Die Gier war grenzenlos - T., Anne
  • Broschiertes Buch

Jetzt bewerten

Produktdetails
  • Verlag: Econ
  • Deutsch
  • Abmessung: 21, 5 cm
  • Gewicht: 402g
  • ISBN-13: 9783430200820
  • ISBN-10: 3430200822
  • Artikelnr.: 25645850
Rezensionen
Besprechung von 08.03.2009
Von wilden Spekulanten und vergessenen Instinkten

Wie konnte die Wirtschaft nur so tief stürzen? Bücher, die das erklären, haben jetzt Konjunktur. Wer sie liest, lernt: Krisen sind menschlich.

VON LISA NIENHAUS

Die Krisendeuter sind schnell: Vor wenigen Monaten erst hat die Finanzkrise auch die normale Wirtschaft erfasst und ist zu "der Krise" geworden. Schon stehen zahllose Bücher bereit, die erklären wollen, wie alles so weit kommen konnte. Das Krisenangebot ist in diesem Bücherfrühling überwältigend - wohl auch, weil die Verlage von dem Erfolg des Titels "Crashkurs" ermutigt wurden. Das Buch des Börsenmaklers Dirk Müller hält sich seit Wochen auf der Sachbuchbestsellerliste - trotz Flapsigkeiten, Verschwörungstheorien und nur kleinen Lichtblicken der Erkenntnis.

Jetzt legen viele Verlage nach. Eins der besten Krisenbücher des Frühjahrs liest sich wie ein Kriminalroman, dem ein ordentlicher Schuss Moral zugesetzt wurde. "Die Gier war grenzenlos" ist die Lebensbeichte von Anne T., einer Frankfurter Bankerin, die offenbar weiß, wieso sie lieber anonym bleiben will. Sie berichtet über ihren Aufstieg in die Welt des Geldes, von der Praktikantin im H&M-Hosenanzug zur Derivatehändlerin, die über Kunden mit Anlagesummen von drei Millionen Euro nur noch lächeln kann. Lieber grübelt sie darüber nach, wie sie ihren Bonus steigert und wann ihr Gehalt endlich siebenstellig wird. Am Schluss steigt sie aus - aus moralischen Gründen, vor dem großen Zusammenbruch.

Die Abrechnung mit ihren Ex-Kollegen ist so schonungslos, die Dialoge im Handelssaal sind so wahnsinnig, dass man nicht umhinkommt, sich zu fragen, wie viel hier Realität und wie viel Fiktion ist. Eins ist klar: Wenn grundsätzlich stimmt, was Anne T. schreibt, dann waren die Derivatehändler noch gerissener als gemeinhin behauptet. Ihnen war nicht nur bewusst, dass sie ihren Kunden unverständliche Produkte andrehten. Sie haben ihre Finanzinstrumente sogar geschickt so verschachtelt, dass keiner außer ihnen mehr durchschaute, welche Risiken sich dahinter verbargen. Wenn stimmt, was Anne T. schreibt, dann haben die Derivatehändler genau gewusst, dass es am Ende oft Kleinanleger waren, die unwissentlich für die Risiken einstehen mussten. Und es hat sie nicht interessiert. "Wir hatten Aussichten auf immense Gewinne, Bonuszahlungen, ohne die Konsequenzen unseres Handelns tragen zu müssen", schreibt die Autorin. "Wir konnten nicht persönlich haftbar gemacht werden."

Diese fehlende Haftung sieht sie als einen Auslöser der irre gewordenen Finanzmärkte. Das allein wäre spannend genug, doch die Autorin gibt ihrem Bericht noch eine heikle moralische Würze. Ständig geißelt sie die Gier im Handelsraum. Das ist populär, doch auch problematisch. Denn ihr Buch macht wütend, wo Wut unangebracht ist. Gier war schon immer die schlechteste Erklärung für die Katastrophen der Welt. Denn Gier hat auch schon viel Gutes hervorgebracht: den Aufstieg neuer Unternehmen, neuer Produkte. Diese menschliche Neigung im Abschwung zu verdammen ist üblich, aber zu kurz gedacht.

Das erkennt auch die Autorin, allerdings schreibt sie darüber so kurz und so spät, dass es beinahe untergeht. Dabei sind ihre Schlussfolgerungen im Schlusskapitel wichtig. Dort sagt sie, dass es darum geht, die Rahmenbedingungen neu zu fassen. Sie plädiert für neue Regeln, seitens der Banken und der Bankenaufsicht. Denn: "Im Nachhinein kommt es mir so vor, als hätten wir Banker auf einem riesigen Spielplatz gespielt und keiner hatte uns gesagt, wo die Grenzen liegen."

Eine ähnliche These - wenn auch auf einem weitaus höheren Abstraktionsniveau - vertreten die bekannten amerikanischen Ökonomen George Akerlof und Robert Shiller. Ihr Buch "Animal Spirits" ist soeben auf Deutsch erschienen. Schon der Titel signalisiert, dass es hier um etwas anderes geht als den vollkommen rationalen Menschen, den die Volkswirte sonst gerne beschreiben. Shiller und Akerlof widmen sich stattdessen den menschlichen Instinkten und deren Einfluss auf die Wirtschaft, der ihrer Meinung nach viel zu lange vernachlässigt wurde. Menschen verhalten sich häufig irrational und unökonomisch - das kann der Meinung der Autoren nach jeglichen Konjunkturzyklus, jegliches Auf und Ab an den Märkten erklären. Auch die jetzige Krise könne nur begreifen, wer die "Animal Spirits" kenne, und könne nur lösen, wer die "Animal Spirits" in die richtige Bahn zu lenken verstehe, ihnen die richtigen Grenzen aufzeigen kann.

Akerlof und Shiller machen den Versuch, die in den vergangenen Jahren populäre Verhaltensökonomie aus Einzelteilen zu einer vollständigen Theorie zusammenzusetzen. Ihr Buch kann nur ein erster Schritt sein. So mutet die Aufteilung der "Animal Spirits" in Vertrauen, Fairness, Korruption, Geldillusion und Geschichten noch ein wenig willkürlich an. Nichtsdestotrotz ist ihr Buch ein wichtiges. Denn es ist der Versuch, die Finanzkrise zu nutzen, um die Wirtschaftstheorie umzukrempeln.

Die Autoren sind sicher, dass der Glaube an den Menschen als zuallererst rationales und ökonomisches Wesen ein wichtiger Auslöser der Krise war. Sie glauben, dass dies dazu geführt hat, dass viele Menschen übersteigerte Erwartungen an den Markt hatten und der Staat sich in den achtziger Jahren als Regulierer zurückzog. Die Folgen: "Den Exzessen an der Wall Street wurden keine Schranken gesetzt. Die Börsianer tranken sich in einen besinnungslosen Rausch."

Schade nur, dass die Autoren es nicht wagen, aus ihrem Konzept heraus detaillierte Lösungen für die Krise abzuleiten. Sie entschuldigen sich: "Nichtsdestoweniger liefert unser Buch das Hintergrundwissen, das wir brauchen, um die geforderten Lösungen auszuarbeiten." Doch der Leser fühlt sich allein gelassen.

Wer Lösungen sucht, kann das Buch eines anderen berühmten Ökonomen zur Hand nehmen. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman schreibt in "Die neue Weltwirtschaftskrise" über die Muster vergangener Krisen und den großen Irrtum der Ökonomen, die bis vor kurzem glaubten, der Staat habe die geeigneten Mittel gefunden, Depressionen auf Dauer zu vermeiden. Jetzt zeigt sich, dass das nicht stimmt.

Für Krugman-Kenner bietet das Buch nicht viel Neues. Für Laien aber ist es ein sehr verständliches Werk. Krugman zeichnet die Entstehung der Blase am amerikanischen Häusermarkt nach, die der Auslöser der Krise war. Er zeigt, dass diese Übertreibung im Prinzip so entstanden ist wie zahlreiche vor ihr. Und er findet Schuldige dafür, dass das nicht früher erkannt und bekämpft wurde: die lasche Geldpolitik, die fehlende Regulierung des Schattenbankwesens. Schließlich präsentiert er seine Lösung für die Krise. Vereinfacht lautet sie: Banken verstaatlichen und viel Geld für die Konjunktur ausgeben.

Diese Meinung muss man nicht teilen. Krugmans entscheidender Vorteil ist aber, dass er eine Meinung hat und sich traut, diese lautstark zu vertreten. Die Diskussion ist eröffnet. Jetzt auch in Ihrem Buchhandel.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr
Besprechung von 28.03.2009
Zum Thema
Radikaler Wechsel
Rudolf Wötzel: Über die Berge zu mir selbst. Ein Banker steigt aus und wagt ein neues Leben. Integral Verlag 2009, 496 Seiten, 19,95 Euro.
Davon träumen viele: Ein Investmentbanker kündigt den hochbezahlten, stressigen Job, um ein halbes Jahr auf Bergtour zu gehen. Unterwegs stellt er fest, dass er sein Leben ändern muss.
Radikale Vorwürfe
Anne T., Die Gier war grenzenlos. Eine deutsche Börsenhändlerin packt aus. Econ Verlag 2009, 239 Seiten, 18 Euro.
Eine anonyme Händlerin beschreibt, wie deutsche Banken Finanzprodukte kreieren, die für Anleger nachteilig sind. Und wie sehr Geld zu einem Berufsleben unter großem Druck motiviert.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Aufschlussreich, wenn auch mit "enormen Schwächen" ausgestattet, bilanziert Andreas Zielcke diese Abrechnung mit der Finanzwelt. Die Autorin, die unter dem Pseudonym "Anne T." schreibt, war unlängst noch selbst Brokerin im undurchschaubaren Kern des Finanzmarktes, wo Risiken auf wundersame Weise in Handelsgut verwandelt wurden, erklärt der Rezensent. Doch das, erfahren wir, wurde Anne T. irgendwann zu verwerflich, sie schmiss den hochbezahlten Job hin und verfasste dieses Buch. Zugesetzt hat ihr jene Erfahrung offensichtlich nicht, als gebrochene Figur zeigt sie sich nicht, stellt Zielcke klar. Dafür, so der Rezensent, präsentiert die Autorin dem Leser einen seltenen Einblick in das undurchschaubare Zentrum des Kapitalmarktes, dessen Risikokalkulationen nicht mal die Fondsmanager durchschauen. Sehr anschaulich findet der Rezensent die infantile und sexistische Mentalität in den Großraumbüros der Banker und Broker beschrieben und mit Begriffen wie Fat Tails, Volatilitäten, Garch und Hull um sich geworfen. Erklärungen zu den Mechanismen der Geldschöpfung oder Analysen fehlen ihm aber gänzlich. Und eine gute Schriftstellerin ist Anne T. für Zielcke noch lange nicht - ihre Sprache findet er im Gegenteil "grobschlächtig" und "auftrumpfend".

© Perlentaucher Medien GmbH