Kosmos - Humboldt, Alexander von
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Während die Bibel im Supermarkt verramscht wird, ist Humboldts Gegenentwurf zur Heiligen Schrift selbst in den größten Buchhandlungen kaum zu finden. Soviel zur deutschen Wissensgesellschaft. Armes Deutschland! Humboldts Kosmos gehört zum unverzichtbaren Kanon unserer Zivilisation, und die Zeit ist reif, dieses Werk wieder auf die Tagesordnung zu setzen. Die Bedeutung des Kosmos kann nicht besser beschrieben werden als mit Humboldts eigenen Worten: "Ich fange den Druck meines Werkes (des Werks meines Lebens) an. Ich habe den tollen Einfall, die ganze materielle Welt, alles was wir heute von…mehr

Produktbeschreibung
Während die Bibel im Supermarkt verramscht wird, ist Humboldts Gegenentwurf zur Heiligen Schrift selbst in den größten Buchhandlungen kaum zu finden. Soviel zur deutschen Wissensgesellschaft. Armes Deutschland! Humboldts Kosmos gehört zum unverzichtbaren Kanon unserer Zivilisation, und die Zeit ist reif, dieses Werk wieder auf die Tagesordnung zu setzen.
Die Bedeutung des Kosmos kann nicht besser beschrieben werden als mit Humboldts eigenen Worten: "Ich fange den Druck meines Werkes (des Werks meines Lebens) an. Ich habe den tollen Einfall, die ganze materielle Welt, alles was wir heute von den Erscheinungen der Himmelsräume, von den Nebelsternen bis zur Geographie der Moose auf den Granitfelsen wissen, alles in Einem Werke darzustellen, und in einem Werke, das zugleich in lebendiger Sprache anregt und das Gemüth ergötzt. Jede große und wichtige Idee, die irgendwo aufglimmt muß neben den Thatsachen hier verzeichnet sein."
Der große Naturforscher und Universalgelehrte läßt Muschelv
  • Produktdetails
  • Verlag: EICHBORN
  • 2004
  • Ausstattung/Bilder: 2004. 999 S.
  • ISBN-13: 9783821845494
  • ISBN-10: 382184549X
  • Best.Nr.: 12705023
Rezensionen
Besprechung von 01.10.2004
Ohne Meister
Geist im Pelz der Natur: Die neuen Sachbücher

Der Geist treibt uns an, wir rennen ihm hinterher. In der Natur steckt er drin, wir wissen nicht wo und wie er darin untergebracht ist. Natur und Geist gehören zusammen, sie bilden, wie der Anthropologe Gregory Bateson sagte, eine notwendige Einheit. Schon der alte Schelling, der vor einhundertundfünfzig Jahren starb und deswegen in diesem Herbst mit der lesenswerten Biographie "Schelling" von Xavier Tilliette (erschienen bei Klett-Cotta) beschenkt wurde, wußte das und hielt an der Naturphilosophie fest. Ihm zur Seite steht Alexander von Humboldt mit seiner großen poetischen Erkundung der Natur im "Kosmos" (Die Andere Bibliothek bei Eichborn). Schiller traute der Einheit nicht. Mit seiner Leidenschaft für den Intellekt, der den Körper nicht schont, kommen wir, nachdem wir uns im ganzheitlichen Denken geschult haben, nicht weiter.

In seinem anregenden Buch über "Das erschöpfte Selbst" (Campus) und die grassierende Depression schreibt der Soziologe Alain Ehrenberg, daß in den demokratischen Gesellschaften der Geist, weit mehr als der Körper, ein Gegenstand heftiger Diskussionen sei. Ein Ende der Kontroversen sei nicht abzusehen. In diesen Debatten stehen unsere Überzeugungen über das Innere auf dem Spiel - nachdem schon im Mittelalter, wie der Historiker Valentin Groebner in seiner glänzenden Analyse "Der Schein der Person" (C. H. Beck) ausführt, der Mensch seinen äußeren Stempel durch Steckbrief, Ausweis und Krontrolle erhalten hat.

