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Roosevelt-Amerika und sein Reformprogramm der 1930er Jahre, der "New Deal", gelten noch immer als die gelungene Alternative und glückliche Gegengeschichte zur europäischen Katastrophe des Faschismus und Nationalsozialismus. Demgegenüber stellt Wolfgang Schivelbusch noch einmal die schon in den 30er Jahren diskutierte, seit 1945 jedoch verdrängte Frage, ob der Erfolg des "New Deal" nicht gerade damit zu tun hatte, dass er wesentliche ökonomische, soziale und massenpsychologische Elemente von seinen totalitären Konkurrenten entliehen hat. Der Autor versucht hier, das Verhältnis von liberaler…mehr

Produktbeschreibung
Roosevelt-Amerika und sein Reformprogramm der 1930er Jahre, der "New Deal", gelten noch immer als die gelungene Alternative und glückliche Gegengeschichte zur europäischen Katastrophe des Faschismus und Nationalsozialismus. Demgegenüber stellt Wolfgang Schivelbusch noch einmal die schon in den 30er Jahren diskutierte, seit 1945 jedoch verdrängte Frage, ob der Erfolg des "New Deal" nicht gerade damit zu tun hatte, dass er wesentliche ökonomische, soziale und massenpsychologische Elemente von seinen totalitären Konkurrenten entliehen hat.
Der Autor versucht hier, das Verhältnis von liberaler Demokratie und rechten Diktaturen nicht von 1945 aus, sondern aus der Perspektive von 1929 zu begreifen und kommt zu verstörenden Ergebnissen.
  • Produktdetails
  • Fischer Taschenbücher Bd.17152
  • Verlag: Fischer Taschenbuch
  • Seitenzahl: 224
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 224 S. 191 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 189mm x 123mm x 14mm
  • Gewicht: 170g
  • ISBN-13: 9783596171521
  • ISBN-10: 3596171520
  • Best.Nr.: 22812120
Autorenporträt
Wolfgang Schivelbusch, geboren 1941, Dr. phil., Habilitation, ist freier Autor und lebt seit 1973 in New York und in Berlin. Er ist Träger des Heinrich-Mann-Preises 2003 der Akademie der Künste zu Berlin. Im Jahr 2014 wurde ihm der Lessing-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg verliehen.
Rezensionen
Besprechung von 22.04.2005
Transatlantischer Systemvergleich
Wolfgang Schivelbusch untersucht Franklin D. Roosevelts Nähe zum europäischen Faschismus

Die Hoffnung starb auch im Führerbunker zuletzt, und so wissen wir aus Goebbels' Tagebüchern und den Erinnerungen von Überlebenden, wie begeistert dort der Tod des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt am 12. April 1945 als ein Ereignis gefeiert wurde, das man als geschichtlichen Wiedergänger des "Mirakels des Hauses Brandenburg" verstehen wollte. Dabei hatte Roosevelt am Beginn seiner Amtszeit, die nur zwei Monate nach Hitlers Machtergreifung einsetzte, durchaus Sympathien unter den Nationalsozialisten erweckt. Hitler hatte dem amerikanischen Botschafter William E. Dodd, der seinen Posten gleichfalls 1933 antrat, erklärt, er stimme mit dem Präsidenten darin überein, daß Pflichterfüllung, Opferbereitschaft und Disziplin das ganze Volk prägen sollten. Fünf Jahre später, als Roosevelt schon seine berühmte Abgrenzung zu den europäischen totalitären Systemen vorgenommen hatte, klang das hämischer: Hitler empfing Dodds Nachfolger Hugh A. Wilson mit der Bemerkung, daß er unverändert mit Neugier die Methoden beobachte, mit denen Roosevelt sich jener Probleme annehme, die Deutschland bereits gelöst habe.

Damit war vor allem die Arbeitslosigkeit gemeint, die im Gefolge der Wirtschaftskrise beiden Politikern ins Amt geholfen hatte. Aber es gab mehr Gemeinsamkeiten zwischen den späteren Kriegsfeinden Hitler und Roosevelt, als man nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sehen wollte. Darüber indes haben sich deutsche wie amerikanische Historiker weitgehend ausgeschwiegen, seit John A. Garraty 1973 in der "American Historical Review" als erster einzelne Aspekte der Politik im "New Deal" mit der Strategie der Nationalsozialisten im "Dritten Reich" verglichen hat. Der Aufsatz blieb weitgehend folgenlos, mit der bezeichnenden Ausnahme Italiens, wo sich seitdem Historiker mit den politischen Parallelen von Roosevelt und Mussolini beschäftigt haben. Doch nun ist auch in Deutschland ein Buch erschienen, das die Benennung von Garraty als "Pionier der historiographischen New-Deal-Nationalsozialismus-Komparatistik" rechtfertigen mag, auch wenn der Erfinder dieser Disziplin und der Autor der neuen Studie identisch sind: Wolfgang Schivelbusch.

