Kultur vor dem Kollaps? - Berman, Morris
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Der Autor will seine Mitbürger wach rütteln, aus der übersättigten Selbstszufriedenheit der gleichmachenden Unterhaltungsindustrie herausholen. Er fordert sie aus, von Computer und Ratgeberliteratur weg zum Nachdenken und Handeln zu kommen. In überzeugender Weise zeigt er, wie die Suche nach einem Weg in die Zukunft erfolgreich sein wird, wenn sich das "nomadische Denken" jeglichen ideoligischen Fundamentalismus entgegenstellt.…mehr

Produktbeschreibung
Der Autor will seine Mitbürger wach rütteln, aus der übersättigten Selbstszufriedenheit der gleichmachenden Unterhaltungsindustrie herausholen. Er fordert sie aus, von Computer und Ratgeberliteratur weg zum Nachdenken und Handeln zu kommen. In überzeugender Weise zeigt er, wie die Suche nach einem Weg in die Zukunft erfolgreich sein wird, wenn sich das "nomadische Denken" jeglichen ideoligischen Fundamentalismus entgegenstellt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Edition Büchergilde
  • Seitenzahl: 229
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm
  • Gewicht: 406g
  • ISBN-13: 9783936428001
  • ISBN-10: 393642800X
  • Artikelnr.: 10644305
Autorenporträt
Morris Berman, geboren 1944, lebt in Washington D. C. Er ist Kunsthistoriker und Sozialkritiker, Schriftsteller und hat - bekannt geworden besonders durch seine innovativen Ideen - mehrere Bücher über die Krise der westlichen Zivilisation veröffentlicht. Nach zahlreichen Gastprofessuren in den USA und Europa lehrt er derzeit an der Johns Hopkins University in Baltimore.
Rezensionen
Besprechung von 26.07.2002
Auch du kannst ein Bildungsbürger werden
Kultur kommt von Kollaps: Morris Berman entwickelt eine wertkonservative Sozialutopie
Wer im deutschen Kulturbetrieb des Antisemitismus verdächtigt wird, macht sich auf schwierige Zeiten gefasst. Eine beinahe schon verwandt schlimme Sünde ist, Kulturkritik zu betreiben. Denn diese steht seit Adorno im Verdacht des Kulturpessimismus, der als ebenso elitär wie verlogen gilt. Da der Kulturkritiker am Kulturbetrieb teil nimmt und oft auch von ihm lebt, soll er ihn gefälligst bejahen.
Vor dem Hintergrund dieser etablierten Meinung hat sich der deutsche Kulturbetrieb, von Wiederholungsdebatten abgesehen, zu einem Schönrednerverein entwickelt. Es ist schwierig geworden, zu behaupten, dass sein Niveau gesunken, dass der Kulturbetrieb zum Konsumbetrieb mutiert sei. Und es ist nicht schlecht, dass das schwierig geworden ist. Denn derartigen Generalisierungen mangelt es an der praktischen Kultur der Differenzierung.
Problematischer ist jedoch Kritikscheu dem Erfolgreichen gegenüber. Einzelne Filme, Bücher, die von „allen” geliebt werden, dürfen nicht als schlecht bezeichnet werden. Erfolg gilt als sexy. Wer sich beklagt, soll sich lieber bemühen, selber erfolgreich zu sein. Ohnehin hat Kritik an gut verkäuflicher Ware den Geruch von antiamerikanischer Rückständigkeit. Und auch da will niemand mehr gemeint sein.
Neben deutschen Vorsichtigkeiten wirkt „Kultur vor dem Kollaps?”, das neue Buch von Morris Berman, erfrischend. Manchmal mit dem fahrigen Zorn des Betroffenen, aber auch mit pragmatischer, beispielgesättigter Genauigkeit schreibt Berman, Dozent an der John Hopkins University in Baltimore, über die Krise der amerikanischen Kultur, der die unsere über die Jahrzehnte ähnlicher geworden ist.
