Gebundenes Buch

Das neue Buch von Giorgio Agamben umkreist in kurzen, literarisch-philosophischen Denkbildern den Körper in seiner Entblößung, in seiner Nacktheit: von der Bulimie zu den glorreichen Körpern der Heiligen, die weder essen noch lieben, von den verborgenen theologischen Implikationen der Nacktheit zu den neuen Formen unpersönlicher Identität, welche die biometrischen Dispositive der Menschheit auferlegen. Zielpunkt aller Überlegungen ist die Untätigkeit, nicht als Muße oder Trägheit, sondern als Paradigma menschlicher Handlung und einer neuen Politik.…mehr

Produktbeschreibung
Das neue Buch von Giorgio Agamben umkreist in kurzen, literarisch-philosophischen Denkbildern den Körper in seiner Entblößung, in seiner Nacktheit: von der Bulimie zu den glorreichen Körpern der Heiligen, die weder essen noch lieben, von den verborgenen theologischen Implikationen der Nacktheit zu den neuen Formen unpersönlicher Identität, welche die biometrischen Dispositive der Menschheit auferlegen. Zielpunkt aller Überlegungen ist die Untätigkeit, nicht als Muße oder Trägheit, sondern als Paradigma menschlicher Handlung und einer neuen Politik.
  • Produktdetails
  • S. Fischer Wissenschaft Bd.7
  • Verlag: S. Fischer
  • Artikelnr. des Verlages: .1013476
  • Seitenzahl: 200
  • Erscheinungstermin: 5. Oktober 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 134mm x 20mm
  • Gewicht: 308g
  • ISBN-13: 9783100005304
  • ISBN-10: 3100005309
  • Artikelnr.: 27956580
Autorenporträt
Agamben, Giorgio
Giorgio Agamben, geboren 1942, lehrt heute als Professor für Ästhetik an der Facoltà di Design e Arti der Universität Iuav in Venedig, an der European Graduate School in Saas-Fee sowie am Collège International de Philosophie in Paris. Sein Werk ist in zahlreiche Sprachen übersetzt. Im S. Fischer Verlag sind zuletzt erschienen 'Nacktheiten' (2010), 'Höchste Armut. Ordensregeln und Lebensform' (2012), 'Das unsagbare Mädchen. Mythos und Mysterium der Kore' (2012, gemeinsam mit Monica Ferrando), 'Opus dei. Archäologie des Amts' (2013), 'Die Macht des Denkens' (2013), 'Stasis. Der Bürgerkrieg als Paradigma' (2016) sowie 'Die Erzählung und das Feuer' (2017).
Rezensionen
Besprechung von 28.11.2010
2. Die verwaltete Nacktheit

Giorgio Agamben sucht wie kein zweiter Philosoph nach den antiken, frühchristlichen und theologischen Gründungsakten und Weichenstellungen, die unser Leben in Recht, Gesellschaft, Politik und Staat bis heute kontaminieren. In seinem Essayband "Nacktheiten" arbeitet er heraus, wie all die Formen der Nacktheit, die in Pornographie, Werbung, Fernsehen oder Kunst erscheinen, von theologischen Setzungen durchdrungen sind. Wenn Agamben der Künstlerin Vanessa Beecroft, die gern wenig bekleidete Frauen in Museen vorführt, vorwirft, sie liefere damit ihre Darstellerinnen der "Komplizenschaft von Ware und Theologie" aus, wird sein Anliegen deutlich. Weil Beecroft keine Ahnung von den theologischen Implikationen der Nacktheit hat, hält sie ihre Performance-Schmarren für Kritik. Nacktheit aber, wie Beecroft sie ausstellen lässt, hat nur wenig mit den gezeigten Körpern zu tun, sie folgt einem geistigen Schöpfungsakt, aus dem dann die Inbesitznahme der Körper durch Kirche, Wissenschaft und Staat in der Geschichte der abend- und morgenländischen Kultur folgte. Den vorläufigen Gipfel der wissenschaftlichen Verwaltung der Nacktheit durch Recht und Staat stellen die modernen biometrischen Verfahren zur Kennzeichnung von Menschen über Fingerabdruck, DNA und Irisfotometrie da.

