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Die große, umfassende Studie über Leben und Werk Petrarcas. Vor fast 700 Jahren hat der rastlos tätige Dichter, Schriftsteller und Publizist mit seinem Denken und Handeln entscheidend seine Zeit geprägt, so dass die vorliegende Biographie - mit vielen bisher unübersetzten Werken - als Schlüssel zum Verständnis des 14. Jahrhunderts dient. Schon jetzt darf dieses Buch als ein Standardwerk gelten.…mehr

Produktbeschreibung
Die große, umfassende Studie über Leben und Werk Petrarcas. Vor fast 700 Jahren hat der rastlos tätige Dichter, Schriftsteller und Publizist mit seinem Denken und Handeln entscheidend seine Zeit geprägt, so dass die vorliegende Biographie - mit vielen bisher unübersetzten Werken - als Schlüssel zum Verständnis des 14. Jahrhunderts dient. Schon jetzt darf dieses Buch als ein Standardwerk gelten.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser, Carl / Hanser, Carl GmbH + Co.
  • Seitenzahl: 976
  • Erscheinungstermin: 8. September 2003
  • Deutsch
  • Abmessung: 232mm x 154mm x 53mm
  • Gewicht: 1183g
  • ISBN-13: 9783446203822
  • ISBN-10: 3446203826
  • Artikelnr.: 11801166
Autorenporträt
Karlheinz Stierle, 1936 geboren, ist emeritierter Professor für Romanische Literaturen an der Universität Konstanz. Bei Hanser erschienen "Der Mythos von Paris" (Zeichen und Bewusstsein der Stadt, 1993), "Petrarca" (Fragmente eines Selbstentwurfs, 1998), "Francesco Petrarca" (Ein Intellektueller im Europa des 14. Jahrhunderts, 2003) und "Zeit und Werk. Prousts 'A la Recherche du Temps perdu' und Dantes 'Commedia'" (2008). Im Frühjahr 2016 erscheint "Pariser Prismen. Zeichen und Bilder der Stadt".
Rezensionen
Besprechung von 24.01.2004
Ein Fremdling bin ich überall
Karlheinz Stierles große Studie über Francesco Petrarca
Unter Frühlicht geben sich die unausgeschöpften Potentiale der Moderne noch beinahe lupenrein zu erkennen. Dies bewies vor rund zwei Jahrzehnten Jean Starobinski mit seinem fulminanten Montaigne en mouvement (deutsch: „Montaigne. Denken und Existenz”). Starobinski präsentierte den Verfasser der „Essais” als einen taufrischen Protagonisten neuzeitlicher Subjekterfahrung. Montaigne war ein unruhiger, umtriebiger Geist, der seine Gedanken abwechselnd in der äußeren Welt und im heimischen Studierzimmer spazieren führte – ganz ohne Leine: Im schlendernden Takt der Schritte, im ungehinderten Lauf der Gedanken, auf dem mit eigener Hand oder dem von fremden Federn beschriebenem und aufgelesenem Papier wurde ein neues und offenes Weltverhalten erprobt, das sich in der schier unendlichen Vielfalt der Dinge und Phänomene erging und solchen Bewegungen das unbedingte Vorrecht über jedes ins Auge gefasste Ziel einräumte. Das war im Jahrhundert nach der Entdeckung Amerikas.
Die Fährten um zwei weitere Jahrhunderte zurückverfolgend, hat der Konstanzer Romanist Karlheinz Stierle dem quirligen Montaigne jetzt einen unerwarteten Vorgänger beigesellt. Zum bevorstehenden 700. Geburtstag des schon bei seinem letzten runden Jubiläum als „Vater des Humanismus” zu Tode gefeierten Dichters Francesco Petrarca – er wurde am 15. Juli 1304 im toskanischen Arezzo geboren –, hat Stierle ein Buch von fast 1000 Seiten vorgelegt. Nicht nur im Umfang folgt es dem Trend der neueren Historiographie, nach der Verabschiedung des Bildes vom langen und finsteren „Mittelalter” die Ursprünge und Anfänge sämtlicher Modernisierungsphänomene zunehmend früher anzusetzen. Im Stromkreis der europäischen Bewusstseinsgeschichte werden die wichtigsten Schaltstellen und Relais seither Stück für Stück umgesetzt.
