Wer hat meinen Vater umgebracht - Louis, Édouard
Zur Bildergalerie
16,00 €
versandkostenfrei*

inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln


    Gebundenes Buch

1 Kundenbewertung

Ein zorniger junger Autor auf Erfolgskurs - ein emotionales, persönliches und hochpolitisches Buch
"Literatur muss kämpfen - für all jene, die selbst nicht kämpfen können." Édouard Louis
"An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung" lautet der erste Satz in Édouard Louis' Roman "Das Ende von Eddy". In seinem neuen Buch "Wer hat meinen Vater umgebracht" sieht Louis das anders, mittlerweile versteht er die Gewaltausbrüche seines Vaters, der unter der sozialen Ungerechtigkeit einer Gesellschaft leidet, die für Menschen wie ihn keinen Platz hat. Louis erinnert sich an…mehr

Produktbeschreibung
Ein zorniger junger Autor auf Erfolgskurs - ein emotionales, persönliches und hochpolitisches Buch

"Literatur muss kämpfen - für all jene, die selbst nicht kämpfen können." Édouard Louis

"An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung" lautet der erste Satz in Édouard Louis' Roman "Das Ende von Eddy". In seinem neuen Buch "Wer hat meinen Vater umgebracht" sieht Louis das anders, mittlerweile versteht er die Gewaltausbrüche seines Vaters, der unter der sozialen Ungerechtigkeit einer Gesellschaft leidet, die für Menschen wie ihn keinen Platz hat. Louis erinnert sich an einen liebevollen und fürsorglichen Vater, der seinem Sohn wünscht, aus den einfachen Verhältnissen auszubrechen. Édouard Louis hat es geschafft. Eine überwältigende Hommage an den eigenen Vater und dessen gescheiterte Träume.
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • Originaltitel: Qui a tué mon père
  • Artikelnr. des Verlages: 29525
  • 4. Aufl.
  • Seitenzahl: 77
  • Erscheinungstermin: 23. Januar 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 128mm x 15mm
  • Gewicht: 168g
  • ISBN-13: 9783103974287
  • ISBN-10: 3103974280
  • Artikelnr.: 54408347
Autorenporträt
Louis, Édouard
Édouard Louis wurde 1991 geboren. Sein autobiographischer Debütroman »Das Ende von Eddy«, in dem er von seiner Kindheit und Flucht aus prekärsten Verhältnissen in einem nordfranzösischen Dorf erzählt, sorgte 2015 für großes Aufsehen. Das Buch wurde zu einem internationalen Bestseller und machte Louis zum literarischen Shootingstar. Sein zweiter Roman »Im Herzen der Gewalt« erschien 2016 und wird verfilmt. Édouard Louis' Bücher erscheinen in 30 Ländern. Im Sommer 2018 war er Samuel Fischer-Gastprofessor an der Freie Universität Berlin, wo er den Begriff der »konfrontativen Literatur« prägte. Zur selben Zeit adaptierte Thomas Ostermeier den Roman »Im Herzen der Gewalt« für die Schaubühne Berlin. Édouard Louis lebt in Paris.

Schmidt-Henkel, Hinrich
Hinrich Schmidt-Henkel übersetzt seit 1987 Belletristik und Theaterstücke aus dem Französischen, Italienischen und Norwegischen, darunter Werke von Jon Fosse, Henrik Ibsen, Jean Echenoz, Louis-Ferdinand Céline, Stefano Benni und Massimo Carlotto. Er ist u.a. Träger des Jane-Scatcherd-Preises der Ledig-Rowohlt-Stiftung, des Paul-Celan-Preises und des Deutschen Jugendliteraturpreises.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 27.01.2019

Die Rückkehr
Édouard Louis' eindrucksvoller Text über seinen Vater

Als im Oktober 2017 Frankreich Gastland der Frankfurter Buchmesse war, trat im Anschluss an die Eröffnungsfeier, bei der der französische Staatspräsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel zugegen gewesen waren, im "NM57" der Schriftsteller Édouard Louis zusammen mit seinem Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel auf. "Wer hat meinen Vater umgebracht" hieß der Text, aus dem er hier zum ersten Mal las und dabei eine Weile brauchte, um sich Gehör zu verschaffen. Denn unter den Zuschauern des von der Buchmesse und der F.A.S. veranstalteten Abends waren an einem Tisch auch Gäste der offiziellen Eröffnungsfeier versammelt, die offenbar eher mit Macron persönlich als mit einem Macron-Gegner gerechnet hatten: Ulrich Wickert, der Schauspieler Sebastian Koch und die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken. Einige von ihnen schenkten Louis jedenfalls keine besondere Aufmerksamkeit, bis ein kleiner Mann mit kahlem Kopf und wütendem Gesicht, der sich als der weltberühmte amerikanische Literaturagent Andrew Wylie herausstellte, laut "Shut up, shut up!" durch den Raum schrie.

