Unsichtbare Frauen - Criado-Perez, Caroline
Zur Bildergalerie
15,00 €
versandkostenfrei*

inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln


    Broschiertes Buch

4 Kundenbewertungen

Unsere Welt ist von Männern für Männer gemacht und tendiert dazu, die Hälfte der Bevölkerung zu ignorieren. Caroline Criado-Perez erklärt, wie dieses System funktioniert. Sie legt die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Erhebung wissenschaftlicher Daten offen. Die so entstandene Wissenslücke liegt der kontinuierlichen und systematischen Diskriminierung von Frauen zugrunde und erzeugt eine unsichtbare Verzerrung, die sich stark auf das Leben von Frauen auswirkt. Kraftvoll und provokant plädiert Criado-Perez für einen Wandel dieses Systems und lässt uns die Welt mit neuen Augen sehen.…mehr

Produktbeschreibung
Unsere Welt ist von Männern für Männer gemacht und tendiert dazu, die Hälfte der Bevölkerung zu ignorieren. Caroline Criado-Perez erklärt, wie dieses System funktioniert. Sie legt die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Erhebung wissenschaftlicher Daten offen. Die so entstandene Wissenslücke liegt der kontinuierlichen und systematischen Diskriminierung von Frauen zugrunde und erzeugt eine unsichtbare Verzerrung, die sich stark auf das Leben von Frauen auswirkt. Kraftvoll und provokant plädiert Criado-Perez für einen Wandel dieses Systems und lässt uns die Welt mit neuen Augen sehen.
  • Produktdetails
  • btb .71887
  • Verlag: Btb
  • Originaltitel: Invisible Women. Exposing data in a world designed for men
  • Deutsche Erstausgabe
  • Seitenzahl: 494
  • Erscheinungstermin: 10. Februar 2020
  • Deutsch
  • Abmessung: 207mm x 136mm x 43mm
  • Gewicht: 574g
  • ISBN-13: 9783442718870
  • ISBN-10: 3442718872
  • Artikelnr.: 55695451
Autorenporträt
Criado-Perez, Caroline
Caroline Criado Perez, 1984 geboren, ist Autorin und Rundfunkjournalistin. Sie publiziert u.a. im New Statesman und im Guardian und hält regelmäßig Vorträge. Ihr erstes Buch »Do it Like a Woman« wurde von den Medien als »ein eindringlicher journalistischer Text« und zu einem der »Bücher des Jahres« des Guardian gekürt, »alle jungen Mädchen und Frauen sollten ein Exemplar besitzen«. Als eine der international bedeutendsten feministischen Aktivistinnen ihrer Zeit wurde Criado Perez mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Zu ihren bekanntesten Kampagnen-Erfolgen gehören die Mitfinanzierung der Website Women's Room, der Abdruck einer Frau auf britischen Banknoten, die Verpflichtung von Twitter, seinen Umgang mit dem Thema Missbrauch zu ändern, und die Aufstellung einer Statue der Frauenrechtlerin Millicent Fawcett auf dem Parliament Square. 2013 wurde Caroline Criado Perez zum Human Rights Campaigner of the Year ernannt. Seit 2015 ist sie Officer of the Order of the British Empire (OBE). Sie lebt in London.
Rezensionen
"Akribisch recherchiertes Pamphlet für eine weibliche Welt." Brigitte Woman

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 08.03.2020

Wie die Hälfte der Bevölkerung ignoriert wird
Caroline Criado-Perez' Buch "Unsichtbare Frauen"

Warum kann eine Frau nicht mehr so sein wie ein Mann?", beschwert sich Henry Higgins im Musical "My Fair Lady" von 1956. Er soll die Blumenverkäuferin Eliza Doolittle zu einer Dame ausbilden und kommandiert sie dabei herum, bis sie sich wehrt - was ihn zu dieser Frage veranlasst: Ja, warum kann sie eigentlich nicht mehr sein wie er, "eternally noble and historically fair"?

