Kasino-Kapitalismus - Sinn, Hans-Werner
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Produktdetails
  • Verlag: Econ
  • Deutsch
  • Abmessung: 22 cm
  • Gewicht: 698g
  • ISBN-13: 9783430200844
  • ISBN-10: 3430200849
  • Artikelnr.: 26052913
Autorenporträt
Hans-Werner Sinn ist Professor für Nationalökonomie und Finanzwirtschaft und Präsident des renommierten Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München. Er war Vorsitzender des traditionsreichen Vereins für Sozialpolitik und hat unzählige Fachartikel und -bücher geschrieben. Als Finanzexperte ist er ein gefragter Gesprächspartner in der Politik und bei den Medien.
Rezensionen
Besprechung von 28.12.2009
Die Krise und die Ökonomen
Die Wirtschaftsbücher des Jahres

Viele Menschen wollen aus gutem Grund nichts mehr von der Finanzkrise hören, und dies nicht nur, weil sich die Wirtschaft und die Kapitalmärkte zu erholen scheinen. Überdies ist der homo sapiens so gestrickt, dass er nach Tiefschlägen wieder unverdrossen nach vorne schaut. Würde er in Trübsinn und Schwarzmalerei versinken, hätte ihn die Evolution vermutlich längst aussortiert.

Dennoch war das Jahr 2009 innerhalb der Wirtschaftsliteratur noch einmal ein Jahr der Krisenbücher. Das international herausragende Werk, von dem leicht prognostiziert werden kann, dass es im Unterschied zu den meisten Vertretern dieses Genres Bestand haben dürfte, stammt von den amerikanischen Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff. "This Time is different" (Dieses Mal ist es anders) besitzt das Zeug zum neuen Standardwerk über Finanzkrisen.

Auf einer einmalig breiten Datenbasis beruhend, klar gegliedert und zupackend analysiert, versorgt es den Leser mit einer beeindruckenden Fülle an Informationen und Erläuterungen über Finanzkrisen aus acht Jahrhunderten, ohne besserwisserisch daherzukommen. Vielmehr ist das Buch wie ein zwar schon sehr geräumiges, aber doch noch ausbaufähiges Haus angelegt: Zusätzliche Informationen dürften künftige Auflagen bereichern, zumal die definitive Geschichte der im Jahre 2007 ausgebrochenen Krise einfach deshalb noch nicht geschrieben wurde, weil es hierfür zu früh ist.

Auch auf dem reichgedeckten Tisch deutschsprachiger Krisenbücher ragt ein Werk heraus: Hans-Werner Sinns "Kasino-Kapitalismus" ist gottlob weniger reißerisch geraten, als es der Titel vermuten lässt. Statt dessen ist Sinn von der Erkenntnis ausgegangen, dass gute Ökonomik auf dem Dreiklang von Theorie, Empirie und Institutionenlehre beruht. Und da sich der Münchener Ökonom auch als ein sehr guter Kenner der Praktiken und Produkte an den Finanzmärkten erweist, ist sein Buch ebenso informativ wie lehrreich geworden, auch wenn der geneigte Leser nicht jeder Schlussfolgerung des prominenten Autors zustimmen muss.

"The Myth of the Rational Market" (Der Mythos des rationalen Marktes) des amerikanischen Wirtschaftsjournalisten Justin Fox ist eine spannend und kundig geschriebene Geschichte über eine höchst einflussreiche ökonomische Theorie: die Theorie der effizienten Finanzmärkte. Fox erzählt ihre Entstehung, Ausbreitung und die an ihr geübte Kritik aus der Perspektive bedeutender Ökonomen, deren Namen sich mit dieser Theorie verbinden. Irving Fisher, Harry Markowitz, Paul Samuelson, Franco Modigliani, Merton Miller, Gene Fama, Fisher Black, Michael Jensen, Richard Thaler, Andrei Shleifer, Robert Shiller und andere - es sind die Großen der Zunft, anhand deren Gedanken und Arbeiten der Leser auf leicht verständliche Weise und ohne jede mathematische Formel mit einer der folgenreichsten, aber auch umstrittensten ökonomischen Theorien aller Zeiten vertraut gemacht wird. Diese Art des typisch amerikanischen Sachbuchs ist in Deutschland leider nicht sehr verbreitet.