Ins Innere richten sich in diesem Herbst die Blicke. Der in Zürch an der Eidgenössischen Hochschule lehrende Wissenschaftshistoriker Michael Hagner unterstützt die Suche nach dem Geist mit einer spannenden Geschichte der neurowissenschaftlichen Bemühungen um die "Genialen Gehirne" (Wallstein). Mit seiner Kritik der Tradition möchte er einer vorschnellen biologistischen These vorbeugen. Diese Steilvorlage hat der Historiker Johannes Fried noch nicht genutzt. In seinem Buch "Der Schleier der Erinnerung" (C. H. Beck) versucht er, die Geschichtswissenschaft auf neurologische Füße zu stellen.

Die Natur selber liest im Buch der Natur nicht. Sie hat es deswegen einfacher als der Historiker. Ihr Gedächtnis sitzt fest im Muskel und im Reflex. Was uns das Hirn ist, das ist dem Albatros der Flügel. Die größten unter diesen Vögeln sind die Königs- und Wanderalbatrosse. Spannen sie ihre Flügeln, liegen über drei Meter zwischen der einen Flügelspitze und der anderen. Sie wiegen bis zu zwölf Kilogramm. Das Entscheidende ist: Sie müssen selbst nicht fliegen - sie gleiten. Tag und Nacht. An zwei Flügelgelenken rastet ein Versteifungsmechanismus ein, so daß nicht einmal der Vogel selbst seine Schwingen gestreckt halten muß. Diesem Wunder der Natur hat Carl Safina seinen "Flug des Albatros" (marebuchverlag) gewidmet. Der Geist der Natur ist uns, die wir die Natur des Geistes suchen, um Längen voraus.

"Der Natur des Guten" (Suhrkamp) hat die Philosophin Philippa Foot eine aufklärende Untersuchung gewidmet. Sie verbindet die Natur mit dem Geist, indem sie das Gute mit der Lebensform vereint. Gut sei, was lebensnotwendig für eine Spezies ist, mag es sich bei dieser Spezies um Pflanzen, Tiere oder Menschen handeln. Das Gute richte sich nach einem Muster natürlicher Normativität. Anders gesagt: Die Moral, der Sinn für das Gute, gehört nach Philippa Foot zum Menschen wie der Versteifungsmechanismus der Flügel zum Höhenflug des Albatros. Auf den Schwingen seiner ungestörten Natur, die sich in der Vernunft spiegelt, könnte der Mensch über die Gewässer des weniger Guten in aller Seelenruhe segeln. Tag und Nacht.

Dem Bodenpersonal ist manchmal anzulasten, daß es zu Bruchlandungen kommt. Der oben erwähnte Depressionsforscher Alain Ehrenberg erklärt, wieso heute die Menschen von einer allumfassenden Müdigkeit gepackt werden. Die Psychiater stehen ohne begriffliche Durchdringung vor dem Phänomen, dem sie mit Medikamenten beizukommen versuchen. Die Depression ist die Krankheit einer Gesellschaft, deren soziale Normativität, um den Bogen zu Philippa Foot zu schlagen, nicht mehr auf Schuld und Disziplin gründen, sondern auf Verantwortung und Initiative. Nicht einmal Gutes zu tun gelingt dem müden Menschen. Die Depression ist die Tragödie der menschlichen Unzulänglichkeit vor den neuen Freiheiten. Zunehmend mehr Mitbürger stürzen in einer Zeit ohne moralisches Gesetz und ohne Traditionen in die Ausweglosigkeit, weil sie vor der Aufgabe versagen, sich selbst zu entwerfen.

