Vier Begegnungen - James, Henry
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Frühes Talent und spätere Meisterschaft - beides zeigt sich in den vier Erzählungen von Henry James, von denen zwei in diesem Band erstmals auf Deutsch erscheinen. Ein Mordauftrag, der in einem verhängnisvollen Irrtum endet, ein geplatzter Lebenstraum, die Relativität der Perspektive und ein tragikomisches Missverständnis: James' Protagonisten sind junge Amerikanerinnen und Europäerinnen, die sich, wie der Autor selbst, im Spannungsfeld zwischen Alter und Neuer Welt bewegen und somit die Hauptthemen seines literarischen Schaffens anklingen lassen. Die vier Geschichten beeindrucken durch ihre…mehr

Produktbeschreibung
Frühes Talent und spätere Meisterschaft - beides zeigt sich in den vier Erzählungen von Henry James, von denen zwei in diesem Band erstmals auf Deutsch erscheinen. Ein Mordauftrag, der in einem verhängnisvollen Irrtum endet, ein geplatzter Lebenstraum, die Relativität der Perspektive und ein tragikomisches Missverständnis: James' Protagonisten sind junge Amerikanerinnen und Europäerinnen, die sich, wie der Autor selbst, im Spannungsfeld zwischen Alter und Neuer Welt bewegen und somit die Hauptthemen seines literarischen Schaffens anklingen lassen. Die vier Geschichten beeindrucken durch ihre schonungslose Gesellschaftskritik, die modern anmutende Auslotung der (vor allem weiblichen) Psyche, durch die Verwendung verschiedener Blickwinkel - und begeistern mit geschliffenen Formulierungen und atemberaubenden Metaphern, mit unverändert großem Witz und zeitloser Schönheit.
  • Produktdetails
  • mare-Klassiker
  • Verlag: Mareverlag
  • Originaltitel: A Tragedy of Error, Four Meetings, The Point of View, Pandora
  • Seitenzahl: 272
  • Erscheinungstermin: 6. März 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 139mm x 25mm
  • Gewicht: 484g
  • ISBN-13: 9783866482715
  • ISBN-10: 386648271X
  • Artikelnr.: 49913698
Autorenporträt
James, HenryHENRY JAMES (1843-1916) war ein Amerikaner, den es immer wieder nach Europa zog. Die meiste Zeit seines Lebens bereiste er deshalb die Alte Welt, wo er mit allen großen Schriftstellern befreundet war, etwa mit Maupassant, Stevenson oder Turgenjew. Und er wurde selbst einer der ganz Großen der Literatur, ein Meister des sychologischen Erzählens. 1915, ein Jahr vor seinem Tod, ließ er seine Heimat auch amtlich hinter sich, als er die britische Staatsangehörigkeit annahm. Während James im angelsächsischen Sprachraum, gleich ob dieseits oder jenseits des Atlantik, geradezu kultisch verehrt wird, dürfte sein Ruhm sich hierzulande noch mehren. Fängt man nämlich einmal an, seine Prosa zu lesen, ergeht es einem wie Alexander Cammann von der Zeit, der einmal schrieb: »Ein Leben ohne Henry James ist möglich, aber sinnlos.«
Rezensionen
"Henry James sieht alles: Illusionen, Eitelkeit, Täuschung und Enttäuschung. Ein Meistererzähler."
Der Tagesspiegel

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 12.06.2018

Europasehnsüchtige Schattenwesen
Unkritische Klassikerliebe: Ein Band mit Erzählungen von Henry James wirft grundsätzliche Fragen zu Übersetzung und Kommentierung auf

Wenn Henry James seine literarische Autorschaft beschreibt, identifiziert er sie stets mit der Tätigkeit eines Juweliers. Seine Erzählungen bezeichnet er gegenüber seinen Romanen als "kleine Juwelen". Die Arbeit am Text entspricht aus seiner Sicht dem Schleifen des kostbaren Steines, um dessen innewohnenden Eigenschaften - seine hohe Lichtbrechung und das weite Reflexionsspektrum verschiedener Lichtstrahlen - zutage zu fördern. Immer wieder führt er an, die Kostbarkeiten nach dem Schliff "präzise fassen" zu wollen, so als würde er einen Diamanten in Gold fassen und ihn so zum Schmuckstück veredeln. In diese Poetik der Veredelung fügen sich auch James' Vorliebe für den Adel und seine Inszenierung von Frauenfiguren, die er als glanzvolle, tiefgründige, blendend schöne und doch undurchschaubare Wesen darstellt.

