Die Ökonomie der Maschine - Babbage, Charles
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Kaum ein anderer Zeitgenosse hat wie dieser pedantisch-scharfsinnige und zugleich umtriebige, vielseitig interessierte und sich überall einmischende Egomane den Prozeß der Industrialisierung in seinen fortschrittlichsten Bereichen zum einen so kühn und zukunftsweisend umrissen, zum anderen auch ganz praktisch gestaltet. Sein Werk On the Economy of Machinery and Manufactures, mit dem er praktischen Einfluß auf die Entwicklung der Industriegesellschaft ausübte, gehört zu den wichtigsten Werken von Babbage. Hier war zum ersten Mal eine relativ umfassende, kenntnisreiche und treffsicher ordnende…mehr

Produktbeschreibung
Kaum ein anderer Zeitgenosse hat wie dieser pedantisch-scharfsinnige und zugleich umtriebige, vielseitig interessierte und sich überall einmischende Egomane den Prozeß der Industrialisierung in seinen fortschrittlichsten Bereichen zum einen so kühn und zukunftsweisend umrissen, zum anderen auch ganz praktisch gestaltet. Sein Werk On the Economy of Machinery and Manufactures, mit dem er praktischen Einfluß auf die Entwicklung der Industriegesellschaft ausübte, gehört zu den wichtigsten Werken von Babbage. Hier war zum ersten Mal eine relativ umfassende, kenntnisreiche und treffsicher ordnende Darstellung gelungen. Es entwickelte sich rasch zu einem Standardwerk über Arbeitsteilung sowie Entwicklung und Einsatz von Maschinen, zu einem Werk der Aufklärung der frühen Industriegesellschaft über sich selbst. Als scharfsichtiger Theoretiker der Arbeitsteilung und des Maschineneinsatzes vermochte Babbage weit über die Zeit hinaus vorauszudenken. Das läßt das Werk in mancher Hinsicht bis heute aktuell erscheinen. Zeitlos (komisch) auch sein Kreuzzug gegen die Buchhändler als Kampf des einsamen Autors gegen die undurchdringlichen Kartelle der Buchhändler und Verleger. In unserer Gegenwart der großen ökonomischen Fusionen (und der noch größeren Konfusion, die von einem Terror der Ökonomie spricht), gilt es Babbage so ernst zu nehmen wie Karl Marx dies tat, als er in der Londoner National Library Babages Studie ausgiebig exzerpierte.
  • Produktdetails
  • Verlag: Kulturverlag Kadmos
  • Erw. u. red. Fass. d. Ausg. v. 1833.
  • Seitenzahl: 283
  • Abmessung: 235mm
  • Gewicht: 660g
  • ISBN-13: 9783931659110
  • ISBN-10: 3931659119
  • Artikelnr.: 23925419
Rezensionen
Besprechung von 24.05.2000
Gedanken aus der geistigen Fabrik
Wie Charles Babbage 1830 die Arbeitsteilung untersuchte und bei der Rechenmaschine landete
Ein Buch über die Ökonomie der Maschinen und Manufakturen, veröffentlicht im Jahr 1830 – aber der Philosoph und Maschinenbauer Charles Babbage beschreibt Elend und Macht der Dampfmaschinen seiner Zeit so, dass man auch die strukturelle Kraft der Rechenmaschinen von heute erkennen und diskutieren kann.
Babbage ist ein kritischer Befürworter des Kapitalismus seiner Zeit – er wurde von Marx geschätzt und eifrig exzerpiert. Der Engländer wusste, wovon er sprach, er plante selbst den Bau einer gewaltigen Rechenmaschine und skizzierte schon im 19.  Jahrhundert den modernen Computer. Für dessen Bau informierte er sich über den Stand der Fertigungstechnik seiner Zeit, besuchte Fabriken und stellte, wie ein Controller heute, Fragen über das Verhältnis von der menschlichen Arbeit zur mechanischen. Seine Feldforschungen in der englischen Fabrikenlandschaft systematisierte er in dem – bereits 1831 übersetzten – nun wieder vorliegenden Buch.
Ökonomie muss man dabei als Kunst des Haushaltens verstehen. Sie ist nicht mehr aristotelisch durch Familienbande bestimmt, sondern wird durch den Maschinenpark des Fabrikbesitzers definiert. So kommt es zu einem Dreiecksverhältnis zwischen Maschinenbesitzer, den Arbeitern an der Maschine und der Öffentlichkeit. Diese kann Druck auf den Besitzer ausüben, indem sie beim Konkurrenten preiswertere Produkte kauft, der Fabrikbesitzer kann darauf reagieren, indem er noch preiswerter anbietet. Das erreicht er durch die Vergrößerung seines Maschinenparks und strengere Arbeitsteilung. Beiden Prozessen müssen sich die Arbeiter fügen.
Der Fabrikbesitzer hat den Fortschritt auf seiner Seite, er muss nur lange genug tüfteln, um eine Maschine zu finden, die den Wert der Handarbeit reduziert. Arbeitsteilung ist Babbages Credo, dabei weiß er durchaus um die grausamen Folgen – den erbarmungslosen Einsatz von Kindern und Frauen anstelle gelernter Handarbeiter. Trotzdem rät er der arbeitenden Klasse ab, sich untereinander zu verbünden, um womöglich gewalttätig Forderungen durchzusetzen. Die Herstellung von Gerechtigkeit überlässt er der Staatsklugheit und der Humanität.
Babbage vertraut auf den Fortschritt der Maschinentechnik, der eine weitere Klasse von Arbeitern schaffen wird, die durch ihre Qualifikation höhere Lohnforderungen stellen kann. Sein Konzept gerät an seine Grenze, wenn er von der geistigen Arbeitsteilung spricht. Er referiert die große staatliche Rechnungsunternehmung in Frankreich, in der wenige Spezialisten Rechenaufgaben so umformulieren, dass ein Heer von wissenschaftlich Ungebildeten Zahlen arbeitsteilig herrichten konnte. Die Arbeit der zahlreichen Hilfsarbeiter wollte Babbage von Rechen-Maschinen erledigen lassen. Außerdem wollte er die Arbeitsteilung auch auf geistige Produkte wie die Herstellung von Büchern und Erfindungen übertragen. Bei dieser Übertragung charakterisiert er die publizistischen Mittelsmänner als Medienkartell, das zum Nachteil von Autor und Öffentlichkeit agiert. Dies diskutiert er am Beispiel der Produktion des eigenen Buches über die Ökonomie der Maschinen – seinerzeit ein Affront gegen Buchhändler und Verleger. Sein Vertrieb wurde boykottiert, weil der Autor vorrechnete, wie viel Prozente die kaufmännischen Mittelsmänner verdienen. Ohne nennenswert Kapital zu investieren, beanspruchen Verleger und Buchhändler pekuniäre Anteile, die den Gewinn des Autoren schmälern und den Preis für das Publikum erhöhen.
Einen Ausweg aus der unterbezahlten Zwangsarbeit in der geistigen Fabrik sieht Babbage in einem Bündnis der Schriftsteller, das ihnen den Selbstverlag gestattet. Die Analyse ist damit auch ein Werbefeldzug gewesen, denn ungeachtet des Boykotts wurde das Buch vier Mal aufgelegt. Seine Übersetzer ermunterte Babbage, Beispiele über wirtschaftliche Arbeitsteilung in ihren Ländern beizufügen. Eindrucksvoll ist die deutsche Anmerkung über die Resteverwertung von Pferdekadavern, die einen erträglichen Handel mit Maden und Ratten im Sinne des heutigen Zero-Management erwähnt. Babbages Analyse des Gewerbefleißes im neunzehnten Jahrhundert bietet eine Grundlage für die heutige Theorie des digitalen Wirtschaftens – für die Frage, wie sich heute das Verhältnis zwischen Öffentlichkeit, Büromaschinenbesitzern und geistigen Arbeitern gestaltet.
NILS RÖLLER
CHARLES BABBAGE: Die Ökonomie der Maschine. Erweiterte, redigierte Fassung auf Grundlage der Übersetzung von G. Friedenberg von 1833. Kulturverlag Kadmos, Berlin 1990. 283 S. , 58 Mark.
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

In einer Dreifachrezension bespricht Bernhard Dotzler diesen Band zusammen mit zwei Marx-Neuerscheinungen: seinen "Exzerpten und Notizen Sommer 1844 bis Anfang 1847" (MEGA IV.3, 2 Bände, Akademie-Verlag) und Karl Marx, Friedrich Engels, "Ausgewählte Werke", CD-Rom, Directmedia.
1) Charles Babbage: "
"Babbage ist ein kritischer Befürworter des Kapitalimus seiner Zeit - er wurde von Marx geschätzt und eifrig exzerpiert." (SDZ) "In vielem war Babbage durchaus zukunftsweisend (...)" (Falter - Stadtzeitung Wien)