Stierle hat keine Biographie verfasst, sondern sich auf mehrere ausgedehnte Gänge durch das dichte Blätterwerk eines verzweigten, vorwiegend fragmentarischen Werks begeben. Petrarca hatte sich darin sein eigenes Bild in einem Maße selbst erschaffen, dass die Person in der selbsterzeugten Legende vollständig aufging, so dass sie – ähnlich wie die Kunstfigur der Laura im „Canzoniere” – diesseits oder jenseits davon kaum noch greifbar ist. Seinem Buch hat Stierle den Untertitel „Ein Intellektueller im Europa des 14. Jahrhunderts” gegeben, der gleich eingangs in die programmatische, den ganzen Horizont der Moderne umfangende Aussage umgemünzt wird. „Die Figur des europäischen Intellektuellen hat in ihm (Petrarca) ihr Urbild.”
An dieser These ist das Buch mit all seinen Stärken und seinen Schwächen auch zu messen, zumal sie das Fundament für eine kühne Konstruktion legt, deren tragende Teile allerdings nicht ganz so felsenfest begründet sind: Dazu gehört einerseits die Schlüsselstellung, die Stierle dem philosophischen Nominalismus des William von Ockham für Petrarcas geistigen Hintergrund einräumt; andererseits die Erhebung von Avignon – dem gerade von Petrarca am heftigsten verfluchten „babylonischen” Exilsitz der Päpste und ihres Hofs – zur „Hauptstadt des 14. Jahrhunderts” schlechthin. Hier wie dort haben eher literarische Inspirationen Pate gestanden, zumal sie an Ort und Stelle in den Zeugenstand gerufen werden: Umberto Ecos klösterliche Nominalistenschwarte „Im Namen der Rose” und Walter Benjamins „Paris, die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts”.
Zum Glück bleiben solche Glasperlenspiele – trotz des durchgängigen und bisweilen ermüdenden Kammertons, mit dem sie repetiert werden –, für den tatsächlichen Ertrag, den Stierle aus der minutiösen Lektüre und Analyse von Petrarcas Schriften, Briefen und Dichtungen zieht, eher folgenlos. Dennoch besitzen sie einen gewissen Erkenntniswert, insofern es dem Leser überlassen bleibt, in Petrarcas Idiosynkrasien und in seinen Winkelzügen einige Besonderheiten auch des modernen Intellekts und seiner Vertreter in nuce wiederzuerkennen. Der Schatten Walter Benjamins, der über Stierles Schreibtisch lag, ist ohnehin an vielen Stellen des Buchs präsent, zumal sich die berüchtigte „Aura” auch zum feinsinnigen – schon von Petrarca selbst gepflegten – Wortspiel mit dem Namen der Laura eignet.
Nur wenn sich der Leser gleich im ersten Kapitel in einen längeren Briefwechsel zwischen Petrarca und Boccaccio über einen abwesenden Dritten – Dante – hineinversetzen muss, wo ihm von Petrarcas Seite ein ziemlich hochmütiges verbales Jonglieren, Schattenboxen und Insinuieren vorgeführt wird, das ihn ein wenig an Briefeschreiber vom Schlage Theodor W. Adornos und Walter Benjamins erinnert – da wird es ihm doch etwas gespenstisch zumute: Ganz so „modern” möchte er seinen Petrarca nun doch nicht haben.
Gleichwohl markiert Stierles Hinwendung zu Petrarca und der breite Raum, der seiner Emanzipation vom Erbe Dantes eingeräumt wird, vielleicht so etwas wie einen Paradigmenwechsel in der Bewusstseinsgeschichte des europäischen Intellekts. Den Intellektuellen vor allem der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bot der Florentiner ein konstantes Leitbild ihrer Befindlichkeiten: Von Georg Lukács wurde Dante für die Sehnsucht nach Erlösung aus „transzendentaler Obdachlosigkeit” reklamiert, desgleichen für den Aufstieg vom Essay zum großen Epos oder „von den Zufällen zur Notwendigkeit” als dem verbindlichen „Weg jedes problematischen Menschen”, alias Intellektuellen. Mehr aber noch bot sich Dante als ein höllenkundiger Wegweiser durch die Katastrophen des Jahrhunderts an sowie als Schutzpatron aller, die – wie der Dichter selbst – unter dem Trauma des Exils litten. Hervorgegangen aus der florierendsten städtischen Metropole Mittelitaliens, dazu auf geistige Autonomie und auf die Würde des Poeten bedacht, im Streben nach Selbstbehauptung auch den Bruch mit der Gesellschaft und ihren politischen Institutionen in Kauf nehmend, war Dante der Prototyp des engagierten Intellektuellen schlechthin.
Freischwebender Intellektueller