Auf all diese neuen Müden könnte Schillers frischer Enthusiamus wie eine Kurztherapie heilend wirken. Doch fehlen die Werte, die er in Ehren hielt. Ein Wert könnte in der von allen geteilten Vorstellung liegen, daß der soziale Frieden durch das Recht verbürgt ist. Der Rechtswissenschaftler Michael Pawlik begründet in seiner konzentrierten Studie über "Person, Subjekt, Bürger" (Duncker & Humblot) die Strafe als eine Vergeltung für das Unrecht. Eine Strafe in diesem Sinne, meint der Autor, hielte dem Täter seine Verantwortung für das Allgemeine vor Augen und nehme ihn dadurch ernst. Wie der Historiker vor seinen trüben Erinnerungsquellen, so kann der Täter auf die Lücke in seinem Gedächtnis hinweisen, die ihm die Verantwortung für das soziale Ganze vergessen ließ. Der Gedanke ans Soziale würde die Individuen aus ihrer Müdigkeit scheuchen.

Früher litten die Nachbarn an den repressiven Normen rundum. Heute schweben sie im luftleeren Raum der Selbstverwirklichungen. Ohne fruchtbare Konflikte mit der Gesellschaft verkümmern sogar die Voraussetzungen für eine Demokratie. Die Erinnerungen "Begegnungen" von Joachim Fest (Rowohlt Verlag) und "Wir waren noch einmal davongekommen" von Wolf Jobst Siedler (Siedler Verlag) zeigen, welche intellektuelle Statur sich in der produktiven Reibung an der Gesellschaft bilden kann. Wie ein Donnerwetter mutet auch das Wirken Arthur Koestlers vor dem Hintergrund der Erschöpfung an. Dem Schriftsteller, der sich gerne seinem Selbst zuwandte, hat Christian Buckard die Biografie "Arthur Koestler" (C. H. Beck) gewidmet, aus der zu lernen ist, daß der Einsatz auf der Bühne der Taten dem Warten auf der Ersatzbank der Träume vorzuziehen ist.

Von allen Gedanken Schillers kann vielleicht die Idee einer ästhetischen Erziehung des Menschen noch einschlagen. Mit Umberto Ecos opulentem Bildband über die "Geschichte der Schönheit" (Carl Hanser) ist ein erster Wurf in diese Richtung wieder gemacht. Die Bilder mögen dem Müden als ein Stimmungsaufheller dienen, ob sie ihn aus seiner Malaise herausholen, ist ungewiß. Der Gesellschaft fehlt es nicht nur an Werten, sondern wahrscheinlich auch an Lehrern. Der Gelehrte George Steiner ist dem Verhältnis vom "Meister und seinen Schülern" (Carl Hanser) nachgegangen. Eine sehr lohnenswerte Aufgabe hat er damit übernommen, an deren Ergebnissen man ein zeitdiagnostisches Raster hätte ablesen können. Leider meistert Steiner die Meister nicht. Wir vermuten, daß ihm selbst als Schüler der Meister und das Vorbild der Meisterschaft fehlte.

In den Zirkeln, von denen Joachim Fest zu erzählen weiß, traten Meister auf, darunter die Philosophin Hannah Arendt, der Politikwissenschaftler Dolf Sternberger. Manchem Müden hätte eine solche Begegnung auf die Sprünge geholfen. Oft fehlt ja nur der persönliche, der seelische Funken, der den Versteifungsmechanismus zum Guten auslöst. Dabei ist die Zeit, die einem für ein gelungenes Leben bleibt, ein knappes Gut, wie uns der französische Philosoph Jullien in seinem Buch "Über die Zeit" (Diaphanes) nachdrücklich vorführt.

Einen Trost im Brunnen des Selbst bieten Giorgio Agambens tiermenschfreundliche Essays "Kindheit und Geschichte" (Suhrkamp) sowie Roberto Zapperis Geschichte des "Wilden Mannes von Teneriffa" (Carl Hanser). Der wilde Mann hieß Pedro Gonzales, wurde im sechzehnten Jahrhundert geboren, war überall mit Haaren bedeckt und sah aus - nicht wie ein Albatros, sondern wie ein Pelztierchen. Er kam als Kind an den französischen Hof, und statt zu kapitulieren ob seines Aussehens studierte er und heiratete eine schöne Französin, die ihm tierisch behaarte Kinder schenkte. Die Welt bestaunte sie als Zwitter aus Mensch und Tier. Geist und Natur gingen hier eine pelzige, aber notwendige Einheit ein, aus der es kein Entkommen gab und in die es in diesem Herbst eine schöne haarige Einsicht gibt.

