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Wie beschreiben wir Welt und Leben? Woraus speist sich ein Gedicht? Wie entstehen literarische Einfälle, und was machen wir aus ihnen? Diese und weitere Fragen stellen die fünf Frankfurter Poetikvorlesungen von Ulrike Draesner, die sie um von ihr selbst genutzte Genres zentriert hat, um Novelle, Essay, Roman, Gedicht, Übersetzung, Schreiben nach der Natur. In welche literarische Form auch immer wir eintauchen, wer liest und schreibt, betreibt Umgang mit Gespenstern aus der Vergangenheit. Es ist, so Draesner, unsere "Gespensterfähigkeit", die die Voraussetzung dafür bildet, dass ein…mehr

Produktbeschreibung
Wie beschreiben wir Welt und Leben? Woraus speist sich ein Gedicht? Wie entstehen literarische Einfälle, und was machen wir aus ihnen? Diese und weitere Fragen stellen die fünf Frankfurter Poetikvorlesungen von Ulrike Draesner, die sie um von ihr selbst genutzte Genres zentriert hat, um Novelle, Essay, Roman, Gedicht, Übersetzung, Schreiben nach der Natur. In welche literarische Form auch immer wir eintauchen, wer liest und schreibt, betreibt Umgang mit Gespenstern aus der Vergangenheit. Es ist, so Draesner, unsere "Gespensterfähigkeit", die die Voraussetzung dafür bildet, dass ein literarischer Text sein eigenes Leben in uns beginnt. Deshalb kann es auch eine Grammatik der Gespenster geben. Sie ist der Kern schriftstellerischer Imagination und Empathie.
  • Produktdetails
  • Verlag: Reclam, Ditzingen
  • Seitenzahl: 200
  • Erscheinungstermin: 16. März 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 195mm x 123mm x 22mm
  • Gewicht: 274g
  • ISBN-13: 9783150111505
  • ISBN-10: 3150111501
  • Artikelnr.: 50290968
Autorenporträt
Draesner, Ulrike
Ulrike Draesner, geb. 1962, lebt als Schriftstellerin in Berlin.
Inhaltsangabe
Novelle. Leben schreiben

