Buch mit Leinen-Einband

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Die Lieblingsepoche des Autors ist fraglos das 18. Jahrhundert der Rousseau und Montesquieu, gerade wegen der Geständnisfreude, mit der es seine Leidenschaften bekennt. Vor allem aber interessiert ihn die geistige Konkurrenz zwischen den Epochen und Traditionen, das Unerledigte der Vergangenheit, ihre Lektionen; und die Gegenwart, als zuletzt kommende, wird um ihre scheinbare Überlegenheit gebracht, alle Perioden erhalten die gleiche Chance. Und so entsteht ein Gespräch zwischen den unabhängigsten Köpfen von der Aufklärung bis heute, von Montaigne bis Nietzsche und Darwin, von Büchner bis…mehr

Produktbeschreibung
Die Lieblingsepoche des Autors ist fraglos das 18. Jahrhundert der Rousseau und Montesquieu, gerade wegen der Geständnisfreude, mit der es seine Leidenschaften bekennt. Vor allem aber interessiert ihn die geistige Konkurrenz zwischen den Epochen und Traditionen, das Unerledigte der Vergangenheit, ihre Lektionen; und die Gegenwart, als zuletzt kommende, wird um ihre scheinbare Überlegenheit gebracht, alle Perioden erhalten die gleiche Chance. Und so entsteht ein Gespräch zwischen den unabhängigsten Köpfen von der Aufklärung bis heute, von Montaigne bis Nietzsche und Darwin, von Büchner bis Canetti, Jünger und vielen anderen - ein Füllhorn voller immer wieder überraschender Lesefrüchte, Entwürfe, Maximen und Reflexionen; mit wiederkehrenden Motiven und Themen, wie etwa (unter dem Stichwort Deutsche Dinge") die beständigen Eigenarten der Deutschen, die Rolle von Mitleid und Erinnerung in der heutigen Gesellschaft oder die Konkurrenz von Politik und Kultur in der deutschen Geschichte.
Die Notizen bewegen sich zwischen der lakonischen Knappheit des Aphorismus und dem Kurzessay; Spontaneität und Zufall sind ihr Signum, und sie sind ungeplant, notiert in ein Heft, das jederzeit zur Hand war. Es sind, um mit einer seiner schönen Trouvaillen zu sprechen, Denksteine, die um und um gewendet werden müssen" (Goethe), Gedanken im Wartestand, die darauf warten, dass Autor und Leser sich ihnen zuwenden, um Gebrauch von ihnen zu machen.
Henning Ritters Notizhefte sind ein sehr persönlicher Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Denken im Spiegel einer unvermutet aktuellen Vergangenheit.
  • Produktdetails
  • Verlag: Berlin Verlag
  • 5. Aufl.
  • Seitenzahl: 448
  • Erscheinungstermin: 2. September 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm x 141mm x 22mm
  • Gewicht: 505g
  • ISBN-13: 9783827009586
  • ISBN-10: 3827009588
  • Artikelnr.: 29748153
Autorenporträt
Ritter, Henning
Henning Ritter (1943 - 2013) war von 1985 bis 2008 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verantwortlich für das Ressort »Geisteswissenschaften«. Zahlreiche Publikationen, u.a. als Herausgeber von Jean-Jacques Rousseaus Schriften und Montesquieus Meine Gedanken. Mes pensées - Aufzeichnungen; zuletzt veröffentlichte er »Nahes und fernes Unglück. Versuch über das Mitleid« (2004) und »Die Eroberer. Denker des 20. Jahrhunderts« (2008). Im Jahre 2000 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Hamburg verliehen, er ist Träger des Friedlieb-Ferdinand-Runge-Preises und des Ludwig-Börne-Preises.
Rezensionen
Besprechung von 27.11.2010
Weglassen, verschweigen und keinesfalls eine Debatte führen

Nach dem Humanismus ist vor dem Humanismus: Henning Ritter hat für den öffentlichen Freundeskreis seine "Notizhefte" herausgegeben - ein Generationenporträt im Selbstversuch.

Von Sandra Richter

Manche Bücher machen unwillkürlich schmunzeln, und häufig sind es Nebensächlichkeiten, die Sympathie wecken. Mit Henning Ritters "Notizheften" verhält es sich ebenso. Diese seien nicht für die Veröffentlichung gedacht gewesen, bemerkt der Autor. Doch "verlockten Stetigkeit und Abwechslungsreichtum der Notizen, sie Freunden zugänglich zu machen, die zu einer Veröffentlichung rieten". Geschickt wirbt Ritter um das Wohlwollen des Lesers. Ritter bezieht ihn in eine quasi intime Kommunikation ein, indem er seine Freunde anruft. Diese Art und Weise der Kommunikation gewährleistet Aufrichtigkeit. Außerdem immunisiert sie gegen Kritik: Was bloß für private Zwecke festgehalten und auf Geheiß Dritter veröffentlicht wurde, lässt sich strenggenommen nicht beurteilen.

Mit seiner rhetorischen Bitte gibt Ritter Gehalt, Ton und Stil seines Buches vor - indem er es in humanistischer Tradition zum Gegenstand der eigenen Reflexionen macht. Seine Notizen kreisen folglich nicht nur um Geistesgeschichtliches, Kulturelles, Politisches, Wissenschaftliches und Literarisches, sondern auch um die Frage, wie sich angemessen darüber schreiben lässt. Was Ritter lapidar "Notizen" nennt, umfasst Aphorismen, Maximen, Sentenzen und kurze Essays. Seine gesammelten Hefte reihen sich gleich in mehrere Literaturgeschichten ein: unter anderem in diejenige der französischen Moralistik und in diejenige der kaufmännischen "waste books", die dazu dienten, tägliche Einkäufe, Ausgaben und Verdienste zu verzeichnen. Am Ende der weitverzweigten Kette von Traditionen und Traditionsbrüchen der Kurzprosa stehen Paul Valérys berühmte "Cahiers", thematisch geordnete und sachlich gehaltvolle Sammlungen von Notizen.

Klein- und Kurzformen wie diese sind in Deutschland, wo man systembildendes Denken und Schreiben schätzte, seit jeher wenig populär gewesen. Ritters Notizen bedienen sich sowohl moralistischer als auch nietzscheanischer Wahrnehmungs- und Darstellungstechniken: Einerseits zielt Ritter auf Leichtigkeit und Witz wie im Fall des von dem englischen Dichter Charles Lamb aufgeschnappten Zitats: "Was kümmert mich die Gegenwart? Ich schreibe für die Antike." Andererseits steht schwere Kost auf dem Programm wie bei den zahlreichen Eintragungen zu Genese, Entwicklung und Bedeutung der Französischen Revolution.

Ritters Notizen bieten - mit Montesquieu - "Einfälle". Sie wurden aus Zeitnot in der vorliegenden Form festgehalten, um nicht gänzlich dem Vergessen anheimzufallen. Ihre Epistemologie beruht auf dem Vertrauen in die zufällige Einsicht, etwa durch Funde, Begegnungen, Lektüren. Doch steht dabei weniger das Sammeln solcher Einsichten im Mittelpunkt als vielmehr die skeptische Selbstvergewisserung im Angesicht der eigenen kognitiven Überlastung und der Vergänglichkeit der Ereignisse. Mittel zu dieser Selbstvergewisserung ist die Sprache. Wenn es glückt, das passende Wort zu finden, erlangt eine Notiz ihre eigene Überzeugungskraft. Auf diese Weise befördert sie historisches Verstehen; durch ihre "profane Wortgläubigkeit" wirkt sie wie eine säkularisierte Religion.

Ritters innerweltliche Glaubensfragen entspringen den Interessen einer Generation, die in den vierziger Jahren geboren wurde und in den sechziger Jahren studierte. Ihre geistigen Väter hießen Walter Benjamin und Theodor W. Adorno. Beide stifteten geistige Orientierung in der jungen Bundesrepublik, Benjamin freilich postum. Angenehmerweise verzichtet Ritter dennoch auf hagiographische Töne; er will weder Benjamin noch Adorno "in allem recht geben".

Entsprechend erweitert Ritter das Spektrum seiner Bezugsautoren und -themen. Neben der französischen Moralistik und Philosophie (Montaigne, Pascal, Voltaire, Rousseau, Chamfort) ist das neunzehnte Jahrhundert mit Reflexionen über die Emigranten des Vormärz, Darwin und den Darwinismus vertreten. Aus der Zeit um und kurz nach 1900 faszinieren Freud und die Psychoanalyse, Weltanschauungslehren wie Spenglers "Untergang des Abendlandes", Ernst Jüngers politische Ambivalenzen und Carl Schmitts staatstheoretische Schriften.

Hinzu kommen politische Themen von prinzipiellem Interesse - Gedanken zur Demokratie und über den Ost-West-Gegensatz. Auch die bildende Kunst wird thematisiert. Den Fluchtpunkt bietet Hegel mit seinem vermeintlichen Diktum vom Ende der Kunst: Wie kann Kunst der modernen Reflexionsbildung genügen, lautet Ritters Frage.

Manches mag im Gang durch die Notizen bekannt vorkommen. Ritter hat bereits ausgiebig über Rousseau, Montesquieu, Darwin und viele andere mehr publiziert. Angesichts der Breite und der Kontinuität der in den "Notizheften" auftauchenden Themen und Autoren ist es ärgerlich, dass dem Band Register fehlen.

Versucht man dennoch, vor- und zurückzublättern, um Notizen zu vergleichen, dann lassen sich kontroverse Zitate und Reflexionen entdecken, die nicht unbedingt ein einheitliches Bild des jeweils aufgenommenen Themas oder Autors vermitteln (und dies auch nicht müssen). Wenn Ritter warnend notiert: "Man sollte sich in der Öffentlichkeit so äußern, dass keinesfalls eine Debatte entsteht", so gilt dies für die privaten Notizen nur eingeschränkt. Vielmehr sind sie von erfrischender Risikobereitschaft. Sie vertrauen auf das freundschaftliche Gespräch, das auch vor Publikum subtile Provokationen und offene Fragen erlaubt.

Ein Strang solcher Provokationen verbindet sich mit dem französischen Gelehrten und Politiker Alexis de Tocqueville. In Frage steht nichts Geringeres als die Legitimität der Demokratie. In seinem Buch über die Demokratie Amerikas (1835/40) hatte Tocqueville nämlich beobachtet, dass diese Regierungsform auf marodem Fundament ruht: Einfache Ideen erweisen sich in der Demokratie auch dann als erfolgreich, wenn sie falsch sind. Die Hauptsache ist, dass die Masse der Wähler sie versteht. Bei schwierigen Ideen kommt dies seltener vor. So konkurrieren in der Demokratie nicht mehr Wahrheit und Unwahrheit, sondern Wahrheit und Erfolg.

Vergleichbares gilt für das Format, in das Ideen verpackt werden: Demokratien erscheinen Tocqueville als unsicher, was Stil und Form betrifft. Auf der einen Seite bevorzugt man Klein- und Kleinstformen, um spezifische Wählergruppen anzusprechen, auf der anderen aber neigen Demokratien zum Monumentalen, um etwas Gemeinsames, Herausgehobenes zu schaffen. Die Demokratie erweist sich also möglicherweise als beste, gleichwohl aber als unvollkommene Regierungsform.

Wertungsprobleme wie dieses führen zu weltanschaulichen Fragen, die das Buch nicht beantwortet, ja möglicherweise nicht beantworten will. So geschieht es etwa mit der Frage nach der Bedeutung von Optimismus und Pessimismus. Auf der einen Seite fertigt Ritter Leibniz und die Lehre von der besten aller Welten als dünkelhaft ab. Ritter bekennt sich zu Voltaires und Nietzsches Leibniz-Kritik: Rechtfertigen lasse sich nur, was dem Menschen erträglich ist - und Leibniz' abstrakte Formel von einem Gott, der allwissend, allweise und allgut Übel in die Welt bringe, überzeuge nicht. Auf der anderen Seite kritisiert Ritter den Kulturpessimismus des ausgehenden neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts auf den Spuren von Fritz Stern. "Kulturpessimismus als politische Gefahr" - so könnte man zahlreiche Notizen überschreiben. Dennoch erscheint der Pessimismus in Ritters Buch als dominante Größe: Der Optimismus, die säkulare Religion der Aufklärung, so heißt es in einer Notiz zu Lichtenberg, ist verlorengegangen und dem Pessimismus gewichen.

Die große Gruppe der historisch beobachtenden Notizen bleibt entsprechend weltanschaulich neutral. Zu ihnen gehören beispielsweise die Einträge zu Exil und Emigration. Sie zeigen, wie kundig Ritter auf diesem Gebiet ist. Seine Geschichte des Exils beginnt nicht etwa mit dem zwanzigsten Jahrhundert, sondern schon mit den Autoren des Vormärz. Zu Ritters Gewährsleuten zählt unter anderem der dänische Philosoph Georg Brandes, der sich auch literaturhistorisch betätigte. Als einer der Ersten äußerte er sich zur Emigrantenliteratur und attestierte ihr schwärmerischen Rousseauismus.

