Essays 01. Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Kommentarband - Mann, Thomas

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Dieser Band beinhaltet alle nichtfiktionalen Texte Thomas Manns von den Beiträgen zur Schülerzeitung >Frühlingssturm Selbstdarsteller und Denker. Einige der wichtigen Texte zur Literatur und Dramatik (>Bilse und ich Versuch über das Theater Der Literat …mehr

Produktbeschreibung
Dieser Band beinhaltet alle nichtfiktionalen Texte Thomas Manns von den Beiträgen zur Schülerzeitung >Frühlingssturm< 1893 bis zum Kriegsausbruch 1914. Die Essays beeindrucken durch die Vielfalt der Themen und Positionen und zeigen den jungen Thomas Mann als Literaturkritiker, Experimentator, Selbstdarsteller und Denker. Einige der wichtigen Texte zur Literatur und Dramatik (>Bilse und ich<, >Versuch über das Theater<, >Der Literat<) oder Porträts großer Vorbilder (Fontane, Chamisso) entstanden in dieser Schaffensphase. Der Kommentar von Heinrich Detering (unter Mitarbeit von Stephan Stachorksi) liefert nicht nur alle zum Textverständnis nötigen Daten über Entstehung und Wirkung, sondern zeichnet Traditions- und Entwicklungslinien nach, die eine adäquate Würdigung des jungen Essayisten Thomas Mann überhaupt erst ermöglichen.
  • Produktdetails
  • Thomas Mann, Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Werke, Briefe, Tagebücher
  • Verlag: FISCHER, S. / S. FISCHER
  • Seitenzahl: 682
  • Erscheinungstermin: Januar 2002
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 136mm x 48mm
  • Gewicht: 770g
  • ISBN-13: 9783100483508
  • ISBN-10: 3100483502
  • Artikelnr.: 10064872
Autorenporträt
Thomas Mann, 1875 - 1955, zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Mit ihm erreichte der moderne deutsche Roman den Anschluss an die Weltliteratur. Manns vielschichtiges Werk hat eine weltweit kaum zu übertreffende positive Resonanz gefunden. Ab 1933 lebte er im Exil, zuerst in der Schweiz, dann in den USA. Erst 1952 kehrte Mann nach Europa zurück, wo er 1955 in Zürich verstarb.
Inhaltsangabe
(Frühlingssturm!)
(Über Ibsens "Baumeister Solness")
An unsere Leser (I)
Heinrich Heine, der "Gute"
Lübecker Theater
An unsere Leser (II)
("Das Liebeskonzil")
"Ze Garten"
"Ostmarkklänge. Gedichte von Theodor Hutter"
Erkenn Dich selbst! Tiroler Sagen
Ein nationaler Dichter
"Dagmar, Lesseps und andere Gedichte"
Kritik und Schaffen
Carl von Weber: "Ehre ist Zwang genug"
Das Ewig
Weibliche
(Anmerkung zu "Das Ewig
Weibliche")
Gabriele Reuter
(Der französische Einfluß)
Liliencron
(Selbstbiographie I)
Kinderspiele (I)
(Über "Fiorenza" I)
(Über Schiller)
(Volksromane)
(Über die Kritik)
Ein Nachwort
Notizen (I)
Bilse und ich
Vorwort (zur ersten Auflage der Buchausgabe von "Bilse und ich")
(Dichterische Arbeit und Alkohol)
Das Theater als Tempel
Versuch über das Theater
Mitteilung an die Literaturhistorische Gesellschaft in Bonn
Die Lösung der Judenfrage
Maximilian Harden
(Über "Königliche Hoheit" I)
Im Spiegel
(Selbstbiographie II)
(Die Theaterzensur)
Notiz über Heine
Über "Fiorenza" (II)
(Zur Begründung einer deutschen Heine
Gesellschaft)
"Die Bücher des deutschen Hauses"
An einen jungen Dichter
(Beim Erscheinen der No. 5000 von Reclams Universal
Bibliothek)
Wassermanns "Caspar Hauser"
(Tolstoi zum 80. Geburtstag)
(Die künstlerischen und kulturellen Möglichkeiten des Freilichttheaters)
Süßer Schlaf!
(An die Redaktion der "Saale
Zeitung")
Notizen (II)
(Die interessanteste Zeitungsnachricht des Jahres)
Der Doktor Lessing
(Die gesellschaftliche Stellung des Schriftstellers in Deutschland)
(Männerstimmen über Frauen)
Berichtigungen
(Über "Königliche Hoheit" II)
(Theodor Fontane)
Der alte Fontane
Roman und Theater in Deutschland
Peter Schlemihl
(Selbstbiographie III)
Vorwort (zur vierten Auflage der Buchausgabe von "Bilse und ich")
Gutachten (über Pornographie und Erotik)
Fraktur oder Antiqua?
Auseinandersetzung mit Wagner
Chamisso
(De l'Humour)
Rezensionen
Besprechung von 15.03.2003
Das große Geschwätz
Thomas Manns "Zauberberg", neu kommentiert