Édouard Louis, inzwischen 26 Jahre alt und durch seine Auftritte mit den Soziologen Didier Eribon und Geoffroy de Lagasnerie in Deutschland vielleicht sogar noch berühmter als in Frankreich, hat diesen Text, der sich wie ein Brief an den Vater liest, eine Anklage und eine gleichzeitige Verteidigungsschrift, jetzt als Buch veröffentlicht. Es ist nicht das erste Mal, dass Louis' Leser von diesem Vater hören. In seinem literarischen Debüt, "Das Ende von Eddy" erzählte er 2014, wie er sich von dem Arbeitermilieu, in dem er in der Provinz in Nordfrankreich aufwuchs, löste und als schwuler Intellektueller neu erfand. "Meine ganze Kindheit über hoffte ich, du würdest verschwinden", heißt es im neuen Buch, das von dem "Männlichkeitswahn" eines Vaters Zeugnis ablegt, der dem Sohn einschärft, als Mann dürfe man sich niemals wie eine Frau verhalten: "Ein Mann sein, das heißt, sich nicht wie ein Mädchen, wie eine Schwuchtel aufführen."

"Wer hat meinen Vater umgebracht" unternimmt nun eine Rückkehr nach Hause und wechselt den Blick. Nicht mehr nur um die Abgrenzung vom Vater geht es, die es Louis ermöglicht hat, eine eigene Identität zu finden. Es geht zugleich darum, dessen Perspektive einzunehmen, sich in ihn einzufühlen, ihn zu verstehen: "Letzten Monat habe ich dich in der kleinen Stadt besucht, wo du jetzt wohnst. Als du die Tür aufmachtest, erkannte ich dich erst nicht wieder."

Édouard Louis changiert in seinem Buch zwischen politischem Aufruf und eindrucksvoller literarischer Annäherung. "Jeder, der eine ,Gelbweste' beschimpft, beschimpft meinen Vater", hieß neulich ein Text von ihm, den er in der französischen Kulturzeitschrift "Les Inrockuptibles" veröffentlicht hat. Und wo diese politische Verteidigung der "Gelbwesten"-Bewegung und die Parteinahme für Jean-Luc Mélenchon bei Louis oft allzu pathetisch und plakativ ausfällt, sind sein Blick auf den Vater und die Sprache, die er dafür findet, umso einnehmender und machen ihn, gerade in dieser Widersprüchlichkeit, zum interessantesten französischen Schriftsteller seiner Generation.

Julia Encke

Édouard Louis: "Wer hat meinen Vater umgebracht". Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. S. Fischer, 80 Seiten, 16 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 23.01.2019