Das Exil der dreißiger und vierziger Jahre ist mit bekannten Namen wie Klaus und Thomas Mann, Aby Warburg und Erwin Panofsky vertreten. Im Mittelpunkt steht Thomas Manns umstrittene These von der moralischen Überlegenheit der Emigranten im Vergleich zu den in Deutschland verbliebenen Intellektuellen, den Vertretern der "Inneren Emigration". Ritter lässt sich nicht auf diese These ein. Vielmehr nimmt er ein Zitat des späten Gottfried Benn auf. Dieser hatte dem jungen regimekritischen Klaus Mann interessanterweise nicht moralische, sondern intellektuelle Überlegenheit bescheinigt. Thomas Manns steile These wird mit Benn wenn nicht korrigiert, so doch relativiert.

Selbstpositionierungen wie diese lassen die Notizen ansonsten eher ex negativo erahnen: aus dem, was der Autor nicht aufnimmt, notiert, kommentiert. Im Weglassen und Verschweigen liegt ein wesentliches Prinzip von Ritters Notizen.

Das humanistische Prinzip für Rezensionen heißt "Unparteilichkeit". Gleichwohl ergreifen solche Rezensionen gern und entschlossen Partei, um sich entschieden für oder gegen einen Text einzusetzen und dem Leser nur pro forma das Urteil zu überlassen. In diesem Sinne spricht für Ritters "Notizhefte", wie er verschüttete Traditionen der Kurzprosa ausgräbt, bedenkt, aktualisiert und historisiert. Nach dem Humanismus ist hier vor dem Humanismus: Im Selbstversuch hat Ritter ein intellektuelles Porträt seiner Generation vorgelegt - ein elegantes, gebildetes und nachdenkliches Porträt, das nicht nur zur Lektüre, sondern auch zur Nachahmung im mehr oder minder öffentlichen Freundeskreis empfohlen sei.

Henning Ritter: "Notizhefte". Berlin Verlag, Berlin 2010. 400 S., geb., 32,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 07.12.2010
Wie wenige es sind, mit denen es sich reden lässt
Henning Ritter weiß, wie man sich gegen die Zumutungen der Gelehrsamkeit und zugleich die Gefahren der Rechthaberei schützen kann.
Die Aufzeichnungen und Aphorismen in seinen Notizheften ergeben ein Brevier für alle skeptischen Freunde der Vernunft Von Thomas Steinfeld
Über mehr als zwei Jahrzehnte hat Henning Ritter, von 1985 bis 2008 der für die Rubrik „Geisteswissenschaften“ verantwortliche Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, alles, was er für bedenkenswert hielt, in Notizbüchern festgehalten. Der längste dieser Einträge beansprucht im Druck kaum mehr als eine Seite. Entstanden ist dadurch, „hinter dem Rücken des Autors“, wie dieser selbst bemerkt, ein Werk aus kleinen Stücken, das sich, je weiter man liest, zu einer großen Monographie aufblättert – ähnlich wie es bei Michel de Montaigne ist und manchmal auch bei Friedrich Nietzsche. Manche dieser Eintragungen sind anschaulich und leicht: „Von Stendhals ,De l’amour’, das er 1822 veröffentlichte, wurden bis 1837 siebzehn Exemplare verkauft. Da ist es nicht verwunderlich, dass der Autor auf Entschädigung durch die Nachwelt hoffte“ – durch eine Nachwelt, die wissen sollte, was Leidenschaft ist. „So rächt sich Stendhal schließlich für den mageren Absatz seines Buches am Leser.“ Andere Notizen sind schwieriger, dieser Eintrag zum Beispiel: „Es gehört zu der merkwürdigen Eigenschaft des Denkmalkultes, dass die Denkmäler nicht Sichtbarkeit produzieren, sondern Unsichtbarkeit.“ Und hat Henning Ritter nicht recht, löscht die gleichsam religiöse Verehrung des Bildes nicht alle Bilder aus?
Ein scheinbar richtungsloses Denken manifestiert sich in diesen kleinen Erörterungen, die meist einem Ereignis aus der Geistesgeschichte gelten und manchmal auch der Gegenwart, der Wiedervereinigung oder dem 11. September etwa. Einige der Notizen verdanken sich praktischen Erlebnissen, einem Spaziergang im Rheintal zum Beispiel. Die meisten aber sind aus Lektüren entstanden, wobei die gelesenen und wiedergelesenen Bücher nicht aus einer Bibliothek stammen, in der mit kanonischem Anspruch die Klassiker der Weltliteratur verwahrt werden, sondern aus einer Gelehrtenbibliothek mit Schwerpunkten im französischen achtzehnten und im frühen zwanzigsten Jahrhundert.
Die Einträge sind dem Exzerpt verwandt, auch wenn sie, bis auf wenige Ausnahmen, bibliographische Angaben verweigern. Dem Lesen verdanken sie darüber hinaus das Prinzip ihrer Gestaltung: Da überlässt sich ein aufmerksamer Mensch den Vorstellungen anderer Menschen, während er eigene Vorstellungen mit denen der anderen verknüpft. Das Verfahren wirkt wie absichtslos, so als wäre kein Wille zur Mitteilung damit verbunden. Und doch sind diese Notizen von hohem Anspruch, ja von Ehrgeiz getragen. Dieser dokumentiert sich in der Rastlosigkeit, in der die Einträge entstanden sein müssen, jener in Ernst und Großmut der Kritik: Jede Notiz ist das Dokument einer Prüfung, und je mehr geprüft wird, desto bedeutender muss die Angelegenheit sein.
In zwei kleinen Kommentaren, die Henning Ritter dieser Edition beigibt, erklärt er nicht nur, es handle sich hier lediglich um eine kleine Auswahl (ein Zehntel!) aus einem viel größeren Korpus, sondern auch, dass seine Notizen den Stoff für ein späteres Nachdenken hätten liefern, dass sie also nur das Material hätten sein sollen, aus dem irgendwann ein größerer, systematischer Bau zu errichten wäre. Manches davon ist tatsächlich roh, purer Stoff; viel mehr aber zeigt sich schon geläutert durch die Neugier, historische Recherche; wiederum anderes ist ein Zustimmung erheischender Fund, wie etwa zu Edmund Burkes Vorbehalt gegen die Menschenrechte, sie verwandelten den Menschen in ein „abstraktes Individuum“, dem alles, was sich nicht in eine globale Rechtsform bringen lasse, geopfert werde – vor allem das Konkrete, das Individuum selber. Viele der Einträge, ja die meisten, schließen mit einem Satz, der das Gesagte noch einmal aus größerer Distanz betrachtet und einordnet. Es gibt sogar letzte Sätze, und es sind nicht wenige, die starke Botschaften sind: „Modernisierung ist kein Schicksal, das keine Auswege offenlässt“, lautet einer von ihnen. Und zum Charakter, den der Ruhm in jüngster Zeit angenommen habe, heißt es, er sei „nichts anderes als dörfliche Bekanntheit im Weltmaßstab“. So ist das Urteil gesprochen.
Es kann keinen Zweifel geben: Henning Ritters Blick ist in die Vergangenheit gewandt, er spricht vor allem mit Toten. Ihre Gedanken holt er aus zuweilen entlegenen Werken hervor, und manche immer wieder, weil sie nicht vergessen sein und erneut bedacht werden sollen. Zustimmend zitiert er eine Formel von Karl Kraus, der von sich und seinesgleichen spricht als von den „Insassen einer Zeit, welche die Fähigkeit verloren hat, Nachwelt zu sein“. Diese Aufgabe stellt Henning Ritter sich selbst, und sie ist umso größer, als sie nicht nur dem vergangenen Wissen gilt, sondern dem Wissen von der Vergangenheit selbst. Geschichte, sagt Henning Ritter, sei mittlerweile zur „Dienstmagd einer neuen Moral“ geworden, die an der Geschichte selbst kein Interesse habe, sondern sie nur zur Veranschaulichung, als Zeugnis für gegenwärtige Belange benutze. Ihm hingegen kommt es in der Geschichte auf etwas anderes an: zum einen auf ihre Überlegenheit gegenüber der Gegenwart, in intellektuellen Dingen – sie hat, in Henning Ritters Kosmos, die besseren Denker und die besseren Schriftsteller –, zum anderen aber auf den Gleichmut, den das Vergangene im Vergleich zum Gegenwärtigen entgegenbringen kann. Deswegen also schlägt sich Henning Ritter auf die Seite der Geschichte, nicht nur, um die Verbindung nicht abreißen zu lassen, sondern vor allem, um das Unzeitgemäße an ihr zu beanspruchen, den aus der Vergangenheit kommenden, so erfahrenen wie unerwarteten Blick auf die Gegenwart.
Henning Ritters „Notizhefte“ haben etwas scheinbar Widersprüchliches: Auf der einen Seite ist der Autor ein rücksichtsvoller Geist, der das Gegenüber zu Wort kommen lassen will. Eher, als dass er über den Autoren stünde, die ihn zum Fortdenken und Niederschreiben anregen, ist er mit ihnen. Der Übersetzer ist sein Maßstab. Wie dieser führt er „ein permanentes Gespräch“ mit dem Autor, und ihn fragt er „bei jedem Wort“, ob „es ihm denn auch recht sei“. Und wie der Übersetzer weiß er, dass der Autor die Sprache, in die sein Werk übersetzt wird, nicht gut spricht – und also nicht weiß, dass das Wort, das er für das treffende hält, nicht das richtige ist, so dass ihm der Übersetzer gleichsam zu sich selbst helfen muss, zurückhaltend, aber doch bestimmt.
Auf der anderen Seite sind diese Notizbücher ein Werk von großem Format, ausgreifend in ihrer historischen und philosophischen Bildung, deutlich in ihren Thesen, selbstbewusst in ihrem Duktus. Das Übermaß, die Verschwendung der Ideen, hat dabei Prinzip: Der Verschenkende lädt andere ein, an ihm teilzuhaben, er sucht den Austausch und grämt sich, wenn die Anregung ins Leere geht. Wirken will Henning Ritter, vielleicht will er sogar erziehen. Der Gedanke, dass eine überreiche Vergangenheit keinen Einfluss mehr auf die Gegenwart haben könnte, ist ihm unerträglich. Von daher ist die in scheinbarer Bescheidenheit verkleidete Opulenz dieses Werkes zu erklären. Und nach einer Weile versteht der Leser: Ihrer Absicht nach wollen diese Notizen ein Hausbuch sein, ein Werk, das man irgendwo aufschlagen kann, um die Losung für den Tag zu finden, den Satz, der das Leben zumindest für eine Weile ordnet. Deswegen sind die Einträge nicht datiert, deswegen gibt es kein Register, deswegen mäandrieren die Notizen. Deswegen ist ein jeder Eintrag auch eine Forderung an den Leser.
Zu einigen Gegenständen kehrt Henning Ritter immer wieder zurück, zu den späten Tagen des Ancien Régime, zur französischen Revolution, zum Museum, zur Betrachtung der Kunst in ihrem ursprünglichen Zusammenhang, zur ästhetische Avantgarde, zum Mitleid oder zum Pessimismus. Und auch ein paar Autoren haben es ihm mehr angetan als andere: Es sind Menschen, zu denen er eine Verwandtschaft empfindet, die französischen Moralisten, Montesquieu vor allem, auch Montaigne und Tocqueville, Stendhal, Cioran, und unter den deutschen Jean Paul, manchmal Friedrich Nietzsche und öfter Hans Blumenberg, der eigene Lehrer. Deutlich weniger verbunden gibt sich Henning Ritter, wenn er die Lektüren seiner eigenen intellektuellen Sozialisation prüft. Theodor W. Adorno hat es dabei noch leicht, aber gegen Walter Benjamin und das „Dasein im Baumwald der Erinnerung“ fällt ebenso das Verdikt des intellektuellen „Kitsches“ wie gegen Michel Foucault und die von diesem inszenierte Kälte des Denkens. Die Autoren, die den Untergang der Autorschaft verkündet hätten, heißt es, seien keineswegs zufällig dieselben, von denen jetzt jeder Zettel, jede zufällige Tonbandaufnahme aufgehoben und ausgestellt wird. Von den Zeitgenossen bleiben Henning Ritter wenige, um mit ihnen weiterzureden, Werner Hofmann zum Bespiel, denn Reinhart Koselleck und Jacob Taubes sind tot.
