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Liebe Leserin, lieber Leser aus der westlichen Welt! Eine Warnung möchte ich vorwegschicken: Ich bin nicht gerade dafür bekannt, anderen das Leben leichter zu machen. Wer nach Wahrheiten sucht, die er (oder sie, das ist hier einerlei) bereits zu kennen glaubt, nach Beweisen, die er ohnehin in der Hand zu haben meint, wen es danach verlangt, orientalistische Sichtweisen bestätigt oder antiarabische Vorurteile gestärkt zu sehen, wer erwartet, einmal mehr das alte Schlaflied vom "Kampf der Kulturen" vorgesungen zu bekommen, dem sei geraten, gleich hier und jetzt mit dem Lesen aufzuhören. Denn in…mehr

Produktbeschreibung
Liebe Leserin, lieber Leser aus der westlichen Welt!
Eine Warnung möchte ich vorwegschicken: Ich bin nicht gerade dafür bekannt, anderen das Leben leichter zu machen. Wer nach Wahrheiten sucht, die er (oder sie, das ist hier einerlei) bereits zu kennen glaubt, nach Beweisen, die er ohnehin in der Hand zu haben meint, wen es danach verlangt, orientalistische Sichtweisen bestätigt oder antiarabische Vorurteile gestärkt zu sehen, wer erwartet, einmal mehr das alte Schlaflied vom "Kampf der Kulturen" vorgesungen zu bekommen, dem sei geraten, gleich hier und jetzt mit dem Lesen aufzuhören. Denn in diesem Buch werde ich alles daran setzen, Erwartungen zu enttäuschen. Ich werde Illusionen zerstören, Träume entzaubern, Schreckgespenster verjagen und vorgefertigte Meinungen demontieren. Wie? Ganz einfach, indem ich, und das nur für den Anfang, das Folgende erzähle...
Autorenporträt
Joumana Haddad, 1970 in Beirut geboren, ist Feuilletonistin der Zeitung Al-Nahar und Herausgeberin der Zeitschrift JASAD (Körper), die sie 2009 gründete. Als Journalistin und polyglotte Übersetzerin arbeitete sie mit großen Schriftstellern wie Umberto Eco, Wole Soyinka, Paul Auster, José Saramago und Mario Vargas Llosa. Als Lyrikererin veröffentlichte sie mehrere Gedichtbände; einige wurden in alle europäischen Hauptsprachen übersetzt.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 09.11.2010

Eine Kampfansage gegen die körperfeindlichen Strukturen in der arabischen Welt

Autobiographisch überzeugend, politisch naiv: Joumana Haddad stellt sich mit dem Bericht ihrer Selbstbefreiung forsch zwischen alle Stühle, macht sich weder mit den Klischees westlicher Islamkritik noch mit jenen der arabischen Apologetik gemein.

Zwei Lieblingsbeschäftigungen hatte sie als Kind, die unbedingt die Einsamkeit erfordern, um voll genossen zu werden: Lesen und Masturbieren. Die aufgeklärteste Pädagogik erscheint bieder im Vergleich zum Programm, das sich Joumana Haddad im Alter von zwölf - die Israelis belagerten in jenem Jahr 1982 ihre Heimatstadt Beirut - selbst auferlegte. Kaum hatte sie nämlich Balzac ausgelesen, entdeckte sie in der Bibliothek ihres Vaters de Sade: "De Sade griff mich an den Schultern und sprach: ,Die Phantasie ist dein Königreich. Alles ist möglich.'"

Der alte Franzose sollte recht behalten: Für Joumana Haddad schien fortan nichts mehr unmöglich, geschweige denn indezent: weder als Frau in einem arabischen Gedicht das Wort "Penis" zu benutzen noch die Herausgabe einer in Beirut erscheinenden Hochglanzzeitschrift mit dem Titel "Körper" - kein Pornoheft, aber doch eine lustvolle Durchkreuzung aller nahöstlichen Tabus, die sich um den Körper und die Sexualität ranken. Das jetzt auf Deutsch erschienene Bekenntnisbuch der 1970 geborenen libanesischen Schriftstellerin hat denn auch mehr von einem J'accuse, einer Anklage, als von einer Confessio, einer Beichte. Es ist ein kleiner, wilder Leserausch, der unser Bild von der arabischen Welt auf den Kopf stellen will - und es zumindest ein Stück vom angestammten Platz wegrückt.

Die Frage einer schwedischen Journalistin, ob es als arabische Frau überhaupt möglich sei, eine erotische Zeitschrift zu machen, war der Anlass für diese ,Ermordung' Scheherazades, der Erzählerin der Geschichten von "1001 Nacht", die hier (ein wenig mutwillig freilich) als Symbolfigur für das westliche Orientphantasma begriffen wird. Joumana Haddad erklärt ihren journalistischen Mut aus ihrem biographischen Werdegang.

Aber das Buch ist mehr als die Darstellung von Haddads Selbstbefreiung und auch mehr als die Widerlegung der westlichen Klischees von den unterdrückten arabischen Frauen. Es ist vor allem eine Kampfansage an die herrschenden, körper- und frauenfeindlichen Strukturen in der arabischen Welt, die es schonungslos benennt, eine Kampfansage auch an Klischees und Verallgemeinerungen. "Die" arabische Frau gibt es nicht: "Ich bin nicht einmal eine typische Vertreterin meiner selbst!"

