Gesunde Juden, kranke Schwarze - Hödl, Klaus
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Juden und Afro-Amerikaner wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts als "anders" betrachtet. Eine wesentliche Komponente ihrer angeblichen Differenz bildete ihr besonderes Krankheitsverhalten. Die Gründe, die man als "abnormale" Disposition für (oder Immunität gegen) Krankheiten anführte, waren eng mit zeitgenössischen Vorurteilsbildern verbunden, welche die Gesellschaft von ihnen zeichnete - und die durch die Arbeit der Ärzte sowohl fundiert als auch weiterentwickelt wurden. Diese Studie ist eine diskursanalytische Untersuchung, die davon…mehr

Produktbeschreibung
Juden und Afro-Amerikaner wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts als "anders" betrachtet. Eine wesentliche Komponente ihrer angeblichen Differenz bildete ihr besonderes Krankheitsverhalten. Die Gründe, die man als "abnormale" Disposition für (oder Immunität gegen) Krankheiten anführte, waren eng mit zeitgenössischen Vorurteilsbildern verbunden, welche die Gesellschaft von ihnen zeichnete - und die durch die Arbeit der Ärzte sowohl fundiert als auch weiterentwickelt wurden. Diese Studie ist eine diskursanalytische Untersuchung, die davon ausgeht, daß man Juden und Schwarze aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung vergleichen kann. Inhalt dieser wissenschaftlichen Arbeit sind die von Medizinern konstruierten Vorurteilsbilder von Juden und Schwarzen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Studien Verlag / Studienverlag GmbH
  • Artikelnr. des Verlages: 1550
  • Seitenzahl: 350
  • Erscheinungstermin: 14. März 2002
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 142mm x 22mm
  • Gewicht: 425g
  • ISBN-13: 9783706515504
  • ISBN-10: 3706515504
  • Artikelnr.: 09261063
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 29.09.2003

Haut mit schmerzlichen Eindrücken
Auch ein medizinischer Diskurs: Klaus Hödl zeichnet Körperbilder von Afroamerikanern und Juden

Er war der erste Superstar des zwanzigsten Jahrhunderts: der amerikanische Jazz-Sänger und Schauspieler Al Jolson. Seine Hits "California, here I come" oder "My Mammy" sind unvergessen. "Jazz Singer" (1927) und "The Jolson Story" (1946) gingen in die Filmgeschichte ein. Al Jolsons Markenzeichen war nicht nur seine Stimme, sondern auch sein schwarzgefärbtes Gesicht. Der Sohn eines aus Osteuropa eingewanderten Rabbiners trat auf der Bühne als schwarzer Musiker auf. Das amerikanische Publikum war verzückt. Mit seiner Mischung aus "Schtetl" und "Plantage" gelang es Jolson, eine vorwiegend weiße Zuhörerschaft zu begeistern, die voller Vorurteile gegenüber Schwarzen und Juden war.

Daß sich solche ethnischen Stereotypen nicht nur auf Äußerlichkeiten (Hautfarbe, Physiognomie), sondern auch auf Krankheitsanfälligkeit (körperliche Gebrechen und psychische Defekte) beziehen können, weist der österreichische Historiker Klaus Hödl in seinem neuesten Buch nach. Es handelt von Körperbildern, die sich im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert anglo-amerikanische Mediziner und Anthropologen von Afroamerikanern und Juden machten.

Zu Beginn dieses medizinischen Diskurses interessierte man sich für die Hautfarbe als Unterscheidungskriterium. Der amerikanische Arzt und Psychiater Benjamin Rush (1745 bis 1813) war beispielsweise überzeugt, daß physische Unterschiede zwischen Weißen und Schwarzen durch äußere Einflüsse hervorgerufen würden und nicht als Legitimation für die Sklaverei dienen dürften. Er sah in der schwarzen Hautfarbe kein unveränderbares Rassenmerkmal, sondern eine Krankheitserscheinung, die geheilt werden könne. Als Beweis führte er einen damals recht bekannten Afroamerikaner mit Namen Henry Moß an, bei dem sich im Jahre 1792 erstmals weiße Flecken auf der Haut gezeigt haben sollen, bis seine Hautfarbe schließlich ganz weiß geworden sei. Den "weißen Neger" (Klaus Hödl) gibt es also nicht erst seit Michael Jackson - nur hilft heute die plastische Chirurgie kräftig nach. Leider versäumt Hödl in diesem Fall einen Vergleich mit dem entsprechenden medizinisch-anthropologischen Diskurs über die Juden; denn auch diese galten lange Zeit nicht als "Weiße". Ihre Hautfarbe war angeblich dunkler, ja sie konnte sogar schwarz sein, wie die der äthiopischen Juden.

Im Mittelpunkt dieser Studie steht jedoch die durchaus berechtigte Frage, inwieweit Krankheitszuschreibungen im Falle von Schwarzen und Juden vergleichbar sind. Daß sich eine solche vergleichende Betrachtung lohnt, macht dieses Buch deutlich. Doch manchmal wird man den Eindruck nicht los, daß der Autor vor lauter anthropologischen "Wäldern" die menschlichen "Bäume" aus den Augen verliert. Von einer Diskursanalyse im eigentlichen Sinne kann keine Rede sein, statt dessen werden Aussagen einer Vielzahl hierzulande völlig unbekannter Autoren drei wissenschaftlichen Paradigmen zugeordnet, ohne jeweils auf den Zusammenhang von Erkenntnis und Interesse näher einzugehen.

Es gibt allerdings auch Ausnahmen, wie beispielsweise den kurzen Abschnitt über den Schweizer Naturforscher Louis Agassiz (1807 bis 1843), der nach seiner Einwanderung in die Vereinigten Staaten im Jahre 1846 ein Schlüsselerlebnis hatte, das ihn zum Verfechter der Polygenese werden ließ - einer damals sehr populären Theorie, die besagte, daß Schwarze und Weiße keinen gemeinsamen Stammvater haben. Nachdem er in einem Hotel in Philadelphia mit farbigen Dienstboten in Kontakt gekommen war, schrieb er an seine Mutter: "Ich kann Dir meinen schmerzlichen Eindruck kaum beschreiben, weil das Gefühl, das sie mir gaben, allen unseren Vorstellungen über die Bruderschaft unserer Art (genre) und dem gemeinsamen Ursprung unserer Spezies zuwiderläuft."

Mit dem Hinweis auf die unterschiedliche Abstammung wurden nicht nur Schwarze, sondern auch Juden ausgegrenzt, indem man spezifische Körperbilder konstruierte. Diese konnten sowohl negativ als auch positiv konnotiert sein. So bewunderte man an den Juden im neunzehnten Jahrhundert ihre Fähigkeit, sich den unterschiedlichsten Klimata anpassen zu können, während man es für unmöglich hielt, daß sich Schwarze in kühleren Breiten auf Dauer ohne Schaden an ihrer Gesundheit aufhalten könnten. Bald herrschte jedoch schon ein anderes Erklärungsmuster vor, das Hödl als Hygieneparadigma bezeichnet. Unterschiedliche Anfälligkeiten für Krankheiten wurden auf abweichende kulturelle Praktiken (zum Beispiel Beschneidung) und fehlende oder vorhandene hygienische Verhaltensweisen zurückgeführt.

Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts lieferte dann die rassenhygienische Akklimatisationslehre eine andere Erklärung für die angebliche Überlegenheit der jüdischen "Rasse" gegenüber anderen Völkern (insbesondere "Negern"). Am deutlichsten brachte das einer der Begründer der Rassenhygiene, Francis Galton (1822 bis 1911), kurz vor seinem Tod in einem Interview in der Zeitschrift "The Jewish Chronicle" zum Ausdruck. Auf die Frage, welche Auswirkungen Pogrome auf die "jüdische Rasse" gehabt hätten, antwortete Galton, daß Verfolgungen jene ausmerzten, die "unfit" seien, die Stärksten dagegen am Leben ließen. Die nationalsozialistischen Rassenhygieniker, die sich auf Galton beriefen, konstruierten dagegen ein ganz anderes Körperbild des Juden. Die Folgen sind bekannt.

ROBERT JÜTTE

Klaus Hödl: "Gesunde Juden - kranke Schwarze". Körperbilder im medizinischen Diskurs. StudienVerlag, Innsbruck 2002. 349 S., br., 35,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensent Robert Jütte findet zwar, dass die Fragen, denen Klaus Hödl hier nachgeht - - nämlich "inwieweit Krankheitszuschreibungen im Falle von Schwarzen und Juden vergleichbar sind" - "durchaus berechtigt" seien. Er hat jedoch Zweifel an der Durchführung der Untersuchung, von einer "Diskursanalyse im eigentlichen Sinne" könne jedenfalls keine Rede sein, statt dessen würden Aussagen "einer Vielzahl von hierzulande völlig unbekannter Autoren" recht schematisch drei wissenschaftlichen Paradigmen zugeordnet. So werde man manchmal den Eindruck nicht los, dass der Autor "vor lauter anthroplogischen 'Wäldern' die menschlichen 'Bäume' aus den Augen verliert". Allerdings räumt der Rezensent ein, dass es auch Ausnahmen gebe - also gelungenere Studien zu einzelnen anglo-amerikanischen Medizinern und Anthropologen, und den Körperbildern, die diese sich im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert machten; in jenem Raum und Zeitraum also, den, wie man noch erfährt, Hödls Untersuchung sich vorgenommen hat.

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