Begonnen hat das alles mit dem Sündenfall. Erst seit dem Sündenfall gibt es Nacktheit, vorher gab es Unbekleidetheit, was nicht dasselbe ist. Gott hatte Adam und Eva nicht in einem geistigen, sondern in einem tierischen Körper erschaffen, doch dieser Körper wurde von der Gnade umhüllt. Deshalb kannte der Körper weder Krankheit und Tod noch die "libido", die unkontrollierbare Erregung seiner Schamteile. Nach dem Sündenfall entriss Gott den Menschen den Mantel der Gnade. Sie schämten sich und griffen zum Feigenblatt. Der Unterschied konnte aber nur bemerkt werden, wenn eine Veränderung im Sein der Menschen stattgefunden hatte. "Es muß, mit anderen Worten, eine metaphysische, eine die Seinsweise des Menschen berührende Veränderung eingetreten sein und nicht bloß eine moralische." Das Zitat hat Agamben dem Artikel "Theologie des Kleides" des katholischen Theologen Erik Peterson, 1934 veröffentlicht, entnommen. Peterson, einer der wenigen modernen Theologen, der über die Nacktheit nachgedacht hat, gehört neben Augustinus zu den Quellen, an denen Agamben die Veränderungsmacht geistiger Setzungen am Körper demonstriert. Dass er damit auch zeigen kann, was moderne Krankheitsphänomene wie Bulimie oder Anorexie mit religiösen Fasten- und Festschmauszeremonien zu tun haben, tut seiner philologischen Ernsthaftigkeit keinen Abbruch. Man muss auch keine Angst haben, dass einem das schöne Buch die Feiertage vermiest. Agamben ist kein Anti-Theologe. Als Ausblick zitiert er aus dem Talmud: "Drei Dinge nehmen die kommende Zeit vorweg, die Sonne, der Sabbat und der tashmish" (ein Wort, das sowohl Geschlechtsakt als auch Stuhlgang bedeuten kann).

Cord Riechelmann

Giorgio Agamben: "Nacktheiten". Aus dem Italienischen von Andreas Hiepko. S. Fischer, 200 Seiten, 19,95 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 22.10.2010
Die zwei Körner des Phoenix
Überall lauert das theologische Erbe: Der italienische Philosoph Giorgio Agamben und sein neues Werk „Herrschaft und Herrlichkeit“
In dem vor gut acht Monaten erschienenen Roman „Axolotl Roadkill“ der jungen Berliner Autorin Helene Hegemann begegnet man folgendem Szenario: Eine weibliche Figur soll das Werk „Homo Sacer“ des italienischen Philosophen Giorgio Agamben (im Original 1995, deutsch 2002 publiziert) für einen Freund „systematisch strukturieren“. Mit der Lektüre des Buches fährt sie auch dann fort, als dieser Freund angefangen hat, die Leserin per Cunnilingus zu stimulieren.
Als die Autorin, durch Plagiats- und Pornographie-Vorwürfe zum Skandalthema geworden, am 11. Februar 2010 in der Fernsehshow von Harald Schmidt zu Gast war, entspann sich folgender Dialog. Schmidt: „Dann treffe ich, das hat mich natürlich besonders gefreut, auf Seite 47 ff. auf den Namen Giorgio Agamben. Was hast du für eine Beziehung zu ihm, wie findest du seine Werke?“ – Hegemann: „Du, ich hab kein einziges seiner Werke gelesen – ich kenne natürlich den Namen“ – „Das ist ein Philosoph . . .“ – „Ich weiß, ein italienischer.“ Dann erwähnt Harald Schmidt den „gemeinsamen Freund René“ (sc. Pollesch) und sagt: „Ich bin durch René auf Giorgio Agamben gekommen.“ – Hegemann: „Ich weiß, ich auch.“ – „Du kannst nicht sagen, was das Werk von Giorgio Agamben uns sagt?“ – „Du, also bitte nicht hier . . .“ – „(. . .) Er sieht die Welt als ein Lager, und man weiß nicht, ob er es gut oder schlecht findet. (. . .) Du hast es einfach reingeschrieben, weil du es von René her kanntest?“ – „Du, es steht in einem Zusammenhang, in dem das nur als Beispiel für komplexe theoretische Abhandlungen angeführt wird.“
In dieser extremen Weise – so erotisierend und zugleich so inhaltsleer – wirkt Giorgio Agamben nicht immer. Man sollte den originellen und sehr gelehrten Denker nicht für alle Arten seiner Rezeption verantwortlich machen. Und doch scheint es kein Zufall zu sein, dass das Werk Agambens in irgendwie vermittelter Form gerade in der Sphäre von Theater und zeitgenössischer Kunst so viel Anklang findet. Der erwähnte Regisseur und Dramatiker René Pollesch von der Berliner Volksbühne beruft sich in seinem impulsiven Diskurs- und Entfremdungstheater immer wieder auf Agamben; und Carl Hegemann, langjähriger Dramaturg an selber Stelle und Vater der Aufschnapperin Helene Hegemann, erklärte vor einigen Jahren bei einer gemeinsamen Veranstaltung mit Giorgio Agamben diesen zum Meisterdenker der Sprechbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Ebenso oft wie in Theaterprogrammen wird der Name Agamben in Kunstkuratorentexten und auf Galerievernissagen aufgerufen.