Den Schlussstein dieser allegorischen Poetik bilden die von James so genannten "reflectors", jene hochsensiblen Beobachterfiguren, die noch die feinsten Strahlen des geheimnisvollen Funkelns aufnehmen und - wie ihr Name sagt - ihrerseits reflektieren. Es ist also nur konsequent und der Qualität seiner literarischen Arbeiten angemessen, wenn man Henry James als brillanten Erzähler verehrt. Es hat ein wenig gedauert, bis er auch in der deutschsprachigen Leserschaft diesen Rang eingenommen hat. Aber nach gefühlt Hunderten James-Übersetzungen in den vergangenen fünfzehn Jahren ist er inzwischen auch hier zum Leserliebling avanciert.

Als gestalterisches Schmuckstück präsentiert sich auch die neueste, pünktlich zum 175. Geburtstag des Autors beim Mare-Verlag erschienene Sammlung von vier Erzählungen. In bedrucktes braunes Leinen gefasst, im Schuber vor der Außenwelt geschützt, tritt der Band in Gestalt des verehrten Klassikers auf. James gehört unbedingt in die Klassiker-Reihe genau dieses Verlages, der sich dem Meer verschrieben hat. Denn am Ende des neunzehnten Jahrhunderts konnte keiner so faszinierend wie James, der selbst aus den Vereinigten Staaten nach Europa übersiedelte, von den unbestimmten Weiten des Meers erzählen, die die beiden Kontinente trennen. Jener "Wüste aus Wasser im Sturm", die es zu seiner Zeit mit einer einwöchigen Reise zu durchschiffen galt, jenem ungreifbaren Zwischenzeitraum, der sich durch die Überfahrt öffnete, widmen sich die vier im Band versammelten Erzählungen.

So weit, so geschliffen und schmuck. Stellt sich nur die Frage, ob die vier vereinigten Erzählungen auch durch Mirko Bonnés Übersetzung sowie durch Handreichung mit einem Glossar und Nachwort Glanz entfalten. Die Antwort auf diese Frage muss gemischt ausfallen. In ihrer sprachlichen Qualität überzeugt Bonnés Übersetzung. Bis in die klanglichen Feinheiten fängt er die melodische Eigenart von Henry James' Sätzen ein, die in sanften Wellenbewegungen mitunter erst nach mehreren Zeilen ausbranden. Die Konzeption des Bandes hingegen weiß wenig zu überzeugen: Die beiden Erzählungen "Vier Begegnungen" und "Pandora" gehören zweifelsohne zu den Preziosen in Henry James' erzählerischem Gesamtwerk. Ihre Protagonistinnen, das europasehnsüchtige Schattenwesen Caroline Spencer einerseits, das draufgängerische "Selfmadegirl" Pandora Day andererseits, gehören zu James' ebenso facettenreichen wie unergründlichen Frauenfiguren. Beide Novellen sind perfekt gearbeitet, bis in die feinste Nuance ausgestaltet. Aber dafür sind sie eben auch schon mehrfach ins Deutsche übertragen worden und schmücken längst schon andere Sammelbände.

Die dritte Erzählung im Bunde, Henry James' Debüt "Tragödie eines Irrtums", die Bonné erstmals ins Deutsche überträgt, kann mit der literarischen Qualität der beiden "kleinen Juwelen" nicht mithalten. Durch einen Brief erfährt dort Hortense Bernier, dass ihr Ehemann Charles nach mehrmonatiger Reise aus Amerika zurückkehren wird. Wie eine Glasglocke stülpt sich von diesem Moment an die Beklemmung über sie, da sie zuvor doch auf geheimen Liebespfaden gewandelt war. Und so beschließt sie, den Mord ihres Mannes in Auftrag zu geben. Doch Hortense mag auf ihren blasierten Geliebten anziehend wirken, für den Leser bleibt ihr Charakter eindimensional, während der Plot mitsamt der Shakespeare imitierenden Verwechslung durchschaubar ist. Neben der späteren Lebendigkeit der späteren Prosa von James gleicht die Erzählung einer steifgliedrigen Holzpuppe.

Die vierte Erzählung wiederum erreicht nicht einmal das Niveau des Debüts. Da sie zugunsten einer Polyperspektive, bei der mehrere Briefschreiber parallel von ihren Erfahrungen berichten, auf die für James so charakteristische Erzählstimme verzichtet, verliert sie ihre Fassung und verläuft sich in den eigenartigen Erfahrungen und Eindrücken der einzelnen Beobachter. Zwei Klassiker neben zwei Erstübersetzungen mit fragwürdiger Qualität - wozu diese Auswahl aus der Vielfalt von James' Erzählungen?

