Die nackte Pionierin - Kononow, Michail

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B In einem inneren Monolog, gespeist aus volkstümlicher Sprachlust, Wortspielen und Mutterwitz und durchsetzt mit dem Propagandajargon der dreißiger Jahre, erzählt Kononow die tragische Geschichte eines Mädchens aus Leningrad, das an die Kriegsfront gerät. S Als Regimentsbraut leistet Motte "Dienst am Kollektiv". Das ist ihr Beitrag für den Sieg, für die Heimat und für Stalin, denn die Kämpfer werfen sich danach todesmutig ins Gefecht. Warum aber erschießt General Sukow so viele mutige Männer, die eigenen Soldaten? Auch das muss einen Sinn haben. Und so fängt Motte mit ihren Traumflügen an, um…mehr

Produktbeschreibung
B In einem inneren Monolog, gespeist aus volkstümlicher Sprachlust, Wortspielen und Mutterwitz und durchsetzt mit dem Propagandajargon der dreißiger Jahre, erzählt Kononow die tragische Geschichte eines Mädchens aus Leningrad, das an die Kriegsfront gerät. S Als Regimentsbraut leistet Motte "Dienst am Kollektiv". Das ist ihr Beitrag für den Sieg, für die Heimat und für Stalin, denn die Kämpfer werfen sich danach todesmutig ins Gefecht. Warum aber erschießt General Sukow so viele mutige Männer, die eigenen Soldaten? Auch das muss einen Sinn haben. Und so fängt Motte mit ihren Traumflügen an, um es herauszufinden, und sieht das Leid der Bevölkerung, das jeder Beschreibung spottet. Zwölf Jahre hat es gedauert, bis Michail Kononows Roman in Russland veröffentlicht werden konnte. Der "Große Vaterländische Krieg" war der letzte Mythos, den niemand angreifen durfte. Als das Buch im Frühjahr 2001 endlich erschien, wurde es von der Kritik begeistert gefeiert.
  • Produktdetails
  • Verlag: Verlag Antje Kunstmann
  • Seitenzahl: 288
  • 2003
  • Deutsch
  • Abmessung: 219mm x 146mm x 30mm
  • Gewicht: 470g
  • ISBN-13: 9783888973376
  • ISBN-10: 3888973376
  • Best.Nr.: 11873510
Autorenporträt
Michail Kononow, 1948 in Leningrad geboren, Absolvent der literarischen Fakultät des Leningrader Pädagogischen Instituts. Arbeitete als Lehrer und Dozent und als Redakteur bei der literarischen Zeitschrift Swesda, als bildender Künstler, Gartengestalter und Übersetzer aus dem Englischen. Kononow veröffentlichte mehrere Kinderbücher und Reiseberichte, "Die nackte Pionierin" ist sein erster Roman. Er lebt heute in Deutschland, in Landshut an der Isar.
Rezensionen
Besprechung von 21.10.2003
Hallöchen, Genossen
Michail Kononows tragikomischer Weltkriegsroman „Die nackte Pionierin”
Wir treffen Motte auf dem Weg zur Hinrichtung. Zugegeben, hundertprozentig sicher ist die Erschießung noch nicht, aber Hauptmann Tadeus Der-mit-dem-Bilde hat es auf sie abgesehen, außerdem hat ihr die ganze Kompanie das Geleit gegeben, ihr Sonnenblumenkerne, Beutekekse, „Würfelzucker noch und nöcher” zugesteckt, und soll sie die etwa enttäuschen, „auf einmal wieder auftauchen, hallöchen, lange nicht gesehen, alles halb so wild, Schwamm drüber, Genossen”? Doch nicht Motte, die sich beide Beine ausgerissen hat, bis die Kameraden der ruhmreichen Roten Armee sie jetzt, im zweiten Frontjahr, endlich akzeptieren, obwohl sie erst vierzehn Jahre alt ist, ein Grünschnabel, ein Mädchen. Nicht mal Wodka trinken lässt man sie.