„Kultur vor dem Kollaps?” ist in Amerika 1999 veröffentlicht worden; bei W.W. Norton unter dem angenehmeren Titel „The twilight of American Culture”, und lange vor den heutigen Wall Street Ängsten. Noch kann Berman vom Paradox sprechen, das jede Kritik an der amerikanischen Kultur überwinden muss. Dass diese, von ihren Produktionszahlen, ihrer Energie her, einen äußerst vitalen Eindruck macht.
Leben nach dem Prinzip „U”
Doch nie, so Berman, sei diese Vitalität der amerikanischen Kultur so gefährlich gewesen wie heute. Mit unglaublicher Geschwindigkeit arbeitet sie an der Durchsetzung des Unterhaltungsprinzips, dessen Dominanz die Wahrnehmungsfähigkeit allmählich zermürbt. Weil das Prinzip U den Menschen immer umfänglicher umgibt, werde ihm die Distanz dazu, so Berman, immer unmöglicher. Was nicht nach einem schnellen Reiz-Reaktions-Schema gebaut ist, gerate in Gefahr, als „schlecht” bezeichnet zu werden, einfach nur deshalb, weil es Mühe bereitet. Was komplex ist, gilt als kompliziert. Wessen Aufmerksamkeit nicht durch die Tricks der Unterhaltungsbranche gebündelt wird, fühlt sich überfordert. Kaum einer, der sich heute noch vorstellen kann, dass die langsamen Deklamierfilme von StraubundHuillet irgendwann hip waren.
Menschen, die anders sozialisiert wurden und werden, kennen diese Probleme noch etwas weniger. Und es gibt Floskeln in Bermans Buch, die sich kaum von den Formeln der traditionellen Kulturkritik unterscheiden. Doch Klagen über ein frustrierendes Jahr als Dozent an einerHigh School (mangelnde Lesefähigkeit, mangelndes Abstraktionsvermögen usw.) werden, seit Deutschland in der Bildungsweltmeisterschaft schlecht abgeschnitten hat, wohl besser verstanden.
Was Bermans Buch von traditionellen Zerfallsszenarien unterscheidet, sind die Beispiele lebendiger Kultur, die er anführt. Nicht nur die fehlende Kenntnis von Klassikern wird bemängelt. Wenn Berman klagt, dass Schüler und Studenten Bücher, die Aufmerksamkeit erfordern, nicht mehr lesen wollen und können, zitiert er Autoren wie Don de Lillo oder Richard Powers. Schriftsteller also, denen es nicht darum geht, ein Gärtlein zu hegen, sondern die Welt zu erkennen, die uns umgibt.
Doch obwohl Amerika Künstler und Autoren hat, die gegen Konsumismus resistent scheinen, hat sich die Situation verändert. Die meisten, so Berman, assimilieren sich dem Markt, da sie beachtet werden wollen. Es ist nicht einfach, zu entscheiden, ob die wachsende Ahnung des Künstlers, das, was er mache oder bis jetzt gemacht habe, sei „zu schwierig”, einer künstlerischen Argumentation entspricht. Bermans Verdacht ist, dass die Anschmiegsamkeit der Künstler wächst, dass sie sich den Forderungen einer scheinbar überforderten Öffentlichkeit ergeben, um einem damit für dumm verkauften Publikum entgegen zu kommen. Viele glatte, nette deutsche Texte aus den letzten Jahren können diesen Eindruck nicht widerlegen. Schuld daran, so Berman, ist vor allem die Struktur von Öffentlichkeit, die derzeit nach dem Gesetz von „Slogan” und „Hype” gebaut ist. Nur schnell erfassbare Inhalte wie Formen können bejubelt oder verdammt werden. Daumen rauf oder runter? Was in der Öffentlichkeit der Medien ankommen will, muss deren Ja/Nein-Struktur entgegen kommen, sonst wird es von ihnen vergessen. Eine Revolution muss vermarktet werden, sonst hört sie keiner. Doch was der Struktur genügt, verliert seine Substanz. Um diese aporetische Situation zu unterlaufen, hat Berman ein für das 21.Jahrhundert kurioses Modell entwickelt. Er nennt es die „monastische Option”.