Wie erklärt sich das? Es muss die Mischung sein. Agamben ist diffus zeit- und systemkritisch; sein Werk kennzeichnet eine rätselhafte Emphase der Widerständigkeit, die durch die Durcharbeitung alter abseitiger Quellen nur verstärkt wird; sein Habitus, sein theoretischer Ton und mitunter auch seine Themenwahl deuten auf ästhetische Relevanz. Vor allem aber werden diese Eigenschaften verbunden mit dem generellen Anspruch, in den Verhältnissen der Gegenwart Spuren eines verlorenen Gottes zu entdecken, genauer: fatale Fernwirkungen des abendländischen Nachdenkens über diesen Gott und seine Welt.
Dies führt bei Agamben immer wieder zu Feststellungen wie diesen: „Die Pornographie, die ihr eigenes Phantasma als unerreichbar bewahrt und es mit derselben Geste unansehbar nahe rückt, ist die eschatologische Form der Parodie.“ – „(Es) gehören die Fernsehspiele für die Massen zu einer neuen Liturgie und säkularisieren eine unbewusst religiöse Absicht.“ – „Den Gläubigen im Tempel (. . .) entsprechen heute die Touristen, die rastlos durch eine zum Museum verfremdete Welt reisen.“ Ein solcher Denker muss die heutigen darstellenden Künste in ihrer Konzeptualisierung besonders ansprechen. Denn sie, Theater und Kunst, haben es in ihrer Auseinandersetzung mit gegebenen, zu verfremdenden Stoffen und Bildern selbst mit einem ständigen Pingpong von Verzauberung und Entzauberung zu tun, von Epiphanie und Desillusionierung, von Kult und Kritik.
Im weiteren Zusammenhang trifft die Entdeckung sogenannter impliziter Theologie in der heutigen Politik- und Gesellschaftsordnung, wie sie Giorgio Agamben betreibt, nicht bloß im Kunstbetrieb, sondern überhaupt in den Kulturwissenschaften und in der Philosophie einen empfänglichen Nerv. Natürlich ist die Säkularisierung, sind die Transformationen und Transpositionen des Christentums in der modernen Welt überhaupt schon das große Diskussionsthema der Geisteswissenschaften des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts gewesen – von Hegel über Max Weber und Carl Schmitt bis zu Karl Löwith und Hans Blumenberg, um nur diese zu nennen.
Aber die jüngeren Kulturwissenschaften suchen ebenfalls permanent das Numinose: Ob in der Gegenstandskultur, in den Sozialbeziehungen, in der Mode, in der Literatur, in der Mediengeschichte und Medientechnik oder eben auch in den Formen der Politik: Immer wieder wird ein Bann vermutet, ein im Verborgenen nachwirkender alter Glaube, ein Sakrales im Profanen; und es werden Analogien zwischen heutigen Phänomenen und alten Kulten und Dogmen ausgemacht, die aber partout nicht einfach Analogien sein dürfen, sondern durch Übergabe und Übernahme bis heute magisch wirksame Verbindungen sein sollen. Dieses Verfahren wird im Anschluss an Michel Foucault gerne „Archäologie“ genannt.
Da kommt ein Denker gerade recht, der wie Giorgio Agamben obskure oder auch nur obskur gewordene Theologoumena der abendländischen Tradition, unter Hinzuziehung der älteren Rechtsgeschichte, in kritischer Absicht reaktiviert. Mit dem inzwischen geradezu exotisch gewordenen Faszinosum der Theologie und Metaphysik arbeitet übrigens – neben Autoren wie Jean-Luc Nancy, Slavoj Zizek oder Alain Badiou – auch der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk. So greift dieser in seiner Sphären-Trilogie ausführlich auf die katholische Mariologie zurück, oder er führt beispielsweise in dem Buch „Zorn und Zeit“ (2006) aus, „dass die Globalisierung des Zorns eine ausgedehnte theologische Anfangsphase zu durchlaufen hatte, ehe sie in weltliche Regie übertragen wurde“.