Der Mörder ist immer der Präsident
Politisch ist der neue Roman von Édouard Louis eher grob gestrickt.
In den minimalistischen Erkenntnismomenten aber zeigt sich das Talent des Autors
VON JOSEPH HANIMANN
Der stilistisch ausgedünnte Naturalismus aus Frankreich zwischen Soziologie und Autobiografie wird vielleicht einmal als neue Variante der Väter-Söhne-Literatur in die Geschichte eingehen. Als eine Form von Gesellschaftsroman, bei der die Söhne nicht mehr vor den Vätern sterben, sondern diese als Restposten in ihrer Abrechnung mit dem paternalistischen Virilitätskult entsorgen. Der sechsundzwanzigjährige Édouard Louis und sein Mentor Didier Eribon, Autor des Buchs „Rückkehr nach Reims“, sind die bekanntesten Vertreter jener generationellen Liquidierungsliteratur. Andere Autoren wie Azouz Begag oder Saphia Azzeddine, Autorin des Bestsellers „Mein Vater ist Hausfrau“, haben aus der Gegenperspektive nordafrikanischer Immigrantenschicksale auch schon die zwischen Verklärung, Verachtung und Hass sich aufreibende Vaterfigur erforscht. Und die Ergebnisse sind irritierend symmetrisch.
Der Vater, den Édouard Louis in seinem neuen Roman „Wer hat meinen Vater umgebracht“ in den Mittelpunkt stellt, ist aus seinem Erstlingsroman „Das Ende von Eddy“, mit dem er vor vier Jahren berühmt wurde, schon bekannt. Dort war der vierschrötige Typ aus dem nordfranzösischen Arbeitermilieu noch hauptsächlich damit beschäftigt, seinen in Frauenkleider und Lippenstift vernarrten Sohn zu echter Männlichkeit zu erziehen. Dieses neue Buch zeigt ihn in weicherem Licht. Der über Generationen hinweg weitervererbte Konformitätsdruck polternder Virilität ist zwar auch hier bestimmend. Seine ganze Kindheit hindurch wünschte sich der Knabe bei der Rückkehr aus der Schule nichts dringender, als dass das Auto des Vaters nicht schon vor dem Haus stehe. „Lass ihn nicht da sein, lass ihn nicht da sein!“, betete er in seinem Kopf. Ein abwesender Vater war für ihn der beste Vater, wohingegen für den seinen gerade die Abwesenheit des plötzlich spurlos verschwundenen Vaters das große Unglück war, so sehr, dass er später bei der Nachricht von dessen Tod – „so ist der alte Scheißer also krepiert“ – sich zum Feiern des Ereignisses sofort eine Flasche aus dem Dorfladen besorgt.
Édouard Louis ist bekannt für die schroffe Grobzeichnung der Situationen und Szenen. Mit Überspitzung und Totalverzicht auf szenische Ausschmückung sucht er ein um sein Selbstbewusstsein gebrachtes provinzielles Arbeitermilieu mit herumbrüllenden Vätern, resignierten Müttern, verkümmerten Konsumwünschen und im Wutanfall an der Wand zerschellenden Gegenständen zur Darstellung zu bringen. Das vom Soziologen Pierre Bourdieu beeinflusste Gesellschaftsbild, das den Autor in den vergangenen Wochen zum virulenten Beifallspender der französischen „Gelbwesten“-Bewegung machte, liegt im steilen Gefälle von „oben“ und „unten“, Nutznießern und Opfern der Weltordnung. Gewaltbereitschaft, Alkoholismus, Unbeherrschtheit, Fremden- und Schwulenhass werden aus den Frustrationen eines Systems hergeleitet, das nur Gewinner und Verlierer kennt. Es neigt damit zu einer sozialen Überdeterminierung der Einzelperson.
Im Gesamtfluss des Vorhersehbaren und mitunter Plakativen bringt dieses Buch aber interessante Wirbel des Unerwarteten, die plötzlich die ganze Komplexität der Wirklichkeit an die Oberfläche spülen. Weil dein Vater gewalttätig war, sagt der Erzähler in seinem inneren Dialog zum stumm bleibenden Gegenüber, hast du uns mit deinem Vorsatz, die eigenen Kinder nie zu schlagen, die Gewalt erspart. „Lang habe ich immer wieder gesagt, Gewalt bewirke Gewalt“, fährt er fort, „aber da habe ich mich geirrt. Gewalt hat uns vor Gewalt bewahrt.“
Was nicht bedeutet, dass aus diesem zwischen lautem Mundwerk, verschämtem Blick und loser Hand Hin- und Hergerissenen plötzlich ein Vorbild würde. „Wenn du zu viel getrunken hattest, sagtest du mit gesenktem Blick zu mir, doch, natürlich würdest du mich lieben“, heißt es an anderer Stelle, mit dem Fazit: „Du warst ebenso das Opfer der Gewalt, die du ausübtest, wie derjenigen, der du ausgesetzt warst.“ Eine Welt aus lauter Opfern also? Nein, es gibt Täter und die werden beim Namen genannt: Der Präsident Chirac hat dir nach deinem Arbeitsunfall durch verminderte Rückvergütung der Medikamente den Darm kaputtgemacht, Sarkozy hat dir durch die reduzierte Sozialhilfe das Rückgrat gebrochen, Hollande durch das neue Arbeitsrecht die Luft abgeschnitten, Macron durch Streichung der Wohnungsbeihilfe das Essen vom Teller genommen – und wie Shakespeares Richard III. oder Jack the Ripper „möchte ich ihre Namen aus Rache in die Geschichte einschreiben“.
