Die Kuh - Lampert, Werner
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Produktbeschreibung
- Sprache: Deutsch
  • Produktdetails
  • Verlag: Teneues Media
  • Seitenzahl: 480
  • Erscheinungstermin: 5. Februar 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 304mm x 272mm x 43mm
  • Gewicht: 3336g
  • ISBN-13: 9783961711789
  • ISBN-10: 396171178X
  • Artikelnr.: 54651411
Autorenporträt
Lampert, Werner
Werner Lampert ist der führende Nachhaltigkeitsexperte in Österreich. Der Bio-Pionier beschäftigt sich seit den 1970er-Jahren intensiv mit biologischem Anbau. Gemeinsam mit einem Expertenteam ist er auf die Entwicklung, Erzeugung und Vermarktung nachhaltiger Bio-Produkte und Konsumgüter spezialisiert. Zudem ist er Autor von drei Büchern und initiierte das Online-Magazin Nachhaltigkeit. Neu denken.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 28.03.2019

Diesen Blick vergisst du nie

Auge in Auge mit der Kreatur: Werner Lamperts Reisen zu den schönsten Kühen der Welt.

Von Klaus Simon

Eine Evolèner Kuh schaut dich an. Und nur das Matterhorn ist Zeuge. Wem auf einer Bergwanderung im Schweizer Val d'Hérens eines der letzten Prachtexemplare der fast ausgestorbenen Rinderrasse begegnen sollte, darf sich glücklich schätzen. Halte aber besser Abstand. Denn das Rind, dessen Bestand in den Hochtälern des Wallis auf höchstens noch vierhundert Exemplare geschätzt wird, ist ein Walser Vieh mit ausgesprochener Kampfeslust. Unter dem Kuschelpelz des mit bis zu 1,30 Meter Schulterhöhe eher kleinrahmigen, gleichwohl imponierend muskulösen, noch auf Höhen von mehr als dreitausend Metern berggängigen Rinds pocht ein tapferes Herz. Erkennungszeichen: ein weißes Stirndreieck, das die weiße Haifischflosse des sich über dem Hochtal wichtigmachenden Matterhorns auf den Kopf zu stellen scheint.

Besonders die weiblichen Tiere raufen gern und üben sich früh in spielerischen Kämpfen. Anders als bei den verwandten, ebenfalls im Wallis verbreiteten Eringer Kühen, die beim "Combat des Reines", einem unter großer Volksbeteiligung veranstalteten Schaukampf, unermüdlich die Rangordnung auf der Alm und damit in Züchterkreisen regeln, dauert der Kampf unter Evolèner Kühen nur kurz. Am Ende geht der Kampfeswille in ungezügeltes Schlecken über. So groß die Lust am Raufen ist, so ausgeprägt ist auch die Sucht der Kuh nach Zärtlichkeit. Love is a battle field, als ob wir es nicht längst gewusst hätten.

Wem das Liebesraufen der Evolèner Kuh zu wüst wird, darf sich damit trösten, dass auch andere Kühe schöne Kälber haben. Dies zudem auf der ganzen Welt, die der Mensch sich erst mit Hilfe des Rinds bis in die entlegensten Gefilde untertan machen konnte. In fünfhundertneununddreißig Sprachen gibt es das Wort Kuh. Auf allen Kontinenten ist das seit zehn- bis zwölftausend Jahren domestizierte Rind vertreten. Doch muss man vielleicht wie Werner Lampert als Bub im Vorarlberger Montafon die Nase im Fell eines Braunviehs gerieben haben, um dem Ruf der Kuh in die Welt hinaus zu folgen. Genau das hat der österreichische Bio-Pionier oft in seinem Leben getan. Wie betört kehrte der heute Zweiundsiebzigjährige seiner Wiener Beratungsgesellschaft immer wieder den Rücken, ließ die Entwicklung von Bioprodukten für den Discounter ruhen, verließ den Biohof im Burgenland, und schaute sich in der Welt um, die für ihn - wir ahnen es - eine Welt der Kühe ist.

Zu den Stationen, an denen der Mann mit dem grauen Rauschebart und der altlinken Intellektuellennickelbrille haltgemacht oder zu denen er Fotografen geschickt hat, zählt das äthiopische Tiefland, wo die hellgrauen oder falben, am pyramidenförmigen Buckel erkennbaren Borana-Rinder beheimatet sind. Oder der Tschadsee, an dessen Ufer und auf dessen Inseln das Kouri-Langhornrind das Schwimmen perfektioniert hat. Und Oberbayern, wo das bis auf hundertdreißig Exemplare ausgestorbene Murnau-Werdenfelser zum Gangochsen Münchner Brauereifuhrwerke geformt wurde. Fotografen folgten auf sein Geheiß dem wilden Yak aufs tibetische Quinghai-Plateau, taumelten dem Tier, das, Achtung: bei jeder Bedrohung auf Angriff gehen kann, auf Höhen von sechstausendeinhundert Metern hinterher. Wateten mit der schwarzbunten Pie bretonne durch die Sümpfe am südbretonischen Golfe de Morbihan. Spürten rund um die westindische Stadt Ongole das gleichnamige Ongole-Rind auf, vulgo "Gotteskuh" oder "Brahmanen-Stier". Das Ergebnis allen Reisens, Forschens, Fotografierens ist eine dreieinhalb Kilo schwere Hommage an die Kuh, gefasst von zwei Buchdeckeln, mitverfasst von prominenten Zitatengebern, so etwa Christian Morgenstern. Ein Wort des der Satire nicht abgeneigten Dichters eröffnet die Reise: "Ganze Weltalter voll Liebe werden notwendig sein, um den Tieren ihre Dienste und Verdienste an uns zu vergelten." Auch einen auf seinen Knien Kühe anbetenden Leonard Cohen nimmt Lampert mit an Bord. Nicht zu vergessen Alexander Kluge, der im Gespräch mit Anselm Kiefer die Kuh zur "Poetin der Natur" erklärte.

Überhaupt, die Poesie. Wer wie Werner Lampert liebt, für den sind Pustertaler Sprinzen Königinnen, wenn auch ohne Reich. Die Kuh mit dem tiefschwarzen Flotzmaul, die unter Kaiser Franz Joseph zur Hauptkuhrasse im Habsburgischen Reich avancierte, fiel mit dem Untergang der K.-u.-k.-Doppelmonarchie in die züchterische Bedeutungslosigkeit. Wer wie Werner Lampert liebt, für den leben in den Rendana-Kühen des Trentino die Geheimnisse der sagenumwobenen Torfkuh weiter, jener laut Meyers Großem Konversations-Lexikon von 1909 in der Steinzeit lebenden Rindrasse. Für den bleiben die Augen einer Aubrac-Kuh unvergesslich. Was freilich jeder bestätigen kann, der einmal am Auftrieb der milchkaffeefarbenen Rinder aus dem lieblichen Tal des Lot auf die unwirtliche Weite der Aubrac-Hochebene teilgenommen hat. Diese schwarzen Augen mit dem von langen Wimpern beförderten Schlafzimmerblick versuche zu vergessen, wer kann. Wir können es nicht.

Es geht auch eine Nummer kleiner. So wie es kleine und große Lieben gibt. Das rosa Flotzmaul der in der Extremadura grasenden Blanca Cacereña? Putzig, aber auch nicht mehr. Wieder muss vor einigen Rassen gewarnt werden, selbst wenn sie nicht so rauflustig wie die Evolèner Kühe sind. Vor der indischen Hariana-Kuh etwa nehme man sich in Acht, da ihr ein direkter Draht zur Wahrheit nachgesagt wird. Erzählt der Mensch Lügen in Gegenwart der ansonsten gehorsamen Kuh, gerät das Tier außer Rand und Band. Worunter über kurz oder lang vor allem eins leiden dürfte: die Liebe. Deren stärkstes Band bleibt noch immer die Sehnsucht. Jedes Jahr, so die traurige Botschaft, sterben etwa sieben Nutztierrassen aus, darunter auch Rinder. Daher bleibt eine Seite in der ansonsten opulent bebilderten Hommage an die Kuh leer. Trotz einer mit Unterstützung der Food and Agriculture Organisation of the United Nations, der Wildlife Conservation Society und der Regierung in Phnom Penh zusammengestellten Expedition gelang es nicht, ein Kouprey-Rind im kambodschanischen Regenwald aufzuspüren. "Aber ein Kuhbuch ohne Kouprey wollte ich nicht", seufzt Lampert. Eine zu sehen bekam er nicht. Eine zweite Expedition scheiterte an der Ablehnung selbst ortskundiger Haudegen, den im Lauf von Bürgerkriegen und Genoziden verminten und von Wilderern und Holzdieben beherrschten Urwald zu betreten. Es bleibt bei der letzten Sichtung des geheimnisvollen, mit keiner anderen Rindrasse näher verwandten Kouprey im Jahr 1988 und bei den mageren Berichten über einige Exemplare, die in den Vierzigern in den Pariser Zoo verschifft wurden, wo sie sich schon bald als in der Gefangenschaft nicht überlebensfähig erwiesen. Und bei besagter leerer Seite.

Das Kouprey-Rind ist nicht die einzige unerfüllte Liebe. Gern hätten wir ein paar liebestrunkene Zeilen an die "Blanc bleu belge"-Kuh gelesen. Allein das schieferblau schimmernde Fell der überaus muskulösen, im Volksmund Bodybuilder-Kuh genannten, alten belgischen Rasse lässt uns das Herz überlaufen. Was ebenfalls für das blonde Charolais-Rind gilt, über das kein Wort der Zuneigung zu finden ist. Dabei haben die Züchter des Brionnais und Charolais erst kürzlich bei der Unesco den Antrag eingereicht, das Wissen und die Weidetradition um die blonde Paradekuh Burgunds als Weltkulturerbe zu würdigen. "Oh la vache!" - was nur wörtlich mit "Oh die Kuh!" übersetzt werden kann, in Wirklichkeit aber "Heiliger Strohsack!" bedeutet.

"Die Kuh - Eine Hommage" von Werner Lampert. teNeues Media GmbH & Co. KG, Kempen 2019. 480 Seiten, 230 Farbfotos. Gebunden, 49,90 Euro.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 13.04.2019