Stierle zeigt, wie die Dinge bei Petrarca schon wieder etwas anders lagen: Der Notarssohn, dessen Vater ein Parteigänger Dantes war und mit ihm aus Florenz verbannt wurde, war nicht mehr das Produkt einer ortsgebundenen Laienkultur, sondern ein „freischwebender Intellektueller” im vollen Wortsinn. Auch wenn er als waschechter „clerc” – wie Julien Benda die Intellektuellen nannte – die niederen Weihen empfangen hatte, die ihn in den Genuss von kirchlichen Pfründen brachten, und auch wenn er ein vielgefragter Mann an allen weltlichen und geistlichen Höfen war, so bewahrte er doch stets seine Unabhängigkeit und – mit wenigen Ausnahmen – ein prinzipielles „détachement” und „dégagement”.
Auch der Verrat war ihm nicht fremd: Er verriet seine Gönner am Hof von Avignon, die römische Adelsfamilie der Colonna, als er mit dem selbsternannten Volkstribunen Cola di Rienzo paktierte, und er brüskierte seinen Freund Boccaccio, als er die Einladung ausschlug, sich in Florenz niederzulassen. Und noch etwas, das er mit seinen modernen Nachfolgern teilte, liebte Petrarca ganz besonders: das Dementi. Wenn der einsame, aber vielbeschäftigte und mit aller Welt brieflich verkehrende Klausner von Vaucluse über sich selbst im übrigen schrieb: „Nirgends bin ich zu Hause, ein Fremdling bin ich überall”, so war auch dies eine seiner stolzen, selbstbewussten Gesten. Und davon gab es viele: Die berühmtesten waren die Besteigung des Mont Ventoux, wo er das vor ihm ausgebreitete landschaftliche Panorama in sich aufsog, sowie der Aufstieg zum römischen Kapitol, wo er den Lorbeerkranz entgegennahm, der den Poeten im Rang mit den Cäsaren gleichstellte: als Souveräne ihrer jeweiligen Reiche.
Das Buch erfordert geduldige Leser, die bereit sind, gemeinsam mit dem Autor ein gehöriges Stück buchstabengetreuer Mimesis an Petrarcas „Poetik des pensare” zu betreiben – eines Denkens vornehmlich in den Bedeutungsfeldern des Gehens und Umherschweifens, auch auf manchen Umwegen und Abwegen. Längere Durstrecken sind dafür der Preis, doch sobald sie überwunden sind, wird man bei Stierle reich belohnt und betritt allenthalben – di pensier in pensier, di monte in monte – weite Landschaften des Geistes mit chiare, fresche et dolci acque. Ohnedies gehört zu den Glanzstücken des Buchs, was Stierle über Petrarcas Landschaften, seine Lyrik und seine „Kunst der freien Gedankenbewegung” schreibt. Da „der deutsche Leser Petrarcas” nach Stierles Urteil „bisher nur schmale Kost bekommen” hat, entschädigt die dichte Lektüre entlang der Petrarcaschen Texte und deren ausgiebiges Zitieren – durchgängig im lateinischen oder italienischen Original mit deutscher Übersetzung – ein wenig für die mangelnde Greifbarkeit und sprachliche Unzugänglichkeit der Werke.
Und bei aller Skepsis gegenüber der Kernthese vom päpstlichen Avignon als Europas „Hauptstadt des 14. Jahrhunderts”, die mitsamt ihren inflationären „Funktionseliten” ganz nach dem Bilde von Konstanz, seiner Schule und der verblichenen „Forschungsgruppe Poetik und Hermeneutik” geformt zu sein scheint – da muss schon etwas daran sein: Noch ein vagierender Intellektueller des 20. Jahrhunderts wie Joseph Roth fand sein Rom nirgendwo anders als in Avignon: „In den Buchhandlungen”, bemerkte er, „verkauft man das Bild Petrarcas”, und sein Loblied auf das „Gemisch aus Sarazenen, Franzosen, Kelten, Germanen, Römern, Spaniern, Griechen und Juden” brachte Roth auf die einem Petrarca ebenbürtige Maxime: „Der höchste Grad von Assimilation: gerade so fremd, wie einer ist, soll er bleiben, um heimisch zu werden.” So weit reichte Petrarcas sinnendes Gehen: I’ vo pensando.
VOLKER BREIDECKER
KARLHEINZ STIERLE: Francesco Petrarca. Ein Intellektueller im Europa des 14. Jahrhunderts. Hanser Verlag, München 2003. 973 Seiten, 45 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Besprechung von 07.10.2003
Und vom Gipfel winkt der Dichter
Meister des Fragments, der Selbstreflexion, des Zweifels: Karlheinz Stierles unentbehrliche Betrachtung Petrarcas / Von Kurt Flasch