Sein Buch (F.A.Z. vom 20. April) trägt den Titel "Entfernte Verwandtschaft", und man darf diese Benennung wohl als Zugeständnis daran begreifen, daß es außerhalb der historischen Forschung immer noch als heikel gilt, den Nationalsozialismus überhaupt als mit irgend etwas vergleichbar darzustellen - auch wenn Schivelbusch als Scharnier den italienischen Faschismus einbaut, der gewissermaßen die Schnittmenge zwischen den beiden anderen Systemen bildet. Der amerikanische Titel, unter dem Schivelbuschs umfangreicher Essay noch in diesem Jahr bei dem renommierten Verlag Henry Holt & Company erscheinen wird, lautet dagegen "Three Types of Leadership in the Great Crisis", und auch wenn er gleichfalls eine Distanz als Ergebnis des Vergleichs vorwegnimmt, so bietet er doch bereits das zentrale Gemeinsame aller drei behandelten Formen von Herrschaft: deren Ursprung aus einer historischen Krisensituation heraus.

Diese umfaßt nicht, wie der deutsche Untertitel suggeriert, lediglich die Jahre von 1933 bis 1939. Vielmehr identifiziert nach Ernst Nolte, Eric Hobsbawm und vielen anderen Historikern aller ideologischen Provenienz auch Schivelbusch im Ersten Weltkrieg den Auftakt zur großen Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts. Und zwar nicht nur im Blick auf Italien und Deutschland, sondern mehr noch unter Berücksichtigung von Amerika, denn in keinem anderen damals kriegführenden Staat wurden Propaganda und freiheitseinschränkende Maßnahmen rigider durchgeführt als in den erst 1917 in den Krieg eingetretenen Vereinigten Staaten.

In der im Interesse der Kriegswirtschaft erfolgten Zentralisierung des Wirtschaftslebens und der Unterdrückung isolationistischer Stimmen sieht Schivelbusch die Umsetzung der progressivistischen Ideale, die das politische Leben Amerikas seit der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert bestimmt haben: Widerstand gegen die eigenmächtigen Industriekonglomerate, Betonung der individuellen Gleichheit, Ruf nach dem Staat als Hüter der moralischen Werte. Der Erste Weltkrieg war die Schmiede, in der das liberale Denken des neunzehnten Jahrhunderts eingeschmolzen wurde, um daraus die Panzerungen erstarren zu lassen, die die totalitären Regimes umformten und gegen jedes Partikularinteresse in Stellung brachten. Roosevelt wirkte dabei mit mächtigen Hammerschlägen gegen die amerikanische Gesellschaft zumindest als wackerer Dorfschmied mit, wenn auch die großen Ideologieambosse auf dem Alten Kontinent gestanden haben mögen.

Für die Vereinigten Staaten sieht Schivelbusch diesen Prozeß allerdings bereits weitaus früher beginnen: unter Präsident Andrew Jackson in den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts. In dessen Amtszeit wurde das demokratische Ideal der Gleichheit mit dem republikanischen des Staatsinteresses versöhnt - eine Entwicklung, die in Europa durch die Klassendebatten des neunzehnten Jahrhunderts unmöglich gemacht wurde. Deshalb versteht Schivelbusch die Geschichte des Faschismus und des Nationalsozialismus "als den Versuch, Europa auf den Stand Amerikas zu bringen". Nach der Niederlage wurde dieses Bemühen dann anderweitig zum Ziel geführt: "Es kam zur Amerikanisierung der Provinz Europa, die so erfolgreich wurde, weil die Ideologie nun nicht mehr freudlos und hungrig war, sondern fast wie Amerika selber, wohlgenährt und voller Spaß."

