Anabasis - Borchardt, Rudolf

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Rudolf Borchardts bisher unveröffentlichter autobiografischer Bericht über Zerstörung, Deportation und Verzweiflung - von der Gefangennahme der Familie in einem italienischen Weinberg bis zur überraschenden Freilassung nahe Innsbruck. Eine detaillierte Lebenschronik der letzten Kriegsjahre mit zahlreichen Abbildungen, ergänzt durch Tagebuchaufzeichnungen und Augenzeugenberichten von Borchardts Kindern.…mehr

Produktbeschreibung
Rudolf Borchardts bisher unveröffentlichter autobiografischer Bericht über Zerstörung, Deportation und Verzweiflung - von der Gefangennahme der Familie in einem italienischen Weinberg bis zur überraschenden Freilassung nahe Innsbruck. Eine detaillierte Lebenschronik der letzten Kriegsjahre mit zahlreichen Abbildungen, ergänzt durch Tagebuchaufzeichnungen und Augenzeugenberichten von Borchardts Kindern.
  • Produktdetails
  • Edition Tenschert
  • Verlag: Hanser, Carl / Hanser, Carl GmbH + Co.
  • Artikelnr. des Verlages: 505/20385
  • 2. Auflage
  • Seitenzahl: 424
  • Erscheinungstermin: 4. August 2003
  • Deutsch
  • Abmessung: 222mm x 146mm x 35mm
  • Gewicht: 634g
  • ISBN-13: 9783446203853
  • ISBN-10: 3446203850
  • Artikelnr.: 11801652
Autorenporträt
Rudolf Borchardt (1877-1945) schrieb Gedichte, Übertragungen, Erzählungen und Dramen, politische und historische Essays. In der von Heribert Tenschert ermöglichten Ausgabe seiner Briefe erschienen zuletzt der Kommentarband zum Briefwechsel mit Hugo von Hofmannsthal sowie die Briefe an Marie Luise Borchardt.
Rezensionen
Besprechung von 20.07.2003
Ein letztes Buch gegen die Zeit
Flucht in die Antike: Rudolf Borchardts dramatisches Abschiedsbuch "Anabasis"

Eines Tages wurde der größte Wirklichkeitsverächter der Welt von der Wirklichkeit grausam eingeholt. Es ist im Herbst 1944, als deutsche Soldaten auf ihrem Rückzug auch in jener toskanischen Villa untergebracht werden, in der Rudolf Borchardt und seine Familie Unterschlupf gefunden haben. Und die Anzeichen verdichten sich, daß diese Soldaten wissen, um wen es sich bei jenem knorrigen, bis zur Unhöflichkeit distanzierten, altmodischen deutschen Herrn handelt: Um den Dichter Rudolf Borchardt. Um den jüdischen Dichter Rudolf Borchardt, der von jenen deutschen Soldaten alles zu befürchten hat. Die Enttarnung. Den Abtransport. Den Tod. An diesem dramatischen Wendepunkt seines Lebens setzt der letzte Text ein, den Borchardt geschrieben hat. "Anabasis", ein autobiographisches Erinnerungsbuch, das gestern im brandenburgischen Schloß Neuhardenberg erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde.

Kein deutscher Dichter hat je die Gegenwart entschlossener verachtet als Rudolf Borchardt. Kaum je ein Mensch hat sich entschlossener aus seiner Zeit verabschiedet als er. Die Gegenwart war ein Fluch, ein Unsinn, eine einzige Traditionsvergessenheit. Der Bruch zwischen den Überlieferungen der Vergangenheit und den ahnungslosen Hervorbringungen seiner Zeit schien unüberwindbar. Oder doch? Ein König, ein Meister, ein Auserwählter aus einer anderen Welt hätte die Gegenwart vielleicht doch auf einen großen, neuen Weg bringen können. Führer in ein neues Jahrhundert. In eine neue alte Zeit. Sein ganzes Leben widmete der Dichter, Redner, Übersetzer Rudolf Borchardt dem Versuch, diesen großen Bruch zu heilen. In radikaler Abkehr von seiner Zeit, von der Wirklichkeit. Im Lesen und Übertragen von Homer, Dante, Pindar. Im Schreiben von Gedichten, die allesamt "Ewigkeitsansprüchen" zu genügen hatten, in großen Reden "gegen den Unfug dieser Gegenwart", wie Joseph Roth 1930 begeistert lobte.

Seit 1903 suchte er und fand schließlich den Ort der sonnigen Weltabgewandtheit und des schönen, sichtbaren Traditionsreichtums in Italien, zumeist in der Toskana, wo er, später gemeinsam mit seiner Familie, in verschiedenen Villen lebte. Die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg, an dem der 1877 in Königsberg in einer jüdischen Familie geborene Borchardt als stolzer Preuße und entschlossener, deutscher Patriot teilnahm, bedeutete für ihn den endgültigen Bruch. Immer konsequenter und einsamer streitet er für seine Idee einer "restaurierenden Revolution". Er will einen Krieg des Geistes gegen den Ungeist beginnen. Immer wütender ruft er auf zur Bildung einer "ecclesia militans des deutschen Geistes", "die es erträgt, Blut zu sehen, Scheiterhaufen zu türmen, Kriege zu erklären". Sein wütender Konservatismus führt nicht selten zu einer sprachlichen und gedanklichen Nähe zu den Nationalsozialisten, die er aus tiefstem Herzen verachtet. Daß diese ihm, dem protestantisch getauften Deutschen, wegen jüdischer Herkunft 1935 sein Deutschtum aberkennen, kann er nicht fassen. Mit viel Glück lebt er jahrelang von den Nazis unentdeckt als leidenschaftlicher Gärtner höchst zurückgezogen in Italien.

Das Buch, das gestern abend im Schloß Neuhardenberg der Öffentlichkeit präsentiert wurde, ist ein dramatisches Dokument, in dem Rudolf Borchardt mit Hilfe strengster Form den Schrecken der Wirklichkeit ein letztes Mal sich vom Leibe halten wollte. "Anabasis", schon der Titel zeugt von unbedingtem Traditionsverbindungswillen noch im Moment der Todesangst. "Anabasis" heißt der Text des Sokrates-Schülers "Xenophon", der den nach langen Mühen endlich glücklich beendeten Rückmarsch eines griechischen Söldnerheeres aus Kleinasien beschreibt. Der Schrecken, den Borchardt beschreibt, der Schrecken, den die sinnlos mordenden deutschen Soldaten, die wehrlose Flüchtlinge massenweise erschießen und auf ihrem Rückzug eine jahrtausendealte Kulturlandschaft brutal zerstören, der Schrecken, den dies für den in seiner Weltabgewandtheit immer noch gepflegten stolzen Patriotismus Borchardts bedeutet, und natürlich der ganz persönliche Schrecken, den der stets mit dem Abtransport nach Deutschland oder ins KZ fürchtende Dichter empfinden muß, all dies ist weite Passagen lang unter einem antikisierenden Schleier verborgen. Das Entsetzen wird mühsam durch die strenge Form gebannt.

Bis zu jenem dramatischen Moment, in dem sich der bei ihnen einquartierte angebliche Stabsarzt als SS-Mann zu erkennen gibt. Borchardt schreibt: "Ich sah blitzartig alle Schleier von den Vorgängen fallen. Schneider war einer der im Radio so oft besprochenen sogenannten Führungsoffiziere der Partei." Das Gespräch, das Borchardt danach mit einem deutschen Hauptmann führen muß, der ihm seine Überstellung nach Innsbruck mitteilt, dokumentiert den verzweifelten Versuch Rudolf Borchardts, die letzten Formen hinüberzuretten, hinüber in den Abgrund. Er beendet das Gespräch mit den Worten: "Ich werde mich also zu fügen haben. Ich bemerke, dass ich einem auf mich ausgeübten Druck nachgebe, und dass dieser Druck nicht nur in rein dienstlicher, sondern in schärfster dienstlicher Form erfolgt ist. Unter diesen Umständen werden Sie begreifen, dass ich an der gemeinschaftlichen Abendtafel des Hauses nicht teilnehmen kann. Ich verabschiede mich bereits jetzt."

Die dramatische Flucht der Familie Borchardt in die Weinberge der Umgebung noch in derselben Nacht mißlingt. Sie werden entdeckt und in die Nähe von Innsbruck verbracht, dort aber, wie durch ein Wunder, einfach abgesetzt und nicht weiter behelligt.

Doch daß die Form, die strengste Form und Traditionsanrufung in der Wirklichkeit nicht mehr halfen, das schildert sein Sohn, Cornelius Borchardt, in seinen Erinnerungen an jene Zeit, die dem Buch beigegeben sind. Er schildert den Versuch seines Vaters, sich vom Balkon zu stürzen, auf der Flucht, nur knapp verhindert von seiner Frau, schildert ihn als grauen, zurückgezogenen, fast schon unbeteiligten alten Mann, der in die Wirklichkeit gerissen wird und nicht mehr fliehen kann aus ihr. Der in seinem letzten Zimmer noch versucht, sein großes Homer-Buch, an dem er die letzten Lebensjahre gearbeitet hat und das er zurücklassen mußte, aus dem Kopf zu rekonstruieren. Und wie er schließlich am 10. Januar 1945 ohnmächtig umfällt, ein letztes Mal auf die Beine kommt, den helfend Herbeigeeilten erklärt, alles sei gut, auf einen Stuhl steigt, um eine Tabakschachtel von einem Schrank zu holen, wiederum zu Boden stürzt und stirbt. Den letzten großen Einbruch der Wirklichkeit in sein Leben, die Flucht, die Angst, die große Katastrophe hat er nicht mehr überlebt.

VOLKER WEIDERMANN

Rudolf Borchardt: "Anabasis. Aufzeichnungen, Dokumente, Erinnerungen 1943-1945". Hrsg. von Cornelius Borchardt. Edition Tenschert bei Hanser. 352 Seiten. 27,90 Euro. Das Buch wurde gestern der Öffentlichkeit im Schloß Neuhardenberg vorgestellt. Im Buchhandel ist es erst ab dem 9. August erhältlich.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 06.10.2003
Das brechende Herz des besseren Mannes
Die Vertreibung des „Selbstverbannten”: Rudolf Borchardts „Anabasis” in exzellenter Edition
„Anabasis” heißt das Werk des Sokrates-Schülers Xenophon, der in persischen Diensten am Krieg des Königs Kyros gegen dessen Bruder Artaxerxes teilnahm und nach der Niederlage des Kyros die zehntausend Mann starke Söldnertruppe der Griechen durch ganz Kleinasien zurück nach Griechenland führte. „Anabasis” heißt auch eines der letzten Fragmente von Rudolf Borchardt, das seinen erzwungenen Aufbruch aus Italien in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges schildert. Borchardts Riesenwerk, das dem großen Publikum bisher nur in Auswahl zugänglich war, taucht in dem einzigartigen Unternehmen der Edition Tenschert im Hanser Verlag allmählich ans Tageslicht, und damit gelangen nun auch die lange von Legenden umwobenen Ereignisse an seinem Lebensende an die Augen der Öffentlichkeit. Borchardts Leben findet in den letzten Tagen des Krieges, unter Angst und Schrecken, unbegreiflichen Glücksfällen, grotesken Begleitumständen, Bedrohtheit und Beschütztheit seine Vollendung. In der Extremsituation wird deutlich, dass, was kritischen Zeitgenossen als Pose erschien, Haltung war. Nach Jahrzehnten bukolischen Lebens in einer von den Stürmen der Weltgeschichte verschonten Nische wird Borchardt im letzten Augenblick des Krieges noch von der Gewalt der Zerstörung erreicht. Was einem anderen nur zum Zerbrechen der Illusionen gereicht hätte, wird ihm zu einer unwiderruflichen Bestätigung eines in einem reichen Leben gereiften Bildes von der Geschichte und der Rolle, die ein Einzelner in ihr spielen kann.
In der Geschichte der Emigration zur Zeit des Nationalsozialismus nimmt Borchardt gewiss eines der eigentümlichsten Kapitel ein. Er selbst hätte die Bezeichnung „Emigrant” für sich abgelehnt. Er lebte in Italien in der Landschaft um Lucca nicht, weil Hitler in Deutschland die Juden verfolgte. Borchardt leugnete sein Judentum weniger, als dass er es einfach nicht zur Kenntnis nahm. Er hatte dies durch die Eltern religiös und kulturell schon kaum mehr ererbte Judentum entschlossen abgelegt; er sah Rasse als ein Faktum kultureller Wahl, und da er das Deutschtum und das Christentum gewählt hatte, war die Frage seiner Rassenzugehörigkeit für ihn erledigt. Nicht für seine Zeitgenossen, die die Frage von Borchardts Zugehörigkeit zum Judentum in den zwanziger Jahren öffentlich diskutierten. Er war kein Unbekannter, als er begann, mit seiner Familie im Italien Mussolinis zu leben, aber es war, als sei ein unsichtbarer großer Flügel über ihn gebreitet gewesen: mit einem deutschen Pass bewohnte er ohne nennenswerte Geldmittel die schönsten Häuser der Lucchesia, wurde von Mussolini empfangen, war zugleich mit Benedetto Croce befreundet, wurde von der Königin von Italien besucht, stand in enger Verbindung mit dem vor Hitler nach Florenz ausgewichenen bayerischen Kronprinzen Rupprecht und erfand für sich das Dasein eines toskanischen Landedelmannes, der die Kräfte der Zivilisationsgeschichte gebändigt in seinem Blumengarten und in seinen Olivenhainen erlebt. Hier hatte er das Reich, dem er sich angehörig fühlte, keineswegs verlassen. Lucca und Pisa waren für ihn Inbegriff des „Reichsitalien” der mittelalterlichen Kaiser; in seiner Dante-Übersetzung hatte er den kühnen Versuch unternommen, diesem Reich sein Idiom in Vergangenheit und Zukunft gleichsam nachzureichen.
„Anabasis” ist auf diesem Hintergrund ein bedeutungsgesättigter Titel: so wie für Xenophons Griechen die Niederlage in der Schlacht das Ende einer kulturellen Kohabitation mit den Persern bedeutete, war mit dem Krieg auch Borchardts Existenz als Deutsch-Italiener beendet, und so wie der Weg der Geschlagenen ein Weg nach Hause war, so wenig hatte auch Borchardt vergessen, dass das Land, das seine physische Existenz bedrohte, seine Heimat war. „Gedenke, dass du ein Deutscher bist!” war in Borchardts 1942 abgelaufenen Pass hineingedruckt – wenige Besitzer eines solchen Passes werden sich diese propagandistisch gemeinte Aufforderung so zu Herzen genommen haben wie der „Selbstverbannte”, so sein trotziger Ausdruck.
Vertreibung aus der Toskana
Die Familie Borchardt bewohnte schon nicht mehr die geradezu königliche Villa Saltocchio, als die aus der Schlacht von Monte Cassino zurückflutenden deutschen Truppen die Lucchesia überschwemmten. Das Land wird nun Schauplatz alliierter Bombenangriffe, von Geiselerschießungen, Partisanenangriffen und Plünderungen. Die große Borchardt-Familie ist von einer befreundeten Familie in deren großer Villa aufgenommen worden. Die Gastfreundschaft wird für Borchardt zur Prüfung, als deutsche Soldaten in die Villa einquartiert werden. Die Gastgeberin, die englische Vorfahren hat und zu den damals nicht häufigen, aber auch nicht untypischen englischen Germanophilen gehört, scheint ihm mit den deutschen Offizieren unter einer Decke zu stecken. Der Herausgeber des „Anabasis”-Bandes, Borchardts Sohn Cornelius, hat das Buch dieser Frau gewidmet, und das von der Überreiztheit der Verzweiflung zeugende Portrait, das Borchardt von ihr zeichnete, damit relativiert. Auch jetzt noch gestattet er sich nicht, die allzu berechtigte Sorge, erkannt zu werden, auszusprechen. An der Mittagstafel doziert er vor dem sich als SS-Mann offenbarenden Militärarzt Dr. Schneider, das „größte Pech” der Deutschen sei, „dass sie nie von den Römern kolonisiert worden” seien. Währenddessen rücken die amerikanischen Truppen näher. Die einzelnen Stationen, die zum Abtransport der Familie Borchardt führen, lesen sich in den Zeugnissen der Frau und der Kinder und in den ausführlichen Kommentaren, die sich auf die detektivische Recherche des Mitherausgebers Gerhard Schuster stützen, wie ein unaufhaltsames Verhängnis.
Aber auch diese Fahrt durch das Chaos Oberitaliens, in dem die deutsche Herrschaft sich aufzulösen beginnt, bleibt ein großes Rätsel. In einer Zeit der Massenerschießungen und der Deportation von hunderten deutschen Juden aus Florenz wird die Familie Borchardt von einem Feldgendarmen begleitet, der zwar mit einer Maschinenpistole bewaffnet ist, aber an den Mahlzeiten der Familie teilnimmt und schon bald mehr zu ihrem Schutz als zu ihrer Bewachung dazusein scheint. Obwohl die Wegführung der Familie damit begründet wird, die Söhne ihrer Wehrpflicht genügen zu lassen, ist davon in Innsbruck nicht mehr die Rede. Nachdem der Gendarm dort noch für Lebensmittelkarten gesorgt hat, verabschiedet er sich und überlässt die Familie sich selbst. Während der Jude Borchardt ohne Papiere in einem Berghotel in Trins ungeschützt vor jedem Zugriff unterkommt, erscheinen in der amerikanischen und italienischen Presse empörte Berichte über seine Verschleppung. Aber nichts scheint seinem Inkognito etwas anhaben zu können. Das ändert freilich nichts an der Zerstörung seiner Gesundheit durch die Spannungen und Entbehrungen der letzten Wochen. Am 10. Januar 1945 stirbt er im Hotel Trinser Hof. Seine letzte Lebenszeit ist mit intensiver Arbeit gefüllt. Neben dem Anabasis-Fragment hat er, ohne Bibliothek, auch noch das lange geplante Homer-Buch vorangetrieben, umgeben von der ihn bedrückenden Berglandschaft, die ihn an den Verlust der toskanischen Gärten erinnerte.
In der beängstigenden Lage Borchardts während seiner letzten Lebenswochen wurden seine Überzeugungen und Einsichten einer Überprüfung gleichsam im Feuerofen unterzogen. Noch in einem Brief an Croce, den er um Hilfe bittet, spricht er von seinem „Patriotismus”, der ihm „gewissermaßen metaphysisch eigen” sei. In Italien noch hatte er einen bewegenden Appell an Churchill in englischer Sprache verfasst, Ostpreußen nicht von Deutschland abzutrennen. Auch während der Gefahr, verschleppt und ermordet zu werden, weigerte er sich, gegen Deutschland Partei zu ergreifen: „. . . und so habe ich im vollen Gefühl der Schicksalsverkettung, die Hitlers Krieg in die Karikatur eines deutschen Krieges überführt hatte, nichts getan, wie ich an meiner Stelle es wohl hätte tun können, was als Schlag gegen Hitlers Sache dennoch die Lage auch nur des letzten seiner Opfer, meiner armen Landsleute, an der Front oder hinter der Front, hätte verschlimmern können . . . Dante und Goethe haben es ungerührt mit beiden Parteien verdorben, um der eigenen Hoheit treu zu bleiben – der Dichter also hat bereits gehandelt indem er sich versagt”, heißt es in der „Anabasis”.
Hände, die sich bewegen
Bis zuletzt versuchte er, den allgemeinen Untergang der Welt, die er liebte, aus den Gesetzen einer historischen Kontinuität zu begreifen. Seinen Söhnen, die er im Trinser Hof noch in den alten Sprachen unterrichtete, sagte er: „Auch jene Menschen – die Griechen des Thukydides – waren wie die Heutigen aus Fleisch und Blut, mit Händen, die sich bewegten, wie eben jetzt die meinen.” Und diese Vergegenwärtigung der antiken Katastrophen während des Untergangs, der ihn rings umgab, verwies ihn wiederum an das eigentliche Ziel jeder Geschichtsforschung, das er in seinem Homer-Manuskript skizzierte, eine wahre Konklusion seines Lebenswerks, die den realen Schrecken seiner Flucht abgerungen war: „Aber die wahre Geschichte ist allerdings nicht die der siegreichen Sache und der vollendeten Fortschritte . . . Erst das nicht ganz Geschehene, erst das nur Entworfene, Nie-Geschehene, erst das brechende Herz des besseren Mannes und der vernichtete Plan der rettenden Einsicht –, das in sich herrliche Nicht-Gewordene, durch alle Jahrtausende zusammenhängend hinter dem Stückwerk des Gewordenen, ist ihre reinste Kost . . .” Geschichte reinigt den „Geist vom Erdenrest seiner Leiden, – durch Fühlen mit dem, was gefühlt worden ist, und das Bangen mit dem Bängnis.”
Keine bessere Devise könnte über der „Anabasis”-Ausgabe der Edition Tenschert stehen. Mit Borchardts eigenen Worten, aber auch mit den Ergänzungen der Familie und der Zeitzeugen wird der Kampf eines verlorenen, vom Schicksal geschlagenen und zugleich immer wieder auch begünstigten Mannes um seine geistige Existenz lebendig, während seine leibliche ihm schon zu entgleiten drohte. Cornelius Borchardt und Gerhard Schuster haben der verzweiflungsvollen Wirrnis dieser Tage ein Denkmal gesetzt, in dem das Lebenskunstwerk Borchardts über die Kräfte, die es vernichten wollten, triumphiert.
MARTIN MOSEBACH
RUDOLF BORCHARDT: Anabasis. Aufzeichnungen, Erinnerungen und Dokumente 1943-1945. Herausgegeben von Cornelius Borchardt in Verbindung mit dem Rudolf-Borchardt-Archiv. Edition Tenschert bei Hanser, München 2003. 352 Seiten, 27,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Ein ebenso beeindruckendes wie bedrückendes Zeitgemälde sieht Rezensent Hans Albrecht Koch in den "Anabasis"-Aufzeichnungen des Altphilologen und Dichters Rudolf Borchardt. Geradezu dankbar nimmt Koch diese Edition auf, gehört Borchardt doch zu jenen deutschsprachigen Autoren, deren Bedeutung erst spät entdeckt wurde. Auch weiß Koch von einer Fülle an Fehlern und unhaltbaren Anordnungen in der Werkausgabe zu berichten. Die vorliegenden Aufzeichnungen nun umfassen die letzten beiden Lebensjahre des Autors - der jüdischer Herkunft, doch Protestant und Preuße aus Überzeugung war - und werden von Tagebuchaufzeichnungen der Tochter Corona, den Erinnerungen seines Sohnes Cornelius, einem Stellenkommentar der Herausgeber und einer detaillierten Chronik ergänzt, wie der Rezensent lobt.

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