EBERHARD RATHGEB

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Besprechung von 19.08.2004
Raus aus Schloss Langeweile
Unter der Flagge Alexander von Humboldts nimmt eine tollkühne Bildungsflotte Kurs auf die Feste „Pisa”
Seitdem Sehen und Erkennen, sinnliche Anschauung und begriffliches Denken getrennte Wege gehen, sind nicht nur die Wissenschaften, sondern ist auch unser Bildungswesen ziemlich unerotisch und lieblos geworden. Das war nicht immer so: „Wäre ich der jetzigen Schulbildung in die Hände gefallen, so wäre ich leiblich und geistig zu Grunde gegangen”, schrieb vor rund 150 Jahren der große Universalgelehrte Alexander von Humboldt.
Aufgewachsen in „Schloss Langeweile”, wie der 1769 in Berlin geborene Sohn eines preußischen Offiziers den Familiensitz am Tegeler See nannte, und zusammen mit dem älteren Bruder Wilhelm von Privatlehrern aus der Crème der Berliner Aufklärung erzogen, lehrten ihn seine unbändige Neugier und der Wille zum freien Selbstentwurf, der provinziellen Enge Berlins für Jahrzehnte in andere Länder und Weltregionen zu entweichen. Mit Georg Forster, dem Weltumsegler an der Seite von James Cook, pilgerte der zwanzigjährige Studienabbrecher der Kameralistik nach Paris, um am Vorabend des ersten Jahrestags der Französischen Revolution eine symbolische Schubkarre voll Sand auf dem Marsfeld abzuladen. Ein paar Jahre darauf quittierte der Absolvent der Bergbauakademie den preußischen Staatsdienst und ließ sich in Paris als dem Stützpunkt seiner Weltreisen nieder.
Charles Darwin, der auch nicht viel Sitzfleisch hatte, nannte ihn „den größten Wissenschaftsreisenden, der jemals gelebt hat”. Auf Humboldts Umtriebigkeit, den Forschungsberichten und anschaulichen Schilderungen, die er von seinen Expeditionen nach Nord- und Südamerika und nach Sibirien mitbrachte, beruht sein mit zunehmender Entfernung von der Heimat gewachsener Ruf als - neben Albert Einstein im zwanzigsten. Jahrhundert - einziger deutscher Intellektueller von Weltrang. In Frankreich und Spanien, in den USA und in Lateinamerika ist dieser Ruf noch heute lebendig; dort zählt sein schriftstellerisches Werk zum Kanon der Weltliteratur. Besucher vor allem aus Lateinamerika, die den Sohn einer Mutter mit dem Familiennamen Colomb als den zweiten, antikolonialen Entdecker ihres Kontinents betrachten und ihn als Alejandro de Humboldt eingemeindet haben, mussten in deutschen Buchhandlungen zu ihrem Entsetzen allerdings feststellen, dass seine Schriften praktisch ungreifbar sind.
Dabei hätte es im Nachkriegsdeutschland genügend Anlässe für eine breite Wiederaneignung gegeben. Schon zum 100. Todestag 1959 und erneut zur Feier des 200. Geburtstags im Jahr 1969 wurden im geteilten Deutschland jeweils gleichnamige „Humboldt-Komitees” gegründet, nur waren sie streng nach „der DDR” und „der BRD” getrennt. An der mangelnden Verfügbarkeit des Werks änderte der Jubel um den Namen und seine Bedeutung für allerhand Wissenschaften ohnehin wenig. Lediglich im Osten sah die Editionslage etwas besser aus.
Angesichts der Bedeutung und der bestechenden Lesbarkeit, Anschaulichkeit und wissenschaftspoetischen Aktualität dieses Œuvres gehört das Ausbleiben seiner außerakademischen Rezeption offenbar zu jenen Torheiten der Deutschen, von denen Alexander von Humboldt selbst einmal sagte (ohne an Rechtschreibverordnungen und dergleichen auch nur zu denken): „In Deutschland gehören netto zwei Jahrhunderte dazu, um eine Dummheit abzuschaffen; nämlich eins, um sie einzusehen, das andere aber, um sie zu beseitigen.”
Ganz so lange soll es im Fall Humboldt, der zu Lebzeiten auch in Deutschland ein populärer Autor war, diesmal aber nicht dauern, und so könnte es im Buchhandel schon bald wieder zugehen wie am Erstverkaufstag von Humboldts Hauptwerk „Kosmos”, das auf öffentliche Vorträge in der Berliner Singakademie zurückging, die regen Zulauf von Angehörigen aller Stände hatten. Der Verleger Cotta hatte damals allen Grund zu jubeln: „In den Buchhandlungen wurden Schlachten geschlagen, um in den Besitz des Werks zu kommen.”
Dieses Werk mit dem Untertitel „Entwurf einer physischen Weltbeschreibung” ging auf den „tollen Einfall” seines Autors zurück, darin buchstäblich die gesamte physische Schöpfung en gros und en detail zu versammeln: „Die ganze materielle Welt”, alles, was sich auf der Erde, unter der Oberfläche der Meere und am Himmelszelt tummelt, was kreucht und fleucht oder leblos erstarrt und versteinert ist, mit allen zugehörigen Tatsachen sowie den Ideen - Welt-Anschauungen im wörtlichen Sinne -, die sich die Menschen über die natürlichen Erscheinungen gemacht haben. Dies alles wollte Alexander von Humboldt in seiner sinnlichen Verflochtenheit und mit gedanklichen Tiefenbohrungen in einem einzigen Werk, einem „Naturgemälde” gleich, darstellen. Humboldts „Kosmos”, in fünf Bänden zwischen 1845 und 1862 erschienen, war eines der ersten modernen verlegerischen Großprojekte, vergleichbar auch in seinen bescheideneren Dimensionen mit der von Jean le Rond d’Alembert und Denis Diderot herausgegebenen Encyclopédie.
Am 15. September soll es nun auch in Deutschland wieder heißen: „Es werde Licht!” Diesem Motto hat sich ein tollkühnes Großprojekt verschrieben, das sich - eingebettet in die von Hans Magnus Enzensberger im Eichborn Verlag herausgegebene „Andere Bibliothek” - als „Humboldt-Kontor” mit Sitz in Berlin im Internet präsentiert (www.humboldt-portal.de). Erstmals ergänzt um ein ursprünglich zugehöriges Atlaswerk, das aufgrund eines Editorenstreits damals anderenorts erscheinen musste, legt die „Andere Bibliothek” am Tag nach Humboldts 235. Geburtstag am 14. September den gesamten „Kosmos” wieder im originalen Folio-Format vor.
Im Geist der Encyclopédie
Im zwanzigsten Jahr ihres Bestehens will die „Andere Bibliothek” gleich mit einem ganzen Humboldt-Ensemble der deutschen Bildungsmisere begegnen. „Kosmos” erscheint zusammen mit zwei weiteren Humboldtschen Hauptwerken, einer deutschen Erstausgabe der „Ansichten der Kordilleren”, die in französischer Sprache verfasst und noch nie vollständig ins Deutsche übertragen wurden, sowie mit einer Neuausgabe von Humboldts persönlichem „Lieblingsbuch”, den „Ansichten der Natur”, die in anderer Ausstattung schon einmal an gleicher Stelle erschienen, seit längerem aber vergriffen waren.