Diese Szene nimmt die britische Journalistin Caroline Criado-Perez in ihrem Buch "Unsichtbare Frauen - Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert" zum Anlass, um einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Missstand zu benennen: der "Henry-Higgins-Effekt" tritt für sie dann ein, wenn Frauen sich an eine Welt anpassen sollen, die ganz und gar auf Männer ausgerichtet ist. In sechs Teilen arbeitet sich Criado-Perez durch diese männliche Welt und beweist, wie Frauen im Alltagsleben, in der Arbeitskultur, im Design, in der Medizin, im öffentlich-politischen Leben und bei Katastrophen systematisch ausgeklammert werden.

Die Geschichte der Frauen, schreibt sie, ist "eine Geschichte der Abwesenheit". Denn in nahezu allen Bereichen der Forschung gibt es "Leerstelle(n) in wissenschaftlichen Daten" - entweder wurden Daten über das weibliche Geschlecht nie erhoben, oder es wurde nicht nach Geschlecht unterschieden. Diese Datenlücken sind so groß, dass sie historisch nicht zu schließen sind. Schlimmer jedoch ist, und das betont Criado-Perez, dass das jetzige wie zukünftige menschliche Zusammenleben von Daten beherrscht wird. Wenn sich aber zukünftige Algorithmen aus Big Data speisen, die vor allem auf Daten über Männer basierten, wie sollen diese Algorithmen dann für die andere Hälfte der Menschheit nützlich sein?

Von dieser beunruhigenden Annahme ausgehend, zeichnet Criado-Perez mit Studien, Artikeln, Berichten in 1331 Fußnoten eindrücklich die bisherigen Folgen der Leerstellen nach. Da geht es zunächst um bekannte Streitthemen wie Sprache und Repräsentation: Frauen werden nicht abgebildet und folglich auch nicht mitgedacht. (Dass die Übersetzerin selbst nur sehr inkonsequent die weibliche oder beide Formen benutzt, ist vor diesem Hintergrund natürlich besonders schade.) Frauen fehlen zudem, das ist bekannt, im Kanon der Kunst, im Fernsehen, in den Medien. Auch in Schul- und Studienbüchern sind Frauen wenig zu finden, genauso wenig wie auf Geldscheinen und Denkmälern.

In den folgenden Kapiteln zeigt Criado-Perez, dass sich dieses Fehlen überall sichtbar machen lässt. Beispielsweise, wenn es darum geht, dass Medikamente bei Frauen anders oder sogar gar nicht wirken, weil sie nur an männlichen Probanden oder männlichen Tieren getestet wurden. Manchmal sind die Zahlen erschreckend: Sie zeigen, dass Menschen, die in der Krankenpflege arbeiten (größtenteils Frauen) häufiger gewalttätig attackiert werden als Menschen, die in Haftanstalten und bei der Polizei arbeiten. Oder dass Frauen eine 47 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit haben, bei einem Autounfall schwer verletzt zu werden, weil das Auto für einen durchschnittlichen männlichen Körper entworfen wurde. Manche Beobachtungen wiederum sind banal: dass Virtual-Reality-Brillen nicht funktionieren, wenn man Make-up trägt, oder dass Glasarchitektur für Rockträgerinnen ungeschickt ist. Sie zeigt aber auch, dass unser Blick auf die globale Wirtschaft verzerrt ist, weil für das Bruttoinlandsprodukt (als "vielleicht größte geschlechterbezogene Datenlücke") die unbezahlte Care-Arbeit von Frauen nicht berechnet wird und hierzu nur geschätzt werden kann, dass sich dieses in einkommensstarken Ländern um fünfzig Prozent steigern würde. Geschätzt, weil es, so die britische Politikerin Diane Coyle, "für die Datenerhebung zu schwierig werden würde".

Weil die Welt vor allem von Männern gestaltet wurde, werden die Bedürfnisse der Frauen ausgeblendet. Das ist, so bewertet es Criado-Perez, teils ignorant und naiv und geschieht, weil es "billiger" und "einfacher" erscheint. Es ist vor allem aber zum Nachteil aller, weil es verhindert, unsere Welt innovativer zu gestalten. Dass Criado-Perez diese (fehlenden) Daten auflistet, ist wichtig. Und die Informationen, die sie liefert, sind aufschlussreich. Leider handelt sie die Ergebnisse in ihrer Fülle aber nur knapp ab. Und anstatt sie in allgemeinere Zusammenhänge zu stellen, erzählt sie dazu persönliche Anekdoten oder kommentiert sie zynisch. Auch ist problematisch, dass sie die Entstehungsumstände der vielen Studien nicht ausreichend erläutert. Schließlich sind diese nicht unerheblich, um über ihre Aussagekraft entscheiden zu können (wenigstens in den Fußnoten wäre das hilfreich gewesen).

Immer wieder kritisiert Criado-Perez zu Recht einen männlichen Universalitätsanspruch. Allerdings zieht sie daraus selbst keine Konsequenz für ihre Vorgehensweise, wenn sie immer wieder von "den Frauen" spricht. Sie erwähnt zwar vereinzelt Hautfarbe und Status, Intersektionalität aber klammert sie weitgehend aus: also inwieweit Menschen nicht nur aufgrund ihres Geschlechts, sondern auch aufgrund ihrer sozialen Klasse, ethnischen oder religiösen Herkunft, sexuellen Orientierung oder körperlichen Einschränkungen benachteiligt oder nicht beachtet werden. Auch bleibt die Männlichkeitsforschung unerwähnt, die versucht, Männer nicht als universell anzusehen. Das wäre erwähnenswert gewesen, denn so verkürzt ihr Buch auch weibliche Realitäten.

Deutlich wird diese Verkürzung beispielsweise, wenn sie Firmen lobt, die angestellten Frauen Putzkräfte und Babysitter zahlen, um den Frauen die Karriere zu ermöglichen. Eine Angestellte passt sich in diesem Szenario doch wieder einer männlichen Welt an - nur dass zu Hause eben nicht sie selbst unbezahlt den Haushalt verwaltet, sondern wahrscheinlich eine schlechter bezahlte Frau, deren Haushalt wiederum ein Familienmitglied unbezahlt führt. Wenn sie an anderer Stelle schreibt: "Es tut mir leid, dass das weibliche Geschlecht so geheimnisvoll ist, aber wir können eben nicht wie Männer sein", dann stimmt das so nicht. Enttäuschend ist, dass sie schließlich nur kurz ausführt, wie sich die Gender Data Gap nun auf Big Data und Algorithmen auswirkt: nämlich in der Arbeitswelt (Zitierweisen in der Wissenschaft bevorzugen männliche Autoren) und im Design (Sprachassistenz reagiert besser auf tiefe Stimmen; Textkorpora für Übersetzungsprogramme sind männlich dominiert). Sie stellt darüber hinaus keine weiterführenden Überlegungen an, die interessant gewesen wären - nicht nur, um ihrem einleitenden Dringlichkeitsanspruch gerecht zu werden.

CAROLINE JEBENS

Caroline Criado-Perez: "Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert". Aus dem Englischen von Stephanie Singh. btb Verlag, 496 Seiten, 15 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 21.03.2020

Ins Unsichtbare gedrängt
Caroline Criado-Perez kritisiert die Ignoranz gegenüber Frauen
Unsere Welt ist eine, in der es Fußballnationalmannschaften und Frauenfußballnationalmannschaften gibt. Eine, in der Schutzmasken nicht richtig über die Gesichter von Frauen passen und Sicherheitsgurte nicht richtig über Brüste, in der Spracherkennungssoftware hohe Stimmen schlechter versteht, in der Smartphones sich mit kleinen Händen schwieriger bedienen lassen. Eine, in der Frauen mit Herzinfarkt schlechter behandelt werden, weil sie oft untypische – das heißt, nicht-männliche – Symptome zeigen.
Schon in guten Zeiten werden Frauen zu oft übersehen. In Krisen wächst ihre Unsichtbarkeit, weil ein altes Vorurteil umso berechtigter erscheint: Erst einmal gehe es um Menschenleben, dann um Geschlechtergerechtigkeit. Die Rechte der halben Bevölkerung werden als Interesse einer Minderheit missverstanden. Dabei zeigen die wenigen Daten, die wir haben, dass Frauen überproportional betroffen sind von Konflikten, Naturkatastrophen – und Pandemien. In Pandemien sterben generell mehr Frauen als Männer. Laut WHO kann die Überzeugung, Geschlecht sei unbedeutend, Präventions- und Eindämmungsmaßnahmen behindern und Verbreitungswege verschleiern. Frauen kümmern sich zuhause häufiger um Kranke und stellen auch in Kliniken den Großteil der Pflegerinnen sowie Putz- und Waschkräfte, die weniger Schutz und Unterstützung erfahren als (traditionell männliche) Ärzte. Vielerorts bereiten Frauen die Leichname auch Infizierter für Beerdigungen vor. Frauen können nicht immer autonom entscheiden, Gesundheitsratschlägen zu folgen. Inmitten von Chaos und gesellschaftlichem Zusammenbruch verstärkt sich die Gewalt gegen Frauen.
Manchmal ist es schwierig, zu erklären, warum es Feminismus noch braucht; warum auch die Sache mit den Fußballnationalmannschaften keine Kleinigkeit ist, sondern Ausdruck eines fundamentalen Problems. Das fundamentale Problem: Frauen sind keine Abweichung, und sie sind auch keine kleinen Männer; sie machen die Hälfte aller Menschen aus und sollten auch so behandelt werden.
Es war schwierig, das zu erklären. Dann erschien Caroline Criado-Perez’ Buch „Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert“, dem die obengenannten Informationen entnommen sind. 2019 kam es auf Englisch heraus, im Februar 2020 in der deutschen Übersetzung von Stephanie Singh. Die Autorin und Aktivistin beschreibt verständlich und überzeugend, wie Frauen im Alltag und im Beruf, in Design und in der Medizin, im öffentlichen Leben und in Krisen benachteiligt werden, weil Daten über Männer den Großteil unseres Wissens ausmachen. Frauen sind unsichtbar – außer, wenn es um Sex und Care-Arbeit geht. Criado-Perez plädiert für einen Systemwandel; sie zeigt, dass Frauen nicht vergessen werden, wenn sie in der Forschung, in Unternehmen und in der Politik vertreten sind. „Unsichtbare Frauen“ stand in Großbritannien 16 Wochen auf der Bestsellerliste, gewann zwei Preise und wurde mittlerweile in 13 Länder verkauft. Das Buch ist ein Mammutwerk, ambitioniert, akribisch recherchiert, voll entsetzlicher, nützlicher Studien und Statistiken; eine Fundgrube an Argumenten für Feministinnen und Feminismus.
Dabei lässt sich einiges gegen das Buch einwenden. Criado-Perez betont, dass es fundamentale biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, und übersieht dabei, dass biologisches wie soziales Geschlecht ein Spektrum sind. Dass es verschiedene biologische Marker für Geschlecht gibt, die unterschiedlich kombiniert sein können – Chromosomen, Hormone, primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale, und so fort. Biologinnen wie Anne Fausto-Sterling weisen darauf seit Jahrzehnten hin; auch das deutsche Personenstandsrecht kennt seit gut einem Jahr die Option „divers“. Criado-Perez wirft anderen vor, Frauen zu ignorieren; sie ignoriert nicht-binäre und trans Menschen. Und sie macht ebenjenen Unterschied stark, den andere für ohnehin viel zu prominent halten; den zwischen Männern und Frauen.
Gerade in der Medizin könne darüber hinaus das Beharren auf die Verschiedenheit der Geschlechter andere wichtige Faktoren verdecken, warnt der Soziologe Steven Epstein: sozialer Hintergrund, Fitness oder Familiengeschichte zum Beispiel. Und: Nicht immer wurden Therapien hauptsächlich an weißen Männern getestet; versklavte Menschen etwa mussten medizinische Experimente über sich ergehen lassen, Männer und Frauen.
Das muss weiter diskutiert werden, ändert aber nichts daran, dass Criado-Perez mit ihrem Hauptanliegen Recht hat: Es muss Schluss sein damit, dass eine Bevölkerungsgruppe auf Kosten anderer zur Norm erhoben wird. Dieses Buch ist ein Wendepunkt.
AGNES STRIEGAN
Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert.
Aus dem Englischen
von Stephanie Singh.
btb Verlag München, 2020. 515 Seiten, 15 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr