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Erst Schock durch Krieg oder Katastrophe, dann der so genannte Wiederaufbau. So lautet die immer gleiche Strategie. Ob in Bagdad oder Afghanistan nach der Invasion, ob in New Orleans nach "Katrina" oder in Sri Lanka nach dem Tsunami: Während die Menschen noch gelähmt von der Katastrophe sind, werden sie einer weiteren, diesmal ökonomischen "Schock-Behandlung" nach den neo-liberalen Vorstellungen unterzogen. Existenzen werden durch den Ausverkauf an westliche Konzerne vernichtet, es herrscht Wild-West-Kapitalismus der reinsten Sorte.
Naomi Klein erzählt die Geschichte einer der
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Produktbeschreibung
Erst Schock durch Krieg oder Katastrophe, dann der so genannte Wiederaufbau. So lautet die immer gleiche Strategie. Ob in Bagdad oder Afghanistan nach der Invasion, ob in New Orleans nach "Katrina" oder in Sri Lanka nach dem Tsunami: Während die Menschen noch gelähmt von der Katastrophe sind, werden sie einer weiteren, diesmal ökonomischen "Schock-Behandlung" nach den neo-liberalen Vorstellungen unterzogen. Existenzen werden durch den Ausverkauf an westliche Konzerne vernichtet, es herrscht Wild-West-Kapitalismus der reinsten Sorte.

Naomi Klein erzählt die Geschichte einer der wirkmächtigsten Ideologien unserer Zeit, Milton Friedmans ökonomischer Doktrin des freien Marktes. Sie zeigt, wie deren Siegeszug in den letzten dreißig Jahren auf extremer Gewalt und auf Katastrophen beruht, um die Mechanismen der ungezügelten Marktwirtschaft rund um die Welt von Lateinamerika über Osteuropa und Russland bis nach Südafrika und in den Irak durchzusetzen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Fischer (S.), Frankfurt
  • Deutsch
  • Abmessung: 22 cm
  • Gewicht: 1026g
  • ISBN-13: 9783100396112
  • ISBN-10: 3100396111
  • Artikelnr.: 22795417
Autorenporträt
Naomi Klein ist eine vielfach ausgezeichnete Journalistin, Kolumnistin und Autorin des internationalen Bestseller »No Logo«, der in 28 Sprachen übersetzt und von der New York Times als »Bibel einer Bewegung« bezeichnet wurde. Sie schreibt und berichtet regelmäßig für große Sender und Zeitungen wie CNN, BBC, The Los Angeles Times, The Washington Post, RAI, CBC und andere. Naomi Klein lebt in Kanada.
Rezensionen
Besprechung von 17.09.2007
Zuerst kommt die Katastrophe, dann kommt der Kapitalismus
Foltern à la Milton Friedman: Naomi Kleins "Schock-Strategie" verdammt den Neoliberalismus

Im September 2005 hatte Naomi Klein einen Autounfall. Sie war in die wenige Tage zuvor vom Hurrikan "Katrina" verwüstete Stadt New Orleans gereist, um sich den Stand der Hilfsleistungen anzusehen. Auf den überschwemmten Straßen, die niemand mehr kontrollierte, herrschte Anarchie, und als der Wagen der kanadischen Globalisierungskritikerin von einem anderen Fahrzeug gerammt wurde, zog sie sich Schnittwunden und Prellungen zu.

Naomi Klein fand sich im Rettungswagen wieder, prompt fielen ihr die aktuellen Bilder vom Chaos in den Krankenhäusern von New Orleans ein, und sie bat flehentlich, man möge sie aussteigen lassen. Dann fiel sie in Ohnmacht, und als sie erwachte, hatte man sie in eine private Klinik gebracht, in der sie aufs beste versorgt wurde.

Dies ist die einzige Passage auf mehr als siebenhundert Seiten in Kleins gerade erschienenem neuen Buch, in der die Autorin selbsterlebte Folgen der von ihr angeprangerten Zustände schildert - und es sind höchst angenehme Folgen. Andererseits besteht kein Zweifel daran, dass die Patientin nur deshalb in die Privatklinik eingeliefert wurde, weil sie Naomi Klein ist: eine reiche Bestsellerautorin, die sich die entstehenden Kosten leisten kann.

