Irrfahrer und Weltenbummler - Geisel, Sieglinde
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Goethe reiste noch kaum anders als die alten Griechen und Römer. Mit der Erfindung der Eisenbahn aber begann die Welt zu schrumpfen. Seitdem prägen Bewegung und Fortbewegung, Abfahrt und Ankunft, Reisen durch Raum und Zeit das Gesicht der Moderne. Wer im Hier und Jetzt verharrt, verpasst Chancen, verliert den Anschluss, verhindert sich selbst und den Fortschritt. Doch längst zeigen sich auch die Widersprüche des Reisens: Wer schnell vorankommen will, muss stillsitzen. Je mehr Menschen vorankommen wollen, desto größer wird der Stau, und die Hoffnung auf gesteigerte Bewegung erweist sich nicht…mehr

Produktbeschreibung
Goethe reiste noch kaum anders als die alten Griechen und Römer. Mit der Erfindung der Eisenbahn aber begann die Welt zu schrumpfen. Seitdem prägen Bewegung und Fortbewegung, Abfahrt und Ankunft, Reisen durch Raum und Zeit das Gesicht der Moderne. Wer im Hier und Jetzt verharrt, verpasst Chancen, verliert den Anschluss, verhindert sich selbst und den Fortschritt.
Doch längst zeigen sich auch die Widersprüche des Reisens: Wer schnell vorankommen will, muss stillsitzen. Je mehr Menschen vorankommen wollen, desto größer wird der Stau, und die Hoffnung auf gesteigerte Bewegung erweist sich nicht selten als trugerisch: Unsere Verkehrsmittel sind schneller geworden, aber die Fahrt zum Arbeitsplatz dauert immer noch so lange wie vor hundert Jahren der Fußmarsch zur Fabrik. Tritt die mobile Gesellschaft also trotz der Beschleunigung auf der Stelle? Neigt die Mobilität gar dazu, sich selber aufzuheben?
In ihrem klugen Essay folgt die Journalistin Sieglinde Geisel den Spuren der Weltenbummler und Irrfahrer und fragt nach den Träumen, die Menschen zum Aufbrechen veranlasst haben, und nach den Ängsten, die sie dabei uberwinden mussten. Sie erinnert an Geschichtliches und Mythisches und schlägt den Bogen in die Gegenwart. Dabei wird offenbar, was Skeptiker immer schon ahnten: Der grenzenlos mobile Mensch ist nirgends anwesend und nie ganz gegenwärtig. Manchmal beschleicht ihn sogar der Verdacht, das Entscheidende finde ohne ihn statt.
Sieglinde Geisel, selbst mehr Weltenbummlerin als Irrfahrende, hat ein kurzweiliges, pointiertes Buch geschrieben, das jedem Reisenden ins Gepäck gelegt werden sollte.
  • Produktdetails
  • Verlag: Wjs
  • Seitenzahl: 246
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 246 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 206mm x 128mm x 24mm
  • Gewicht: 347g
  • ISBN-13: 9783937989389
  • ISBN-10: 3937989382
  • Best.Nr.: 23335545
Autorenporträt
Sieglinde Geisel, geboren 1965 in der Schweiz, studierte in Zurich und Berlin Germanistik und Theologie. Anfang der neunziger Jahre reiste sie für eine Reihe von Städteporträts viel in Osteuropa, verbrachte ein halbes Jahr in Lublin (Polen) und war von 1994 bis 1998 Kulturkorrespondentin der "Neuen Zürcher Zeitung" in New York. Im Jahr 1999 kehrte sie nach Berlin zurück, wo sie für die NZZ über das kulturelle Leben in der deutschen Hauptstadt berichtet.
Rezensionen
Besprechung von 23.07.2008
Im Schuh ein vierblättriges Kleeblatt

Das Reisen verändert nicht nur den Menschen, sondern auch die Welt. Sieglinde Geisel erschließt mit dem Phänomen der Reise vielfältige Aspekte der Zivilisationsgeschichte und geht der Mobilität auf den Grund.

Mythische Irrfahrer, antike Weltenbummler, mittelalterliche Wallfahrtsströme und die Erscheinung des modernen Hypermobilen, Sieglinde Geisel untersucht, wie das Reisen uns verändert. Dabei nähert sie sich der Reiselust spielerisch von allen Seiten, eine Fülle literarischer Beispiele wechselt sich ab mit wortgeschichtlichen Erläuterungen und Streifzügen durch die Geschichte. Dem Leser wird dabei viel Bekanntes begegnen - Reiseliteratur gibt es schließlich nicht zu knapp -, in der Zusammenschau liefert die Autorin jedoch eine gelungene erzählerische Mischung aus Basiswissen und interessanten Perspektivierungen.

Die Reise beginnt bei Sieglinde Geisel mit einer Definition des Wortes und seiner historischen Dimension. "Das althochdeutsche Wort ,risan' bedeutet, wie das englische Verb ,to rise', ,sich von unten nach oben bewegen', ,aufsteigen', ,sich erheben'. Eine Reise ist ein Aufbruch." Den Leser führt die Reise zunächst zu den mythischen Irrfahrern, Odysseus, der "Symbolgestalt aller Unbehausten", und Hermes, dem Gott der Reise, der den Seelen der Sterblichen das letzte Geleit gibt. Geisel unternimmt den Versuch, das Reisen in der Antike nachzuzeichnen, eine eher schwierige Angelegenheit, denn: "Über die Bedingungen des Reisens erfährt man aus den antiken Quellen wenig." Dennoch gelingt es der Autorin, dem Leser die um das Mittelmeer angesiedelte antike Welt und ihre Bedingungen vor Augen zu führen. Im Altertum war jede längere Reise extrem riskant, niemand konnte wissen, ob ein Reisender je zurückkehren würde. Zudem galt das Reisen und damit das Nicht-zu-Hause-Sein aus gegebenen Gründen noch nicht als erstrebenswert, die Heimatlosigkeit wurde vielmehr als Fluch angesehen. Odysseus' Verlust der Heimat macht ihn zum Urvater aller Heimatlosen, nicht nur in der Antike.