Der mit ebenso viel Herzblut wie Wut geschriebene Essay wird allerdings von der Dialektik zwischen individueller Befreiung und gesellschaftlicher Unterdrückung fast zerrissen: Einerseits zeichnet Haddad in den autobiographischen Partien das Bild einer tabulosen, befreiten Frau, andererseits beklagt sie gleichzeitig die Unüberwindbarkeit der Tabus; einerseits empört Haddad sich zu Recht über die westlichen Klischees, andererseits muss sie zugleich feststellen: Vieles davon stimmt, und alle Frauen in der arabischen Welt leiden darunter, vor allem sie selbst; einerseits fordert sie zu Recht Aufklärung für die eigene Gesellschaft, andererseits wehrt sie sich gegen den verächtlichen Blick von außen, der die Araber als hoffnungslos unaufgeklärt abtut.

Als gebürtige Christin droht ihr zudem immer der Einwand, sie könne nicht für die muslimische Araberin sprechen und verdanke ihre Freiheit der größeren Toleranz des Christentums. Klug nimmt sie diesen Einwand vorweg und entgegnet scharf: "Gibt es einen echten, wesentlichen, letztendlichen Unterschied zwischen der Situation muslimischer und christlicher arabischer Frauen? Ich fürchte, den gibt es nicht." Hier nur eines von den vielen Beispielen, die Haddad anführt: "Der Islam trennt nicht zwischen Staat und Religion? Das Christentum trennt Körper und Seele, was auch nicht besser ist."

Joumana Haddad stellt sich damit forsch zwischen alle Stühle, macht sich weder mit westlicher Islamkritik noch mit arabischer Apologetik gemein. Das ist bisweilen verwirrend, in der Summe jedoch ein erfrischend unvoreingenommener Blick auf die Thematik, zumal Haddad mit ihrem Selbst- und Sendungsbewusstsein nicht hinter dem Berg hält. Der Stolz, eine freie, hochgebildete, weitgereiste und dabei zugleich modebewusste und lebenslustige Frau zu sein, dieser Stolz schwingt durch jede Zeile und versieht das Buch mit einem Optimismus, der auch vor den Schilderungen einer schmerzhaften Kindheit im libanesischen Bürgerkrieg und des entmutigenden Gesamtzustandes der arabischen Welt nicht verblasst. Es ist ein Optimismus, der vom unerschütterlichen Glauben an die Freiheit des Einzelnen lebt, sein Schicksal selbst zu wählen.

Das ist die Größe, aber auch die Grenze dieses Essays. Sosehr Haddad Kritik an den Umständen in der arabischen Welt übt, so unpolitisch ist doch ihre Sichtweise auf die Probleme. Denn die Annahme, die Befreiung der arabischen Frau sei unabhängig von sozialen und politischen, vor allem aber auch den ökonomischen Rahmenbedingungen, ist naiv. Dem Buch fehlt, was es zugestandenermaßen auch nicht sein will: eine tiefere Analyse der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Empfehlenswert ist es daher vor allem als autobiographischer Essay einer faszinierenden Persönlichkeit. Als Rezept für die Befreiung der arabischen Frau lässt sich hingegen eigentlich nur das herausdestillieren, was schon bei Joumana Haddad selbst am besten gewirkt hat: Lest mehr de Sade!

STEFAN WEIDNER

Joumana Haddad: "Wie ich Scheherazade tötete". Bekenntnisse einer zornigen arabischen Frau.

Aus dem Englischen von Michael Hörmann. Hans Schiler Verlag, Berlin 2010. 127 S., br., 18,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"In diesem mutigen Buch¿ bricht Joumana Haddad das Tabu der arabischen Gesellschaft¿ auf, daß die Frau zu schweigen habe. Scheherazade muß sterben, um sprechen zu können, um ihre Geschichte zu erzählen, und das heißt: um ein Mensch¿ werden zu können." Elfriede Jelinek "Ein sehr couragiertes und erhellendes Buch¿ über Frauen in der arabischen Welt. Es öffnet uns die Augen, zerstört unsere Vorurteile und ist zudem sehr unterhaltsam." Mario Vargas Llosa

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Stefan Weidner weiß genau, was er von diesem Buch erwarten möchte und darf und was nicht. Erwarten darf er das stolze Selbstbekenntnis einer befreiten arabischen Frau, die unsere Vorstellungen vom Orient zumindest ein wenig durcheinanderwirbelt beziehungsweise korrigiert. Außerdem erkennt Weidner darin eine mutige und wütende Kampfansage an die in der arabischen Welt herrschenden frauenfeindlichen Strukturen. Gut gefällt ihm, wie es Joumana Haddad dabei gelingt, sich weder mit westlicher Islamkritik, noch mit arabischer Apologetik gemein zu machen. Genau hier, im Glauben an die Kraft des Einzelnen, entdeckt Weidner aber auch die Grenzen dieses Essays und einer Perspektive, die er letztlich für unpolitisch und naiv hält, weil sie von den ökonomischen und sozialen Bedingungen dieser Freiheit absieht.

© Perlentaucher Medien GmbH