Einen dort arbeitenden Arzt fragte sie, wie er die Tage der Katastrophe erlebt habe und ob er in den Notunterkünften geholfen habe. "Ich wohne außerhalb", beantwortete er die erste Frage, und die zweite: "Auf die Idee bin ich gar nicht gekommen." Diese beiden Antworten illustrieren, wogegen Klein schon immer angeschrieben hat, seit sie mit "No Logo" vor sieben Jahren zur Stimme der Antiglobalisierungsbewegung wurde: gegen eine gesellschaftliche Entwicklung, die dazu führt, dass die sozialen Unterschiede jegliche Solidarität beseitigen. Der Arzt, der außerhalb von New Orleans wohnt, hat sich für das Geschehen in der Stadt nicht interessiert. Und schlimmer: Er sah auch später keinen Anlass zu helfen, denn er war ja in der teuren Privatklinik angestellt. Notleidende konnten gar nicht zu deren Kunden zählen, also gingen sie ihn auch nichts an.

Wären indes solche sozialen Auswüchse der einzige Gegenstand des neuen Buchs, dann hätte "Die Schock-Strategie" wohl kaum gleichzeitig in sieben Sprachen erscheinen können und wäre zuvor auch nicht gehütet worden wie ein Staatsgeheimnis. Nein, das private Erlebnis in New Orleans ist nur eine winzige, geradezu menschliche Facette in einem gigantischen Kaleidoskop von Verirrungen, Verschwörungen und Verbrechen, das Klein in immer neuen Konstellationen analysiert und dessen Ursache sie auf den Namen "Katastrophen-Kapitalismus" bringt. So bezeichnet Klein ein Wirtschaftssystem, das auf den Eintritt verheerender Ereignisse lauert, um in den Wirren danach Entscheidungen durchzusetzen, die ansonsten niemals die Zustimmung der Mehrheit finden würden.

Entstanden ist das Buch aus der Idee, die Wiederaufbaupolitik der Vereinigten Staaten im Irak zu beobachten. Dafür kam Klein im März 2004, ein Jahr nach der amerikanischen Invasion, nach Bagdad. Die dortige Bevölkerung, so stellte sie fest, befand sich im Schockzustand und ließ deshalb zunächst alles mit sich geschehen. Der Begriff des "shock and awe", des Schreckens und des Staunens, den das amerikanische Militär als Strategiebeschreibung für den Irak-Einsatz gewählt hatte, verschaffte ihr den Leitbegriff für das Buch. Im Dauerbombardement von Bagdad sieht sie eine konsequente Fortführung von Versuchen, die die CIA in den fünfziger Jahren mit Psychiatriepatienten durchführen ließ, als man herausbekommen wollte, wie sich die Persönlichkeit eines Menschen zerstören lässt, um sie danach auf gewünschte Weise neu aufzubauen. Damals wurde mit Isolation experimentiert, mit Lichtblitzen, Lärm und Elektroschocks - kurz: mit allem, was wenig später zur gängigen Methode der Folter wurde.

In der Eroberung des Iraks sieht Naomi Klein eine "Massenfolter" am Werk, die nur ein Ziel hat: die Identität des irakischen Volks auszulöschen, um ihm eine neue aufzwingen zu können, die den Idealen des freien Marktes entspricht. Im chilenischen Militärputsch von 1973 sieht sie das Vorbild für diese Strategie. Auch in Chile sollte ein Musterland der Marktwirtschaft etabliert werden, das der Region dann als Leuchtfeuer der Demokratie dienen würde. Der wichtigste Wirtschaftsberater des Diktators Pinochet dabei war Milton Friedman.

In Friedman, dem im vergangenen Jahr verstorbenen Nestor des Neoliberalismus, hat Klein ihren großen Antagonisten gefunden. Von Chile über Argentinien, Brasilien, Uruguay, Polen, Russland, Indonesien, Südkorea bis zum Irak verfolgt sie die Spur seiner Schüler, und nirgendwo findet sie etwas vom behaupteten Zusammenhang von freiem Markt und Demokratie. Vielmehr proklamiert sie das genaue Gegenteil: Der ungezügelte Markt sei demokratiefeindlich, weil er allein den Interessen multinationaler Konzerne diene und deshalb jegliches Risiko einer staatlichen Kontrolle ablehne, also auch freie Wahlen. Die Folter sei dabei ein probates Mittel; ja mehr als das: Folter gilt ihr als logische Folge des Marktprimats.

Allerdings macht Klein es sich dabei recht bequem. Die allemal so schlimmen Verbrechen des Staatssozialismus etwa tut sie als bloße Folge autokratischen Missbrauchs ab. Wieso aber soll dort nicht genauso ein allgemein gültiges Muster vorliegen wie im Falle des Neoliberalismus? Natürlich steht sie auf Seiten des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez - der gerade mit allen Tricks die demokratische Verfassung seines Landes aushebelt, um sein Regiment auf Dauer zu stellen. Wieso sieht Klein plötzlich hier nur die moralischen Aspekte seines Engagements und vernachlässigt die machtpolitische Absicht dahinter - was sie den Menschenrechtsaktivisten sonst so bitter vorwirft? Das Buch hat seine blinden Flecken.

Und es hat einen gravierenden Mangel: Mit "Die Schock-Strategie" geht Naomi Klein nach demselben Prinzip vor wie die Politik, die sie darin verdammt. Der Leser bekommt ein Crescendo des Schreckens vorgeführt, das in seinem Kopf Tabula rasa machen soll, um Platz für das aufzurichtende Feindbild zu schaffen.

Diesem Ansinnen muss man als Leser zu widerstehen wissen. Dann aber ist das Buch sehr hilfreich: bei der Prüfung jener Perversion des Profitstrebens, die regelmäßig dafür sorgt, dass die dem Neoliberalismus so heilige Konkurrenz beseitigt wird. Was Klein beschreibt, ist nicht Friedmans Ideal, aber es ist dessen Praxis. Das ist der gleiche Unterschied wie zwischen Marxismus in der Theorie und in der Wirklichkeit. Gesellschaftliche Modelle, die Anspruch auf universelle Gültigkeit erheben, sind Humbug, weil sie gerade den hilfreichen Zwang zur dauernden Überprüfung und Korrektur, den gesellschaftliche Vielfalt schafft, negieren.

Eines aber würde noch interessieren: Woher kam nach dem Unfall im chaotischen New Orleans so schnell der Rettungswagen? Und wer hat bestimmt, dass Naomi Klein zur Privatklinik gebracht wurde? Hat die Ohnmacht es der Autorin erspart, sich selbst auf die Probe zu stellen? Auch das ein blinder Fleck.