Wer die jüngste Finanzkrise verstehen will, kommt ohne Kenntnisse der modernen Finanzmärkte nicht aus. Gillian Tett, eine preisgekrönte Redakteurin der britischen Wirtschaftszeitung "Financial Times", kennt moderne Märkte und ihre Teilnehmer. Ihr von der Kritik hoch gelobtes Buch "Fool's Gold" (Gold der Narren) erzählt die Geschichte einer der wichtigsten Finanzinnovationen der vergangenen Jahre, die es während der Krise auch außerhalb der Finanzszene zu einiger Berühmtheit gebracht hat: Es geht um den Credit Default Swap (CDS), eine Art handelbare Kreditversicherung. Tett hat mit den Schöpfern dieses Produkts sowie mit vielen anderen Marktteilnehmern gesprochen und eine Art Insidergeschichte aus der Welt der Bankentürme geschrieben, die gleichzeitig als eine Milieustudie über das Investmentbanking verstanden werden kann. Die Kombination aus Naivität und Hybris, mit der die Banker in die Krise stolperten, wirkt geradezu beklemmend.

Der japanische Ökonom Takashi Negishi vertritt die Auffassung, dass alle wichtigen ökonomischen Ideen bereits in den Schriften der Klassiker des Fachs zu finden seien und die zeitgenössischen Fachvertreter nur noch an der Ausarbeitung alter Ideen feilten. Auch wer diese Auffassung nicht teilt, wird im Leben und Werk der Altvorderen viele lehrreiche Einsichten (wie auch manche Irrtümer) finden.

Der Grazer Ökonom und Dogmenhistoriker Heinz D. Kurz hat in zwei Taschenbüchern Porträts wichtiger Ökonomen herausgegeben, die von Fachleuten kompetent und verständlich verfasst wurden, sofern der Leser ein ökonomisches Grundwissen mitbringt. Die anregende und lehrreiche Zeitreise beginnt mit William Petty im 17. Jahrhundert und endet in der Gegenwart mit Kenneth Arrow, Amartya Sen und dem gerade verstorbenen Paul Samuelson. Die Beiträge umfassen jeweils rund 20 Seiten und sind nach dem bewährten Muster "Leben - Werk - Wirkung" aufgebaut.

Er wäre lieber ein Tischler im Berner Oberland als ein Millionär in New York, hat Wilhelm Röpke (1899 bis 1966) einmal gesagt. Es ist vermutlich kein Zufall, dass im Zuge der Beschäftigung mit den Vätern des deutschen Ordoliberalismus und der Sozialen Marktwirtschaft Röpke seit einigen Jahren mindestens so viel Aufmerksamkeit findet wie Walter Eucken, das unbestrittene Haupt des Ordoliberalismus.

So erschien im Jahr 2009 zunächst im Manuscriptum-Verlag eine lehrreiche Sammlung mit Aufsätzen Röpkes unter dem beziehungsreichen Titel "Marktwirtschaft ist nicht genug"; außerdem haben Heinz Rieter und Joachim Zweynert als Herausgeber im Metropolis-Verlag einen Band mit Aufsätzen moderner Ökonomen über Röpke veröffentlicht. Kurz vor dem Jahresende hat nun der Verlag Handwerk mit dem ursprünglich 1958 erschienenen "Jenseits von Angebot und Nachfrage" Röpkes letzte und, von seinem Lehrbuch für Anfänger abgesehen, vielleicht verbreitetste Monographie neu aufgelegt. Sie zeigt ihn in der für diesen Autor typischen Verbindung eines liberalen Marktwirtschaftlers mit einem konservativen und bodenständigen Sozialphilosophen und Kulturkritiker.

Damit grenzte sich Röpke nicht nur vom traditionellen Feindbild des Liberalismus ab: dem Kollektivismus und dem Zentralismus sowie staatlichem Machbarkeitswahn. Röpke unterschied sich auch deutlich von radikaleren Liberalismus-Interpretationen wie etwa der Österreichischen Schule. Wirtschaftlicher Wettbewerb war für ihn auch ein "Moralzehrer", der die Wolfsnatur im Menschen aktivierte. Moralische Reserven sollten die Menschen nach seiner Ansicht in anderen Lebensbereichen wie der Familie und in einer landschaftlich intakten Umwelt aufbauen.

Röpkes Ideal war in der Tat der kernige Handwerker in einer idyllischen Schweizer Kleinstadt mit Frau, Kindern und einem Haus mit Garten. Vieles an Röpke war zeitgebunden und ist heute nicht mehr leicht nachvollziehbar; anderes gehört zum ehernen Bestand des deutschen Ordoliberalismus. Nicht im Geiste einer unkritischen Heldenverehrung, wohl aber als eine Quelle der Inspiration verdient Röpke, wieder gelesen zu werden.

GERALD BRAUNBERGER

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Besprechung von 04.07.2009
Wirtschaftsbücher
Preis für das Glücksrittertum
Um die Finanzkrise zu überwinden, befürworten die Starökonomen Hans-Werner Sinn und Peter Bofinger eine höhere Staatsverschuldung – doch damit hört ihre Einigkeit schon auf
Die Krise hat die Wirkung eines Wahrheitsserums. Nicht, dass man sich vorher nur Illusionen über die Wirkungsweise von Markt und Kapitalismus hingegeben hätte. Auch die glanzvollsten Renditetriumphe der letzten Jahre verbargen nie ihre Schattenseiten. Doch der Unterschied zwischen der heute oft so zornigen Sprache über die Finanzkrise und der noch vor kurzem dominanten marktradikalen Rhetorik ist verräterisch. Als ob man sich von der kraftstrotzenden Dynamik wie ein verzücktes Groupie hätte blenden lassen und nun plötzlich belämmert erkennen muss, mit welch fragilem und nahezu selbstzerstörerischem Markttreiben man es bei näherem Hinsehen zu tun hat. Aus dem Schwan ist wieder ein hässliches Entlein geworden.
Doch für Genugtuung bleibt kein Raum, zu fatal sind die Gründe des neuen Realismus. Und nicht jeder, der jetzt eine deutliche Sprache spricht, muss sich sagen lassen, hinterher sei man stets klüger. Einige große Mitspieler und Wissenschaftler wie George Soros, Joseph E. Stiglitz oder Nassim Nicholas Taleb haben lange vor dem Absturz ihre Stimme erhoben. Aber nicht nur sie.
Auch ein energischer Verfechter der neoliberalen Schule wie Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, muss sich heute nicht verbiegen, was die Entgleisung des Finanzmarktes betrifft. Seit Jahren hat er vor einer Krise der Banken gewarnt, deren Geschäftslogik zum Glücksrittertum verführe und deshalb einer internationalen Regulierung bedürfe.
Trotzdem reicht sein Buch Kasino-Kapitalismus weit über bloße Wiederholung oder gar Rechthaberei hinaus. Wer einen detaillierten Einblick in den Hergang der Krise haben will, kann kein besseres Buch aus deutscher Feder lesen. Allerdings lässt sich der Gewinn der Lektüre steigern, wenn ihr Peter Bofingers Buch Ist der Markt noch zu retten? zur Seite gestellt wird. Nicht zufällig bringt der Econ-Verlag die beiden Antipoden gleichzeitig heraus. Doch wenn es nur das übliche Ping-Pong-Spiel der Vertreter konträrer Lager wäre, hier der Angebotstheoretiker und Sozialstaatskritiker, dort der Nachfragetheoretiker und Sozialstaatsbefürworter, könnte man auf die synchrone Lektüre verzichten.
Was die Beschäftigung mit beiden Büchern wirklich belohnt, sind beachtliche Übereinstimmungen auch dort, wo ihre Ausgangspunkte so verschieden zu sein scheinen. Wissenschaftlicher Pragmatismus und analytische Neutralität räumen mit manchem Klischee auf. Dies gehört zu den Bestandteilen des Wahrheitsserums. Umso deutlicher treten vor diesem Hintergrund die höchst unterschiedlichen Denkweisen der Autoren hervor. Sinn bleibt dem Zirkel des wirtschaftstheoretischen Denkens verhaftet, während Bofinger diesen alsbald – und vorschnell – verlässt, dafür aber vehement die hier so bedeutsame Dimension der politischen Ökonomie erschließt.
Sinn, der den kapitalmarktimmanenten Ursachen der Krise sehr viel präziser als sein Gegenüber nachgeht, sieht im Zusammenwirken zweier Faktoren den Hauptgrund für das verantwortungslose Handeln der Banken. Es ist zum einen die Haftungsbeschränkung der Kapitalgesellschaften, die jedes noch so große Risiko auf das eingesetzte Kapital begrenzt; eine Durchgriffshaftung der Aktionäre kennen weder die USA noch Europa. Es ist zum anderen die sehr bescheidene Eigenkapitalquote, die überdies nicht fix, sondern durch Risikogewichtungen und „Fair-value”-Bewertungen (USA) oder durch die Kernkapitalregeln von „Basel II” oft viel zu optimistisch angesetzt war.
Ganz zu schweigen von den parteilichen Rating-Agenturen. Ihnen ist es zu verdanken, dass aufgrund falscher Wahrscheinlichkeitsprämissen die Risikofaktoren jeweils separat und nicht, wie es wegen des flächendeckenden Immobilienbooms richtig gewesen wäre, kumulativ einkalkuliert wurden. Nur so konnten riskante Subprime-Hypothekenkredite zu märchenhaften AAA-Wertpapierpaketen umgewertet werden.