Es ist schlimm, wenn die ganze Misere der Zeit und des Vaterlandes auf einem liegt, ohne daß man die Kräfte hat, sie zu gestalten." Wie könnte ein Epochen- , ein Zeitroman, etwas sehr Repräsentatives heute aussehen? Das deutsche Hänschen, das sich weigert, in Fragen von weltgeschichtlicher Bedeutung Farbe zu bekennen und auf die Vorhaltungen von seiten westlicher Zivilisation mit einem Schweigen antwortet, das man als verstockt werten muß - dieses Hänschen gibt es nicht mehr. Es ist ausgestorben; und die vertrauten Antithesen Ost-West, Kultur-Zivilisation sind es möglicherweise auch. Thomas Mann führte über seine Ideen- und Kraftlosigkeit Klage gegenüber dem Bruder Heinrich im November 1913, am Vor-Vorabend des großen Donnerschlags. Er litt darunter, daß er eine Antwort, nach der die Zeit verlangte, nicht fand. Ihm war seit dem ersten Roman nichts mehr eingefallen. "Bloß larmoyant" kam ihm der "Tonio Kröger" alsbald vor, "eitel" seine "Königliche Hoheit" und "halb gebildet und falsch" der "Tod in Venedig". Seine Frau bekam ein Kind nach dem anderen, und er verzettelte sich mit Projekten wie "Geist und Kunst" und dem halbseidenen "Felix Krull". Zu verzeichnen war, nach dem Wunder des ersten Romans, eine Durststrecke, die es in sich hatte.

Michael Neumann, Herausgeber des Romans, mit dem alles wieder gut wurde, verzeichnet "geradezu desaströse Züge" auf Manns Weg in die Moderne. Das ist, angesichts der populären Werke aus der fast ein Vierteljahrhundert langen Überbrückungszeit, eine harte, aber gerechtfertigte Diagnose. Der "Zauberberg" aber wäre nie ein solcher Epochenroman geworden, hätte die "zeitdiagnostische Ebene", von der Neumann im Kapitel zur Entstehungsgeschichte spricht, sich nicht als so tragfähig erwiesen. Wir sind es gewohnt, diesen Roman, wie eigentlich alles von diesem Autor, als ein Kunstwerk zu betrachten, dessen zeitgeschichtlicher Gehalt gewissermaßen vertilgt wird von einer Sprache, die sich mit einer Kunstfertigkeit, die nicht jedermann angenehm ist, ums Individuelle kümmert. Daß Neumann an einer entscheidenden Stelle seines Kommentars den Akzent anders legt, erlaubt es uns, das Diktum, mit dem Thomas Mann seinen Anspruch auf Repräsentativität ein Leben lang rechtfertigte - daß Zeitkritik immer Selbstkritik sei -, umgekehrt zu sehen. Hier liegt, wenn man so will, der Keim zum Roman, der sich in zwölf Jahren mit massiver Unterbrechung auf zwei Bände auswuchs und das Ineinandergreifen des Individuellen und Allgemeinen auf eine unerklärliche, aber beglückende Weise bewerkstelligte. Die von Thomas Mann selbst der Philologie hingeworfenen Informationshappen zur Entstehungsgeschichte sind deshalb nicht irrelevant; aber sie betreffen nur äußere Anlässe: Katjas Kur, Homosexuellenphantasien und das Bedürfnis, nach der Venedig-Erzählung wieder etwas Lustiges zu schreiben.