Flankiert wird das risikoreiche Verlagsprojekt, das auch in seinen elaborierten Marketing-Strategien wiederum an das Riesenunternehmen der Encyclopédie von Enzensbergers Lieblingsautor Diderot erinnert, von Festakten - unter anderem in der Rotunde von Schinkels Berliner Altem Museum -, Banketten, Vortragstourneen und einer Fülle weiterer Veranstaltungen in Museen, Planetarien und Observatorien. Ein Kreis von „Freunden & Förderern” von Anita Albus über Günther Jauch und Joschka Fischer bis zu Richard von Weizsäcker nähert sich so ziemlich allem, was die Republik an Prominenz unterschiedlicher Sparten aufzubieten hat. Da die kostspielig ausgestatteten Bücher auch ihren Preis haben, sich aber vor allem an junge Menschen als Adressaten wenden, sind Schenkungen an hochbegabte Abiturienten und Studienanfänger geplant.
Humboldt wieder auf die Tagesordnung zu setzen, ist laut Enzensberger „gewissermaßen eine nationale Aufgabe”. Auf junge Menschen könne jener „ansteckend wirken durch den Enthusiasmus, mit dem er seine riesigen Unternehmen realisiert hat”. Enzensbergers Mitstreiter, die Lektoren, Editoren und Typographen, heben insbesondere die sinnliche Poetik von Humboldts wissenschaftlicher Prosa, seinen ganzheitlichen, an Goethes erkennendem Sehen ausgerichteten Bildungsbegriff und die „transdisziplinären” Antriebe hervor.
Was aber passiert künftig mit all diesen jungen, vom Geiste Alexander von Humboldts beseelten jungen Leuten, wenn sie, ausgestattet mit Schenkungen seiner Werke, frohen Muts und heiteren Sinns die Hallen der einst den Ideen des Bruder Wilhelm verpflichteten Universitäten betreten und dort in die Hände von Ordinarien fallen, die in den bildungsfeindlichen siebziger Jahren ausgebildet wurden? Da muss dann wohl wieder ein Schutzverband gegen unglückliches Bewusstsein her.
VOLKER BREIDECKER
Alexander von Humboldt, gemalt von Friedrich Georg Weitsch (1806).
Abb.: Staatliche Museen zu Berlin/Nationalgalerie
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Hanns Zischler sieht Hans Magnus Enzensberger und seine Mitarbeiter von der Anderen Bibliothek entschlossen ausschreiten wie einst Alexander von Humboldt, unerschrocken Kurs nehmend auf die Ideale der Bildung und voller Vertrauen, dass es ihn noch gibt, dass er nur schlummert und erweckt werden kann - jener "höhere Leser", wie ihn Rudolf Borchardt beschrieb: "Die Welt geht in ihn ein, indes er in die Welt aufgeht." Denn eines solchen bedürfe es zur Lektüre des "hoch zerklüfteten Werkes", dem Ergebnis von Humboldts so hehrer wie maßloser Ambition, die "ganze materielle Welt" nebst jeder wichtigen Idee, "die irgendwo aufglimmt", in einem großen Werk darzustellen, "das zugleich in lebendiger Sprache anregt und das Gemüth ergötzt". Das Wissen der Welt, das Humboldt mit Hilfe von Mitarbeitern in ganz Europa kompilierte und, befeuert vom sozialen Ideal der wissenschaftlichen Bildung im Deutschland der Restauration, in 61 Vorträgen unter das interessierte Volk brachte. Warum aber soll man Humboldt heute lesen? Weil er, so Zischler, Vertreter einer naturwissenschaftlichen Prosa ist, wie sie nicht mehr existiert: einer Sprache, die dazu einlädt, "die Welt aus ihren Entwürfen zu begreifen". Zischler, voller Bewunderung für den Mut, das Monumentalwerk in seiner ursprünglichen und vollständigen Form wieder zugänglich zu machen, freut sich zudem über die Beigabe des "Physikalischen Atlas zum Kosmos" von Heinrich Berghaus, der auch seinerzeit zur Mitherausgabe eingeplant war und im besonderen Maße die wissenschaftliche Innovation des Autors akzentuiere.

© Perlentaucher Medien GmbH
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