Italien als Erlebnis und Vorstellung - Maurer, Golo
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Die Beschäftigung mit den Landschaften Italiens gehörte im 18. und 19. Jahrhundert zur kulturellen Identität des deutschen Bürgertums - eine an Brüchen, Widersprüchen, Illusionen und Enttäuschungen reiche Geschichte, die hier erstmals über einen großen Zeitraum hinweg kritisch nachgezeichnet wird.

Produktbeschreibung
Die Beschäftigung mit den Landschaften Italiens gehörte im 18. und 19. Jahrhundert zur kulturellen Identität des deutschen Bürgertums - eine an Brüchen, Widersprüchen, Illusionen und Enttäuschungen reiche Geschichte, die hier erstmals über einen großen Zeitraum hinweg kritisch nachgezeichnet wird.
  • Produktdetails
  • Verlag: Schnell & Steiner
  • Seitenzahl: 428
  • Erscheinungstermin: 12. Dezember 2014
  • Deutsch
  • Abmessung: 289mm x 220mm x 34mm
  • Gewicht: 2125g
  • ISBN-13: 9783795426408
  • ISBN-10: 3795426405
  • Artikelnr.: 41113784
Autorenporträt
Golo Maurer, geboren 1971, studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Mittelalterliche Geschichte an der LMU München. Seit der Promotion 2003 arbeitet er als persönlicher Assistent der Direktorin an der Bibliotheca Hertziana in Rom; Forschungsschwerpunkte: Europäische Residenzen von 1650 bis 1750: Die architektonische Ikonographie.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 18.02.2015

Wer, wenn nicht wir, in Arkadien?

Den hellen Süden unter Bildern suchend: Golo Maurer beschreibt, wie deutsche Künstler und Reisende mit ihrem Sehnsuchtsland Italien zurechtkamen.

Als man Johann Joachim Winckelmann, dem großen Bewunderer des Altertums, eine Reise in das Land der Griechen anbot, lehnte er dankend ab. "Ich wünschte", so schreibt er später, "die Ruinen von Athen gesehen zu haben, allein man muß seinen Wünschen ein Ziel setzen." Längst weiß man, dass es keineswegs widrige Umstände waren, die Winckelmann von der Reise abhielten, sondern die Ahnung, dass es, um klassisch vom Land der Griechen zu schreiben, von Vorteil war, nicht dort gewesen zu sein: Zu große Nähe zu den realen Überresten der Vergangenheit wäre der Imagination nicht zuträglich gewesen.

So hatten auch diejenigen, die sich tatsächlich auf den Weg machten, neben überwältigenden Erlebnissen immer wieder auch Ernüchterndes zu berichten. Sigmund Freud beispielsweise erlebte im Sommer 1904 eine "Erinnerungsstörung auf der Akropolis", ein unerklärliches Fremdheitsgefühl, als sei er gar nicht leibhaftig in Athen. Und auch Hugo von Hofmannsthal blieb, wie sein Reisebegleiter Harry Graf Kessler später berichtet, im Land der Griechen die Erfüllung versagt: "Hofmannsthal in Griechenland war ein Fehlschlag: er kam nicht zu sich selbst. Nach zehn Tagen voller Leiden verliess er uns, zu unserer gegenseitigen Zufriedenheit."

In der deutschen Geistesgeschichte verbindet sich die Faszination durch den Süden jedoch bis heute vor allem mit dem Reiseziel Italien. Dabei hat die Schwäche der Deutschen für die Pinien der Toskana, die Sonnenuntergänge auf Capri, für Montepulciano und Aperol Spritz einen langen kulturhistorischen Vorlauf, dessen Motive ebenso vielgestaltig wie faszinierend sind. In einem äußerst lesenswerten Buch hat der an der Universität Wien lehrende Kunsthistoriker Golo Maurer die Geschichte der deutschen Italien-Begeisterung am Beispiel der Landschaftswahrnehmung durch Künstler des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts rekonstruiert.

"Kaum ein bürgerlicher Haushalt nach 1800", so der Autor, "der nicht in irgendeiner Form mit einem Verweis auf ein Land ausgestattet war, das die Bewohner in den meisten Fällen aus eigener Anschauung gar nicht kannten." Aber auch diejenigen, denen diese Anschauung vergönnt war, betraten das Land bereits mit einem reichen Vorrat an Erinnerungen. Nichts könnte die Bedingungen des damaligen Reisens anschaulicher vor Augen führen als eine unscheinbare Notiz, die Goethe 1786 aus Italien an die in der Heimat verbliebene Frau von Stein schickte: Sie möge sich in der Bibliothek ein Exemplar von Johann Jakob Volkmanns Reisebeschreibungen besorgen, um seinen eigenen Reisenotizen besser folgen zu können. "Ich will immer die Seite anführen und tun als wenn du das Buch gelesen." Zwischen dem in Italien reisenden Goethe und der in der Heimat verbliebenen Frau von Stein vermittelte ein gedruckter Text. "Italien erleben" erwies sich unter diese Bedingungen als Arbeitsanstrengung und höchst vermittelte Angelegenheit - ein "Kreislauf zwischen gemalten, erinnerten und beschriebenen Bildern", wie Maurer schreibt.