Selbstkritik also immer Zeitkritik: Castorps geistig-sittliche Indifferenz, seine "Glaubenslosigkeit und Aussichtslosigkeit" fallen auf die Epoche zurück, sie sind "geistige Zeitbestimmtheit". Denn daß die Zeit selbst auf die Frage "nach einem letzten, mehr als persönlichen, unbedingten Sinn aller Anstrengung und Tätigkeit ein hohles Schweigen entgegensetzt", das nimmt der Hanseat nicht als Entschuldigung, sondern als Ursache für den unehrenhaften Abgang aus der werktätigen Welt, die in der Sanatoriumsatmosphäre eine Alternative findet, deren Reizen auch der Tüchtigste, der Castorp ohnehin nicht ist, verfallen wäre. Wie Hanno Buddenbrook aus einer verrotteten Familie, so kommt Castorp aus einer verotteten Zeit. Der Abschnitt, in dem von der epochalen Indifferenz die Rede ist, gehört zu den wenigen Stellen, an denen Neumann seine Zurückhaltung in Fragen der Interpretation ablegt. Es ist deshalb viel ausgesagt über den Roman, wenn die zeitdiagnostische Ebene in dessen "Handlungszentrum" verlegt wird und nicht etwa die individualgeschichtliche, mit Versatzstücken aus dem Bildungsroman unterlegte Geschichte vom arbeitsscheuen Mittelmaß. Neumanns Knappheit hat einen Kommentarband entstehen lassen, der mit fünfhundert Seiten geradezu schlank geraten ist.

Vom Kunst- zum Künstlerwerk

Der Kommentar zu den "Buddenbrooks", den Eckhard Heftrich besorgt hat (F.A.Z. vom 22. Juni 2002), ist um die Hälfte länger. Bedenkt man, daß beim "Zauberberg" die Überlieferungslage in fast jeder Hinsicht ungleich günstiger und die Masse des von Thomas Mann bewältigten Stoffes größer ist, dann könnte man von einem Mißverhältnis sprechen. Aber von Anfang an war gewährleistet - und die sechs Hauptherausgeber haben keinen Zweifel daran gelassen -, daß die Arbeit der Einzelherausgeber individuelle Züge tragen sollte. Dennoch hätte man die Entstehungsgeschichte gerne noch etwas länger gelesen.

Die Pause, welche die "Betrachtungen eines Unpolitischen" erzwangen, bleibt mit allem, was nach der Wiederaufnahme im Frühjahr 1919 folgt, etwas schematisch abgehandelt. Nichts erfahren wir zu einem Unterschied, der für Thomas Mann von entscheidender Bedeutung war: zwischen dem Kunst- und dem Künstlerwerk. Neumann sieht keinen Grund, sich dieser Unterscheidung, welche die "Betrachtungen" in ihrer Vorrede treffen, anzunehmen - es fiele bereits ins Gebiet der Interpretation. So ist es dem Leser überlassen, sich die in der Forschung inzwischen unstrittige Tatsache zu vergegenwärtigen, daß Thomas Mann im erzählerischen Werk an Syntheseleistung glückte, was ihm im essayistischen meistens mißriet. Dem Leser ist es auch überlassen, das Kapitel zur Rezeptionsgeschichte um ein Unterkapitel zu ergänzen. Wüßte man nicht von der gleichsam negativen "Zauberberg"-Rezeption der siebziger Jahre, als nicht nur Martin Walser Abwegiges über die Ironie dieses wohl ironischsten Romans äußerte; wüßte man nicht, welche Spuren der Roman in Kempowskis grandiosen "Hundstagen" hinterlassen hat und welche Konkurrenzleistung er etwa in Thorsten Beckers "Zauberberg"-Roman (F.A.Z. vom 26. Februar 2002) erzwungen hat - wüßte man dies nicht, man könnte annehmen, die Wirkungsgeschichte des Romans ende mit dem Leben seines Autors.

Daß die "Große kommentierte Frankfurter Ausgabe" sich an wissenschaftlich wie laienhaft interessierte Leser gleichermaßen wendet, will uns wie ein halsbrecherischer Spagat vorkommen, hätte sie sich nicht die Maxime des Zauberers selbst zu eigen gemacht: Thomas Mann verlangte auch nach den Dummen. Die gesamte Ausgabe fußt auf einer ungewöhnlich guten Textüberlieferung. Daß Thomas Mann zu späteren Auflagen kaum Korrekturen beigetragen und sich noch im Alter darüber beklagt hat, daß ausgerechnet die deutschen Ausgaben seiner Bücher voller Fehler seien, steht auf einem anderen Blatt - er war eben kein Detlev Spinell und hatte Besseres zu tun, als in seinem eigenen Romanen zu lesen.

Verschreibungen oder Versehen?