Man könnte sagen: In Philosophie und Kulturwissenschaft sind theologische Ideengeschichte und religiöse Kategorien nicht peinlich, sondern eher chic – während im echten Leben „das religiöse Empfinden“, so Sloterdijk, „das eigentliche Pudendum der Moderne“ geworden ist. Schwindet hier die Kraft des Offenbarungsglaubens, so wird dort die Theologie als genealogischer Reizverstärker von Theorie-Gurus eingesetzt, die Paulus, Origines oder Irenäus zitieren und behaupten, damit die geheimen Grundlagen der Gegenwart erklären zu können. Das wirkt in Akademien und Kunsthochschulen umso stärker, je exotischer einem die eigene Tradition vorkommt. Für jedes moderne Phänomen einen kryptotheologischen Hintergrund zu vermuten, droht übrigens auch zu einem feuilletonistischen Generalschlüssel zu werden.
Nach solchem Rezept – das Giorgio Agamben in dem Band „Signatura rerum“ methodisch rechtfertigt – ist auch sein neues systematisches Werk verfertigt. Es erscheint in diesem Herbst neben kleineren Schriften und Essays und heißt „Herrschaft und Herrlichkeit“ (italienisch „Il Regno e la Gloria“, 2007). Das Buch ist eine Fortsetzung des „Homo Sacer“-Projekts. Hatte dieses zunächst den heutigen Menschen mit seinem „nackten Leben“ für vogelfrei erklärt und, Carl Schmitt von links interpretierend, einen faschistischen Ausnahmezustand als Normalzustand auch der westlichen Demokratien festgestellt (eine Theorie, die gut in die Guantanamo-Zeit der Jahre 2002 ff. passte), so geht es jetzt um die theologische Grundierung der „Regierungsmaschine“.
Gezeigt werden soll, dass der Bedarf an „Herrlichkeit“, also an Verherrlichung des herrschenden Gottes durch Engel und Gläubige, über die politische Theologie des Abendlandes auf die Machtverhältnisse im modernen Staat, gerade auch im demokratischen Staat, übergegangen sei. Der „doxologische Aspekt der Macht“ besteht laut Agamben darin, „dass gerade die Funktion der Akklamationen und der Herrlichkeit in ihrer modernen Gestalt, nämlich als öffentliche Meinung und Konsens, noch immer im Zentrum der politischen Dispositive der heutigen Demokratien stehen“.
Ausgangspunkt dieser Überlegung ist die Trinitätslehre und der Begriff der „Oikonomia“, also der Verwaltung der göttlichen Macht, in der Theologie der ersten christlichen Jahrhunderte. So schrieb der Kirchenvater Hippolyt: „Was die Potenz betrifft, ist Gott eins; was die oikonomia betrifft, tut er sich als dreifacher kund.“ Die Spaltung Gottes, also seine Hypostasierung in Vater, Sohn und Heiligen Geist, durfte die Ontologie des monotheistischen Gottes nicht auflösen. Um die Einheit Gottes zu bewahren, mussten daher sein Sein und sein Tun getrennt werden. Die göttliche Vorsehung wurde eng mit der „Ökonomie“, also der Verwaltung und Ausführung, verknüpft. Daraus ergibt sich die Trennung von Herrschaft und Regierung („Le roi règne, mais il governe pas“): Während der eher untätige Herrscher sich aus den Einzelheiten heraushält, wird die Regierung von „Vollzugsbeamten“ versehen: von Engeln, Kirche und Papst ebenso wie von Monarchen.
Es ist Allgemeingut, dass solches Denken die Vorgeschichte der modernen Idee der Gewaltenteilung und auch des „allgemeinen Willens“ bei Jean- Jacques Rousseau darstellt. Ebenso bekannt ist die Geschichte der Sakralisierung der weltlichen Herrschaft, wie sie etwa Percy Ernst Schramm in der dreibändigen Studie zu „Herrschaftszeichen und Staatssymbolik“ (1954 bis 1956) oder Ernst Kantorowicz in der Untersuchung der „karolingischen politischen Theologie“ („Laudes Regiae“, 1946) beleuchtet haben. Dazu gehört etwa die Salbung von Königen nach biblischem Vorbild.