Der Aphorismus, sagt Henning Ritter, sei ein Mittel, sich gegen die Zumutungen der Gelehrsamkeit wie gegen die Gefahren der Rechthabereien zu schützen. Nun, das gilt nicht immer, Arthur Schopenhauer etwa kann ein elender Besserwisser sein. Bei Henning Ritter indessen herrscht unter den Stücken eine milde Anarchie, groß genug, um den Gedanken anderer keinen Zwang anzutun, klein genug, um das eigene Urteil nicht außer Kraft zu setzen und offen genug, um auch dem gelegentlichen Missgriff, der Banalität, einen Raum zu gewähren. Gerne überlässt sich der Eigendynamik, die im Führen eines Notizheftes zu liegen scheint: „Sprachvertrauen und Sprachskepsis sind für den Aphoristiker eines. Er zweifelt am Wort und vertraut darauf, dass ein neues sich einstellt.“ Selten verlässt der Autor diesen Schutz, und selten sagt er „ich“. Er sagt es zum Beispiel in einer Erinnerung an Hans Blumenberg, dem er stets nachlässige Briefe geschrieben habe, um konzentrierte Antworten zu erhalten. „Takt gegenüber den Großen ist es, dass man mit ihnen nicht konkurriert“, lautet der letzte Satz dieses Eintrags, und es verbirgt sich darin die Dialektik dieses Werkes, die skeptische Zurückhaltung und die Gewissheit, doch jedem seinen Ort zuweisen zu können.
Henning Ritter besaß innerhalb der deutschen Publizistik eine einzigartiges Amt. Der Journalismus gehörte zu ihm und die akademische Welt, und beides wiederum nicht. Aus diesem Zwischenreich sind die „Notizhefte“ entstanden. Sie befinden sich dort, wo sich bei einem berühmten Professor das Opus Magnum befände, nur unter den Voraussetzungen eines Journalisten, der weiß: „Es ist eine Täuschung, dass der Geist kumulativer Natur ist. Er ist es nicht, er ist plötzlich und vergesslich.“ Vielleicht gleichen Henning Ritters Notizbücher deswegen einem Brevier, das man in die Tasche stecken und überall hin mitnehmen kann. Doch Vorsicht, das schmale Format ist eine Täuschung: Gedruckt wurde auf Dünndruckpapier, die Lektüre währt mehrere Tage, und Aufschreiben ist ein gutes Mittel gegen das Vergessen.
Eine der schönsten Selbstauskünfte in den Notizheften lautet so: „Ich studiere Autoren nicht, ich versuche vielmehr, sie zu erraten. Mich interessiert nicht die Seite, die sie mir zuwenden, sondern die, die sie vor mir verbergen.“ Wenn der Leser diese Stelle erreicht, hat er längst be-
griffen, dass auch Henning Ritter erraten werden will.
Henning Ritter
Notizhefte
Berlin Verlag, Berlin 2010.
428 Seiten, 32 Euro.
Man kann irgendwo aufschlagen
und findet den Satz, der das
Leben für eine Weile ordnet
Der Geist ist nicht
kumulativ, er ist plötzlich
und er ist vergesslich
Er gehört zur Welt des Journalismus und zugleich zur Welt der Gelehrsamkeit und doch zu beiden nicht ganz: Henning Ritter. Foto: Isolde Ohlbaum
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Ein großes Buch aus kurzen Texten, Gedanken und wie der Titel sagt, aus "Notizen". Zeit gelassen hat sich der Rezensent Martin Meyer mit der Lektüre und mit der Besprechung: Zeit, versichert er, die dieses gehaltvolle Werk auch verdient. Nicht weniger als eine Summe des Denkens und der Haltung zur Welt, zur Kunst, zur Geschichte sind diese Schriften, die gedankliche Summe des selbst erklärten Konservativen und Ex-FAZ-Redakteurs Henning Ritter. Als Zukunftsskeptiker in einem sehr grundsätzlichen Sinn zeigt der sich darin. Die Avantgarde als Idee eines forciert-revolutionären Neuen ist, so seine Überzeugung, ein für allemal vorüber (und war ohnehin keine von Ritter sonderlich geschätzte Sache). Was bleibt, sind Nachbearbeitungen, Posthistoire, Hermeneutik, Besinnung aufs abendländische Erbe. Das wird bei Montaigne und Rousseau und Nietzsche genauer verfolgt. Nichts, preist der Rezensent, ist überflüssig in diesem Band, der Verfasser ein großer Leser und Hermeneut. Alles ist für Meyers Begriffe klug gedacht. Die Zeit, die er sich für den Band nahm, war darum, darf man aus der äußerst umfangreichen Rezension schließen, alles andere als vergeudete Zeit.

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