Solche Einsichten sind provokant, ändern aber nichts an der sachlichen Schlüssigkeit des Schivelbuschschen Verfahrens. Man merkt es dem Buch an, daß dessen Thema ein über lange Jahre verfolgtes Lieblingsprojekt des in New York und Berlin lebenden Kulturhistorikers ist. Dafür spricht nicht nur die profunde Archivrecherche, die im überaus lesenswerten Anmerkungsteil nebenbei mit manchem Irrtum der Sekundärliteratur aufräumt, sondern vor allem die Finesse, mit der Schivelbusch seine halb polemischen, halb subtilen Pointen setzt. Daß er aus den Quellen eine Kommentierung von Roosevelts im März 1933 erfolgter Bevollmächtigung durch den Kongreß zieht, die von einem "enabling act" spricht, ist ihm nicht genug der Spitze: Sechzig Seiten später wird der Begriff schließlich als "Ermächtigungsgesetz" übersetzt - und zwar ohne Anführungszeichen. Es gehört auch einige Chuzpe dazu, in einer Analyse von Roosevelts Radioauftritten vom "Führer" zu sprechen, als der sich der Präsident per Lautsprecher mitten in die Familien hineinversetzen ließ. In der englischen Ausgabe wird dort hübsch neutral von "leader" die Rede sein, aber der deutsch schreibende Schivelbusch weiß eben, wie man kalkuliert provoziert. Stets hat er dabei die historischen Tatsachen auf seiner Seite

Daß dabei ähnlich wie bei Götz Alys neuer Studie zur Volksnähe des Nationalsozialismus auch eine zeitaktuelle Stellungnahme mitschwingt, ist unvermeidlich. Wo der New Deal in der Wiederkehr keynesianistischer Ideen plötzlich wieder Konjunktur zu bekommen scheint - zum Teil auch in extremistischer Sicht wie vom Ehepaar LaRouche -, da ist jede Relativierung des durch die Person Roosevelts geadelten Systems von Interesse. Und Schivelbuschs Buch hätte ja kaum einen besseren Moment finden können als den derzeitigen, wo die Arbeitslosenzahlen in Deutschland sich bedrohlich denen von 1932 nähern und Teile der SPD deshalb die Klassenkampfrhetorik auferstehen lassen.

Es gibt einige solcher Passagen, die somit nicht nur das Bild Roosevelts neu konturieren. In der amerikanischen Forschung wird etwa seit längerem diskutiert, wie das progressive movement den jungen Politiker geprägt hat. Schivelbusch zitiert dazu Roosevelt aus dem Jahr 1912: "Sie haben die Freiheit des Individuums, mit seinem Besitz nach Belieben zu verfahren, hinter sich gelassen, weil sie der Ansicht sind, daß es notwendig ist, dieses Freiheitsrecht zugunsten der Freiheit des ganzen Volkes einzuschränken." Sie - damit waren hier die Deutschen gemeint, konkret die Vertreter einer korporatistischen Politik. Aus dem deutschen Gemeinwohlgedanken, der als Reaktion auf die Industrialisierung entstand, schöpfte also auch jenes System, das viel bessere Schutzmechanismen gegen den Wildwuchs des Individualismus besaß, jedoch nun diese Werte vom Eigennutz bedroht sah, neue Kraft und kam somit im gleichen Moment wie die europäischen Staaten auf die Zielgerade zum Totalitarismus.

Warum aber wechselte Amerika dann noch einmal die Richtung? Die Pointe von Schivelbuschs Buch ist, daß es diese Frage anzweifelt. Mit zahlreichen zeitgenössischen Stimmen, die Roosevelt als amerikanische Version von Mussolini oder gar Hitler (zumindest im Hinblick auf dessen Wirtschaftspolitik) deuteten, hat er genügend aufzubieten, um das Vergleichsverbot der Nachkriegszeit auszuhebeln. Und mit Roosevelts Widersacher John T. Flynn, einem der prominentesten Gegner eines Kriegseintritts der Vereinigten Staaten, findet er einen Interpreten des New Deal, der klar aussprechen darf, was Schivelbusch vornehm umschreibt: Roosevelts Politik tendiere zum "kultivierten, subtilen, im Auftreten angenehmen Faschismus, den man deshalb gar nicht Faschismus nennen wird". Die strukturellen Ähnlichkeiten der Machttechniken aus Boykottdrohungen, der Schaffung von Freund-Feind-Schemata oder staatlich kontrollierten Großprojekten, die Schivelbusch detailliert vorstellt, sind schlagend. Schließlich durfte Roosevelts Mann in Berlin, Hugh A. Wilson, dem schon reservierten Hitler 1938 noch versichern, daß der Präsident "höchst interessiert sei an bestimmten Phasen der gesellschaftlichen Anstrengungen", die im "Dritten Reich" unternommen worden waren.