So viel Überzeichnung bedroht die Substanz dieses Buchs. Sie vermag sie aber dank der in ihrer Verknappung funkensprühenden Situationsskizzen nicht ganz zu kippen. „Papa, schau mal“, bettelt der bei einem Familienabend mit Freunden ein Konzert der Popband Aqua imitierende Sohn. „Schau mal, Papa.“ Dieser blickt aber beharrlich weg, verärgert und im Gefühl der Demütigung vor den Gästen, dass sein Kleiner sich statt für Formel 1 für Singsang und Verkleidung begeistert. „Es ist nichts, mach dir nichts draus“, tröstet er dann aber etwas später unter hektischem Rauchen draußen in der Kälte vor dem Haus den Jungen, der ihn dort mit der Bitte um Verzeihung für den Vorfall aufsucht.
Auch dieser Rohling mit dem unausgereift sanften Gemüt, dem sein Männlichkeitswahn nichts als den frühen Abgang aus der Schule und damit lebenslängliche Armut gebracht hat, notiert der Autor Louis, habe in seiner Jugend Ausbruchsversuche vom eigenen Selbst unternommen. Fünf Jahre lang habe er mit Gelegenheitsjobs in Südfrankreich versucht, jung zu sein, bevor er in die Heimat zurückkehrte und sich in seine Sozialrolle einspannen ließ. Seine Jugend war ihm nicht gegeben, er musste sie sich selbst herausnehmen und war dann sein Leben lang darauf aus, mit Grobheiten, Vorurteilen, Sauferei und verkorksten politischen Ansichten das ihm Entglittene zurückzugewinnen.
Wie ein so politisch aufgezäumtes Sozialporträt des Vaters geradewegs zu Peter Handkes leiser Betrachtung über das „wunschlose Unglück“ seiner Mutter führen kann, ist das Verwunderliche an diesem Buch. Und doch überzeugt der Vergleich im Kontrast. Anders als die gegenüber allen Elementen „mit offenem Mund Dastehende“ habe sein Vater gar nie dagestanden, schreibt Louis. Nicht einmal den Mund habe er aufgesperrt, denn „du hattest dir den Luxus des Staunens oder des Erschreckens abgewöhnt, nichts war mehr unerwartet, weil du nichts mehr zu erwarten hattest.“ Brutalität sei für seinen Vater nicht Brutalität gewesen, sondern das, was er Leben nannte, was er gar nicht benannte, was einfach da war, was war.
In solchen minimalistischen Erkenntnisschnipseln wirkt dieses schmale Buch am stärksten. Die plakativen politischen Statements fallen wie Späne vom fein geschliffenen Kern eines Vaterprofils, das der Autor zwischen Auflehnung, Durchleuchtung und Anhänglichkeit umkreist. Die theoretischen Versatzstücke von Bourdieu bis Ruth Gilmore, deren er sich dabei bedient, sind Initialzündungen der Einsicht, mehr nicht. Der Rest ist Präzisionsarbeit am sprachlichen Ausdruck, die auch der Übersetzer mit einer konstanten Bemühung ums Sachliche an die Grautöne des Alltags heranholt.
Édouard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2019. 80 Seiten, 16 Euro.
Wenn der Erzähler nach Hause
kam, hoffte er,
dass der Vater nicht da war
Seine Jugend war ihm
nicht gegeben,
er musste sie sich herausnehmen
Ausdrücklicher Unterstützer der „Gelbwesten“: der Autor Édouard Louis.
Foto: Getty images
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr
visionär Gerrit Bartels Der Tagesspiegel 20190123

Perlentaucher-Notiz zur Dlf Kultur-Rezension

Rezensentin Sigrid Brinkmann liest Edouard Louis' neues Buch als "Anklageschrift der französischen Bourgeoisie". Während sie den Prolog, in dem Louis das Wiedersehen mit seinem kranken, einst die Mutter prügelnden Vater schildert, "feinfühlig poetisch" findet, erscheinen ihr die sonstigen fragmentarischen Erinnerungen des Autors, der Einblicke in familiäre Konflikte und emotionale Abgründe gewährt, präzise und pathosfrei. Wenn der Autor, der Literatur erklärtermaßen als Mittel betrachtet, "um Scham in der Welt zu verbreiten", Chirac, Bertrand, Hollande oder Macron mit Mördern vergleicht, "die nie für ihre Morde bekannt geworden sind", geht er für Brinkmann dann doch ein wenig zu weit. Vielleicht sollte er von der Literatur in die Politik wechseln, meint sie.

© Perlentaucher Medien GmbH