Das galt nicht minder für die im Mittelpunkt der Studie stehenden Landschaftsmaler. Maurer zeichnet die unterschiedlichen Etappen der malerischen Aneignung Italiens nach und gibt dabei auch ein anschauliches Bild der Krisen- und Umschlagpunkte, an denen ein eingeübtes Wahrnehmungsmodell zu erstarren drohte. So wurden die Ideallandschaften im Stile Claude Lorrains im frühen neunzehnten Jahrhundert durch "Wanderlandschaften" abgelöst: Statt die Gegend am Kutschenfenster vorüberziehen zu lassen und nur an den kunsthistorisch sanktionierten Aussichtspunkten auszusteigen, durchstreifte man die Landschaft zu Fuß - auch um den Preis, von den verwunderten Einheimischen als sozial deklassiert betrachtet zu werden.

"Wo der Körper ohne Abschirmung ist, bleiben auch die Sinne ohne Filter", schreibt Maurer und kann zeigen, wie die Verlangsamung der Fortbewegung bei Malern wie Christoph Dies und Jacob Wilhelm Mechau zu einer Aufmerksamkeit für nahsichtige Details und zur Neuerschließung von "Landschaften ohne Namen" führte. Wie schwierig es dabei war, tradierte Wahrnehmungskonditionen zu überwinden, beschreibt der Autor im Falle des Autodidakten Carl Blechen als "Aufdröseln einer vorgefundenen, von anderen geschaffenen Webstruktur, um aus den Fäden frisches Rohmaterial für eine Neuverarbeitung zu gewinnen".

Der Blick auf Italien musste durch die beharrliche Konzentration auf scheinbar Nebensächliches - auf Erdhügel, Grashalme und Rohrzäune - gleichsam an seinen Nullzustand zurückversetzt werden, um Formen, Farben und Licht der Landschaft von dort aus noch einmal neu konfigurieren zu können. In den Sepiazeichnungen seines berühmten Amalfi-Skizzenbuchs verabschiedet Blechen dann das mild-elegische Abendlicht Claude Lorrains und zeigt die blendende Mittagshelle des Südens, indem er tiefe Schatten malt und in den scharf hervortretenden Aussparungen den weißen Grund des Papiers als Licht hervortreten lässt.

Manches von dem, was in diesem reich illustrierten Band versammelt ist, hat man in ähnlicher Form woanders schon einmal gelesen. Aber es ist das Verdienst dieses Buches, nach Ludwig Schudts "Italienreisen" nun nach Jahrzehnten wieder eine aktuelle und umfassende Monographie zur Kulturgeschichte der Italienreise an die Hand zu geben, die neben literarischen Texten auch kulturhistorische Schriften wie Victor Hehns emphatisches Lob des Ölbaums als Emblem der "Kulturlandschaft" Italien einbezieht. Maurer gelingt das mit einer sprachlichen Eleganz, die in wissenschaftlichen Texten selten zu finden ist.

Immer wieder berichtet der Autor auch von den Nachtseiten der Italienreise. Denn wie in Griechenland, so gab es auch in Italien neben dem Glück der Ankunft das unvorhergesehene Scheitern der Rezeptionsrituale: "Erinnerungs-Ruin" und "Wahrnehmungslähmung". Hierher gehören auch die Kollateralschäden einer Existenz in der deutschen Künstlerkolonie in Rom, wo das Abhängen im Café Greco nicht allen Künstlerkarrieren zugutekam.

Eine besondere Form des Nichtreisens war die "Italienreise als Dienstreise". Carl Gustav Carus, der nicht nur Maler war, sondern auch Königlich Sächsischer Hof- und Medizinalrat und Italien in dieser Eigenschaft an der Seite seines Dienstherrn bereiste, hat von Italien wenig gesehen. Im heimatlichen Dresden malte er später seine "Erinnerung an Neapel", ein Blick durch die offene Balkontür seines Zimmers, in dem er die wenigen freien Stunden seiner Italienreise verbracht hatte.

PETER GEIMER.

Golo Maurer: "Italien als Erlebnis und Vorstellung". Landschaftswahrnehmung deutscher Künstler und Reisender 1760-1870.

Verlag Schnell & Steiner, Regensburg 2014. 428 S., geb., 86,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Peter Geimer freut sich über das Buch des Kunsthistorikers Golo Maurer. Für den Rezensenten legt der Autor mit dem reich illustrierten Band eine aktuelle, umfassende Monografie der Kulturgeschichte der Italienreise vor. Da der Autor, wie Geimer feststellt, auch sprachlich elegant vorgeht, steht Erkenntnissen nichts im Wege, wie jener, dass unter den Etappen malerischer Aneignung Italiens (bei Christoph Dies oder Carl Blechen) immer auch Krisenmomente waren, da Wahrnehmung nicht mehr die gewünschten Resultate erbrachte und eine Modifizierung notwendig machte, eine andere Art der Fortbewegung etwa.

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