Nebelkind. Essay

Roman. Geschichte. Roman

Atem mal Stimme hoch Gedicht

Vom zärtlichen Ernst der Welt. Nature Writing

Anmerkungen

Literatur
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 04.05.2018

Wie man trocken durch den Ärmelkanal kommt
„Grammatik der Gespenster“ – Ulrike Draesners Frankfurter Poetikvorlesungen
Gespenster sind anhängliche Wesen. Ähnlich wie Katzen bleiben sie ihrem Aufenthaltsort treu. Zu so einem Ort scheinen sich auch die Frankfurter Poetikvorlesungen zu entwickeln. Vor ein paar Jahren hat Daniel Kehlmann dort die Gespenster mit dem Shakespeare-Zitat „Kommt, Geister!“ aus ihrer Verborgenheit hervorgelockt. Er suchte sie in den Abgründen der deutschen Vergangenheit und in den Spalten des Ungesagten. „Vergessen ist eine anstrengende Übung“, schrieb er damals, denn all das Verdrängte ist ja immer noch da und spricht sich aus, wenn man es nur zu vernehmen vermag.
„Grammatik der Gespenster“ hat nun Ulrike Draesner ihre Frankfurter Poetik-Vorlesungen genannt und das Genre „Schriftsteller sprechen über ihr Schreiben“ damit endgültig in gespensterhaftes Licht gerückt. Das Genre kann übrigens tatsächlich, wie die Heimsuchung durch Gespenster, manchmal etwas Quälendes haben. Ulrike Draesner sucht die Geister an den Grenzen, weil sie Wesen des Übergangs sind. In ihnen begegnet uns, was wir selbst nicht sein wollen, was wir aber brauchen und fürchten. Das ist in ihren Augen vor allem ein sprachlicher Vorgang, denn auch im Schreiben nisten sich die Gespenster im Grenzbereich zwischen den Worten ein. Was ist zum Beispiel von diesem geisterhaften „lyrischen Ich“ zu halten, das sich in Gedichten ausspricht?
Es ist nicht personal, kein „Subjekt“, aber doch ein Ich, ein Etwas, das spricht. Womöglich ist es die Sprache selbst, die sich darin ausdrückt, weil sie, so Draesner, „größer ist als jeder Einzelne, größer als das lebende Kollektiv ihrer Benutzer, größer in der Unendlichkeit ihrer Kombinierbarkeiten, als wir begreifen. Sie ist ihrerseits ein ‚Jenseits’ das uns umgibt.“
Von diesem Größeren ausgehend argumentiert sie gegen den verbreiteten Sentimentalismus, Sprache als „Heimat“ zu begreifen, als ob man sich wohlig darin einrichten könnte. Sich in der Sprache aufzuhalten bedeutet nicht, das sprechende Subjekt in den Mittelpunkt zur rücken, sondern vielmehr zu lernen, vom eigenen Ich abzusehen. Wer nur nach dem „Authentischen“ verlangt, verkürzt Literatur auf biografische Verlautbarungsprosa. Lieber als von Authentizität spricht Draesner daher von „Wahrhaftigkeit“. Wichtiger als die Frage, „ob man es selbst erlebt hat“ sei, „mit welcher Unausweichlichkeit Thema und Stoff im eigenen Leben verankert sind“.
Am Beispiel ihres im Entstehen begriffenen Romans „Kanalschwimmer“ zeigt sie, dass man den Ärmelkanal keineswegs durchschwommen haben muss, um darüber zu schreiben, dass es vielmehr von Vorteil sein kann, sich eine Erfahrung allein sprachlich zu erschließen. Eine solche „Unausweichlichkeit“ ist bei Draesner das Überschreiten und Überschreiben der Muttersprache. Da sie lange auch in England gelebt hat, schreibt sie in deutscher und in englischer Sprache. Da gibt es vor allem in ihrer Lyrik interessante Effekte, wenn einzelne Worte sich mit zusätzlichen Bedeutungen anreichern oder in der Übersetzung einen anderen Kontext bekommen – auch das ein geisterhaftes Verhalten. Und weiter: Was bedeutet es, dass die Zeitkontinuität im Gedicht aufgehoben ist und alles, was gesagt wird, gleichzeitig erscheint und wahr ist?
Gegen die Unlust an Fiktionen und den Trend zum Faktischen setzt Draesner auf die Präzision des Ausdrucks, auf „Denk- und Körperbewegungen jenseits der Nützlichkeit“ und auf die „Ökonomie der Arabeske“. Im eigenen Ausdruck ist sie jedoch nicht immer klar, oft sogar unnötig kompliziert, so dass sich ihr Sprechen selbst im Geisterhaften verliert. Ihre Poetikvorlesungen sind immer dann anregend, wenn es um das Wesen der Sprache geht und um ein Jenseits von Raum und Zeit und Subjekt im entstehenden Text. Zugleich fordert aber das Genre der Poetikvorlesung gerade die Rückbesinnung auf das schreibende Ich und die Erfahrungen, die es im Schreiben gemacht hat. Der Gefahr des in dieser Form lauernden Narzissmus entkommt auch Draesner nicht. So muss man erst einmal durch längere Passagen aus dem für 2019 angekündigten Roman „Kanalschwimmer“ durch, als ob dafür schon jetzt die PR-Maschine anlaufen müsste.
Die didaktische Ausbeutung durch den Selbstkommentar kommt aber dem Erzählfluss und der Leselust notwendigerweise in die Quere. Multiperspektivität und Auflösung der Grenzen des Individuums in der Erinnerung. Zeitverläufe im historischen Roman. Figuren und ihre Entstehung. Fiktion und Faktizität. Und so weiter. Ihrem Familien-, Herkunfts- und Vertriebenenroman „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ lädt die Autorin so viel theoretisches Gepäck auf, dass er darunter ächzend zusammenzubrechen droht
Was aber, wenn das Erzählen dort am besten gelingt, wo es um die eigenen Funktionen gar nicht weiß? Dann wäre das Genre der Poetikvorlesung von Autoren über sich selbst eher ein Ersatz oder eine Auslöschung, als dass es in ihr gelingen könnte, den künstlerischen Schaffensprozess sichtbar werden zu lassen. Aber da befinden wir uns dann schon wieder im gespenstischen Zwischenraum, wo die Sprache ins Leere fällt. Da ist es nur konsequent, dass Draesner in der Nachfolge von Hans-Ulrich Treichel die Leitung des Deutschen Literaturinstituts Leipzig übernommen hat.
JÖRG MAGENAU
Ulrike Draesner: Grammatik der Gespenster. Frankfurter Poetikvorlesungen. Reclam Verlag, Ditzingen 2018. 200 Seiten, 20 Euro. E-Book 17,99 Euro.
Was bedeutet es, wenn
die Zeitkontinuität im
Gedicht aufgehoben ist?
Was, wenn das Erzählen dort am
besten gelingt, wo es von den
eigenen Funktionen nichts weiß?
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