Schön auf der Weide
Schon als Jugendlicher las Werner Lampert Kühen Gedichte von Hölderlin vor. In einem Bildband würdigt er nun Wesen und Ästhetik des Rindviehs
Von wegen „blöde Kuh“! Der I-Kuh eines Rindviehs lässt sich zwar nach menschlichen Maßstäben nicht messen. Doch Studien haben gezeigt, dass Kühe fast so schlau sind wie Hunde. Die Tiere betätigen den Hebel einer Tränke, wenn sie Durst haben, und wenn eine Kuh am Elektrozaun einen Schlag kriegt, meiden die anderen Mitglieder der Herde den Zaun – sie lernen also durch Beobachten voneinander, ein Zeichen für Intelligenz.
Aber ist die Kuh wirklich eine „Poetin der Natur“, wie Alexander Kluge im Gespräch mit Anselm Kiefer mal gesagt hat? Auf jeden Fall, findet Werner Lampert. Der österreichische Bio-Unternehmer und Buchautor spricht von Kühen in den höchsten Tönen, er bezeichnet sie als seine „Gefährten“. Lampert ist in einem Weiler in Vorarlberg aufgewachsen, schon als Jugendlicher lernte er die Tiere als gute Zuhörer kennen: „Von meinem ersten Verliebtsein erzählte ich Kühen, auch von meinem ersten Liebeskummer.“ Er sang Lieder für sie und las ihnen Gedichte von Hölderlin vor: „Sie standen Tag für Tag im Halbkreis um mich herum und hörten mir zu.“
Werner Lampert ist gelernter Kirchenrestaurator, er studierte Altorientalistik und gilt als Bio-Pionier. Er baute in den 1980er-Jahren in Österreich einen Großhandel für Bio-Produkte auf, beriet Supermarktketten bei der Einführung von Bio-Marken und verwaltet einen Bio-Bauernhof im Burgenland. Irgendwann fragte ihn jemand: Du hast schon so viel erreicht, was willst du eigentlich noch machen? Lamperts spontane Antwort: „Ein Kuhbuch! Das ist mein Herzenswunsch.“ Nun liegt seine Hommage an die Kuh vor, ein 480 Seiten starker Prachtband, fast dreieinhalb Kilo schwer.
Als perfektionistischer Kuhrator präsentiert Lampert 116 Rinderrassen auf glamourösen Hochglanzfotos, von den Ennstaler Bergschecken über die Negra Andaluza bis zur Texas Longhorn, er charakterisiert ihr Wesen und preist deren Nutzen für ihre Halter. Alle Kühe wurden für das Buch extra fotografiert, nur eine Rasse nicht, die am Tschadsee lebt, dort war es wegen der Terrorgruppe Boko Haram zu gefährlich. Vor allem aber würdigt Lampert die fundamentale Rolle, welche Rinder bei der Entstehung der Zivilisation gespielt haben. Menschen leben seit 10 000 bis 12 000 Jahren mit Rindern zusammen, und wahrscheinlich wäre die kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung ohne die Tiere anders verlaufen. Rinder verhalfen dem Menschen zu Sesshaftigkeit, Reichtum, Sicherheit und Fortschritt. Ohne die Suche nach Weidegründen wären die ersten Kuhhirten vielleicht nie in den ostafrikanischen Savannen aufgebrochen, und ihre Nachkommen hätten nicht alle Kontinente besiedelt. In den Naturreligionen waren Kühe oft Brücken zu den Göttern, sie waren Opfertiere und symbolisierten Fruchtbarkeit, im Hinduismus gelten sie als heilig.
In der westlichen Welt ist heute das Gegenteil der Fall: Die Kuh wird vor allem als Nutztier angesehen. Das Verhältnis von Menschen und Rindern war lange symbiotisch, die Industriegesellschaft hat es komplett materialisiert. Die Kuh ist zum Lieferanten von Milch und Fleisch geworden. Lampert sagt: „Kühe haben das Vermögen, Menschen zu Gemeinschaftsbildung zu erziehen“, sie können „Menschen ernähren, kleiden, und das Allergrößte, was sie uns geben, ist ihr Dung. Damit sorgen sie für Fruchtbarkeit, sie machen aus etwas vollkommen Wertlosem etwas Nutzbares.“
Die Frage, ob Kühe eine Seele haben, stellt sich für Lampert nicht, „das ist eine Tatsache“. Eine Kuh habe Gefühle, pflege Beziehungen und könne sogar Tränen vergießen, berichtet er. Man weiß nicht, ob die Kühe, denen Werner Lampert Hölderin-Gedichte vorlas, tatsächlich zu „Poetinnen der Natur“ wurden. Aber als Leser seines Buches möchte man sofort auf eine Weide gehen und sich vor einer Kuh niederknien, so wie Leonard Cohen. Er erzählte in einem Interview, wie er auf einem Feld vor einer Gruppe Kühe kniete, um ihnen zu huldigen: „Und wissen Sie was? Sie waren so glücklich.“
TITUS ARNU
Werner Lampert: Die Kuh. Eine Hommage. Verlag teNeues, 49,90 Euro.
Ursprüngliche Rinderrasse: Maremmana-Kühe leben in den Grassteppen der südlichen Toskana.
Foto: Ramona Waldner
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