Agamben schreibt nun: „Mit der Unterscheidung zwischen souveräner Macht und legislativer Macht einerseits, Regierungs- und Exekutivgewalt andererseits übernimmt der moderne Staat die Doppelstruktur der theologischen Regierungsmaschine.“ Und: „Indem die Moderne Gott aus der Welt verbannt hat, ist sie nicht nur nicht der Theologie entkommen, sondern hat gleichsam nichts anderes gemacht, als das Projekt der providentiellen oikonomia zu vollenden.“
Wie aber der behauptete Transfer von göttlicher zu politisch-weltlicher Regierung im liberalen Verfassungsstaat genau funktioniert, und was eigentlich die heutige, als verhängnisvoll beklagte „ökonomische“ Weltregierung als „theologisches Erbe“ konkret ausmachen soll, darüber schweigt sich der Autor aus. Ebenso rätselhaft bleibt, warum „öffentliche Meinung“ in der Demokratie umstandslos mit „Akklamation“ und „Konsens“ gleichgesetzt werden kann – gilt das auch im Fall „Stuttgart 21“?
Das „archäologische“ Verfahren indes, wie Agamben es versteht, kann hier geradezu programmatisch Antworten schuldig bleiben: weil es sich weigert, zwischen Analogie, ideengeschichtlicher Entwicklung und realer politischer Wirkung zu unterscheiden. Und so endet ein kompliziertes, sehr gelehrtes und oft auch lehrreiches Werk in plattester Medien- und Demokratiekritik, ja Demokratiefeindlichkeit. Dies mag zum Teil einer verständlichen, spezifischen Frustration über Berlusconis Italien geschuldet sein, ist aber doch für den gewaltigen Aufwand (auch der Übersetzer übrigens) ein geringer Ertrag. Es ist undurchsichtig, warum diese Philosophie geeignet sein soll, wie Giorgio Agamben beansprucht, „einen Weg des Widerstands und der Wende zu weisen“. Doch gerade diese theologisch veredelte Undurchsichtigkeit ist, von seinen Wirkungen zu schließen, das Erfolgsgeheimnis. JOHAN SCHLOEMANN
GIORGIO AGAMBEN: Herrschaft und Herrlichkeit. Zur theologischen Genealogie von Ökonomie und Regierung. (Homo Sacer II.2.) Aus dem Italienischen von Andreas Hiepko. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 361 Seiten, 20 Euro.
GIORGIO AGAMBEN: Das Sakrament der Sprache. Eine Archäologie des Eides. (Homo Sacer II.3.) Aus dem Italienischen von Stefanie Günthner. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 98 Seiten, 10 Euro.
GIORGIO AGAMBEN: Nacktheiten. Aus dem Italienischen von Andreas Hiepko. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2010. 200 Seiten, 19,95 Euro.
GIORGIO AGAMBEN: Signatura rerum. Zur Methode. Aus dem Italienischen von Anton Schütz. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2009. 146 S., 14 Euro.
Schmidt: „Ich bin durch René
auf Agamben gekommen.“ –
Hegemann: „Ich weiß, ich auch.“
Das Faszinosum wirkt umso
stärker, je exotischer einem
die eigene Tradition vorkommt
Aus der christlichen Trinitätslehre (hier ein gebräuchliches Diagramm, das die Dreiheit und Einheit Gottes ausdrückt) leitet der in Venedig lehrende Giorgio Agamben (unten) seine Kritik an der „Regierungsmaschine“ ab.Fotos: oh, Getty Images
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Nicht viel hält Rezensent Uwe Justus Wenzel von der seit Jahren nicht nur in Deutschland grassierenden Verehrung des italienischen Philosophen Giorgio Agamben. Die eigentlich immer gleiche Methode dieses Denkers glaubt er auch in diesem Band mit gesammelten kürzeren Texten beobachten zu können. Diesmal werde eben die "Nacktheit" gedeutet mit Hinweis auf die theologische Herkunft unserer Betrachtung derselben - das sei der übliche Doppelschritt: der Verweis auf die Wirkungsmacht der Theologie bei gleichzeitig behauptetem Bemühen um die Entschärfung der Theologoumena. Wenzel gibt zu, dass er vieles in den Texten nicht versteht und schließt daraus offenbar, dass sie oft schlechterdings unverständlich sind. Umso entschiedener werde das alles jedoch von Agamben verkündet. In Inhalt und Gestus ist hier für wirkliche Zeitdiagnostik, bedauert der sichtlich ungehaltene Wenzel, wenig zu holen.

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