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Ein Haus auf einer Bergspitze, völlige Einsamkeit, der Blick in den Himmel unverstellt, Stille. Ein Paradies für einen Künstler, ein Rückzugsort. Doch als der anonyme Erzähler seinen Freund Georges dort besucht, findet er ihn völlig verändert und lebensmüde vor.
Zur Erklärung gibt Georges dem Erzähler sein Tagebuch. Als kränklicher Sonderling wächst Georges auf dem Land auf und erkennt erst in der Bekanntschaft zum selbstbewußten und charismatischen Maler Lucien, daß auch er ein Künstler ist. Gemeinsam leben sie in Paris, doch das der Kunst gewidmete Leben offenbart bald seine Tücken: Ein…mehr

Produktbeschreibung
Ein Haus auf einer Bergspitze, völlige Einsamkeit, der Blick in den Himmel unverstellt, Stille. Ein Paradies für einen Künstler, ein Rückzugsort. Doch als der anonyme Erzähler seinen Freund Georges dort besucht, findet er ihn völlig verändert und lebensmüde vor.

Zur Erklärung gibt Georges dem Erzähler sein Tagebuch.
Als kränklicher Sonderling wächst Georges auf dem Land auf und erkennt erst in der Bekanntschaft zum selbstbewußten und charismatischen Maler Lucien, daß auch er ein Künstler ist. Gemeinsam leben sie in Paris, doch das der Kunst gewidmete Leben offenbart bald seine Tücken: Ein Wechselspiel zwischen manischer Arbeitswut und lähmender Depression setzt bei Lucien ein. Die Flucht aufs Land - auf eben jene einsame Bergspitze - entpuppt sich als dramatische Fehlentscheidung. Während Georges in Paris gerade erst langsam seine eigene Identität entdeckt, wird Lucien zunehmend unzurechnungsfähig und quält sich mit seiner Einsamkeit und Zweifeln an seinem Werk.
Zurück in Paris stürzt sich Lucien in eine letzte fieberhafte, geradezu wahnsinnige Arbeitsphase, die in einer Katastrophe endet.

Der Maler Lucien ist leicht als Vincent van Gogh zu identifizieren, den Mirbeau gut gekannt hat: Octave Mirbeau war derjenige, der als einziger ein Werk van Goghs zu dessen Lebzeiten gekauft hat.
  • Produktdetails
  • Verlag: Weidle Verlag
  • Seitenzahl: 179
  • 2017
  • Ausstattung/Bilder: 2017. 176 S. 208 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 131mm x 15mm
  • Gewicht: 236g
  • ISBN-13: 9783938803844
  • ISBN-10: 3938803843
  • Best.Nr.: 47172125
Autorenporträt
Octave Mirbeau (1848-1917) war Journalist, Kunstkritiker, Dramatiker und Romanautor. Hierzulande wurde er hauptsachlich durch seinen Roman 'Tagebuch einer Kammerzofe' bekannt. Als Kunstkritiker förderte er den Impressionismus.
Rezensionen
Besprechung von 04.07.2017
Kunst ist Übertreibung, Schwachkopf!
Mit seinem Roman "Diese verdammte Hand" zielt Octave Mirbeau auf den verehrten Vincent van Gogh

Dass Octave Mirbeau heute beinahe vergessen ist, wird man bedauern: Zwar ist das Werk des 1848 im Calvados Geborenen nicht ganz auf der Höhe der großen Normannen Maupassant und Flaubert, aber Mirbeau war nicht nur ein bedeutender Journalist, Dreyfus-Verteidiger und Anarchist, er hat vor allem bemerkenswerte Romane geschrieben. Diese bieten entweder ein gelungenes Konzentrat ihrer Epoche, wie der "Garten der Qualen", ein Resümee der Perversionen und Obsessionen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, oder sie weisen in die Zukunft, sei es thematisch, sei es formal. Ein Beispiel für Letzteres ist das "Tagebuch einer Kammerzofe", das sowohl von Jean Renoir als auch von Luis Buñuel verfilmt wurde und in mancher Hinsicht Louis-Ferdinand Célines Romane ankündigt. Da Mirbeaus Texte zudem ein großes Lesevergnügen bieten, überrascht es, dass eine größere Renaissance ausbleibt - selbst in Frankreich ist er eher ein Geheimtipp. Sein 100. Todestag am 16. Februar dieses Jahres hat daran offenbar nicht viel geändert, trotz der umtriebigen Mirbeau-Gesellschaft (http://mirbeau.asso.fr).

Umso erfreulicher ist es, dass der kleine Bonner Weidle Verlag "Diese verdammte Hand" ("Dans le ciel") in einer schönen Übersetzung anbietet: Es handelt sich um einen Künstlerroman, der 1892-93 in "L'Écho de Paris" erschienen ist und zu Lebzeiten des Autors nicht als Buch publiziert wurde. Ganz offensichtlich spielt der Roman auf Leben und Werk Vincent van Goghs (1853-1890) an. Nach dem Symbolisten Gabriel-Albert Aurier war Mirbeau 1891 der zweite, der van Goghs Werk positiv besprach - und der erste in der Publikumspresse. Mirbeau versuchte nicht, van Gogh für eine ästhetische Schule zu vereinnahmen, sondern durch die Beschreibung der Wirkung auf den Betrachter die revolutionäre Neuigkeit zu betonen. Seine Begeisterung ging so weit, dass er "Die Schwertlilien" und "Die Sonnenblumen" erwarb. Zu seinem großen Bedauern war van Gogh damals bereits verstorben, ein persönliches Kennenlernen unmöglich.

"Diese verdammte Hand" ist in vieler Hinsicht ein eigenartiger Roman. Das beginnt mit der verschachtelten Anlage: Am Anfang steht der Bericht eines schnöseligen Pariser Schriftstellers, der seinen gescheiterten Kollegen X besucht, der auf einer Bergkuppe in einem verfallenen Gebäude dem Wahnsinn entgegentreibt. Nach nur einer Nacht reist der Snob entsetzt wieder ab, X drückt ihm als Erklärung ein Heft in die Hand, das seine Geschichte zu enthalten scheint. Der folgende Hauptteil der Romans berichtet von der normannischen Kindheit jenes X, der eigentlich Georges heißt, und dann von seiner Begegnung mit dem Maler Lucien, der ihn mit nach Paris nimmt und als Schriftsteller fördert. Lucien zieht schließlich auf besagte Bergkuppe und lässt Georges in Paris zurück; eines Tages kehrt er wieder, stürzt sich frenetisch in die Arbeit - und begeht Selbstmord. Der Text endet hier, man weiß nur, dass Georges das Bergkuppenhaus erbt und dort, folgt man dem Eindruck des Pariser Schriftstellers, ähnlich verrückt wird wie vor ihm Lucien.

Von der launigen Rahmenerzählung abgesehen gliedert sich "Diese verdammte Hand" in zwei Teile: Der erste schildert eine Kindheit im Provinzmuff. Der Satiriker Mirbeau geht nicht zärtlich mit Georges um, "mit der mißlichen Begabung geboren, aus tiefster Seele zu fühlen, bis es mich schmerzte, bis es lächerlich wurde." Mirbeau der Anarchist wiederum beschreibt mit säuretriefender Feder die Erziehungsmethoden seiner Zeit: Familie und Schule brechen Georges, noch die kleinsten Funken von Interesse, Naturliebe und Phantasie werden unerbittlich ausgelöscht. Statt zum Engel wird er, seinen eigenen Worten nach, zu einer "abscheulichen, verkommenen Larve": "Alle Schuld trägt die Gesellschaft, die nichts Besseres ersinnen konnte, um ihre Diebstähle zu legitimieren und ihre überlegene Macht zu besiegeln, um den Menschen vor allen in einem Zustand des vollkommenen Stumpfsinns und der vollkommenen Sklaverei zu halten, nichts Besseres als diesen staunenswerten Mechanismus der Herrschaft einzurichten: die Familie."