Glossar und Nachwort, mit denen die erzählerischen Juwelen für die Gegenwart neu gefasst werden müssten, kommen über das Mittelmaß leider nicht hinaus. Zu behaupten, James habe der Beschleunigung des Lebens staunend gegenübergestanden, mag richtig sein, gehört aber zu den erklärungsfreien Leerformeln jeder Moderne-Erzählung. Spätestens seit 1800 wäre doch eher bemerkenswert, wenn die Beschleunigungs-Erfahrung einmal irrelevant werden würde. Problematisch wird der Band auf diskursiver Ebene. Nehmen wir, weil es bei Erzählungen, die zwischen Amerika und Europa changieren, auf der Hand liegt, die Frage nach dem Rassismus. Da würde man sich von einem Herausgeber eines Klassikers einen klaren Kurs wünschen. Aber hier wird man in der Erzählung "Wie man es sieht", die in Briefform unmittelbar aus Figurenperspektive erzählt, gleich dreimal mit dem Begriff "Neger" konfrontiert. Im Original steht an diesen Stellen "negro". Hat der Übersetzer das Wort in "Neger" überführt, um den rassistischen Blick der Perspektivfiguren klar vor Augen zu führen? Oder ist ihm das etwa unterlaufen? Warum gibt es dazu weder im Glossar noch im Nachwort eine Erklärung? Vor allem wenn der Übersetzer im Kontrast dazu in der letzten Erzählung den Begriff "blackamoor" mit einem Kommentar versieht und erklärt, statt "Mohr" lieber "der schwarze Bediente" zu übersetzen? Ist diese Wendung rassistischer als die zuvor? "Blackamoor" geht nicht, "negro" aber schon? Oder begründet sich das Substitutionsprinzip daraus, dass an dieser Stelle der Erzähler spricht, und damit die Gefahr droht, er könnte mit dem Autor James identifiziert werden?

Und wenn man "blackamoor" erklärt, warum lässt man dann die nachfolgende Wendung kommentarlos unter den Tisch fallen? James' Erzählerfigur behauptet nämlich: "Count Otto called the next day, and Mrs. Steuben's blackamoor informed him, in the communicative manner of his race, that the ladies had gone out." Bei Bonné heißt es hingegen: "Mrs. Steubens schwarzer Diener informierte ihn jedoch so gesprächig, wie es seine Art war, dass die Damen aus dem Haus gegangen seien." Das will man als Leser einer Klassiker-Ausgabe schon (kommentiert) wissen, wenn bei James anders als bei Bonné die persönliche Art des Bediensteten keine Rolle spielt. Zumal, wenn James hier direkt den rassistischen Topos des "geschwätzigen Schwarzen" aufruft, dem es vermeintlich aufgrund von geistiger Schwäche unmöglich sei, auf den Punkt zu kommen.

Nicht falsch verstehen: Es geht nicht darum, Henry James zu verteufeln oder alle Wendungen dieser Art einfach auszumerzen. Aber bei aller Klassiker-Veredelung sollte eine solche Ausgabe doch zeigen, wo auch ein brillanter Erzähler eindeutig Kind der rassistischen Stereotype seiner Zeit war. Und sie sollte sich zu diesen Einschlüssen in das brillante Erzählen eindeutig und klar positionieren. Ein Klassiker muss die gegenwärtigen Debatten aushalten. Literarische Juwelen verlieren dadurch nichts.

CHRISTIAN METZ

Henry James: "Vier Begegnungen".

Erzählungen.

Aus dem Englischen

und hrsg. von Mirko Bonné. Mareverlag, Hamburg 2018. 271 S., geb., 28,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 28.01.2019