Francesco Petrarca (1304 bis 1374) wird gerühmt als der Begründer der neuzeitlichen Lyrik. Das war er, aber er war viel mehr als das. Er gehört in die Geschichte der Philosophie und des geschichtlichen Bewußtseins. Er hat eingegriffen in die Politik seiner Zeit, indem er sich für den stadtrömischen Freiheitshelden Cola di Rienzo engagierte und die Idee der Einheit Italiens - oder doch wenigstens Oberitaliens - propagierte. Seine Briefe, die er nach Ciceros Vorbild sorgfältig stilisierte, sammelte und veröffentlichte, bilden ein einzigartiges privates, künstlerisches und geschichtliches Zeugnis. Er kritisierte die päpstliche Kurie von Avignon, von der er gleichwohl profitierte; er forderte die Rückkehr der Päpste nach Rom, das er für das Zentrum der Welt hielt. Insofern gehörte er in die Geschichte der Kirche.

Aber auch damit ist seine Bedeutung nicht erschöpft: Petrarca schuf eine neue Sensibilität. Als Literat erfand er sich selbst mitsamt seiner Geliebten Laura. Er inszenierte die Rückkehr des spätantiken Schriftstellers Augustinus, nicht des Gnadentheorikers, sondern des sensiblen Intellektuellen und des Meisters der Selbsterforschung, und zeigte zugleich, wie man von ihm Abstand gewann. Kurz: Er begründete nicht nur eine neue Lyrik, sondern eine neue Welt.

Dies konnte er nicht allein. Eine geschichtliche Welle trug ihn hoch, und die Schwierigkeit einer modernen Darstellung Petrarcas besteht außer der Vielseitigkeit seines Werks und einer vielverzweigten Forschungslage darin, seine Selbstüberschätzungen nicht zu teilen, sondern auf die geschichtlichen Bedingungen seines Erfolgs zurückzukommen. Das neue Buch des Konstanzer Romanisten Karlheinz Stierle versucht ebendies; es präsentiert Petrarca als einen "Intellektuellen im Europa des vierzehnten Jahrhunderts". Es zeigt einen Schriftsteller, der zwischen Avignon und Neapel, zwischen Prag, Köln und Venedig unterwegs war, ruhelos, neugierig, besorgt und nervös, aber immer des Wortes mächtig, des lateinischen vor allem.

Stierle nimmt mit diesem Werk eine große Tradition auf. Denn Deutschland hatte einmal eine außerordentliche Bedeutung in der Petrarca-Forschung und -Deutung. Da eröffnete Gustav Koerting seine Geschichte der Literatur Italiens mit einer monumentalen, überaus gelehrten Darstellung Petrarcas (1878), von der alle Spezialisten heute noch zehren. Da gab es den großen Essay von Franz Xaver Kraus über Francesco Petrarca in seinem Briefwechsel (1895 bis 1896). Es folgten die bahnbrechenden Forschungen von Konrad Burdach und seiner Berliner Arbeitsgruppe. Alle diese Forscher sprachen sich gegen das Vorurteil aus, Petrarca nur als Lyriker zu sehen; alle betonten die Bedeutung der Briefe Petrarcas; alle distanzierten sich von den Redensarten ungenauer Leser Jacob Burckhardts, die Petrarca als den ersten modernen Menschen priesen und allenfalls noch mittelalterliche Reste bei ihm fanden.

Nach dem Tod Konrad Burdachs im Jahr 1936 hat die deutsche Romanistik ihren Platz auf dem Feld der Petrarca-Forschung nicht mehr wiedererlangen können. Die bedeutenden Arbeiten kamen nun aus England, aus den Vereinigten Staaten und aus Italien. In den italienischen Zentren der Forschung, also in Florenz und in Rom, habe ich von deutschen Spezialisten allein die Namen von A. Buck und E. Keßler mit Respekt nennen hören. Wird das Buch von Karlheinz Stierle dieses traurige Bild ändern?

Dieses wichtige Buch beschränkt sich nicht auf eine These, es stellt eine weite Landschaft vor. Es nimmt Petrarca als Meister des Fragments, der Selbstreflexion und des Zweifels. Sein Petrarca ist ein Wanderer, ein Genie der Selbsterfindung, ja der Welterfindung. Während man früher Petrarca rühmte, er habe als erster Mensch aus reiner Erlebnisfreude, ohne jede Notwendigkeit einen Berg erstiegen, den Mont Ventoux, habe dann aber, oben angekommen, Augustinus' Bekenntnisse aus der Tasche gezogen, und dann habe Augustinus' Warnung vor eitler Neugierde ihn erschüttert, spielt es für Stierle fast keine Rolle, was dort oben wirklich vorgefallen ist (oder auch nicht): Sein Petrarca ist Literat, ist auf dem Weg zu sich selbst, zu Dichterruhm und zu Laura, die auch keine Frau zu sein braucht, wenn sie nur als Inbegriff von Aura und Laurea (Lorbeer der Dichterkrönung), von Sprachkunst und Lebenserfüllung, von Lebenserfüllung durch Sprachkunst fungiert. Stierles Buch ist keine Biographie und will es nicht sein. Es bietet auch keine Kulturgeschichte des vierzehnten Jahrhunderts; Umrisse der Weltgeschichte tauchen in literarisch-blasser Zeichnung auf. Auch wenn er einmal Ockham erwähnt und Petrus Hispanus in einer veralteten Fassung zitiert - weder die Philosophie dieser Zeit noch ihre Geschichte gewinnen genaue Umrisse. Stierles Bezugspunkte sind nicht die zahlreichen Akten der Kurie von Avignon, auch nicht die philosophischen Debatten der Zeit, die nur als Namen vorkommen; er bezieht sich auf Montaigne und Rousseau, auf Dekonstruktivisten und literaturwissenschaftliche Avantgardisten. Während die wirkliche Welt des vierzehnten Jahrhunderts keine Hauptstadt hatte, stilisiert er mit Wendungen Walter Benjamins Avignon zur "Hauptstadt des vierzehnten Jahrhunderts". Das bleibt eine der vielen folgenlosen literarischen Anspielungen, von denen das Buch überquillt. Seine Stärke liegt auf einer anderen Seite: Stierle geht sensibel, formbewußt, detailfreudig den Fragmenten des großen Fragmentisten nach, entdeckt dabei einzelnes, das man bisher so nicht gesehen hat, setzt es in Beziehung auf die Malerei, auch auf die Musik der Zeit.

Stierles Buch hat dadurch gewonnen, daß es - wie weiland Koerting und Kraus und unter den italienischen Gelehrten Ugo Dotti - den Reichtum der Briefe Petrarcas ausschöpft. Es gibt Abschnitte in diesem Buch, die man nicht vergessen kann, zum Beispiel das Kapitel über die Besteigung des Mont Ventoux, in dem nur die unnötige Polemik gegen den großen Philologen Billanovich stört, oder der Abschnitt über den Tod Lauras in Petrarcas literarischer Form. Einzelne Gedichte des Canzoniere interpretiert Stierle mit bewundernswürdiger Sensibilität; ich gestehe dankbar, daß ich danach mehrere Canzonen wieder gelesen habe, als sähe ich sie zum ersten Mal. Mehr kann man zum Lob eines literaturwissenschaftlichen Buchs nicht sagen. Der schwierige Petrarca gewinnt hier Gestalt; Stierle versteht es, ihn uns abwechselnd näher zu rücken und ihn gleich wieder zu entfernen. Das ist ihm auch literarisch kunstvoll gelungen.

Dennoch ist kein Jubel am Platz, als sei die Ehre der deutschen romanistischen Petrarca-Forschung mit einem Schlag wiederhergestellt. Stierle versteckt seine besten Passagen in einer chaotisch-weiten Landschaft; er wiederholt sich und streut seine Lesefrüchte über alles und jedes: Derrida und Heidegger, Kafka und immer wieder Benjamin. Alles, was ihm bedeutend erscheint, verknüpft er mit Petrarca, als sei es auch diesem wichtig gewesen. Das Bewußtsein historischer Distanz wird rhetorisch beschworen und in der Praxis dementiert. Dieses Buch präsentiert Stierles Selbsterfindung des Selbsterfinders Petrarca, es fragmentiert den Fragmentisten, es modernisiert den Frühmodernen. Gewiß gibt es kein historisch-literarisches Buch ohne einen konzeptionellen Gesamtentwurf, aber Stierle inszeniert ihn ungeduldig, er schwelgt im Genuß seiner Assoziationen und versäumt an entscheidenden Stellen die präzise Argumentation.

Das gilt auch für rein literarische Fragen. Vielleicht steckt im Canzoniere doch mehr an einheitlichem Aufbau und damit an Dante-Analogie, als Stierle sieht. Es ist überaus begrüßenswert, daß dieses Buch Petrarcas "Trionfi" ausführlich behandelt, aber deren Endakkord wird meinem Eindruck nach verfehlt. An wichtigen Stellen geht es in diesem umfangreichen Werk dann doch zu schnell. Dann dominieren plötzlich schematische Bilder: Dante, aufrecht, fromm und mittelalterlich, Petrarca in unendlicher horizontaler Landschaft, als habe Erich Auerbach nie geschrieben; Boccaccio, der enge Freund Petrarcas, wird verächtlich an den Rand gedrängt. An die Stelle ruhiger Argumentation tritt oft ein Feuerwerk literaturwissenschaftlicher, philosophischer und philosophiegeschichtlicher Begriffe. Dadurch kommt der Konflikt Augustinus-Petrarca, der Stierle mit Recht als wesentlich gilt, nicht wirklich zum Austrag; gelegentlich wird sogar die indiskutable Theorie diskutiert, Petrarcas Augustinus könnte ein Vertreter des Thomismus sein.