ANDREAS PLATTHAUS

Naomi Klein: "Die Schock-Strategie". Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus. Aus dem Englischen von Hartmut Schickert, Michael Bischoff und Karl Heinz Siber. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2007. 763 S., geb., 22,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 22.09.2007
Glauben statt Lesen
Naomi Kleins Kapitalismuskritik als Werbe-Dokumentarfilm
Eine Heirat von Literatur und Kino hat Naomi Klein ihre Zusammenarbeit mit dem mexikanischen Filmemacher Alfonso Cuarón genannt. Ob es aber Liebe auf den ersten Blick war, darüber gehen die Meinungen – wie so oft – auseinander. Zunächst, so hat der Regisseur des Films „Harry Potter und der Gefangene von Askaban” der New York Times erzählt, habe er ihre Bitte um ein Promotion-Video zu ihrer Kapitalismuskritik „Die Schock-Strategie” abgelehnt. Aber das Buch habe ihn dann doch überzeugt. Naomi Klein hingegen erzählt, dass sie Cuarón – allerdings wegen dessen Katastrophenfilm „Children of Men” – nur um ein Zitat für den Buchrücken gebeten habe, woraufhin dieser beschloss, alles zu tun, damit dieses Buch gelesen werde.
Das Ergebnis dieser glücklichen Ehe ist ein kurzer Film, der zunächst auf der Biennale in Venedig gezeigt wurde. Mittlerweile läuft er auf Videoportalen wie YouTube, wo er einige hunderttausend mal angesehen wurde. Das Projekt ist ein Novum. Zwar hat es schon zuvor einige Internet-Trailer von großen Regisseuren gegeben, etwa John Frankenheimer oder Wong Kar-Wai für BMW, aber das waren meist blutleere Produktpreisungen. Cuaróns Film hingegen ist eine Herzensangelegenheit. Er lässt keinen Zweifel, dass der Regisseur mit seinen Bildern hinter jedem Kleinschen Wort steht. Damit hört der Film auf, bloß Werbung zu sein. Er ist vielmehr ein kurzer Dokumentarfilm, der sich eng an Naomi Kleins Kritik anlehnt – so eng, dass beide miteinander stehen und fallen.
Cuarón überträgt Kleins Argumentation quasi wörtlich in Bilder und Schnitte. Den Anfang machen Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus der Psychiatrie: Menschen, die durch eine Elektroschocktherapie zu willenlosen, debilen Kreaturen werden. Ein Schnitt politisiert diese Praxis; es folgen Anschauungstafeln der CIA, wie man einen Menschen durch Folter gefügig macht. Und der nächste Schnitt zeigt endlich die zentrale Analogie der Kleinschen Beweisführung, den gewagten Schluss vom gefolterten Individuum zur krisengeschüttelten Nation. Globale Katastrophen, behauptet Klein, werden ausgenutzt, möglicherweise sogar inszeniert, um neoliberale Reformen durchzusetzen. Die widersprechen dem Willen des Volkes; doch durch Katastrophen gleichsam wie durch Elektroschock zu willenlosen Wesen gebrochen, nimmt das Kollektiv alles hin. Eine Schock-Strategie, die laut Klein auf den Ökonomen Milton Friedman zurückgeht.
In eine schnell geschnittene Bilderfolge gebracht, sieht das so aus: Ein Flugzeug schlägt in das World Trade Center ein; George W. Bush verkündet per Megaphon Reformen; Milton Friedman als Einflüsterer mit Thatcher, Pinochet und Bush; Massendemonstrationen gegen Reformen; und wieder der Elektroschock vom Anfang an einem jungen Mädchen. Eine Stimme aus dem Off vermischt dabei ökonomische Strategien Friedmans mit Folteranweisungen der CIA. Nachdem der Zusammenhang schnitttechnisch belegt ist, folgen einige solcher „Coups” als Beleg: der Putsch Pinochets in Chile, das Tian’anmen-Massaker, 9/11 oder der große Tsunami – mitsamt ihren wirtschaftlichen Konsequenzen.
Die ästhetisch gelungene Schlussvision inthronisiert Naomi Klein als Führungsfigur der Antiglobalisierung. In der Art eines animierten Graffitis sieht man Häftlinge, die mit Stacheldraht gefesselt und verbunden sind. Ein Mädchen in rotem Cape, die kleine Naomi, trägt die Kunde von solchen Zusammenhängen in die Welt. Der Stacheldraht verwandelt sich in eine Blumenkette, die in den neo-aufklärerischen Slogan führt: „Information Is Shock Resistance. Arm Yourself.” Dass der Slogan in einer Schrift gesetzt ist, die im Internet als „Parole-Fonts” herunter geladen werden kann, ist Programm. Der Film ist ein Musterbeispiel für die Ästhetik der Antiglobalisierung: die üblichen Feindbilder, der Widerstand suggerierende Graffitistil und die verkürzten Zusammenhänge.
Ist diese Ehe aber wirklich glücklich? Wird hier überhaupt ein Buch beworben? Und tut Cuarón alles dafür, dass es gelesen wird? Nein, er tut alles dafür, dass es geglaubt wird. Cuaróns Schockästhetik lässt keine Fragen offen, es ist eine Beweisführung in drei Schnitten. Das Buch muss man nicht mehr lesen. Der Film ist eine Liebeserklärung und da sagen Bilder bekanntlich mehr als Worte. Mit Aufklärung hat das leider nichts zu tun. JEAN–MICHEL BERG
Nicht Harry Potter: Regisseur Cuarón inszeniert Naomi Kleins „Die Schock-Strategie” als Graffiti-Märchen
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Hart ins Gericht geht Robert Jacobi mit Naomi Kleins neuem Buch "Die Schock-Strategie", einer wütenden Abrechnung mit Neoliberalismus und globalem Kapitalismus. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er die Autorin des Bestsellers "No Logo!" nicht wirklich ernst nimmt. So tituliert er sie als "Lara Croft der Antiglobalisierungsgegner" und attestiert ihr süffisant "kindliche Trotzigkeit". Auch sieht er Parallelen zu Osama bin Laden. Zwar will er der Autorin nicht dessen "tödlichen Zynismus" unterstellen. Aber er stellt durchaus Ähnlichkeiten im Duktus der beiden Kapitalismuskritiker fest, wenn Klein zum Beispiel vom "Kreuzzug der weltweiten Befreiung der Märkte" spreche. Inhaltlich besteht die Krux des Buchs für ihn darin, dass das, was Klein über den Kapitalismus schreibe, weder falsch noch richtig sei. Es erfüllt seines Erachtens allerdings sämtliche Kritierien von Poppers "doppelt verschanztem Dogmatismus", der blind sei für alle Widersprüche und Inkonsistenzen der eigenen Theorie. Zwar räumt er ein, dass Klein immer wieder Punkte anspricht, die ihm durchaus zutreffend erscheinen, etwa die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Aber zugleich hält er der Autorin vor, Gegenargumente zu verschweigen, etwa dass in Ländern wie Indien oder China noch nie so viele Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser und medizinischer Versorgung hatten wie heute. Insgesamt kritisiert er das Werk als Rückfall in die Zeit der "ideologischen Kämpfe des vergangenen Jahrhunderts".

© Perlentaucher Medien GmbH
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