Und hier, beim Fazit, liefert Schivelbusch ein zusätzliches Meisterstück ab: Ohne es explizit zu machen, setzt er John T. Flynn ins Recht, wenn als letzter Satz des Buches ein Zitat des Isolationisten steht, das die absehbaren Folgen der Rooseveltschen Machtpolitik so beschrieb: "Was wir brauchen, sind Feinde, denn die werden für uns zu einer ökonomischen Notwendigkeit." Die derart beschworene Dauerkrise als Existenzgrundlage eines "höflichen Faschismus" entspricht dem, was diversen amerikanischen Regierungen nach dem Zweiten Weltkrieg unterstellt worden ist. Man mag das für zutreffend halten oder nicht - eine solch erfrischende Frechheit in der historisch begründeten Zeitkritik, wie sie Schivelbusch bietet, bekommt man nicht alle Tage zu lesen.

ANDREAS PLATTHAUS

Wolfgang Schivelbusch: "Entfernte Verwandte". Faschismus, Nationalsozialismus, New Deal 1933-1939. Verlag Carl Hanser, München 2005. 223 S., geb., 21,50 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 25.04.2005
Die Gefährdung der Demokratie in der Krise
Von der Deformation des Systems zur Zeit des amerikanischen New Deal und dem zeitgleichen Erstarken des Faschismus
Während sich in Europa autoritäre und totalitäre Strömungen Bahn brachen und das dunkelste Kapitel in der Geschichte des Kontinents einläuteten, begann in den USA - zeitgleich mit der „Machtergreifung” Hitlers - die zwölf Jahre währende Präsidentschaft des Demokraten Franklin D. Roosevelt. Mit seinem groß angelegten Reformprogramm des New Deal demonstrierte er, wie der verheerenden wirtschaftlichen Depression mit demokratischen und sozialstaatlichen Methoden beizukommen war. Roosevelts Amtszeit gilt als Gegenmodell, als gelungene Alternative zur europäischen Barbarei.
Es scheint, als wolle der Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch diese vertraute Sicht der Dinge korrigieren. Er vergleicht das Amerika der New-Deal-Ära mit den faschistischen Systemen in Italien und Deutschland und entdeckt frappierende Gemeinsamkeiten. Ob Mussolini, Hitler oder Roosevelt - sie bedienten sich eines charismatischen Politik- und Führungsstils, betrieben Massenmobilisierung und -integration, machten ausgiebigen Gebrauch von modernen Propagandatechniken, setzten auf interventionistische und dirigistische Wirtschaftskonzepte, huldigten dem technischen Fortschritt und suggerierten doch zugleich ihre Verbundenheit mit traditionellen Werten oder Gemeinschaftsidealen. Alle drei Systeme neigten zum Monumentalismus, etwa in der Architektur, oder forcierten prestigeträchtige technische Großprojekte: den Umbau des Tennessee Valley, die Autobahnen, die Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe.
Schivelbusch ist ein faszinierendes wie irritierendes Buch gelungen. Obwohl er sich auf die Suche nach Ähnlichkeiten macht (und die Kenntnis der weit gewichtigeren Unterschiede voraussetzt), gleitet seine Darstellung nie in eine Verharmlosung der Systeme Hitlers und Mussolinis oder eine Dämonisierung der Ära Roosevelt ab. Seine Analyse ist historisch-vergleichend angelegt, doch es ist unverkennbar, dass Schivelbuschs primäres Interesse nicht den Faschismen, sondern der amerikanischen Demokratie gilt.
Auch der Gegenwartsbezug und damit die politische Aktualität des Buches lassen sich kaum übersehen. Die Eingrenzung auf die Jahre 1933 bis 1939 hat eher exemplarische Funktion. Sein Anliegen thematisiert Schivelbusch selten explizit; im „Subtext” seines Buches ist es jedoch fast ständig präsent: die Gefährdung und Selbstgefährdung der Demokratie angesichts innerer und äußerer Krisen. Seine Fallstudie zum New Deal zeigt eindrücklich die Komplexität des Zusammenhangs von Demokratie und Krise. Sein knapper zweiseitiger Epilog deutet an, dass das Problem einer krisenbedingten Deformation der Demokratie gerade in den USA nichts von seiner Aktualität verloren hat.
Auch der Soziologe Stefan Breuer stellt Vergleiche an. Doch sein vorrangiges Interesse gilt nicht der Demokratie, sondern dem Faschismus. Zudem legt er den Akzent nicht auf die Regime-, sondern die Formierungsphase faschistischer Bewegungen. In drei Kapiteln kontrastiert er die Entwicklungen in Deutschland und Italien mit jenen in Frankreich. Obwohl auch in Frankreich ein starker Rechtsnationalismus existierte, hat er nicht zur Herausbildung einer großen faschistischen Bewegung oder gar zu deren Machtgewinn geführt.
Im Hintergrund der Analyse Breuers steht die theoretische Frage, inwieweit der Faschismus als rechter Radikalnationalismus begriffen werden kann. Breuer verneint diese Frage und plädiert für eine genaue typologische Unterscheidung. Zudem gebe es, wie das Beispiel Frankreichs zeige, keine wie auch immer geartete Entwicklungslogik, die einen bestimmten Typ von Nationalismus in Faschismus umschlagen lasse. Andererseits bestreitet Breuer nicht, dass der Nationalismus konstitutiv für die faschistische Ideologie ist, dass also - anders ausgedrückt - der Faschismus nach Abzug des Nationalismus nicht mehr er selbst wäre. An dieser wie auch einigen anderen Stellen hätte man sich größere theoretisch-konzeptionelle Klarheit gewünscht.
Den Faschismus selbst deutet Breuer zuvörderst als politische Praxis. Seine „Minimaldefinition” umfasst drei Merkmale: den charismatischen Führer, die Gewaltbereitschaft und das faschistische Patronagesystem. Die Ideologie bleibt dabei außen vor - sei doch der Faschismus nicht auf ein geschlossenes ideologisches System festlegbar, sondern eher ein Aggregat teilweise konkurrierender oder sich wechselseitig ausschließender Ideologien. Diese Beobachtung ist zwar zutreffend, sie erscheint allerdings für die Formierungsphase des Faschismus weit relevanter als für die Regimephase. Zudem wird sie von Breuer arg überstrapaziert, wenn er vom „Polyzentrismus”, ja sogar vom „Pluralismus” faschistischer Parteien spricht.
Selbst wenn es die eine durchsystematisierte Ideologie nicht gegeben hat, kann dies nicht von der Aufgabe entbinden, das Feld faschistischer Ideologien zu erfassen, die Komponenten zu gewichten und in ihren Wechselwirkungen zu beschreiben. Ebenso ist es möglich, von der faschistischen Praxis her die dominanten Sinnmuster und Ideologien zu erschließen. Das ideologische Feld mag heterogen sein. Doch die Heterogenität faschistischer Praxis hielt sich in engen Grenzen - und an ihrem Ende stand eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte.
ULRICH TEUSCH
WOLFGANG SCHIVELBUSCH: Entfernte Verwandtschaft. Faschismus, Nationalsozialismus, New Deal 1933-1939. Carl Hanser Verlag, München 2005. 223 Seiten, 21,50 Euro.
STEFAN BREUER: Nationalismus und Faschismus. Frankreich, Italien und Deutschland im Vergleich.Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005. 202 Seiten, 44,90 Euro.
Personifizierter Faschismus: Der italienische „Duce” Benito Mussolini bei einer Kundgebung 1938 in Padua.
Foto: SZ-Archiv
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

