Stefano Cerio
15,00
versandkostenfrei*

Preis in Euro, inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln

    Gebundenes Buch

1 Kundenbewertung

Stefano Cerios besonderes Augenmerk gilt Gegenwelten: Er fotografiert für seine vielschichtigen Serien Freizeitparadiese - Skiarenen, Kreuzfahrtriesen, Erlebnisbäder und Funparks. Selbst italienische Straßenaltäre gehören für ihn zu diesen bunten Scheinwelten, die sich der Mensch errichtet, um dem Alltag zu entfliehen. Doch Cerio (*1962) demaskiert in seinen kühlen Bildern, die Fahrgeschäfte und Spaßbäder ausnahmslos außerhalb der Saison und daher ohne Besucher porträtieren, die Brüche, die Trostlosigkeit und Sinnlosigkeit, die hinter den lustigen Fassaden zutage treten. Für Chinese Fun…mehr

Produktbeschreibung
Stefano Cerios besonderes Augenmerk gilt Gegenwelten: Er fotografiert für seine vielschichtigen Serien Freizeitparadiese - Skiarenen, Kreuzfahrtriesen, Erlebnisbäder und Funparks. Selbst italienische Straßenaltäre gehören für ihn zu diesen bunten Scheinwelten, die sich der Mensch errichtet, um dem Alltag zu entfliehen. Doch Cerio (*1962) demaskiert in seinen kühlen Bildern, die Fahrgeschäfte und Spaßbäder ausnahmslos außerhalb der Saison und daher ohne Besucher porträtieren, die Brüche, die Trostlosigkeit und Sinnlosigkeit, die hinter den lustigen Fassaden zutage treten. Für Chinese Fun besuchte der Fotograf eine ganze Reihe von Freizeitparks, Badelandschaften und Sportplätzen in Peking, Schanghai, Tsingtau und Hongkong. Seine zentralperspektivisch arrangierten Kompositionen entstehen mit der Plattenkamera und dokumentieren ausgesucht absurde Arrangements, vom hausgroßen Früchtekorb aus Beton bis zu den Gleisschlingen einer riesigen Achterbahn im Innenhof eines Bürokomplexes.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hatje Cantz Verlag / Hatje Cantz Verlag GmbH
  • Artikelnr. des Verlages: 317/03969
  • Seitenzahl: 128
  • Erscheinungstermin: 5. Mai 2015
  • Deutsch, Englisch, Italienisch
  • Abmessung: 307mm x 245mm x 17mm
  • Gewicht: 1101g
  • ISBN-13: 9783775739696
  • ISBN-10: 3775739696
  • Artikelnr.: 41652408
Rezensionen
Besprechung von 28.05.2015
REISEBUCH
Bahn frei
Stefano Cerio fotografiert
Freizeitparks in China, wenn
sie geschlossen sind
VON STEFAN FISCHER
Vermutlich jeder, der schon einmal in einem Vergnügungspark war, wird sich geärgert haben über die vielen anderen Besucher in diesem Park, über das Schlangestehen an Fahrgeschäften und Imbissständen, über das Durch-die-Anlage-geschoben-Werden. Und war sich deshalb sicher: Ohne alle diese anderen Menschen, die gerade auch ein Eis wollen oder Achterbahn fahren, wäre das Vergnügen um vieles größer. Aber das stimmt natürlich nicht. Wer sich bei der guten Fee einen Tag in solch einer künstlichen Welt wünscht, an dem er der einzige Besucher ist, der begeht eine Eselei: Denn ein Freizeitpark oder eine Bäderlandschaft ohne Gedränge und ohne Warterei ist ein sehr spaßfreier Ort.
  Die Fotografien des Italieners Stefano Cerio aus seinem Bildband „Chinese Fun“ belegen das in geradezu gespenstischer Deutlichkeit. Cerio zeigt auf seinen in Zentralperspektive aufgenommenen Fotografien, dass die Masse das entscheidende Element ist in Spaßbädern, auf Rummelplätzen und in öffentlichen Sportanlagen, auf einer Sommerrodelbahn oder in Fahrgeschäften verschiedenster Art. Blendet man die Masse aus, so wie Cerio, dessen Aufnahmen entstanden sind während der Schließzeiten all dieser Anlagen, dann bleibt wenig übrig: das stumpfsinnige Grau des Himmels, wie der Kurator Walter Guadagnini in seinem Vorwort schreibt; was einem bei Normalbetrieb wahrscheinlich gar nicht auffallen würde. Und der nackte Beton, das blanke Metall dieser Vergnügungsarchitektur, die, nicht in Funktion, schnell lächerlich wirkt. Dass Stefano Cerio diese Leere in China fotografiert hat, spielt im Grunde keine Rolle; jedenfalls sagt sie wenig aus über das Land. Kurios ist nur, dass Menschenleere in China besonders bizarr wirkt.
  In der Schäbigkeit vieler dieser Motive entdeckt Nadine Barth, die „Chinese Fun“ ediert hat, jedoch auch Trost. Die Gebrauchsspuren, die verblassten Farben, das Abgewohnte der Vergnügungsorte belegt die regelmäßige und massenhafte Anwesenheit von Menschen. Und lässt auf deren Wiederkehr hoffen, am kommenden Tag, in der nächsten Saison.
  Auf einer der Aufnahmen ist im Hintergrund das Pekinger Olympiastadion zu sehen – Architektur, die für sich genommen etwas darstellt, die schön und beeindruckend ist. Was aber eben auch bedeutet: die nicht auf den Menschen angewiesen ist. Das Stadion besitzt auch leer eine Aura. Die Orte der Zerstreuung, die Stefano Cerio zeigt, erlangen ihre Strahlkraft indessen erst, wenn Menschen sie beleben mit ihrer Ausgelassenheit, ihren Tagträumen. Und wenn es nur bei einer kleinen Tretbootpartie auf einem künstlichen See ist.
Stefano Cerio: Chinese Fun. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2015. 128 Seiten, 35 Euro.
Leere, wo Platz für Tausende ist: der Freizeitpark Shanghai Happy Valley (o.), Shijingshangpark in Peking und der Shilaoren-Strand in Qingdao. Fotos: Cerio
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr
Besprechung von 18.02.2016
Der Spaß muss draußen bleiben

Zwischen Befremden und Neid: Stefano Cerio fotografiert chinesische Vergnügungsparks, deren Architekten sich ganz unbekümmert der unterschiedlichsten Stile bedienen.

Von Mark Siemons

Orte, deren einzige, aber umso gebieterischer auftretende Bestimmung das Vergnügen ist, können natürlich überall auf der Welt trostlos sein. Aber in China sind sie es für Menschen, die im Westen sozialisiert worden sind, vielleicht ganz besonders: Diese Orte mischen Materialien, Stile, Zeiten, Funktionen und Urheberrechte mit einer Unbekümmertheit, die den an tausend Regeln und Distinktionen gewöhnten Abgesandten der Alten Welt ganz blümerant werden lässt. Doch womöglich gehört zu seinem Befremden auch ein bisschen Neid, dass die Chinesen selbst sich von solchen ästhetischen Überbauten ihren eher unvermittelten Spaß offensichtlich nicht nehmen lassen.

Insofern sind die Bilder, die der italienische Fotograf Stefano Cerio mit seiner Plattenkamera von chinesischen Vergnügungsparks gemacht hat, Dokumente eines sehr westlichen Empfindens. Er holt aus den Gestellen, die mit ihren Nachahmungen von globalen Marken wie dem Eiffelturm oder den Peanuts ohnehin schon unwirklich und beziehungslos wirken, die maximale Künstlichkeit heraus. Das tut er in zwei Schritten. Zuerst bringt er durch den Bildausschnitt die Attrappen wieder in Verbindung mit ihrer meist ziemlich prosaisch-nüchternen Umgebung, so dass die fokussierende Illusion, die das Vergnügen bewirken soll, gezielt aufgebrochen wird. So zeigt er etwa die nachgebauten venezianischen Palazzi in Macao frontal vor dem gigantischen modernen Hotel- und Casino-Komplex, das sie einrahmt. Und dann löst er diese gesamte Konstellation wieder aus jedem Kontext, indem er sie völlig menschenleer und vor einem immergleichen weißgrauen Hintergrund zeigt, der aussieht, als stamme er aus dem Fotostudio, während er doch in Wahrheit der ganz reale winterliche Smoghimmel ist, den Cerio bei allen Fotos geduldig abzuwarten wusste.

Was auf diese Weise zustande kommt, sind emblematische Bilder, die sich nicht auf das geringste Augenzwinkern mit dem Amüsement einlassen. Der italienische Fotografiehistoriker Walter Guadagnini weist im Geleitwort darauf hin, dass die "Metaphysik" dieser Fotos, die ihn offenbar an de Chirico erinnern, nicht ganz frei von Komik sei, etwa wenn ein völlig asynchron konstruiertes Turmgestell an einem leeren Badestrand von einer irrwitzig goldenen Uhr gekrönt wird. Doch auch er hält diese Komik für "unfreiwillig".

Die Fotografien nehmen die forcierte Lustigkeit todernst; tatsächlich scheint in diesen menschenleeren Apparaturen niemand anderes als der Tod zu lauern. Das ist der größtmögliche Gegensatz zu der Vitalität und Menschenfülle, die das Erlebnis der chinesischen Städte auch außerhalb der Vergnügungsparks prägen. Ist das eine Art Memento mori hinter der Kulissenhaftigkeit der Welt? Entspricht es der Diagnose der Seelenlosigkeit, die manche Abendländer dem chinesischen Antisubstantialismus stellten? Oder ist es einfach eine Methode der Distanzierung, um sich das Bedrängende dieses Landes ästhetisch ein wenig vom Leibe zu halten? Stefano Cerio macht uns mit seinen nachmenschlichen Fotografien auch die eigene Welt etwas rätselhafter.

"Chinese Fun" von Stefano Cerio, mit Beiträgen von Nadine Barth und Walter Guadagnini. Verlag Hatje Cantz, Ostfildern 2015. 128 Seiten, zahlreiche Farbfotografien. Gebunden, 35 Euro.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr