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Den Osten verstehen.
Wer sind diese Ostdeutschen?, fragt sich die Öffentlichkeit nicht zuletzt seit Pegida, NSU und den Wahlerfolgen der AfD. Antidemokraten, Fremdenfeinde, unverbesserliche Ostalgiker? Zwei herausragende Stimmen des Ostens stellen sich in diesem Streitgespräch jenseits von Vorurteilen und Klischees der Frage nach der ostdeutschen Erfahrung, die, so ihre These, "vielleicht am besten mit Heimatlosigkeit zu beschreiben ist, mit einem Unbehaustsein, das viele Facetten kennt. Das sich nicht jeden Tag übergroß vor einem aufstellt, aber das immer spürbar ist, nie weggeht." Ein…mehr

Produktbeschreibung
Den Osten verstehen.

Wer sind diese Ostdeutschen?, fragt sich die Öffentlichkeit nicht zuletzt seit Pegida, NSU und den Wahlerfolgen der AfD. Antidemokraten, Fremdenfeinde, unverbesserliche Ostalgiker? Zwei herausragende Stimmen des Ostens stellen sich in diesem Streitgespräch jenseits von Vorurteilen und Klischees der Frage nach der ostdeutschen Erfahrung, die, so ihre These, "vielleicht am besten mit Heimatlosigkeit zu beschreiben ist, mit einem Unbehaustsein, das viele Facetten kennt. Das sich nicht jeden Tag übergroß vor einem aufstellt, aber das immer spürbar ist, nie weggeht." Ein unverzichtbarer Beitrag zur Geschichtsschreibung des Nachwendedeutschlands.
  • Produktdetails
  • Verlag: Aufbau-Verlag
  • Artikelnr. des Verlages: 641/13734
  • 4. Aufl.
  • Seitenzahl: 288
  • Erscheinungstermin: 14. September 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 134mm x 30mm
  • Gewicht: 427g
  • ISBN-13: 9783351037345
  • ISBN-10: 3351037341
  • Artikelnr.: 52437561
Autorenporträt
Engler, Wolfgang
Wolfgang Engler, geboren 1952 in Dresden, Soziologe, Dozent an der Schauspielhochschule »Ernst Busch« in Berlin, von 2005 bis 2017 dort Rektor. Langjähriger Lehrbeauftragter an der Universität St. Gallen. Bei Aufbau erschienen »Unerhörte Freiheit. Arbeit und Bildung in Zukunft«, »Lüge als Prinzip. Aufrichtigkeit im Kapitalismus«, »Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land«, »Die Ostdeutschen als Avantgarde« und »Bürger, ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft«. Zuletzt, zusammen mit Jana Hensel, "Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein".

Hensel, Jana
Jana Hensel, geboren 1976 in Leipzig, wurde 2002 mit ihrem Porträt einer jungen ostdeutschen Generation "Zonenkinder" schlagartig bekannt. Autorin und Journalistin. 2010 gewann sie den Theodor-Wolff-Preis, 2017 erschien ihr Roman "Keinland" und sorgte für große Resonanz. Hensel arbeitet als Autorin für Zeit Online und Die Zeit im Osten
Rezensionen
Besprechung von 15.09.2018
Unbehaust
Seit Jahrzehnten liegt Ostdeutschland auf der Couch einer besorgten Republik. Was ist denn da los? Die Schriftstellerin Jana Hensel und der
Soziologe Wolfgang Engler streiten in einem Gesprächsband „Wer wir sind“. So kann die Debatte endlich neu beginnen
VON JENS BISKY
Ostdeutschland ist einzigartig, und das schon eine ganze Weile. Nach der Selbstbefreiung in einer friedlichen Revolution brach die Wirtschaft hier so rasch ein wie nirgends sonst. Die großen Industrien, die Landschaft und Leute geformt hatten, verschwanden und kehrten nicht zurück. Bis 1993 zogen 1,4 Millionen Menschen von dannen. 1994 kamen in den neuen Ländern 79 000 Kinder zur Welt, 0,77 pro Frau. Nur im Vatikan wurde eine niedrigere Geburtenrate verzeichnet. Der Systemwechsel ging, was nicht ganz ungewöhnlich ist, mit einem Elitenaustausch einher. Er vollzog sich, während die alte Bundesrepublik selbst den Wandel zur postindustriellen Gesellschaft erlebte. Und er war trotz des ökonomischen Zusammenbruchs und der massenhaften Abwanderung mit steigendem Wohlstand und für viele, nicht für alle, mit einer Explosion der Möglichkeiten verbunden.
Unvorstellbare Summen, Milliarden und abermals Milliarden, flossen in den „Aufbau Ost“. Dennoch stagniert die Wirtschaftsleistung je Einwohner bei etwa zwei Dritteln des Westniveaus. Kein Dax-Konzern hat seinen Sitz in den einst neuen Ländern. In Spitzenpositionen der Verwaltung oder des Wissenschaftsbetriebs, in den Vorständen größerer Unternehmen und den Medien, in den Eliten des Landes finden sich nur wenige Ostdeutsche. Nur in der Politik sind sie nicht unterrepräsentiert. Die Fakten sind bekannt. Zu jedem der Themen gibt es eigene Studien, anklagende Kommentare oder beschwichtigende Erklärungen, warum es nun einmal nicht anders sein könne, als es ist. Und immer wieder beugt sich die Öffentlichkeit halb überrascht, halb sorgenvoll über Neufünfland und seine Bewohner. Was ist da los? Wer sind die denn? Die Pegida-Erfolge in Dresden und die sensationellen Wahlergebnisse der AfD haben Trotzreaktionen provoziert. Die einen wollen ihren Soli zurück, die anderen träumen von Mauern um Sachsen, dritte freuen sich wie Bolle, dass die Ossis angeblich den Verlockungen einer globalisierten Welt widerstehen und auf kosmopolitische, liberale Eliten nicht mehr hören. Der Osten fungiert wieder einmal als Projektionsfläche, um sich der eigenen Vortrefflichkeit zu versichern. Man konstruiert Eindeutigkeit, wo Paradoxien regieren. Die Konflikte werden hysterisiert, statt sie zu beschreiben und politisch zu bearbeiten.
Wie man die Debatte versachlichen und zugleich verschärfen kann, zeigen Jana Hensel und Wolfgang Engler in ihrem gerade erschienenen Gesprächsbuch „Wer wir sind“. Über zehn Runden diskutieren sie, wie DDR-Bürger nach 1989 zu Ostdeutschen wurden, was der Aufstieg von Pegida und AfD mit den Umbruchserfahrungen der Neunziger zu tun hat, warum sich Ossis nicht gern belehren lassen, wie sie im Nebeneinander von dauernder, oft kenntnisloser Fremdbeschreibung in der Öffentlichkeit und Selbstwahrnehmung reagieren. Dass es da kein homogenes „Wir“ gibt, wissen Hensel und Engler, aber sie glauben nicht, dass in den vielen individuellen Reaktionen auf Revolution und Vereinigungsstress das Allgemeine verflüchtigt.
Es ist selten, dass Intellektuelle These neben Antithese stellen und es dann mit der Unvereinbarkeit aushalten. Genau das tun diese beiden Ostdeutschen, beide in Sachsen geboren. Sie schaffen es, einander scharf zu widersprechen und dennoch im Gespräch zu bleiben, eigene Beobachtungen aus anderer Perspektive neu zu deuten, Formulierungen zu korrigieren.
Sie blicken auf sehr unterschiedliche Lebensläufe zurück. Jana Hensel war 13, als die Mauer fiel. Ihr Generationenporträt „Zonenkinder“ wurde 2002 ein Bestseller, den die CDU-Vorsitzende Angela Merkel mit „großem Spaß“ las. Dennoch fühlte die Autorin sich marginalisiert, ihre Erkundungen Ostdeutschlands setzte sie in Büchern und Zeitungen fort. Wolfgang Engler, Jahrgang 1952, bis 2017 Rektor der Schauspielschule „Ernst Busch“ in Berlin, schrieb mit „Die Ostdeutschen“ eines der besten Bücher über die DDR. Er stellte die richtige Frage: Wie kam es zur Emanzipation der arbeiterlichen Gesellschaft vom Arbeiter- und Bauernstaat? Einig sind beide darin, dass Ostdeutschland heute nicht allein mit dem Verweis auf die DDR-Geschichte erklärt werden kann. Die Erinnerung an diese wurde in den Neunzigern geformt. Sinnvoll über Ostdeutschland zu reden, heißt von sozialen Verwerfungen zu sprechen, von Ungleichheit und enttäuschten Aufstiegserwartungen. Die Öffentlichkeit, so ein verbreitetes Gefühl, will dies kaum hören. Die rhetorischen Abwehrstrategien sind jedenfalls ausgefeilter als die Überlegungen, was zu tun sei, wenn eine rasche wirtschaftliche Aufholjagd und eine Angleichung an bundesrepublikanische Üblichkeiten unwahrscheinlich sind.
Unbehaustsein in sehr vielen Facetten steht für Engler und Hensel im Zentrum der ostdeutschen Erfahrung. Man kann einwenden, dass dies wohl zur modernen Existenz gehört, aber damit wäre man wieder den Leuten über den Mund gefahren, statt ihnen zuzuhören. Eben weil dies häufig getan wurde, beschreibt Jana Hensel Pegida und AfD treffend als „Emanzipationsbewegung von rechts“. Sie meint dies deskriptiv, ohne Wertung. In der Tat ging es auch um eine Emanzipation vom Vorbild Bundesrepublik, von der Pflicht zur nachholenden Modernisierung. Staats- und Medienverdrossenheit konnten sich artikulieren – und wurden gehört. Dieser Protest war erfolgreicher als die früheren Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV.
Wenn die Rede auf die Jahre seit 2015 kommt, auf Merkels „Politik der offenen Tür“ (Engler), geht es den beiden wie dem ganzen Land – sie streiten sich. Für Engler hat die Kanzlerinnenformel „Wir schaffen das“ etwas Moralkeulenhaftes: „Sie erhob die Grundsätze ihres Vorgehens, höchst verständliche humanitäre Erwägungen, zur verbindlichen Prämisse für den Rest der Bevölkerung“. Bei Widerspruch setzte sie auf „Beschämung statt Argumentation“. Inspiriert von Didier Eribon und Mark Lilla attackiert Engler eine Linke, die in seinen Augen soziale Fragen zugunsten von Identitätspolitik vergessen habe. Jana Hensel erwidert klug: „Die Arbeiterschaft von heute sind nicht die Enkel von Didier Eribon, sondern die der Zugewanderten.“ Für sie ist Identitätspolitik zugleich Sozialpolitik. Ebenso interessant Englers Überlegung, Identitätspolitik sortiere und fragmentiere Großgruppen, „eine Auflösung der Gesellschaft in ihre Bestandteile“. Heraus käme dann ein „Thatcherismus for lefties“ – nach Margaret Thatchers Überzeugung, es gebe keine Gesellschaft, nur Familien und Individuen.
Im Gespräch über Identitätspolitik, „wir versus ihr“ gerät das gesamte Vorhaben in Gefahr: Wenn Engler in identitätspolitischen Fragen nicht eine Öffnung, sondern eine Verkümmerung des Diskurses sieht, eine „Verkümmerung zum Schlagabtausch zwischen Seinsgewissheiten“, steht dann damit nicht auch das Anliegen des Buches in Frage?
Auf diesen Einwand von Jana Hensel hin hält Wolfgang Engler eine flammendes Plädoyer für den Richtungsstreit mit harten Bandagen.
Der Leser hat an dieser Stelle fast vergessen, dass es doch um die ostdeutsche Erfahrung gehen sollte. Wo diese relevant ist, geht es, das zeigen die Gespräche, um Gesamtdeutsches, nicht um den „inneren Orient“ zwischen Elbe und Oder. Fast bedauert man es, dass die beiden den alten Westen nicht schärfer in den Blick nehmen. Die Ostdeutschen haben es geschafft, mit dem Umbruch zu leben, dabei Großartiges geleistet und manches, etwa organisierte Rechtsextreme, zu lange gewähren lassen. Im Selbstverständnis des Westens scheint der Schock von 1989 noch immer nicht angemessen verarbeitet. Es gibt zur Zeit viele Bücher, in denen die Welt aus einem Punkt heraus kuriert wird. Dieser Gesprächsband zeigt sie in ihren Widersprüchen, Paradoxien. Dem Meinungs-Ich des Lesers verhilft er zu manchem Ärgernis. Damit beginnt das Verstehen.
Wolfgang Engler, Jana Hensel: Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein. Aufbau Verlag, Berlin 2018. 288 Seiten, 20 Euro.
Selten, dass Intellektuelle es
mit der Unvereinbarkeit von
These und Antithese aushalten
Geht es um Identitätspolitik,
gerät das gesamte
Vorhaben in Gefahr
Letzter Blick auf
einen Plattenbau in Hoyerswerda, Freistaat Sachsen.
Foto: imago stock&people
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Jens Bisky ärgert sich. Das ist gut, denn der erste Schritt zum Verstehen, wie er selbst meint. Der Gesprächsband von Wolfgang Engler und Jana Hensel bietet ihm mit seinen Widersprüchen einen guten Eindruck von der Welt, nicht nur von Ostdeutschland. Ob Hensel die AfD als "Emanzipationsbewegung von rechts" bezeichnet oder Engler identitätspolitische Fragen im linken Diskurs kritisiert - Bisky spürt frischen Wind in der Debatte, wenn die Autoren Umbruchserfahrungen und die Folgen diskutieren. Dass beide den scharfen Gegenwind vom Gegenüber aushalten, im Gespräch bleiben und Positionen überdenken, hält Bisky für bemerkenswert, schon wegen der unterschiedlichen Lebensläufe der beiden. Schade, meint Bisky, dass der alte Westen dabei nicht schärfer in den Blick kommt.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Wer etwas über den Osten Deutschlands erfahren will, dem bietet dieses Buch jede Menge historische, politische und gesellschaftliche Fakten sowie eine kontroverse Diskussion." Frankfurter Allgemeine Woche 20181012
»sowohl anekdotenhaft und unterhaltsam als auch faktenreich«