binär organisiert. Die Männer, die ihr in die Arme laufen, wollen alle mit einem Umschnall-Penis penetriert werden. M weiß das manchmal, noch bevor die Männer es selbst wissen. Sie hat Freude an der Unterwerfung und fühlt sich "wie das Werkzeug einer höheren Macht". Schlägt M hier symbolisch gegen eine in dem "erotisierten Zoo" der Kunst- und Medienwelt allzu dominante Männlichkeit zurück? Wiederholt sie rollenverkehrt des Nachts, was ihr tagsüber als unterdrückerisches und frauenfeindliches Prinzip der Kunstszene erscheint, die Zwangssexualisierung und permanente Verfügbarkeit besonders der weiblichen Künstlerinnen auf einem Markt, auf dem gute Kontakte überlebensnotwendig sind? Auch hier bleibt die Sicht der Protagonistin die einzige Auskunftsquelle, keine zweite Perspektive verschafft dem Leser Linderung von Ms selbstbezogenem Rigorismus. Ihr geht es nicht um Gesellschaftskritik, sondern um Selbstsezierung. "Die Leere" des Mannes, heißt es einmal etwas manieriert, sei nur das "Negativ" ihres eigenen Mangels.

So bleibt der Eindruck einer kalten und desillusionierten Zeitdiagnose. Ms Blicke auf ihre Gegenüber sind abschätzig, sie empfindet Lust, wenn Unterdrückung und Macht ins Spiel kommen. Im vor knapp 20 Jahren veröffentlichten und euphorisch rezipierten "Kontrasexuellen Manifest" des Philosophen Paul B. Preciado wurde der Dildo als durch und durch utopisches Werkzeug gefeiert, die Geschlechterordnung mit ihren Hierarchien und Dichotomien zu egalisieren und die Sexualität vom Haben und Nicht-Haben zu befreien. M hat weniger im Sinn als solche politisch aufgeladenen Transgressionen. Letztlich entpuppt sich sogar das Phalansterium des Sozialisten Fourier bei ihr nur als Emblem für die Gründung einer Sexgruppe, deren Mitglieder von M nach Potenz, Gefügigkeit oder Attraktivität ausgewählt werden, und bei deren Treffen sie im Hintergrund stehend eifrig darum bemüht ist, alle Fäden in der Hand zu behalten. In diesem Berlin von heute, so scheint es in "M", haben größere Erzählungen einer Gemeinschaft ohne Konkurrenz und Besitz keinen Platz.

MIRYAM SCHELLBACH

Anna Gien, Marlene Stark: "M". Roman.

Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2019. 248 S., geb., 20,- [Euro].

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