Zeitungen
wie Eisenbahnen
Selfmadegirl trifft Grafen:
Erzählungen von Henry James
Es gebe da in Amerika „einen Romancier mit literarischen Ambitionen, der über die Jagd nach dem Ehemann und die Abenteuer der betuchten Amerikaner in unserem korrupten alten Europa schreibt, wo ihre Urfreimütigkeit die Europäer beschämt“. Treffend beschrieben sei das, „nur ist es fürchterlich blass“. Der das notiert, ist angeblich ein Mitglied der „Académie française“, ein Monsieur Gustave Lejaune. Der Académicien befindet sich gerade in Washington, der Hauptstadt des neuen Landes, und sondiert dort die Sitten, die Presse, das geistige Leben. Und dabei entdeckt er also, parbleu, einen Romancier mit literarischen Ambitionen!
Natürlich hat Henry James, der diese Vignette von einer Vignette zeichnet, sich damit selbst ins Bild gerückt. Der gelbe Gustave ist seine Erfindung, die stark parfümierte Schreibart des nach Paris gerichteten Briefs ein Pasticcio, eine Stilkopie. Der angeblich fade Amerikaner kann auch prachtvoll akademisch schreiben, ganz wie im alten Europa. „Wie man es sieht“, lautet der Titel seiner Erzählung, die aus acht Briefen von sieben Personen besteht, die allesamt gerade von einem Schiff aus Europa in New York angekommen sind. Monsieur Lejaune ist nur einer von ihnen. Ein anderer ist britischer Unterhausabgeordneter, wir lesen aber auch zwei Herren auf Brautschau – mögliche Helden jener ambitionierten Romankunst –, dazu eine jüngere und eine ältere Dame. Der Widerstreit ihrer Stillagen und Wahrnehmungen ist so lustig wie erhellend, eine siebenfach gebrochene Studie in Klischee, Vorurteil und ein wenig echter Zuwendung, vom mädchenhaften Geplapper bis zum gravitätischen Gutachterstil (der Brite!).
Die Presse im amerikanischen Neuland zum Beispiel: „Überschriften über fünfzehn Zentimeter groß“, bemerkt Lejaune. Voller Revolvergeschichten, dazu „Korrespondentenberichte von Orten, von denen man noch nie gehört hat; Telegramme aus Europa über Sarah Bernhardt; kleine Absätze über ganz und gar nichts“. Völlig anders vergleicht ein anderer Beobachter aus der Reihe der sieben, ein Amerikaner, der aufatmend zurückkehrt, die heimische mit der europäischen Presse. Nicht steif und höfisch wie in Europa ist sie: „Hier sind die Zeitungen wie Eisenbahnzüge, die alles befördern, was zum Bahnhof kommt, und als Religion einzig die Pünktlichkeit haben.“
„Vier Begegnungen“ betitelt der Mare-Verlag diesen außerordentlich schön gestalteten Band mit vier Erzählungen von Henry James, darunter zwei bisher noch nie übersetzte. „Wie man es sieht“ ist die eine der beiden, die andere ist sogar James’ allererste, eine, nun ja: fast Revolvergeschichte (es geht um einen scheiternden Mordanschlag auf einen ungeliebten Ehemann). Die titelgebende Geschichte ist eine subtile kleine Erzählung von den vergeblichen Versuchen einer unbemittelten Dame, ihren Traum von einer Europareise zu verwirklichen. Das ist so zart und traurig, dass womöglich sogar Gustave Lejaune Gefallen daran finden könnte.
Auch das vierte, gewichtigste Stück des Bandes handelt vom großen Bruch zwischen den Kontinenten: Ein deutscher Diplomat, Graf und Junker in Bismarcks Diensten – wir sind also in der Zeit vor 1890 –, stößt auf eine amerikanische Frau, deren ihm rätselhafter sozialer Status sich als „Selfmadegirl“ entschleiert: Eine Person, die alles, was sie in der Welt darstellt, sich selbst verdankt, und es dabei schafft, ganz beiläufig während einer Abendgesellschaft den amerikanischen Präsidenten um einen Gefallen zu bitten.
Das Nachwort des Übersetzers Mirko Bonné hebt hier die psychologische Seite hervor; als historisch interessierter Leser wird man eine politische Dimension entdecken, die in der Feier der Demokratie und ihrer römisch inspirierten Washingtoner Staatsbauten kulminiert. Sogar ein Ausflug zum Landsitz des ersten Präsidenten kommt ins Bild. Doch auch in diesem republikanischen Arkadien kann der preußische Graf seine Liebe zur landestypisch frühverlobten Amerikanerin nicht artikulieren. Henry James hat sein „international theme“, die weltgeschichtliche Spannung zwischen Vorgänger- und Nachfolgerkultur auf den beiden Seiten des Atlantik, in vielen Formaten behandelt. Vielleicht ist es heute, weil beide Seiten in einer gemeinsamen Krise stecken, sogar wieder aktueller geworden. Wie man das auch sehe – zeitlos erheiternd und rührend bleiben die seelischen Wirren zwischen den beiden so unterschiedlich gefärbten Gestalten des neuzeitlichen Menschseins. Pure Freude ist das.
GUSTAV SEIBT
In Europa sind Zeitungen wie
Züge, sie befördern alles,
was zum Bahnhof kommt
Eine amerikanische Frau
mit einem rätselhaften sozialen
Status: „Selfmadegirl“
Henry James: Vier Begegnungen. Erzählungen. Aus dem Englischen übersetzt von Mirko Bonné. Mare-Verlag, Hamburg 2018. 270 Seiten, 28 Euro.
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