Von den mythischen Irrfahrern und einer hypothetischen Reiseantike führt uns Sieglinde Geisel in das Römische Reich und damit in ein wahres Reise-Zeitalter. "Die Römer revolutionierten die menschliche Fortbewegung, allerdings nicht durch Verkehrsmittel, sondern mit einer Infrastruktur." Damit lieferten sie im Grunde für lange Zeit den letzten großen Beitrag zur Fortbewegung. Die Reisezeit blieb nämlich bis hin zum Eisenbahnzeitalter relativ konstant.

Zwischen den einzelnen Kapiteln liefert die Autorin allerlei Wissenswertes rund um die Reise, so zum Beispiel den "Aberglauben für Reisende" in dem empfohlen wird, für eine sichere Reise einen Kamm in die Tasche zu stecken, der bösen Zauber abwehrt, oder ein vierblättriges Kleeblatt im Schuh zu tragen.

Die Stärke des Buchs liegt vor allem in den gut ausgewählten literarischen Beispielen. Mit dem kuriosen Reisebericht von Margery Kempe lässt die Autorin das Mittelalter in einem autobiographischen Zeitdokument wieder aufleben. Margery Kempe (1373 bis 1438) unternahm in ihrem Leben zwei große Reisen. Ihre Erzählung dreht sich insbesondere um die enormen Schwierigkeiten, die sie dabei zu bewältigen hatte. Die fromme Pilgerin zog alleine los, was im Mittelalter aufgrund zahlreicher Gefahren äußerst ungewöhnlich war. Ihre Frömmigkeit, die sich dabei in ständigem Heulen und Predigen äußerte, vertrieb sämtliche Weggefährten. Ihre Schilderungen zeigen für das Mittelalter eine bemerkenswerte Subjektivität in der Darstellung und geben auf diese Weise Anhaltspunkte, die den Reisealltag im Mittelalter plastisch werden lassen.

Aber auch die Gegenwart kommt bei Sieglinde Geisel nicht zu kurz. Ihr Porträt der reiselustigen Amerikaner leitet deren Verständnis vom Reisen aus ihren Redewendungen her. Ob "Come on!" oder "Let's go", die Bewegung ist positiv besetzt. "Jemand, der Erfolg hat, ist ein ,go-getter', während ein ,stick-in-the-mudder' im wahrsten Sinne des Wortes sitzen bleibt." Geschickt verknüpft die Autorin die Redewendungen zu einem "seelischen perpetuum mobile" der Autofahrernation. Im Gegensatz zur Antike liegt im modernen Amerika das Stigma nicht auf der Rastlosigkeit. "Amerika hat einen anderen Kulturbegriff als Europa. Die Tradition, in der jede europäische Kultur verwurzelt ist, wird in Amerika als ,heritage' gedeutet, ein mobiles Erbe, das jedem zur Verfügung steht und zu nichts verpflichtet."

Eine Reisespezies, die das amerikanische Ideal der Rastlosigkeit aufnimmt, aber über den gesamten Erdball verteilt zu finden ist, bilden die Hypermobilen. Obgleich vermutlich ein bloßes Medienphänomen, setzen sie den Trend zu einem von Mobilität durchdrungenen Lebensstil. Mit dem Nomadentum von einst hat dies jedoch nichts mehr gemein.

Mit dem Phänomen der Nostalgie oder dem Heimweh greift die Autorin kontrastiv nach den Abenteuer- und Reiselustigen die negative Seite der Mobilität auf. Besonders für Soldaten und Söldner wurde das Heimweh zu einer verzehrenden Krankheit. Gleich einer Epidemie konnten ganze Truppen davon befallen werden. Mit dem medizinischen Diskurs über das Heimweh in der Literatur des achtzehnten Jahrhunderts avanciert das Phänomen in Folge des Darübersprechens zur Berufskrankheit. Mit zunehmender Mobilität verliert sich die Schärfe, und die Bedeutung des Heimwehs relativiert sich. Der Begriff bildet einen Wendepunkt in der allgemeinen Bewertung der Reise.

Zum Schluss kommt Sieglinde Geisel dann wieder auf die langsame Fortbewegung und die Schönheit der Reise zurück. Sie schließt mit dem Kapitel "Zu Fuß" und widmet sich modernen Pilgerreisen à la Hape Kerkeling.

GESINE HINDEMITH

Sieglinde Geisel: "Irrfahrer und Weltenbummler". Wie das Reisen uns verändert. Wolf Jobst Siedler jr. Verlag, Berlin 2008. 248 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Das Thema Reiselust findet Rezensentin Gesine Hindemith bei Sieglinde Geisel ebenso spielerisch wie ausgewogen behandelt. Hindemith trifft auf literarische Reiseberichte, worthistorische Erklärungen und geschichtliche Streifzüge. Vieles von dem, was sie liest, kommt ihr bekannt vor, doch häufig überrascht sie die von Geisel gewählte Perspektive. So werden vor den Augen der Rezensentin Reisegewohnheiten in der Antike, im Mittelalters und im heutigen Amerika plastisch, erfährt Hindemith Wissenswertes über die gegensätzlichen Phänome der Hypermobilität und des Heimwehs. Versöhnend zu diesen Extremen verhält sich für Hindemith das Reisen zu Fuß, dem sich die Autorin abschließend widmet. Rastlosigkeit oder Heimweh drohen in dem Fall eher nicht.

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