Gemeint ist das bekannte Vorbild der mittelalterlichen Mönche, die die Werke der Antike in Klöstern ziemlich blindlings abschrieben, aber damit zu bewahren halfen, sodass sie, als das Interesse an ihnen wieder wuchs, aufs Neue gelesen werden konnten. Berman stellt klar, dass es bei seiner „Option” nicht ums Kopieren gehen kann; und auch die zum Mönchtum gehörige Askese wäre nur eine der gefräßigen Öffentlichkeit gegenüber. Der Zeitströmung absolut entgegen gesetzt, würde sie bedeuten, auf die Publizität des Privaten zu verzichten. Berman stellt sich Menschen vor, die weiterhin Bücher lesen, Bilder betrachten und Musik hören, die Zeit verlangt und ihre Kinder damit erziehen, ohne dies sektiererisch als Ereignis darzustellen, ohne sich darum zu kümmern, was für wichtig gehalten wird.
Philosophie ins Gefängnis tragen
Das klingt wie ein unglaublich normales Leben, bedeutet aber für den Kulturbetrieb: Abtauchen, Verschwinden, auf Wiedersehen, ein kultureller Schläfer werden, auf unbestimmte Zeit. Statt den neuen amerikanischen Glauben an das „Team” fordert der Ur-Amerikaner Berman Individuen. „Je individueller eine Aktivität ist und je weniger sie der Öffentlichkeit ausgesetzt ist, desto wirksamer wird sie langfristig sein.” Individuen haben für Berman etwas Nomadisches, sie richten sich nach einem berühmten Haiku von Bashó: „Reisend durch die Welt/ hin und her, hin und her/ Bestellend ein kleines Feld.”
Ist Morris Berman ein konservativer Esoteriker? In „Kultur vor dem Kollaps” fordert er die „Vollendung der Aufklärung”, die Bewahrung von Verstand und Vernunft. Mit den Kommunitaristen will der wertkonservative Berman nichts zu tun haben. Erst recht nicht mit den politisch Konservativen. Bush gilt ihm, nach Paul Fussell, als Beispiel für „etwas Hohles, Umständliches, Witzloses, Untalentiertes, Leeres oder Langweiliges, wovon viele Amerikaner überzeugt werden können, daß es edel, anmutig, intelligent oder faszinierend sei.” Und, schreibt Berman, schon zu den Zeiten Clintons ist die Kluft zwischen Arm und Reich ebenso sehr gewachsen wie in den letzten Jahren. Und er beschreibt kleine amerikanische Projekte, die Bildung ins Volk tragen wollen; die Gefängnisinsassen mit Philosophie bekannt machen. Das hat etwas altväterlich Sozialutopisches. Etwas von Bildung ohne direkt umsetzbaren Nutzen. Elite für alle, sagt Berman, jedem auf seine Weise.
HANS-PETER
KUNISCH
MORRIS BERMAN: Kultur vor dem Kollaps? Wegbereiter Amerika. Deutsch von Jürgen Pelzer. Edition Büchergilde, Frankfurt am Main 2002. 229 Seiten, 19,90 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Die USA stehen vor dem sozialen und kulturellen Bankrott. So lautet jedenfalls die Prognose des in Baltimore lehrende Kulturhistoriker und Sozialkritiker Morris Berman. Wie Rezensent Hans-Jürgen Heinrichs berichtet, zeigt Berman die katastrophalen Zustände in den USA auf, etwa die wachsende gesellschaftliche Ungleichheit, die zunehmende Zurückstufung des Sozialversicherungssystems, die Verarmung des geistigen Lebens. Dem Zerfall könne nach Berman nur mit einer "utopischen Wissenschaft" und einem "Wandel der Lebensformen" begegnet werden. Heinrichs sieht darin "nichts weniger als eine Zurückeroberung der Zivilisation im Auge". Kritisch merkt er an, dass Berman Zukunftsszenarien und alternativen Lebens-Visionen nicht immer "frei von Vorurteilen" gegenüber ihm "fremden Denkrichtungen" sind. Darum fände Heinrichs es wünschenswert, wenn Berman seine Entwürfe in einer neuen, weiterführenden Studie "noch eingehender" diskutieren würde.

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