In einem überaus positiven Sinne "irritiert" ist Rezensent Ulrich Teusch von Wolfgang Schivelbuschs historisch-vergleichender Analyse der politischen Führungsstile in Deutschland, Italien und den USA während der dreißiger Jahre. Schivelbusch fokussiert die Regierungspraxis Franklin Delano Roosevelts und stellt dabei erstaunliche Parallelen zu Hitler und Mussolini her: Alle drei bedienten sich ähnlicher ökonomischer Steuerungsinstrumente, teilten die Vorliebe für prestigefördernde Großprojekte sowie massenwirksame Selbstinszenierung bei gleichzeitiger Suggestion eines wertkonservativen Traditionsbewusstseins. Teusch, der Schivelbuschs Buch im Rahmen einer Doppelrezension bespricht, ist allerdings nicht nur von dessen faktischen Ergebnissen beeindruckt , sondern lobt darüber hinaus, dass Schivelbuschs Studie nie "in eine Verharmlosung der Systeme Hitlers und Mussolinis oder eine Dämonisierung der Ära Roosevelt" abgleite. Der Rezensent interpretiert das Werk unter anderem als Lehrbuch über die Bedrohung der Demokratie zu Zeiten äußerer oder innerer Krisen, und er erkennt sogar einen Bezug zur angeblich gegewärtigen "Deformation der Demokratie" in den USA.

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