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Rumänien um die Mitte des 20. Jahrhunderts - Mircea Cartarescu erzählt die Geschichte seines Landes und seiner Kindheit in einem großen Prosaspektakel: Was als Selbsterkundung des 15-jährigen Mircea beginnt, entwickelt sich allmählich zu einem Epos, so phantastisch, wie es seit "Hundert Jahre Einsamkeit" nicht mehr zu lesen war. Die Stadt Bukarest wird zur Weltbühne, die Familiengeschichte zum Welttheater, gestaltet in vielerlei Nuancen, detailgenau, komisch und voller Poesie.…mehr

Produktbeschreibung
Rumänien um die Mitte des 20. Jahrhunderts - Mircea Cartarescu erzählt die Geschichte seines Landes und seiner Kindheit in einem großen Prosaspektakel: Was als Selbsterkundung des 15-jährigen Mircea beginnt, entwickelt sich allmählich zu einem Epos, so phantastisch, wie es seit "Hundert Jahre Einsamkeit" nicht mehr zu lesen war. Die Stadt Bukarest wird zur Weltbühne, die Familiengeschichte zum Welttheater, gestaltet in vielerlei Nuancen, detailgenau, komisch und voller Poesie.
  • Produktdetails
  • Orbitor Trilogie Bd.1
  • Verlag: Paul Zsolnay Verlag
  • Artikelnr. des Verlages: 551/05759
  • Seitenzahl: 528
  • Erscheinungstermin: 19. Juni 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 213mm x 133mm x 38mm
  • Gewicht: 651g
  • ISBN-13: 9783552057593
  • ISBN-10: 3552057595
  • Artikelnr.: 43130756
Autorenporträt
Cartarescu, Mircea
Mircea Cartarescu wurde 1956 in Bukarest geboren und lebt in seiner Heimatstadt. Zahlreiche Auslandsaufenthalte u. a. in Berlin, Stuttgart, Wien, Florenz. Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung (2015), Österreichischer Staatspreis für Europäische Literatur (2015), Thomas-Mann-Preis, Premio Formentor (beide 2018). Auf Deutsch erschienen zuletzt bei Zsolnay die "Orbitor"-Trilogie (2007 bis 2014) sowie der Erzählungsband Die schönen Fremden (2016). Im Herbst 2019 folgt sein Opus Magnum, der Roman Solenoid.

Csejka, Gerhardt
Gerhardt Csejka wurde 1945 in Guttenbrunn, Rumänien geboren. Redakteur der in Bukarest erscheinenden deutschsprachigen Zeitschrift Neue Literatur. Lebt seit 1986 in Deutschland. Für die Wissenden wurde er 2008 mit dem Übersetzerpreis der Kulturstiftung NRW ausgezeichnet.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 20.11.2007

Der Schmetterling an Mutters Hüfte
Endlich auf Deutsch: „Die Wissenden”, der erste Teil der Romantrilogie des rumänischen Autors Mircea Cartarescu, ignoriert auf belebende Weise alle Regeln der Erzählökonomie Von Hans-Peter Kunisch
Wenn Romane die Behauptung aufstellen, dass es nichts gibt, gar nichts, außer erfundener Realität, die einem nur von unzuverlässigen Garanten vermittelt werden kann, dann hat das oft seine guten philosophischen Gründe, den Büchern aber schadet es meist. Zu oft nehmen ihre Autoren diese Behauptung als Ausrede, sich im verquasten Nirgendwo aufzuhalten, statt dieses mitreißend zu gestalten.
Auch Mircea Cartarescu, 1956 in Bukarest geboren, stellt sich oft als Prophet des Vagen dar. Immer wieder erfindet er schöne Worte, um dessen Standpunkt in der Welt zu stärken: „Nichts, nichts existiert”, heißt es in seinem eben auf Deutsch erschienenen Roman „Die Wissenden” einmal aus dem Mund des geheimnisvollen „Albino”: „Wir sind dünne Spinnennetze, die der Wind bläht und zerreißt. Wir sind Interferenz-Farbsäume auf einer Seifenblase, vielfarbig, feucht, verzweifelt . . . Unsere Welt ist ohne Gewicht und ohne Sinn.”
Doch was man bei dieser Beschwörung des Nichtigen aller Existenz sofort merkt: Cartarescu schöpft aus dem Vollen. Wenn er vom Verschwinden des Realen erzählt, dann entsteht es in seinen Wörtern: „Ich hatte beim Gehen das Gefühl, durch mein eigenes Gehirn voranzuschreiten, als sei nichts wirklich oder als sei die Wirklichkeit von einem märchenhaften psychischen Zauberdekor überdeckt, wie zurechtgefeilte Zahnstümpfe von einer Prothese. Ich sah den Balkon mit den Oleandern, der auf den rosa Lehmrücken der beiden Atlasgestalten mit beharrtem Schambein ruhte. Auf dem Balkon stand ein derart vom Holzwurm zerfressener Schaukelstuhl aus Weidengeflecht, dass (…).”
Wenn es nichts gibt, muss man es schildern. Und Cartarescu mangelt es nicht an Einfallskraft, es mangelt ihm, das ist das Irritierende, literarisch überhaupt an sehr wenig. Er kann erzählen wie ein verträumter Realist auf den Spuren von Proust, er phantasiert wie ein wissenschaftsbesessener Science Fiction-Autor, der zu lange an Gothic-Novels gerochen hat. Dann zeigt er sich plötzlich als erstaunlich wacher Satiriker, der politische Zusammenhänge über die Figur eines zum Aufstieg entschlossenen Denkmalssäuberers darstellen kann.
Dabei hatte man bei Edward Kanterian doch gelesen, dass Cartarescu, ganz seiner Bevorzugung des Inneren gemäß, im Gespräch erklärt habe, auch im Rumänien Ceausescus sei „gute Literatur möglich” gewesen, die „sozialpolitische Dimension” von Geschriebenem sei zwar wichtig, bleibe, für sich gesehen, jedoch oberflächlich. Gute Literatur widme sich „der Welt schlechthin”, dem „tiefen Rätsel des Traumes und dem noch tieferen der Wirklichkeit.” Es sei für ihn im Westen immer wieder beschämend, als ehemaliger „Dissident” angesprochen zu werden. Er sei keiner gewesen. Worauf Kanterian Cartarescu als „Nicht-Dissident, aber auch Nicht-Kollaborateur” bezeichnet.
Nun ist die deutschsprachige Diskussion, mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung im Um- und Umwenden aller möglichen Haltungen eines Individuums zu diktatorischen Bedingungen, sich vielleicht zu klar über die systemstabilisierende Funktion sich „unpolitisch” gebender Künstler, als dass sie solche Literaturdefinitionen einfach akzeptieren könnte. Doch erneut lässt Cartarescus Praxis seine manchmal etwas grob gestrickte Theorie hinter sich.
Jahre vor dem Gespräch mit Kanterian hatte er „Die Wissenden”, das in Rumänien 1996 erschienen ist, vollendet. Und die Figur des Ion Stanila, der sich um Staub und Dreck auf den Stelen des personenkultverliebten Ostens kümmern muss, bevor er, von einer ebenso deftigen wie klugen Partei-Frau auf dem Karriereweg angetrieben, in den Jahrzehnten des Ceausescu-Kommunismus zum verantwortlichen Offizier der Securitate aufsteigt, vermag mehr auszudrücken als so manche Analyse. In Stanila, einer der Hauptfiguren des Romans, zeichnet Cartarescu die Alternative zum Schicksal des Vaters des Ich-Erzählers auf. Der, ebenfalls ein Bauernkind, sollte auch angeworben werden, wurde aber wegen gesundheitlicher Probleme zum „Zeitungsmann” degradiert. Stanila bedauert ihn, denn er hatte Glück, konnte sich über seine Estera auf seine Weise hoch schlafen. Als die Politik des Conducators immer antisemitischer wird, verwandelt Stanilas Frau ihren Namen in Emilia.
Die beiden beeindruckendsten Teile von Cartarescus Großwerk, das nur den ersten Teil einer Trilogie ausmacht, deren letzter Band in Rumänien im Sommer erschienen ist, sind jedoch jene, in denen der Ich-Erzähler den Beginn seiner Biographie nachvollzieht. Ebenso träumerisch wie genau vermittelt er die Wahrnehmung des Ausblicks vom dreiteiligen Panorama-Fenster des Zimmers im fünften Stock einer der vielen schmuddelgrauen Plattenbauten an der Stefan-cul-Mare-Chaussee in Bukarest. „In den Schaufenstern spiegelten sich gewöhnlich die wenigen, gelblich schimmernden Schlafzimmermöbel (. . . Tief hineingewölbt ins riesige Fenster, wirkte das Gelbe des Zimmers noch gelber, ich aber, ein spindeldürrer, kränklicher Junge, saß den ganzen Nachmittag im schäbigen Schlafanzug, mit einer ausgeleierten Weste darüber, auf dem Bettkasten der Couch und starrte pausenlos wie hypnotisiert mein Abbild im klaren Fensterglas an.” Die Wahrnehmung der Dinge ist so genau, dass sie die Illusion eines unmittelbaren Zugangs zur Erfahrung des jugendlichen Erzählers schafft: „Die Füße stützte ich auf den Heizkörper unter dem Fenster auf, so dass mir im Winter die Sohlen brannten und ich unterschwellig ein perverses Gemisch von Wohligkeit und Qual empfand. Mein Gesicht im Spiegel: schmal wie eine Klinge, violett umrandete Augen.”
Wie ein klassischer Illusionsmaler, der aus seinen Erinnerungen schöpft, tastet sich der Erzähler in Nicht-Erlebtes zurück. So gelingt auch der nächste Nostalgie-Schritt, der Abstieg in die Welt der Mutter vor seiner Geburt. Die Mutter kommt zusammen mit ihrer Schwester vom Land, beginnt als Schneiderin, lernt auf dem Innenhof vor ihrem Zimmer die Schicksale junger Stadt-Mädchen Mitte der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts kennen, die Wahl zwischen Hilfsarbeiten und Hurendasein. Die beiden Schwestern geraten über die Zugneigung einer lesbischen Sängerin in schummrige, sado-masochistische Halbwelten.
„Wir sind nostalgische Tiere”, sagt der Ich-Erzähler einmal zu seinem Vergangenheits-Verfallensein, und meint, wir stünden „zwischen Vergangenheit und Zukunft wie der wurmförmige Körper eines Schmetterlings zwischen seinen beiden Flügeln.” Immer wieder verknüpft Cartarescu, der sich schon als verhinderter Entomologe bekannt hat, Wissenschaft und Erfindung. Das bringt einen Wechsel der Stilebenen mit sich. Dass wir „Larven eines Astralleibs” seien, heißt es, werde am „verlängerten Mark unseres Hirnstammes” deutlich. Aber zugleich wird die Wichtigkeit des Schmetterlingsmotivs wieder von der Mutter abgeleitet: „An Mutters linker Hüfte gab es einen großen rosa-violetten Fleck, der die Form eines Schmetterlings hatte.”
Die ganze Trilogie ist für Cartarescu ein Schmetterling: „Linker Flügel”, „Körper” und „rechter Flügel”, heißen die Untertitel der einzelnen Teile, was natürlich auch an einen Flügelaltar denken lässt. Im Rumänischen wird er nicht durch den markanten Titel „Die Wissenden” zusammen gehalten. „Orbitor” heißt eher „blendendes Licht.” Einen Schmetterling, geblendet im Licht, so könnte man die Trilogie vielleicht nennen. Was auch ihre Probleme, schon diejenigen einzelner Teile, bezeichnet.
Denn kein Zweifel, Cartarescu, der stilistisch alles kann, geht gerne weit. Er habe ohne Plan geschrieben, kaum redigiert, erzählt er stolz. Und man merkt das in mindestens zweierlei Hinsicht. Das Buch ist unglaublich frei. Gerät es auf eine Schiene, schwelgt es auf ihr Dutzende von Seiten lang, ohne Rücksicht auf Gedanken an so etwas Mattes wie „Ökonomie”. Das ist manchmal anstrengend, aber auch belebend.
Wirkt Cartarescu anfangs wie der Proust einer Kusturica-Welt, so erinnert nach einigen hundert Seiten auch das Erzählverfahren selbst an Filme wie „Underground”. Geschichten quellen überall her. Am besten fliegt er, denkt man sich manchmal, wenn er sich nah über dem Boden hält, bei seinen Sinnen bleibt. Doch Cartarescu lässt seinen Schmetterling überall landen und steigen, wann immer der die Lust dazu verspürt.
Mircea Cartarescu
Die Wissenden
Roman. Aus dem Rumänischen
von Gerhard Csejka. Paul Zsolnay
Verlag, Wien 2007. 527 Seiten,
24,90 Euro.
„Mein Gesicht im Spiegel: schmal wie eine Klinge, violett umrandete Augen”
Cartarescu hat sich als verhinderter Entomologe freimütig geoutet. Foto: Bastian/Caro Fotoagentur
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Dass Mircea Cartarescu ein literarischer Könner ist, steht für Rezensent Hans-Peter Kunisch außer Frage, den ersten Band der Trilogie "Die Wissenden" lässt er aber nicht ganz kritiklos davonkommen. Gelungen findet er die Figur Ion Stanilas, eines Denkmalsäuberers in Ceausescus Rumänien, der sich über eine zur Partei gehörige Frau zum Offizier der Securitate praktisch hochschläft. Dieser Ion Stanila wird kontrastiert mit dem Vater des Ich-Erzählers, einem Bauernsohn, der den Aufstieg zum Offizier nicht schafft und sich als Zeitungsausträger verdingen muss. Angetan ist er auch vom ersten Teil der Biografie des Erzählers, die auch den Sprung in "Nicht-Erlebtes", das Leben seiner Mutter in "schummrigen Halbwelten", schafft. Die sehr freie Schreibweise findet er "manchmal anstrengend, aber auch belebend". Aber für seinen Geschmack hätte Cartarescu den "Proust einer Kusturica-Welt" etwas weniger heraushängen lassen und sich stattdessen öfter "nah über dem Boden" halten können.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Die außerordentliche Sprachmacht Cartarescus findet zudem in der Übersetzungskunst Gerhardt Csejkas ein ideales Pendant."
Ostsee-Zeitung 03./04.04.2010