Als die Eltern des gerade volljährigen Jünglings an Cholera sterben, reißen seine Schwestern und ihre Gatten - "sehr beliebige, seltsam geistlose Kreaturen" - den Großteil des Erbes an sich und überlassen ihn seinem Schicksal. In dieser Situation trifft Georges auf Lucien, den Sohn des örtlichen Metzgers, der als Maler erste Erfolge vorweisen kann. Luciens Auge birgt ein "Glühen, wie es niemand sonst hatte", er repräsentiert all das, was Georges ausgetrieben wurde. Dieser Punkt ist entscheidend: Die Feier einer elementaren Natur ist für seine Malerei ebenso typisch wie die Befreiung der Phantasie aus akademischen Banden. "Kunst ist Übertreibung, Schwachkopf", sagt Lucien in einem Schlüsselsatz, weil nur die Übertreibung es erlaube, "ein verborgenes Wesen, eine Schönheit, die oft unsichtbar ist", auf die Leinwand zu bannen. Das Unsichtbare sichtbar machen: Diese im 20. Jahrhundert topisch gewordene Beschreibung der modernen Kunst wird von Mirbeau hier ausformuliert.

Im zweiten Teil wendet sich der Roman - von Georges' jämmerlicher Liebschaft mit der kränklich-schmutzigen Tochter der Concierge abgesehen - ganz Lucien zu. Wie der Titel ankündigt, ist er der Hand des Malers gewidmet, "diesem unbeholfenen, schwerfälligen und wankelmütigen Instrument". Lucien gerät in Rage über den störrischen Körperteil, das den exorbitanten Ansprüchen seiner entfesselten Einbildungskraft nicht folgt. Den Kontrapunkt zu diesem künstlerischen Ringen bietet auch im zweiten Teil das spießige Milieu, zunächst das städtische Kleinbürgertum, dann die kuriose Gemeinschaft am Fuß der Bergkuppe, die Lucien behaust: An einer Schleuse finden allerhand knorrige Charaktere zu einer Provinzhölle zwischen Tresen und Lotterbett zusammen. Lucien durchläuft verschiedene Phasen, die zentralen Etappen der Kunst seit dem Impressionismus, wie Freiluftmalerei, wissenschaftlicher Farbzergliederung oder Symbolismus, entsprechen. Gemein ist ihnen, dass sie Lucien überfordern. Er gesteht sich ein, "wie schwach und ohnmächtig" er ist, sieht aber nicht, dass sein Streben noch das größte Genie überfordern würde. Die grausame Konsequenz ist das Ende durch Selbstverstümmelung.

Die Radikalität Luciens gestaltet Mirbeau mittels einer doppelten Nähe und Abgrenzung zu den herrschenden literarischen Strömungen seiner Zeit. Zunächst ist der Leser überrascht, wenn Lucien in seiner letzten Phase zum Symbolisten wird - wo Mirbeau die Vereinnahmung van Goghs durch Aurier doch zu Recht abgelehnt hatte. Dennoch ist das konsequent, denn das zentrale Bild für die Selbstüberforderung der Künstler Lucien und Georges ist die beeindruckende Bergkuppe, die sie nacheinander bewohnen. Diese ist so beschaffen, dass man direkt ins Blau zu sehen meint: "Der Himmel! Oh, der Himmel!... Du weißt ja nicht, wie er mich erdrückt, wie er mich zugrunde richtet!", sagt Georges eingangs. Der Himmel aber ist das "Azur", das Ideal, in der Dichtersprache von Baudelaire und Mallarmé. Ein Aufenthalt dort ist allegorisch zu verstehen, als Bild für eine radikal-idealistische Künstlerexistenz. Allerdings korrigiert Mirbeau diesen symbolistischen Einschlag durch Milieuschilderung, Satire und das Scheitern des Helden. Mittels des Selbstmordes Luciens wiederum zeigt der Antinaturalist Mirbeau eine gewisse Nähe zum Naturalisten Émile Zola: Dessen Künstlerroman "Das Werk" (1886) endet mit dem Suizid des Malers Claude Lantier.

So spannt Mirbeau seine Figuren und mit ihnen den Roman auf zwischen Ästhetentum und Milieuschilderung, zwischen elementarer Künstlerschaft und der leuchtend blauen Welt der Ideen. Was auf den ersten Blick oft unentschieden wirkt, erweist sich dank Mirbeaus souveränem Umgang mit der Erzählform und der ihm eigenen Verve als packendes Experiment auf dem Weg zu den offenen Formen der klassischen Moderne.

NIKLAS BENDER

Octave Mirbeau: "Diese verdammte Hand". Roman.

Aus dem Französischen von Eva Scharenberg. Weidle Verlag, Bonn 2017. 184 S., br., 20,- [Euro].

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