In keinem Fall riskierten Aktionäre mehr als ihr ohnehin viel zu geringes Eigenkapital, wenn ihre Bank auf jeden angelegten Dollar Eigenkapital noch einmal 25 fremde Dollar oder mehr draufsetzen und in die spekulative Umlaufbahn schießen durfte. Die Hauptlast des Risikos aller Geschäfte mit zig-fach gestaffelten Derivaten, die nichts als Kaskaden von Wetten waren, trugen die Gläubiger oder eben am Ende die Steuerzahler.
Viele Manager werden diese asoziale Logik auch rückblickend nicht wahrhaben wollen. Aber wie schein-redlich man sich das auch immer zurecht gelegt hat, der Höhenflug des Finanzmarkts wäre ohne die kaltblütige Risikoabwälzung nicht möglich gewesen. Auf diesem Punkt reitet Sinn mit guten Gründen herum. Von Anfang an stand damit auch die Logik des Systemabsturzes fest: Immer höhere Risiken, die zu immer phantastischeren Renditen führen, kann nur derjenige eingehen, der im Ernstfall die drohenden, ebenso phantastischen Verluste sozialisieren darf.
Der Fall ist eingetreten, die Vergesellschaftung der Folgen ist in vollem Gang. Den Preis für die generalisierte Verantwortungslosigkeit der Finanzwelt zahlen ein oder zwei Generationen. Beide, Sinn wie Bofinger, rechtfertigten in diesem katastrophalen Ausnahmefall eine massive keynesianische Verschuldenspolitik.
Während Sinn sich jedoch damit begnügt, regulatorische Instrumente zur Vermeidung künftiger Exzesse zu entwickeln, erkennt Bofinger, dass aus dieser Krise mehr abgeleitet werden muss als nur strengere Eigenkapital-, Haftungs- und Aufsichtsregeln. Das gesamte Verhältnis von Markt und Staat muss überprüft werden. Bofinger glaubt, wie Sinn auch, an die überlegene Leistungskraft des Marktes (und auch der Globalisierung!). Aber er übertreibt nicht, wenn er hinter allem Unmut eine Legitimationskrise der Marktwirtschaft, ja eine Legitimationskrise der Demokratie auf den Westen zukommen sieht. Kann derselbe Staat, der so lange als steuerfressendes und markthemmendes Monster verteufelt wurde, mit einem Mal als kompetenter Retter anerkannt werden?
In der Tat wirft der Kollaps des Finanzsystems mit den Verheerungen in der Realwirtschaft und im Staatshaushalt nicht nur das handwerkliche Problem auf, wie der Karren aus dem Dreck zu ziehen ist. Hier stellt sich die soziale und ethische Frage, warum wer welche Folgen der verantwortungslosen Misswirtschaft zu tragen hat. Sollten nicht alle Bürger, wie Bofinger fordert, an der politischen Gestaltung der ökonomischen Rahmenbedingungen auf viel aktivere und durchsichtigere Weise mitwirken?
Der Kapitalismus ist ein humanes Unterfangen, kein Modellplatonismus, keine Spieltheorie, in der Experten ein paar Parameter ändern, wenn es nicht so läuft wie vorgesehen. Andreas Zielcke
Hans-Werner Sinn: Kasino-Kapitalismus. Wie es zur Finanzkrise kam, und was jetzt zu tun ist. Econ Verlag, München 2009, 352 Seiten, 22,90 Euro.
Peter Bofinger: Ist der Markt noch zu retten? Warum wir jetzt einen starken Staat brauchen. Econ Verlag, München 2009, 256 Seiten, 19,90 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Mehr als eine schockierende Stelle entdeckt der Rezensent Gerald Braunberger im Buch von Hans-Werner Sinn. Den Buchtitel findet er deshalb höchst treffend. Bei Sinn lernt Braunberger, dass nicht etwa Alan Greenspan der Hauptverantwortliche für die Finanzkrise ist, sondern Fehlentwicklungen, die unmittelbar mit unzureichender staatlicher Regulierung zu tun haben. Sinns Analyse fataler Haftungsbeschränkungen im Finanzsystem besticht laut Braunberger durch ihren Faktenreichtum und eine klare Gliederung sowie durch eine differenzierte Betrachtung des Problems, die auch die Vorteile beschränkter Haftung aufzeige. Ohne mit allen hier präsentierten Argumenten einverstanden zu sein, empfiehlt Braunberger den Band zum besseren Verständnis dessen, "was sich seit Sommer 2007 abspielt".

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