Was Neumanns Textbehandlung betrifft, die auf der Grundlage des Erstdrucks vom November 1924 erfolgt, so gestattet er sich Eingriffe nur in den Fällen, in denen offensichtliche Verschreibungen oder Versehen vorliegen. Bei Konsul Tienappels Abneigung gegen das Hochgebirge, in das ihn anfangs keine vier, später keine zehn Pferde kriegen, war das offensichtlich nicht der Fall. Die Frage aber, ob es sein kann, daß das Anfangsgespann Fohlen bekommen hat, ist keineswegs an die Veterinäre gerichtet. In jeder noch so kritisch durchgesehenen Ausgabe haben wir es mit einem Text zu tun, von dem Makellosigkeit nicht zu erwarten ist - die Sache mit den Pferden steht eben einfach so da: "An einigen wenigen Stellen", sagt Neumann, "sind Thomas Mann Fehler unterlaufen. So sitzt bei Castorps Frühstück das englische Fräulein erst zu seiner Linken, dann zu seiner Rechten. Ich habe in solchen Fällen grundsätzlich nicht in den Text eingegriffen." Es müssen prinzipielle Erwägungen sein und nicht solche, die mal gelten und mal nicht: "Thomas Manns Romane", fährt Neumann fort, "sind überaus dicht komponiert, und kein Herausgeber kann sicher sein, ob er nicht weniger auffällige Fäden verletzt, wenn er einen ihm auffallenden Fehler beseitigt."

Was die Quellenlage betrifft, die ein in Jahrzehnten gestählter und inzwischen bis in die hintersten Winkel des Textes vorgedrungener Forscherwille dem "Zauberberg" als zweites Zentralmassiv an die Seite gestellt hat, so unterscheidet Neumann plausibel zwischen Sachquellen und literarischen Mustern, wobei offenbleiben muß, warum etwa eine von Dietrich Fischer-Dieskau besorgte Liedersammlung von 1968 oder die Zürcher Schopenhauer-Ausgabe von 1977 unter den "Quellen" aufgeführt sind. Daß Thomas Mann das meiste ohnehin so schnell wieder vergessen hat wie Hans Castorp seinen Schneetraum, bedeutet eine fast so starke Ironie wie die am Ende durch den dummen Peeperkorn an den Tag gebrachte Bedeutungslosigkeit des Naphta-Settembrini-Geschwätzes. Das haben viele Leser bis heute nicht begriffen; sie meinen, man müßte alles, was Naphta und Settembrini sagen, auch verstehen, und sie empfinden die entsprechenden Passagen als zu intellektuell oder, was oft dasselbe ist, als langweilig. Die Philologen dürfen sich indes nicht von ihrer Arbeit abhalten lassen, nur weil alles, was in Davos so geredet wird, sein Gewicht nur im Hinblick auf die Gesamtkomposition hat. Wollte man das eine oder andere beim Nennwert nehmen, worauf Neumann sich nicht einläßt, man hätte nur einen weiteren Monsteressay wie die "Betrachtungen" vor sich.

Es kommt auf anderes an. Der "Zauberberg" ist ja, wie der "Doktor Faustus", schon ein verzweifelt deutsches Buch, was den Hang zur Gründlichkeit betrifft, sogar noch verzweifelter. "Du bist wirklich ein Galan, der seine Werbung auf gründliche Weise, wahrhaft deutsch, zu betreiben weiß." So steht es im Stellenkommentar zum fünften Kapitel. Daß die russische Katze dergleichen eigentlich auf französisch schnurrt und Neumann es übersetzt, sollte nicht davon ablenken, daß mit dieser Stelle ein weiteres Indiz für die erotische Grundierung des humoristischen Erzählens vorliegt. Dank der sorgfältig dokumentierten ausgeschiedenen Stellen und Kapitel wissen wir nun, daß bei all der Gründlichkeit des Erzählens immer noch Stoff für mehr gewesen wäre; wir sehen aber auch, daß das Ausgeschiedene zu Recht ausgeschieden ist und sich die Ökonomie doch, trotz der nun fast elfhundert Seiten, durchgesetzt hat.

Den Realienstoff und den vor allem bei Schopenhauer und Nietzsche bezogenen philosophischen Gehalt dieses Romans nimmt Neumann nicht ernster als nötig. Auch das mag man bedauern, aber den Griff zur gewaltigen Forschungsliteratur kann diese Ausgabe sowieso nicht ersetzen. Aus der Abteilung Peeperkorn/Hauptmann wissen wir, daß auch das Wort aus berufenem Berufsdenkermund eine spaßige Verfügungsmasse ist, deren Haltbarkeit die der faulen Witze der Patientin Stöhr (der Stör ist wohl, anders als Neumann meint, kein Fluß-, sondern eher ein Seefisch) kaum übertrifft.

