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"Die Geschichte eines hochbegabten Selbstzerstörers." Thomas Hüetlin, Der Spiegel.
Populär war er schon immer, mittlerweile erkennt man seinen weltliterarischen Rang: Der Autor Hans Fallada wurde in den letzten Jahren noch einmal völlig neu entdeckt. Es ist Zeit, sich auch seiner Biographie neu zu nähern und das reiche, bislang unerschlossene Material auszuwerten. So schärfen sich selbst für den Kenner die Konturen und schließen sich die Lücken.
Hier der von seinen Dämonen bedrängte Künstler, Frauenheld, Opportunist, Ex-Sträfling und Morphinist, dort der respektierte Landwirt, liebende
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Produktbeschreibung
"Die Geschichte eines hochbegabten Selbstzerstörers." Thomas Hüetlin, Der Spiegel.

Populär war er schon immer, mittlerweile erkennt man seinen weltliterarischen Rang: Der Autor Hans Fallada wurde in den letzten Jahren noch einmal völlig neu entdeckt. Es ist Zeit, sich auch seiner Biographie neu zu nähern und das reiche, bislang unerschlossene Material auszuwerten. So schärfen sich selbst für den Kenner die Konturen und schließen sich die Lücken.

Hier der von seinen Dämonen bedrängte Künstler, Frauenheld, Opportunist, Ex-Sträfling und Morphinist, dort der respektierte Landwirt, liebende Familienvater, sich unter Lebensgefahr vom Alptraum des Dritten Reichs freischreibende Nazi-Gegner - die dramatische Biographie einer zerrissenen Persönlichkeit.

"Unfassbar material- und detailreich." Jens Bisky, Süddeutsche Zeitung.

"Die hervorragende Biographie eines zerrissenen und faszinierenden Menschen und Künstlers." Friedmar Apel, F. A. Z.

In den letzten Jahren sind zahlreiche Dokumente aufgetaucht, die ein neues Licht auf Falladas Leben werfen. Sie kamen erst spät in die Archive oder waren bislang gesperrt. Der Biograph Peter Walther hat sie gesichtet und kann nun ganze Lebensabschnitte und Ereignisse genauer und farbiger als bisher ausleuchten: Falladas Lehrjahre als Gutseleve, die Monate des Reichsarbeitsdienstes und das tragische Ende der Ehe mit seiner ersten Frau Suse. Falladas Leben kann nun dicht an den Quellen neu erzählt werden.
Als 1932 mit "Kleiner Mann - was nun?" sein erster Welterfolg erscheint, liegt ein bewegtes Leben hinter ihm: Psychiatriezeiten und Gefängnisaufenthalte, Arbeit als Annoncenjäger und Lokaljournalist. Im Dritten Reich schwankt er lange zwischen Weltflucht und Anpassung. Vor Kriegsende entsteht seine politische Abrechnung mit den Nazis, in der Stunde null sein Buch über den Widerstand eines Arbeiterehepaares gegen das Hitler-Regime: "Jeder stirbt für sich allein" wird erst sechs Jahrzehnte später ein Welterfolg und Falladas einzigartiges Vermächtnis.

"Packend und detailliert erzählt Peter Walther dieses schier unglaubliche Leben." Natascha Geier, Kulturjournal (NDR)

"So detailreich sind Aufschwünge und Abstürze Falladas, sind die Begleitumstände seines Werks bisher nicht geschildert worden." Jens Bisky, Süddeutsche Zeitung.
  • Produktdetails
  • Aufbau Taschenbücher .3416
  • Verlag: Aufbau Tb
  • Artikelnr. des Verlages: 656/3, 656/33416
  • Seitenzahl: 515
  • Erscheinungstermin: 16. Februar 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 131mm x 45mm
  • Gewicht: 570g
  • ISBN-13: 9783746634166
  • ISBN-10: 3746634164
  • Artikelnr.: 49846956
Autorenporträt
Walther, Peter
Peter Walther, geboren 1965 in Berlin, studierte u. a. in Falladas Geburtsstadt Greifswald Germanistik und Kunstgeschichte und wurde 1995 in Berlin promoviert. Zusammen mit Birgit Dahlke, Klaus Michael und Lutz Seiler gab er die Literaturzeitschrift "Moosbrand" heraus. Heute leitet er gemeinsam mit Hendrik Röder das Brandenburgische Literaturbüro in Potsdam. Er ist Mitbegründer des Literaturportals "literaturport" und veröffentlichte Bücher zur Geschichte der Fotografie sowie zu Schriftstellern wie Johann Wolfgang von Goethe, Peter Huchel, Günter Eich und Thomas Mann.
Rezensionen
" Die Biographie ist hervorragend geeignet Falladas Büchern eine neu Lesegeneration zuzuführen. " SALVE - Zeitschrift der benediktinischen Gemeinschaften Einsiedeln und Fahr 20180611

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 08.04.2017

Wie Hans Fallada versuchte, den Teufel zu betrügen
Peter Walther beschreibt das schwierige Leben des Rudolf Ditzen, der unter seinem Pseudonym weltberühmt ist

Hugo von Hofmannsthal hat seinem vielbewunderten Jugendwerk später eine gewisse Unverantwortlichkeit bescheinigt, die er unter dem Begriff der Präexistenz zu fassen suchte. Er hat vermutlich nie erfahren, dass sich 1911, mit Versen aus seinem lyrischen Drama "Der Tor und der Tod" noch auf den Lippen, zwei jugendliche Freunde in einem fingierten Duell gegenseitig totschießen wollten. Hanns Dietrich von Necker kam dabei ums Leben, aber Rudolf Ditzen, der sich als Schriftsteller Hans Fallada nennen sollte, überlebte, obwohl er sich noch zweimal selbst in die Brust geschossen hatte.

Mit diesem Vorfall eröffnet Peter Walther, der Leiter des Brandenburgischen Literaturbüros, seine meisterliche Fallada-Biographie. Die Begebenheit erscheint als eine Schlüsselszene der Entwicklung Ditzens und seiner Neigung, "bei äußeren Problemen nach innen zu fliehen" und sich in Fiktionen zu betrachten. Dabei entstammte er einem gutsituierten Elternhaus. Obwohl liebevoll erzogen, war er ein schwieriges und verschlossenes Kind, das es in der Schule schwer hatte, jedoch früh durch geistige Interessen auffiel. Auch warfen ihn Krankheiten in der Entwicklung zurück - und ein Unfall mit einem Pferdefuhrwerk, nach dem er wie dann auch nach der Schussverletzung mit Morphium behandelt wurde, was wahrscheinlich der Ursprung seiner lebenslangen Suchtprobleme war.

Ditzen hatte sich schon früh als Dichter betrachtet. Er schrieb Verse in Hofmannsthals Manier, vor allem begann er schon früh mit einer "gnadenlosen Selbstbeobachtung", die schriftlich festgehalten wurde. Schon nach der Konfirmation ersetzte er den christlichen Glauben "durch einen bei Nietzsche, Hofmannsthal und Oscar Wilde zusammengelesenen Kraft- und Schönheitskult" und imaginierte sich als zynischer Dandy.

Nach dem "Duell" musste er mit einer Mordanklage rechnen, jedoch bescheinigte ihm der renommierte Schweizer Nervenarzt Otto Binswanger eine "Gemütsdepression mit ausgesprochenen Zwangsvorstellungen". So wurde Ditzen für strafunmündig erklärt und in die Nervenheilanstalt eingewiesen. Aber auch dort trug er sich weiterhin mit Selbstmordgedanken. Dann aber korrespondierte er wegen einer Übersetzung von dessen Michelangelo-Biographie mit Romain Rolland, der ihm Künstlertum bescheinigte: "Ich erkenne das Licht, das in Ihren Augen leuchtet." Ditzen lässt sich Briefpapier mit der Berufsbezeichnung "Schriftsteller" drucken.

Nach Ausbildungsstationen in der ostelbischen Landwirtschaft beginnt Ditzen ein selbständiges Leben in Berlin. Nun zeigt sich die zweite große Sucht, "dieses zitternde Auf und Ab der Zweigeschlechtlichkeit". Walther zufolge bildet sich hier ein lebenslang praktiziertes Muster im Verhältnis zu Frauen heraus, in dem sich Ditzen "zum scheinbar passiven Teil der Beziehung, zum kleinen Jungen" reduziert. Im Berlin der letzten Kriegsjahre kursiert ohnehin der Morphiumkonsum, dem auch er schnell verfällt.

