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In bester Tradition der teilnehmenden Beobachtung legt David Graeber hier die erste detaillierte ethnografische Studie der Bewegung für globale Gerechtigkeit vor. Ausgehend von der Annahme, dass es keine neutrale, objektive Perspektive gibt, wenn es um Möglichkeiten globaler Veränderung und sich erst entwickelnde politische Formen geht, schreibt er sowohl als Forscher wie auch als Aktivist.Seine 'Feldstudie' behandelt die Organisation und die Ereignisse, die den dramatischen Protesten gegen die Anti-Globalisierungs-Gipfel vorausgingen. In klarer, zugänglicher Sprache, fern von jedem…mehr

Produktbeschreibung
In bester Tradition der teilnehmenden Beobachtung legt David Graeber hier die erste detaillierte ethnografische Studie der Bewegung für globale Gerechtigkeit vor. Ausgehend von der Annahme, dass es keine neutrale, objektive Perspektive gibt, wenn es um Möglichkeiten globaler Veränderung und sich erst entwickelnde politische Formen geht, schreibt er sowohl als Forscher wie auch als Aktivist.Seine 'Feldstudie' behandelt die Organisation und die Ereignisse, die den dramatischen Protesten gegen die Anti-Globalisierungs-Gipfel vorausgingen. In klarer, zugänglicher Sprache, fern von jedem wissenschaftlichen Jargon, führt dieses Buch die Leser hinter die Kulissen einer Bewegung, die die weltweiten Machtverhältnisse und die Sichtweise auf diese grundlegend verändert hat.Graeber lässt uns an informellen Diskussionen in Cafés, großen Planungsgremien und tränengasdichten Straßenaktionen teilhaben und beschreibt die Strukturen und Prozesse, die Sprache, die Symbole und die Rituale aktivistischer Kultur.
  • Produktdetails
  • Verlag: Edition Nautilus
  • Originaltitel: Direct Action. An Ethnography
  • Artikelnr. des Verlages: 4195752
  • Seitenzahl: 347
  • Erscheinungstermin: 27. März 2013
  • Deutsch
  • Abmessung: 243mm x 165mm x 30mm
  • Gewicht: 632g
  • ISBN-13: 9783894017750
  • ISBN-10: 3894017759
  • Artikelnr.: 36821177
Autorenporträt
David Graeber, geboren 1961, war ein US-amerikanischer Ethnologe und Anarchist. Er lehrte an der Yale University und derzeit am Goldsmith College der University of London. Graeber war sozialer und politischer Aktivist und aktiver Teilnehmer an vielen Protestaktionen, Mitglied der IWW und der Internationalen Organisation für eine Partizipatorische Gesellschaft. In Deutschland wurde er einer größeren Öffentlichkeit bekannt durch seine Bücher »Schulden« und »Inside Occupy« (beide 2012). David Graeber ist am 2. September 2020 verstorben.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

David Graebers Buch "Direkte Aktion" ist im Original schon 2009 erschienen, lesenswert ist die deutsche Übersetzung aber in jedem Fall, findet Rezensent Stephan Hebel in seiner ausführlichen Kritik. In einer "Mischung aus historischem Abriss und Kampfschrift" beschreibe Graeber die "subversive Poesie" direkter Aktionen, die durch das Ausleben von Idealen "Löcher in der Realität" erzeugen soll, berichtet der Rezensent, früher hieß das mal Einheit von Idee und Aktion, kann er sich noch erinnern. Was Hebel besonders gefällt, ist, dass Graeber auch kritisch über anarchistische Bewegungen reflektiert: sind sie nicht häufig die "Spielwiese der weißen Mittelschichtkinder", die die Zeit und das Geld für solche Experimente haben, referiert der Rezensent. Problematisch findet Hebel, dass Graeber in manchen Fragen, etwa nach der Legitimität von Gewalt, äußerst vage bleibt. Und die Begeisterung für Occupy, die Graeber freiherzig im Vorwort verkündet, erinnert den Rezensenten stellenweise an das elitäre Verhältnis zu den Massen, das auch linke Erlösungsgläubige gerne an den Tag legen.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 27.04.2013

Lasst uns hintreten vor die Polizisten, auf dass die Maske des Kapitals falle
Ohne Theorie muss sich doch auch etwas bewegen lassen: David Graeber, Galionsfigur der Occupy-Bewegung, erläutert sein Verständnis von direkter Aktion

Der Anarchist ist vor allem ein Mann der Tat. Anders als der Marxist meidet er das hierarchisch strukturierte, auf ein Dogma ausgerichtete Kollektiv. Seine Aktionen haben meist keine geschlossene Theorie oder geschichtsphilosophische Sendung im Rücken. David Graeber, der intellektuelle Star der Occupy-Bewegung, nennt den Anarchismus weniger ein analytisches als ein moralisches Projekt, das als einheitliche Denkströmung kaum zu greifen sei und das er deshalb an der Graswurzel zu packen versucht.

Die "Direkte Aktion", so der Titel seines Buches, das jetzt mit einiger Verspätung in deutscher Ausgabe erscheint, ist dieses Wurzelwerk des Anarchismus. Sie meint den Versuch, ohne Zwischeninstanzen auf die Dinge einzuwirken, durch Blockaden, Proteste, Streiks. Anders gesagt: Man fragt nicht das Ordnungsamt, bevor man ein Haus besetzt. Man tut es einfach. Dem Anarchisten ist der Weg über die Institutionen versperrt, weil er deren Legitimität prinzipiell bezweifelt. Die Politik gilt ihm als eine von wenigen Reichen gekaufte Scheinveranstaltung, die von einer autoritätshörigen Medienlandschaft gestützt wird. Graeber räumt ein, dass seine Ausführungen vor allem von der amerikanischen Perspektive bestimmt sind.

Während die Zeltlager in den Innenstädten längst abgebaut sind, werden von Graeber zurzeit immer weitere Bücher auf den Markt gespült. Hatte er in "Inside Occupy" vor kurzem noch aus dem Innenleben des Protests berichtet, so geht er in "Direkte Aktion" weiter zurück und legt einen historisch fundierten Einblick in die Strukturen und Akteure der anarchistischen Bewegungen vor. Nebenbei erledigt sich hier die These, es habe sich bei den Occupy-Protesten um eine völlig neuartige, aus dem digitalen Schaum geborene Protestform gehandelt. Nach Graeber hat sich der Anarchismus als globale Bewegung schon seit dem zapatistischen Aufstand in Mexiko 1994 neu formiert. Er drang an die Oberfläche, als die großen sozialistischen Systeme zerbrachen.

Graeber schrieb das Buch in der Hochphase der globalisierungskritischen Bewegung um die Jahrtausendwende. Inzwischen ist die Szene um die ernüchternde Erfahrung der Occupy-Bewegung reicher und hat sich auf den exemplarischen Protest verlegt. Man versteht sich als Alternative zu einer repressiven Ordnung und setzt auf die Überzeugungskraft des eigenen Beispiels.

Was den Anarchismus im Inneren zusammenhält, sind Prinzipien wie Hierarchiefreiheit, Autonomie und Solidarität. Das Unkoordinierte und Ziellose in den anarchistischen Aktionen hat also ein gewisses System. Entscheidend ist für Graeber aber nicht der Erfolg, sondern die Treue zum Konsensprinzip. Über den langwierigen Prozess, der zu den einstimmigen Entscheidungen führt oder eben auch nicht führt, wurde viel gespottet. Graeber beschreibt die Einschulung in die Konsensdemokratie mit Akribie. Viel liegt ihm an der Beseitigung der Vorurteile, der anarchistische Protest sei reine Krawallmacherei oder eine Elitenbewegung reicher weißer Kinder, die sich vermummen, um von Papi und Mami nicht auf dem Bildschirm gesehen zu werden. Insgesamt dominiert in der Szene ein kultivierter Verhaltensstil. Viele Aktivisten kommen aus Schreibberufen. Den Protest halten die meisten nur wenige Jahre durch. Viele geraten erst in eine Phase des Hochgefühls, um später, nach verlorenen Illusionen, ausgebrannt in ihr früheres Leben zurückzukehren.

Durch sein aktivistisches Ethos ist der Anarchismus gefeit gegen die resignative Diagnose linksakademischer Intelligenz, die kapitalistische Ordnung könne nicht mehr bekämpft werden, weil schon alle Wünsche und Hoffnungen in ihr steckten. Er hält es eher mit dem Situationismus: durch improvisierte Aktionen "Löcher in die Realität schneiden" und das versteckte Gewaltpotential des Gegners durch friedliche Provokation herauslocken.

Wie hält es der Anarchismus selbst mit der Gewalt? Laut Graeber ist sie nicht Regel und Ziel. Für die meisten liegt bei der eingeworfenen Schaufensterscheibe die Grenze der Militanz. Das Eigentum eines Einzelhändlers darf mehr Rücksicht erwarten als das einer Kette. Auch der schwarze Block sei nicht der nihilistische Gewaltmob, für den er gehalten werde, sondern eine lose koordinierte, undogmatische Bewegung. Trotzdem gilt er vielen, dem Autor wohl inklusive, als Inbegriff der anarchistischen Freiheitserfahrung. Die Brutalität bringt bei Graeber immer die Polizei ins Spiel, die durchgängig als Brigade des Bösen erscheint. Passagenweise trübt die teilnehmende Perspektive des Autors den Blick.

Das Buch ist aber keine zornige Anleitung zur Revolte, sondern ein anschaulicher, nur manchmal selbst etwas schwach strukturierter Basisbericht. Graeber beginnt als teilnehmender Beobachter und mischt im Verlauf des Buchs immer häufiger seine politische Agenda zwischen die Zeilen. Sparsam bleibt er mit Ausblicken auf alternative Gesellschaftsordnungen, die über den Aktionsradius selbstorganisierten Gruppenlebens reichen. Wie das Konsensprinzip ohne institutionelle Hilfe auf ganze Gesellschaften übertragen werden soll, bleibt ein Rätsel.

Der Feminismus ist für Graeber das ermutigendste Beispiel für das Potential einer Bewegung von unten, aber auch er hat institutionelle Ankerpunkte. Die größte Gefahr für den Anarchismus ist heute wohl, dass die "Neuerfindung des täglichen Lebens" im Alltagsimpressionismus steckenbleibt. Im Occupy-Lager verschlang am Ende die Lagerhygiene die letzten Ressourcen.

THOMAS THIEL.

David Graeber: "Direkte Aktion". Ein Handbuch.

Aus dem Englischen von Sophia Deeg. Edition Nautilus, Hamburg 2013. 352 S., br., 28,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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