Und so hüpft Motte dem sicheren Tod entgegen als ginge es auf ein Fest, summt eine Foxtrott-Melodie und brabbelt vor sich hin: über die ungeduldigen Offiziere, denen sie „Wärme und weibliche Zuneigung” schenkt, vor allem aber über Schlüpfergummis, die größte Schwachstelle der sowjetischen Industrie, einfach nicht gemacht für Frontbedingungen.
Die ganze ungeheuerliche Geschichte der Marija Muchina, genannt Motte, liegt in diesen ersten zehn Seiten von Michael Kononows Roman „Die nackte Pionierin” und sie erschließt sich Satz für Satz: Dass eine vierzehnjährige Waise als Soldatenhure an der Front gelandet ist, sich Nacht für Nacht von ganzen Kompanien besteigen lässt und sich die Tortur nach allen Regeln der Sowjetpropaganda als „Dienst am Kollektiv” schönredet: „Es gibt ein Wort und das heißt: muss!” Nur gegen das Küssen ist Motte allergisch, denn vom Küssen, das weiß sie genau, wird man schwanger.
Michail Kononow hat mit Marija Muchina eine der ungewöhnlichsten literarischen Figuren der letzten Zeit geschaffen, und ihr innerer Monolog plätschert dahin wie ein Bächlein mit jähen rabenschwarzen Untiefen. Denn Mottes Liebesdienste am Kollektiv, die Kononow hart am Rande des Erträglichen schildert, sind das Resultat einer gnadenlosen Zurichtung: Marijas Eltern wurden in Leningrad erschossen, als sie gerade den hübschen Holländerkühen der Kolchose „Fünfzehn Jahre Roter Oktober” in Kondrjuschino nachsah, wohin sie evakuiert wurde. Als ihr Klassenkamerad eingezogen wird und fällt, will sie ihn rächen, zieht an die Front, ein Unteroffizier liest sie schließlich auf einer Bahnhofsbank auf. Anfangs wehrt sie sich gegen die Zudringlichkeiten, schämt sich, will eher sterben als das, aber dann nimmt sie der mächtige Kommissar Tschaban in die Mangel: „Die ganze Zeit bilde ich mir ein, ich hätte es mit einer fortschrittlichen, kampfgestählten Genossin zu tun, und wen sehe ich vor mir stehen? Eine schamlose Zimperliese.” Und so wirkt es fast wie eine Art Rache, dass alle Männer, die Marija je etwas bedeuteten, nicht mehr lange zu leben haben: Walter Iwanowitsch, ihr Deutschlehrer mit dem ostseeblonden Haar, wird erschossen, Leutnant Owjetski, der sie sogar heiraten will, enthauptet.
Und Sewka mit den roten Haaren „à la Majakowski” erwischt es in einem flirrenden Moment auf dem Volleyball-Platz, als der große General Sukow die Kompanie antreten lässt und zur Hebung der Moral einfach jeden Dritten erschießt. Wahrscheinlich hätte er bis zum nächsten Krieg so weitergemacht, wäre ihm nicht Marija erst ins Wort gefallen, weil sie nicht glauben kann, dass Sewka wirklich tot ist – „Steh’ auf Misthaken! Zum Kuckuck, sagen Sie’s ihm, General, auf Sie hört er!” –, und dann ohnmächtig vor die kleeblattbedeckten Stiefel. Sukow, den Blutsauger, trennt im Russischen nur ein Buchstabe von seinem historischen Vorbild Schukow, und dass letzterer seine Truppe tatsächlich durch Massenerschießungen zur Räson brachte, belegt ein Postskriptum: Die ehemalige Frontkämpferin Valentina Wassilijewna, die wohl noch in anderer Hinsicht eine Vorlage lieferte, hat es gesehen.
Requiem für eine heilige Hure
Michail Kononow, geboren in Leningrad, wohnhaft in Landshut an der Isar und damit Exilrusse, ist ein Vertreter dessen, was die russische Literaturwissenschaftlerin Irina Prochorowa in der Frankfurter Rundschau die „Nabokov’sche” Linie in der zeitgenössischen russischen Literatur genannt hat. Er hat als Lehrer, Redakteur, Gartengestalter und Kinderbuchautor gearbeitet, bevor er den Roman „Die nackte Pionierin” schrieb. Seine Heldin ist ein Kind jener kurzen, erinnerungsfreudigen Zeit der Perestroika, aber dann dauerte es doch noch zwölf Jahre, bis das russische Publikum diese Demontage einer der letzten intakten Kollektivmythen lesen durfte: Des Sieges der Sowjetunion über den faschistischen Aggressor im Großen Vaterländischen Krieg.
Dass dieser Sieg über den Faschismus auch deshalb so teuer erkauft war, weil Stalin seine Generäle selbst hatte ermorden lassen, weil Kriegsgefangene bei ihrer Rückkehr in den Gulag geschickt wurden, weil der Geheimdienst jeden erschoss, der zurückwich, dass, wie der Historiker Manfred Hildermeier festgestellt hat, auf einen gefallenen deutschen Soldaten vier sowjetische kamen, das ist Experten bekannt, aber längst nicht akzeptierte Tatsache, und in Kononows Roman wird es zum ersten Mal Gegenstand der Literatur.
Es gehört zur besonderen Perfidie der Kononowschen Konstruktion, dass er seiner Heldin und dem Leser die schlimmsten Wahrheiten im Traum zumutet. Denn auch in der „Nackten Pionierin” gibt es den typischen Chagall-Moment der russischen Literatur, jene Flucht ins Transzendente, in die Metaphysik. In ihren Träumen verlässt Marija ihren ausgemergelten, ausgelieferten Körper und fliegt als „Möwe” in einer Sonderoperation hinter die feindlichen Linien, über das eingeschlossene Leningrad. Dort aber sieht sie Szenen, die einfach von der feindlichen Propaganda stammen müssen: „Schwarze Frostleichen” und „grüne Dünnschissleichen” liegen in ihrer eingekesselten Heimatstadt, und eine Oma schneidet ihrer toten Enkelin eine Scheibe Fleisch aus dem Kinderpopo.
Natürlich sind Marijas Visionen ein Zitat des wilden Ritts der Margarita, der Titelheldin in Michail Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita”, doch sie sind mehr als das: Die Halluzinationen verraten ebenso viel über die Schizophrenie eines missbrauchten Kindes wie über die Innenwelt einer galoppierenden kollektive Persönlichkeitsspaltung.
Michail Kononows „Nackte Pionierin” ist ein Kondensat aus vielen mythischen Frauenfiguren. Marija ist heilige Hure und reine Jungfrau, ein Engel, der seine Peiniger durchschaut – „Bei manchen kann ich sogar die Gänsehaut sehen, so nackig sind die” – , sie ist freche Göre und verrücktes Huhn: Eine Figur, wie aus einem Fellini-Film, leidend und unsterblich wie Mütterchen Russland, aber diese Unsterblichkeit ist bei Kononow weniger ein Trost als eine Warnung. Am Ende wird Motte doch nicht hingerichtet, was allerdings den unglücklichen Ausgang nur etwas aufschiebt. Ihr aufgekratztes, nervtötendes, herzzerreißend trotziges Geplapper aber hat man noch lange im Ohr.
SONJA ZEKRI
MICHAIL KONONOW: Die nackte Pionierin. Roman. Deutsch von Andreas Tretner. Verlag Antje Kunstmann, München 2003. 287 Seiten, 21,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Besprechung von 23.10.2003
Volkseigene Prostitution
Michail Kononows Roman zerstört den Mythos der Roten Armee

Seit Anfang der Neunziger kennen wir Bilder einer Armee, die am Boden liegt. Wracks von U-Booten waren darauf zu sehen, Panzer - schrottreif aus Mangel an Ersatzteilen, Soldaten, die ihre Kasernen räumten, im Rückzug aus Ostmitteleuropa. Die einstmals legendäre Sowjetarmee hatte das zwanzigste Jahrhundert nicht unwesentlich geprägt. Im "Großen Vaterländischen Krieg", der die Truppe zur tragenden Säule eines Imperiums machte, und im Kalten Krieg. Nun war sie in Auflösung begriffen. Eine Streitmacht war zum Relikt geworden. Der Mythos der Roten Armee hatte angefangen, sich von innen heraus selbst zu zersetzen. Kein Wunder, daß Michail Kononows Roman "Die nackte Pionierin" in einem solchen politischen Klima nicht erscheinen durfte. Bereits während der Perestrojka vollendet, dauerte es noch gut zehn Jahre, bis er der russischen Öffentlichkeit zugemutet werden konnte. Denn Kononow zerlegt darin nicht nur das militärische Sowjetheldentum und mithin den Kern einer Heilsgeschichte, sondern die ganze Sinnmaschine Kommunismus in ihre Einzelteile.

Der Roman erzählt das Schicksal eines jungen Mädchens aus Leningrad. Motte, so einer ihrer Namen, will den Geliebten nicht allein in den Krieg gegen die Deutschen ziehen lassen. Es gelingt ihr, auf einen abfahrenden Lastwagen zu springen, und sie mischt sich unter die Soldaten. Die Fünfzehnjährige wird Teil der Kompanie. Bald dürfen ihr Offiziere zu jeder Tages- und Nachtzeit die Uniform herunterreißen, denn Motte leistet als Prostituierte "Dienst an der Waffe, Pflichterfüllung für Partei und Vaterland". Wer auf ihrer Pritsche war, stürzt sich anschließend ins Gefecht. Und wer mit ihr Freundschaft schließt, scheint auf einer Abschußliste zu stehen; jedenfalls kommt jeder früher oder später um.

Eine ganze Reihe brachialer Beischlafszenen von der Front bilden den Auftakt des Romans. Voll Verachtung und Mitleid schildert Motte die Männer und wie sie sich über sie hermachen. Ihr innerer Monolog ist in einer derben, manchmal kindlich-naiven Gossensprache gehalten. Markige Sprüche mischen sich da mit sowjetischen Propagandafloskeln und Stalin-Zitaten zu einer überzogenen Drastik, die meist ins Komische kippt. "Bis dahin hat er mit Motte schon Schwebebahn, Pendel und Auster gespielt, sie Schlitten fahren und am Lumpi lutschen lassen, sie hat tapfer durchgehalten und nicht gemuckst - und wo er seinen Kolben überall hingesteckt hat, dieser Kindskopf! Moralisch gesehen eine echte Strapaze. Da muß eine schon genau wissen, wofür sie kämpft, muß das große Ziel vor sich sehen und die Flamme des Komsomol im Herzen tragen. Aber sobald das Ziel klar ist, das Vertrauen der Genossen vorhanden, und die Vorgesetzten sind zufrieden, dann erfährt das Leben eines jeden Menschen seinen tiefen Sinn, das leuchtet auch dem letzten Jakuten ein."

Wer in einem Lügenimperium aufwächst, setzt auf die stummen Zeugen. "Mit wem soll man reden über vergangene Zeiten, wenn Pfirsich- und Pflaumenbaum stumm sind?" - dies Motto stellt Kononow seinem Roman voran. Könnten sie sprechen, suggeriert der Dichter, würden sie vielleicht Geschichten und Schicksale erzählen wie die, die folgen.

Indem er eine ihrer Gründungserzählungen gegen den Strich bürstet, klagt Kononow die große Institution Rote Armee an. Noch einmal wird die Geschichte des Kriegs gegen Deutschland zwischen 1941 und 1945 geschrieben, vom Schlimmsten her, nämlich aus der inferioren Position eines geschändeten Mädchens. Deren Fronterlebnisse werden mit Begebenheiten verschränkt, die die sowjetische Historiographie systematisch unterschlug. Dabei zeigt sich nicht nur deutlich, wie der Krieg der anderen das Land verwüstet hat, sondern auch, daß die Verteidigung des russischen Bodens, der "Mutter", nicht selten bis zur völligen Enthemmung der Russen untereinander ging. Etwa, wenn General Sukow (also Schukow) die eigenen Leute tötet: Er läßt die Kompanie auf einem Volleyballfeld antreten und jeden Dritten erschießen. Motte verschont er, macht sie zum "unsichtbaren flugfähigen Agenten mit Decknamen "Möwe" und steht zu ihr in ständigem Funkkontakt.

Immer, wenn sich ein Freier an ihr schadlos hält, verläßt Motte die sterbliche Hülle und bricht als Möwe auf zu nächtlichen Traumfahrten. Das sind die schönsten Passagen dieses Romans. Momente eines Rausches in atemlos langen Sätzen. Dramatische Himmelsbilder, gemalt in den Farben des sozialistischen Realismus. Schamanenflüge, Sturzflüge, unverstellte Blicke von oben auf die Kriegslandschaft. Und bittere Einsichten in die Kriegswahrheit, etwa, wenn "Möwe" über Leningrad zur Zeit der Blockade fliegt.

Jahrzehntelang wurde die neunhundert Tage dauernde Belagerung der Stadt durch Hitlers Armee lediglich in ihrer heroischen Seite beleuchtet. Die offizielle Geschichtsschreibung galt tapferen Helden und Verteidigern, niemals aber den grausamen Begleiterscheinungen wie Hunger, Mord, Diebstahl und Kannibalismus. Heute glaubt man, Stalin habe in den Jahren 1942 und '43 gerade so viele Kräfte an der Leningrader Front konzentriert, wie zum Halten der Stadt nötig waren, und die Blockade hingezogen, die kämpfende Stadt als Durchhaltesymbol für Propagandazwecke mißbraucht. Daß Kononow diesen Schauplatz ins Zentrum seines Romans rückt, mag damit zu tun haben, daß der heute in Deutschland lebende Autor selber in Leningrad geboren wurde. "Möwes" Flüge muß man auch als Auseinandersetzung mit dem Mythos sowjetischer Pilotinnen lesen, ja mit den Rotarmistinnen überhaupt. Denn jene Frauen, die den Nazis als Flintenweiber galten, haben ihren festen Platz im Heldenrepertoire.

Es mag an der überzogenen Darstellung liegen, daß Kononows Protagonistin eine reine Kunstfigur bleibt. Er schickt sie an wechselnde Orte des Kriegsgeschehens, springt vor und zurück in der Erzählung, bis sich der Leser gar nicht mehr auskennt, und nimmt zuletzt Zuflucht zum Spektakel: Nach ihrer Hinrichtung erscheint Maria Muchina den Soldaten in weißer Gestalt. Kononow hat die wilde Legende einer Hure und Heiligen im verbrecherischen zwanzigsten Jahrhundert geschrieben. Man muß ein Faible für diese Art Phantastik haben, den Kitsch mögen und die schräge Männerphantasie, sonst braucht man dieses Buch nicht zu lesen.

STEFANIE PETER

Michail Kononow: "Die nackte Pionierin". Roman. Aus dem Russischen übersetzt von Andreas Tretner. Verlag Antje Kunstmann. München 2003. 287 S., geb., 21,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Eine spezifische Rolle für die Frau sah der sowjetische Kommunismus nicht vor, schreibt die Rezensentin Katharina Granzin. Die herrschende Ideologie sah in der Frau ein eher geschlechtsloses Wesen, das sich jedoch auf "libidinöse" Weise der Arbeit hingab. Dass dem nun nicht mehr so ist, zeigt die Rezensentin an drei neueren russischen Romanen auf, die mit dem Klischee der sowjetischen Heldin aufräumen: Alexander Ikonnikows "Liska und ihre Männer", Michail Kononows "Die nackte Pionierin" und Svetlana Vasilenkos "Die Närrin". Michail Kononows "Nackte Pionierin", so die lobende Rezensentin, spielt zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Seine vierzehnjährige Hauptfigur Maria kämpft an der russischen Westfront gegen die Deutschen, sozusagen mit vollem Körpereinsatz: mit der Waffe einerseits, doch vornehmlich als Soldatenhure. Kononow erzählt Marias Geschichte gegen den Strich des kommunistischen Geschichtsbegriffs, nämlich rückwärts, ausgehend von ihrer Hinrichtung. Zudem, so die Rezensentin, fehle jegliche "tröstlich übergeordnete" auktoriale Erzählerinstanz, da sich Kononow auf Marias "Innenschau" beschränke. Je mehr die Erzählung voran-, das heißt zurückschreite, desto mehr zeige sich, wie wenig Marias Schicksal als "Regimentshure" selbstbestimmt ist, und wie sehr sie unter ihrem "körperlichen Ausgeliefertsein" leidet. In dieser "modernen Märtyrergeschichte", die den Archetypus der "heiligen Hure" aufgreife, die sowohl vom Feind als auch von den eigenen Leuten missbraucht wird, führe Kononow den Mythos der sowjetischen Heldin strikt "ad absurdum".

© Perlentaucher Medien GmbH
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