1917 beginnt er mit einem Roman über die "Leiden eines jungen Mannes in der Pubertät". Einerseits ein Modesujet seit der Jahrhundertwende, andererseits eine Aufarbeitung der eigenen Kindheit und Jugend mit allen Nöten der Außenseiterrolle, der Entfremdung von den Eltern und der sexuellen Bedrängnisse. Der Text wird 1920 mit dem Titel "Der junge Goedeschal" und unter dem Namen Hans Fallada erscheinen. So wird er sich von nun an selbst zur Kunstfigur. "Das bürgerliche Subjekt Rudolf Ditzen verschwindet dahinter und bleibt höchstens noch für das private und geschäftliche Umfeld des Autors sichtbar. Unter dem Namen Hans Fallada wird Ditzen über sich und sein Leben schreiben können, er kann sogar selbst als Figur in seinen Büchern auftreten." Der Pechvogel als Hans im Glück und als Pferdekopf, der die Wahrheit spricht - das ist "die Person, die er gern hätte sein wollen".

Bald aber holt ihn das Ungemach wieder ein. Als geschätzter Angestellter eines Gutes in Neu Schönfeld bei Bunzlau begeht er Unterschlagungen, um seine Drogensucht zu finanzieren. Die Strafe verbüßt er in seiner Geburtsstadt Greifswald. Auch die Haft literarisiert er mit Oscar Wildes "Ballade vom Zuchthaus zu Reading" und mit unablässiger Beobachtung seiner selbst und der Mitgefangenen. 1925 erscheinen die Erträge, darunter "Stimme aus den Gefängnissen". Nach erneuten Unterschlagungen, derer er sich selbst bezichtigte, kommt es aber zu einer weiteren Haftstrafe, die Ditzen bejaht, um von den Drogen wegzukommen und ein neues Leben anzufangen. Während der zweijährigen Haft in Neumünster darf er nicht schreiben, findet aber reichlich Anschauung für seinen späteren Roman "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst".

Neumünster markiert einen entscheidenden Wendepunkt. Der Gefängnisdirektor selbst besorgt Ditzen eine Anstellung als Annoncenwerber bei der Lokalzeitung, vor allem aber verlobt er sich mit Anna Issel, genannt Suse. Mit 35 Jahren ist er zum ersten Mal "uneingeschränkt glücklich". Fortan scheint es bergauf zu gehen. 1932 wird Fallada mit "Kleiner Mann - was nun?" weltberühmt. Ein Erfolg, der bis heute anhält.

"Der Übergang war zu plötzlich", erinnert sich Fallada später. Vor allem aber geriet das Buch ins Visier der Nazis. Der Kulturfunktionär Hanns Johst bezeichnete den Helden als Waschlappen: "Der Blickpunkt auf diese Minderwertigkeit" sei überlebt. "Nicht dieses lasche Mitleid mit den wehrlosen Opfern ihrer Umwelt, sondern das Leiden wehrhafter Charaktere gilt es endlich einmal wieder zu gestalten." Dabei hatte Fallada wie sein Verlag darauf Wert gelegt, sich auf keine politische Richtung festzulegen. Wie viele andere nahm Ditzen die Nazis zunächst nicht ernst. Im April 1933 aber wird er von der SA verhaftet. Einmal wieder im Gefängnis, nimmt er sogleich den Stoff zu "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" wieder auf. In der Folge erleidet er neue Nervenzusammenbrüche. Die Aufnahme des Romans lässt sich 1934 zunächst gut an, doch schnell melden sich die NS-Kritiker wieder: Der Held sei "einer von der Sorte degenerierter Menschen, für die wir heute Sicherungsverwahrung haben".

Fallada beginnt nun, sich "in der neuen politischen Wirklichkeit einzurichten", zunächst, indem er sich wichtige Werke der NSDAP anschafft, darunter "Mein Kampf". 1935 aber wird er zum "unerwünschten Autor" erklärt. Er erwägt die Emigration, entscheidet sich aber dagegen; sein Gut Carwitz, auf dem er sich eine freilich immer bedrohte Idylle erschaffen hatte, und "die emotionale Bindung an die Heimat, die Furcht vor dem Ausgestoßensein" sind für Walther glaubhafte Motive dafür. Der Preis ist ein Rückfall in schlimmste Depressionen. Die Momente des Glücks mit Suse und den beiden Kindern auf Carwitz sind rar.

Obwohl weiterhin seine "zweifelhafte Einstellung zum Nationalsozialismus" moniert wird, schickt man ihn als hofierten Sonderführer im Reichsarbeitsdienst nach Frankreich. Die Erlebnisse dieser Zeit werden in der Biographie erstmals geschildert. Fallada genießt die Annehmlichkeiten. In Briefen schlägt er nun nationalistische Töne an, um die Zensur irrezuführen, wie er später behauptet. Schließlich willigt er ein, auf Geheiß von Goebbels einen antisemitischen Propagandaroman um den Juden Kutisker zu schreiben, zu dem Fallada bereits recherchiert hatte. Er versucht, den Teufel zu betrügen, spielt auf Zeit, schließlich kommt ein "nicht antisemitischer antisemitischer" Text dabei heraus. In "Doppeldeutigkeiten wie diesen bleibt sein ganzes Zusammenwirken mit dem Propagandaapparat der Nationalsozialisten befangen." Der Biograph hat keinen Zweifel, dass Fallada die Nazis verabscheute, doch zeitweise der Indoktrination erlag.

Derweil gibt es wieder Abstürze in die Sucht. Er betrügt Suse und lässt sich scheiden, schließlich schießt er im Wahn auf sie. 1945 heiratet er Ulla Losch, mit der er die Süchte teilt. Das Kriegsende bringt keine Ruhe in sein Leben. Von den Russen wird er zum Oberbürgermeister von Feldberg und weiteren Gemeinden gemacht. Nach vier Monaten flüchtet er abermals in die Morphiumsucht, 1946 absolviert er mehrere Entziehungskuren. Durch die Freundschaft mit Johannes R. Becher gerät er wieder in die Politik. Mit unbegreiflicher Energie schreibt er währenddessen Erzählungen und vor allem seine Abrechnung mit dem Nationalsozialismus, den Roman "Jeder stirbt für sich allein". Am 5. Februar 1947 stirbt Rudolf Ditzen in einem Berliner Krankenhaus.

Peter Walther beschreibt seinen Helden keineswegs unkritisch, urteilt aber mit Respekt und großem Erbarmen. "Fallada ist am Leben mit einer Größe gescheitert, wie sie nur wenige aufbringen, die es mit Erfolg bewältigen." Das ist nicht der geringste Vorzug dieser hervorragenden Biographie, die sehr verschiedene Bilder eines zerrissenen und faszinierenden Menschen und Künstlers entwirft, ohne sie gewaltsam zur Deckung bringen zu wollen.

FRIEDMAR APEL

Peter Walther: "Hans Fallada". Die Biographie.

Aufbau Verlag, Berlin 2017. 528 S., Abb., geb., 25,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 21.01.2017

Schreibsucht
Peter Walther erzählt unfassbar material- und detailreich
das Leben des groß scheiternden Hans Fallada
VON JENS BISKY
Im Oktober 1911 schossen der Gymnasiast Rudolf Ditzen und sein Freund Hanns Dietrich von Necker aufeinander, als würden sie sich duellieren. Sie hatten keine Sekundanten dabei. Der erste Schuss ging vorbei, ein zweiter traf von Necker, Ditzen schoss sich zweimal in die Brust, kam wieder zu Bewusstsein, rief um Hilfe und überlebte. Der Freund starb. Der als Duell getarnte Versuch eines Doppelselbstmords passte in die Zeit. Schuldruck und die Nöte des Heranwachsens waren beliebte literarische Sujets, 100 Jahre nach dem dramatisch inszenierten Ende Heinrich von Kleists und Henriette Vogels. Zwei deutsche Schriftsteller traten ins Erwachsenenleben mit einer missglückten Kleist-Imitation: Johannes R. Becher und eben Rudolf Ditzen, der seine Bücher unter dem Pseudonym Hans Fallada veröffentlichen würde.
1911 wurden die Mitschüler befragt, was sie über den Ditzen wüssten. Der habe, gab einer zu Protokoll, behauptet, dass es keine Charaktere gäbe, „der Mensch könne heute so, morgen so sein“.
Mag Falladas Leben auch in viele Situationen und einander widersprechende Rollen zerfallen, so gab es doch – heute so, morgen so – zwei ständige Begleiter: die Sucht und das Schreiben, eine Schreibsucht. Er hat in der Schule damit begonnen, sein erster Roman, „Der junge Goedeschall“, erschien 1920, seinen letzten schrieb er 1946 in knapp vier Wochen.
Den Drogen entkam er immer nur auf Zeit, dem Morphium, dem Alkohol, nie den Zigaretten – gern 120 am Tag und mehr. Er war, schreibt sein Biograf Peter Walther, ein disziplinierter Arbeiter, respektierter Landwirt, liebender Familienvater, sorgender Hausvorstand, und er war ein von Dämonen bedrängter Künstler, Frauenheld, politischer Opportunist, ein Tobsüchtiger auch: „Fallada ist am Leben mit einer Größe gescheitert, wie nur wenige sie aufbringen, die es mit Erfolg bewältigen.“
In den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren ist Fallada neu entdeckt worden. „Jeder stirbt für sich allein“ wurde ein Erfolgsbuch in den USA, Großbritannien, Israel. In Deutschland erschienen ungekürzte Roman-Fassungen sowie eine Fülle biografischen Materials: Krankenakten, Briefe, das Gefängnistagebuch des Jahres 1944. Der Germanist Peter Walther hat darüber hinaus die rund 8000 Briefe im Fallada-Archiv gesichtet; er hat die Korrespondenz mit Siegfried Kracauer ausgewertet, der die Angestellten-Welt soziologisch beschrieb, bevor Fallada in „Kleiner Mann – was nun?“ Sicherheitshoffnungen und Abstiegserfahrungen gestaltete. Auch aus dem kurzen Briefwechsel mit dem Nazi-Narren Will Vesper wird zitiert, der 1934 „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ und seinen Verfasser bös attackierte. So detailreich sind Aufschwünge und Abstürze Falladas, sind die Begleitumstände seines Werks bisher nicht geschildert worden. Das ermüdet gegen Ende etwas, schon wieder ein verzweifelter Klinikaufenthalt, den der Autor bald abbricht, schon wieder eine Frauengeschichte. Aber Walther überzeugt mit auktorialer Zurückhaltung, er erklärt, ohne zu belehren, erzählt behutsam, ohne dramatisierende Tricks und Einfühlungskitsch, im historischen Präsens.
1929 war das entscheidende Jahr dieses Lebens. Der 35-Jährige, der eine Haftstrafe wegen Unterschlagungen abgebüßt hatte, führt nun im überschaubaren Neumünster ein halbwegs geregeltes Leben als Annoncen- und Abonnentenwerber. Im April heiratet er sein „Lämmchen“, Anna Issel. Eine Zufallsbegegnung mit seinem Verleger Ernst Rowohlt bringt ihn zurück ins Literarische, aber diesmal bespiegelt er sich nicht selbst, sondern findet mit „Bauern, Bonzen und Bomben“ seine Manier des scharf beobachteten, in Dialogen voranschreitenden, effektischeren Erzählens. Der Roman wird ein Erfolg, vor allem bei den Kritikern. 1932 dann gelingt der Durchbruch mit „Kleiner Mann – was nun?“. Fallada wird prominent, die Einnahmen sprudeln, er kann seine Schulden tilgen. Die kleinen Leute fühlen sich verstanden, er ist der Autor der Stunde.
Dabei kam er aus guten Verhältnissen, geboren als Sohn eines zielstrebigen Landrichters, der sich vorgenommen hatte, am Reichsgericht zu arbeiten und 1909 dann Reichsgerichtsrat wurde. Doch der Sohn, das dritte Kind, bereitet früh schon Schwierigkeiten, offenbart eine überspannte Fantasie, die sich um die Grenzen zwischen Dichtung und Wirklichkeit nicht schert. Er spinnt Pennälerintrigen, kokettiert mit Selbstmord und Dandytum, fasst eine Aversion gegen die Eltern, die sich nicht zu helfen wissen.
Was haben sie falsch gemacht? Kurzschlüsse zwischen Leben und Werk stimmen skeptisch, aber wenn Peter Walther in der Figur des Kammergerichtsrats Fromm aus „Jeder stirbt für sich allein“ Züge des Vaters Ditzen erkennt, überzeugt dies. Fromm tut das Richtige, er versteckt eine jüdische Nachbarin in seiner Wohnung und erteilt ihr die Anweisung, ihr Zimmer niemals zu verlassen. Er hilft, aber verweigert Zuwendung. Die „Kälte, mit der das menschlich Gebotene umgesetzt wird, die rein juristische Grundierung von Güte“ habe der junge Fallada auch seinem Vater vorgeworfen.
Die Eltern ließen den problematischen Sohn nicht im Stich. Die Mordanklage nach dem versuchten Doppelsuizid wurde wegen Unzurechnungsfähigkeit fallen gelassen, Rudolf Ditzen kam in eine Nervenheilanstalt, wurde dann Gutseleve – und wahrscheinlich ab Sommer 1917 Morphinist mit all den Beschaffungs- und Entzugsproblemen.
Falladas Leben erinnert an einen Seiltänzer, der regelmäßig den Absprung sucht, als müsse unter ihm noch ein Seil aufgespannt sein, auf dem er gerade noch zum Stehen kommen könnte. Die Detailversessenheit dieser Biografie bewährt sich vor allem, wenn es um Hans Falladas Existenz im Dritten Reich geht. Er war ein Erfolgsautor der Weimarer Republik, mit Sympathien für die linken Kräfte. Im April 1933 wird er von der SA verhaftet. Sein Vermieter hatte ihn denunziert, um Schulden loszuwerden. Fallada hatte einen Teil der Hypotheken des Denunzianten erworben. Er kommt davon, erwirbt bald darauf ein Anwesen in Carwitz, wird Landwirt, bleibt Schriftsteller und in Deutschland, trotz einiger Angriffe in der Presse.
Wie Anpassung vor sich geht, wo die Grenzen des Mitlaufens sind und wie diese doch überschritten werden, lässt sich an Fallada Schritt für Schritt nachvollziehen. Er schreibt wie besessen, verdient prächtig, wird in Carwitz schikaniert, schreibt weiter. Als Sonderführer des Reichsarbeitsdienstes fuhr Fallada 1943 nach Frankreich, seine Briefe und Aufzeichnungen verraten die Sucht nach offizieller Anerkennung, die Bereitschaft, sich das Gesehene zurechtzulügen, dem alltäglichen Konformitätsdruck nachzugeben: „Ich habe diese Nacht diese Jungens auf den Fliegerhorsten mit erlebt ... das alles kann nicht umsonst sein, wir sind die Herren der Welt, bestimmt Europas. Nur ein bisschen mehr Zeit und Geduld.“
Das habe er für die Zensur geschrieben, sagt er nach dem Krieg. Aber er hat im Auftrag des Propagandaministeriums Material für einen Roman über den Fall Kutisker gesammelt, einen Skandal der Zwanzigerjahre. Er schreibt bis 1945 an dem Buch, vom Manuskript ist nichts überliefert. Der Lektor des Heyne-Verlags war von den ersten Textteilen begeistert. Gelungen sei es, „einen nicht antisemitischen antisemitischen Roman“ zu schreiben. Das meinte für die Auftraggeber nicht aufdringlich, nicht propagandistisch, Fallada wollte „nur scheinbar antisemitisch“ verstehen.
Sucht und Ehekrisen haben ihn weiter im Griff. Einmal schießt er in Richtung seiner Frau, wird verhaftet, im Gefängnis schreibt er besessen, schreibt sich den Hass auf den Nationalsozialismus von der Seele, schreibt den „Trinker“.
Es sei „das hervorstechende Merkmal der Nationalsozialisten“, notiert er im Gefängnis, „mit den Menschen wie mit Schlachtvieh umzugehen“. Dass der Rowohlt-Lektor Paul Mayer und der Verleger Leopold Ullstein angesichts der Verfolgung zusammenrückten, erklärt er sich mit der „Blutverschiedenheit“, die die Juden selbst fühlen würden. Dieser Autor eines großen antifaschistischen Romans war zugleich empfänglich für antisemitische Phrasen und Bilder.
Er spürt, dass er zu sehr nach Geld und Erfolg geschielt hat, er weiß, dass er seine Frau kränkt, und lässt sich einer Jüngeren wegen scheiden. Sein Biograf folgt ihm bis in die letzten Abstürze. Johannes R. Becher hat Fallada am Ende geholfen wo es ging und über ihn gesagt, er habe gelebt „in der Fülle seiner Gesichte“. Die Literaturgeschichte spricht von „neuer Sachlichkeit“.
Peter Walther: Hans Fallada. Die Biographie. Aufbau Verlag, Berlin 2017. 527 Seiten, 25 Euro. E-Book 18,99 Euro.
Der Traum, ein
großer Künstler zu
werden, ist ausgeträumt.
Ich bin auch nur
ein Bücherschreiber
wie so viele.
Vielleicht habe ich zu
sehr nach Geld
und Erfolg geschielt …“
HANS FALLADA IM MAI 1944
Die Nationalsozialisten, notiert
er, gingen mit den Menschen
wie mit Schlachtvieh um
Hans Fallada, gezeichnet von O.E. Plauen.
Foto: akg-images
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