Thomas Mann: "Große kommentierte Frankfurter Ausgabe". Werke - Briefe - Tagebücher. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2002 ff. Band 5.1: "Der Zauberberg". Roman. Herausgegeben und textkritisch durchgesehen von Michael Neumann. Band 5.2: "Kommentar". Zus. 1620 S., geb., 49,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 04.03.2000
Handlich gedacht
Essay-Bände, auch für unterwegs
Ganze Tage in den Büchern – entfährt es dem Autor, als er in seiner Einführung darauf zu sprechen kommt, warum in zahllosen Bibliotheken, Buchläden und Privathaushalten so viele Werke stehen, „die etwas beschreiben, was nicht existiert” und warum solche Beschreibungen so viele Menschen interessieren. Die alte Debatte also, über Literatur und ihre Wahrheit, ihre Wirklichkeit – da will man weiterlesen und sich mit dem Autor, dem Germanisten Burghard Damerau, auseinandersetzen, weshalb es dennoch diese Bücher sind, die uns die Wirklichkeit erschließen und warum wir „ohne Bücher nicht sein wollen”.
Damerau setzt in seinem Buch „Literatur und andere Wahrheiten” beim Leser Vergnügen voraus am argumentativen Pro und Contra. Und die Reihe des Aufbau-Verlags, in der es erschien, kommt all jenen entgegen, deren Lust am Sinnieren durch Zeitmangel nicht immer zum Zuge kommt. Man kann die handlichen Bändchen bequem in die Tasche stecken, man liest sie an und findet schnell den roten Faden der Argumentation. Kein Digest-Fastfood also, sondern eine Aufforderung zum nachdenklichen Gründlichsein.
Solche Nachdenklust wird auch in den Ausführungen der Literaturwissenschaftlerin Gertrud Lehnert über die Inszenierung des Privaten im öffentlichen Raum gefördert. Sie beschreibt den Umgang der Medien mit uns, die wir uns zur Schau stellen im öffentlichen Raum, sie beschreibt die Gründe dieser Verfügbarkeit und Vermarktung und ihre Geschichte, vom 18. Jahrhundert bis zur globalen Gesellschaft heute.
Das Thema Heimat greift Thomas E. Schmidt auf, der sich mit Leichtigkeit und Last des Herkommens auseinandersetzt. Blut und Boden, Landsmannschaften, Heimatbegriff in der DDR sind einige Stichworte. Und in einer kurzen, aufschlussreichen Gegenüberstellung geht der Autor anfangs auf zwei Kontrastpersonen ein und ihre ganz unterschiedlichen Heimatgefühle, die typisch sind für uns Heutige.
Beklommen und neugierig macht Michael S. Cullens Frage: Wo liegt Hitler? Cullen, aus New York stammender Historiker und Journalist, hat sich intensiv mit der Berliner Stadt- und Kulturgeschichte befasst. Er geht dem komplexen Thema des öffentlichen Erinnerns und des kollektiven Vergessens nach, beispielorientiert und prägnant.
Zehn Titel sind erschienen, zwei neue kommen in diesen Wochen hinzu (der eine: Die Leserin. Das erotische Verhältnis der Frauen zur Literatur!). Das sind gute Aussichten – auf schöne Tage mit kleinen Büchern.
BIRGIT WEIDINGER
Die besprochenen Bände der Reihe „Essays” sind erschienen im Aufbau Verlag, Berlin 1999. Jeder Band hat ungefähr 120 Seiten, Preis pro Band 24 Mark.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Es gibt eine neue Thomas-Mann-Gesamtausgabe, die bisher umfangreichste, verkündet Wolfram Groddeck. Einige der auf 38 Bände angelegten Ausgabe sind nun erschienen und sie haben den Rezensenten vor allem im äußeren Erscheinungsbild sehr beeindruckt. Der St. Gallener Grafiker Jost Hochuli hat eine in Schrift und Layout überzeugende Arbeit geleistet, lobt Groddeck. Acht der 38 Bände haben die Herausgeber den Essays vorbehalten. Zwei Bände mit und zu den Essays aus den Jahren 1893 bis 1914 liegen nun vor, freut sich Groddeck, und enthalten einmal offensichtlich alle von Thomas Mann publizierten Aufsätze aus dieser Zeit sowie zum anderen einen umfangreichen Kommentar, der "eine Fülle von interessanten Detailinformationen" und "kenntnisreiche Anmerkungen" enthält, so Groddeck. Den Anspruch der Herausgeber, mit der neuen Gesamtausgabe die editorische Wissenschaft neu zu schreiben, findet Groddeck zwar etwas überzogen, doch an diesen beiden Bänden hat er nichts auszusetzen. Vor allem der Kommentar ist sorgfältig recherchiert, gesteht der Rezensent ein.

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