Ich möchte für den Schaden durch terminologische Sorglosigkeit ein Beispiel bringen: Petrarca sprach distanziert von der Universitätswissenschaft. Er kritisierte die Mediziner, die Juristen und die Philosophen. Er hielt nicht viel von der Theologie der Sorbonne. Er verlangte eine lebensnahe, praktische Philosophie; darin waren ihm Seneca und Cicero, teilweise auch Augustinus Vorbilder. Stierle behauptet nun, Petrarca sei Nominalist gewesen. Das ist für jeden Kenner des vierzehnten Jahrhunderts unwahrscheinlich; es wäre alles darauf angekommen, dies aus dem Werk Petrarcas zu belegen. Statt dessen unterbleibt jeder Nachweis. Über den Nominalismus erfahren wir nur so viel, wie diese Vokabel sagt und was darüber bei Hans Blumenberg steht.

Nun hat aber Blumenbergs Bild vom Nominalismus eine lebhafte Debatte ausgelöst. Stierle ignoriert diese und folgt darin gerade nicht den fruchtbarsten Hinweisen des großen Blumenberg. Dessen Schlagworte fallen ständig, besonders das der Legitimität der Neuzeit, aber seine Forschungspraxis wird auf dem Feld der intellectual history nicht fortgesetzt. Dadurch erstarren die Begriffe, bei äußerstem verbalen Aufwand. Besonders die Epochenkonzepte werden mit antinominalistischem Wirklichkeitsanspruch gehandhabt; feinsinnige literarische Analysen stecken in einem geschichtsphilosophischen Korsett. Man mache den Versuch: Man entferne probeweise aus diesem unzweifelhaft bedeutenden Buch die bloß rhetorischen Historiekulissen (wie: "Avignon als Hauptstadt des vierzehnten Jahrhunderts") und die geschichtsmetaphysischen Passagen über "die Moderne". Dann bleibt ein wunderbarer Kern, der Schicht um Schicht, wenn auch nicht in genauer chronologischer Folge, Petrarcas Lebenswerk enthält, ein neues, unentbehrliches Petrarca-Buch. Nur faßt es nicht 1024 Seiten.

Karlheinz Stierle: "Francesco Petrarca". Ein Intellektueller im Europa des 14. Jahrhunderts. Hanser Verlag, München 2003. 973 S., geb., 50,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Eine ausführliche Besprechung widmet Maike Albath dem 900 (!) Seiten starken Porträt des Dichters, Philosophen und Humanisten Francesco Petrarca, das der Konstanzer Romanist Karlheinz Stierle verfasst hat. Albaths Urteil fällt etwas zwiespältig aus: fesselnd findet sie Stierles Auseinandersetzung mit Petrarcas literarisch-philosophischen Zeugnissen, wie seinem berühmten Text über die Besteigung des Mont Ventoux und seinen auf Italienisch abgefassten "canzoni", ein Umgang mit vertrauten Texten, der ihrer Meinung nach einen neuen Zugang ermöglicht. Darüber hinaus äußert Albath jedoch viel Kritik: sie stört sich an zahlreichen Wiederholungen, die durch die Behandlung eines Themas oder Lebensabschnitts unter verschiedenen Aspekten zustande kämen; sie glaubt, auf die immer gleichen Argumente zu stoßen - die Ausweitung des Blicks, ein Zulassen von Pluralitäten und des Fragmentarischen -, die irgendwann zu "Passe-partout-Erklärungen" gerönnen. Sie stößt sich auch an mangelnden Erläuterungen. Wer Blumenbergs Petrarca-Intepretationen nicht kenne, den könne auch Stierles Gegenthese von Petrarcas Nominalismus nicht überzeugen, wendet sie ein. Für Albath verkörpert Stierles Porträt eine "gelehrte Gesamtschau mit anregenden Einzeldarstellungen", dessen Dilemma in der kulturgeschichtlichen Oberflächlichkeit begründet liege.

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