Armenien 1915 - Vierbücher, Heinrich
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Produktdetails
  • Verlag: Donat
  • Seitenzahl: 103
  • Erscheinungstermin: 11. November 2003
  • Deutsch
  • Abmessung: 226mm x 118mm x 15mm
  • Gewicht: 226g
  • ISBN-13: 9783934836730
  • ISBN-10: 3934836739
  • Artikelnr.: 12343405
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 05.01.2006

Die Schande der Gestrigen
Armenien im Jahr 1915: Völkermord aus Sicht eines Weimarer Pazifisten

Auf Friedrich Naumann ist Heinrich Vierbücher nicht gut zu sprechen. Mit Blick auf den türkischen Völkermord an den Armeniern von 1915 unterstellt der pazifistisch gesinnte Autor dem liberalen Politiker und Pastor 1930 folgendes Denken: "Hunderttausende von Menschen werden abgeschlachtet - darüber mußt du dich pflichtgemäß entrüsten. Die da ermordet werden, sind Christen. Eigentlich sollte man darüber betrübt und den Mördern ein bißchen böse sein. Denn so ein Mord - na ja, schön ist es ja nicht. Und schließlich ist man ja immerhin ein rechtschaffener Christenmensch - aber es entspricht dem besonderen Wunsche Gottes, daß die Deutsche Bank die Bagdadbahn finanziert." Um den Bau der Bagdadbahn und andere deutsche Militärmissionen auf türkischem Boden zu ermöglichen, argumentiert der Autor, hätten deutsche Politiker weggesehen, als die türkische Regierung 1915 "mehr als eine Million" Armenier ermorden ließ.

Heinrich Vierbücher, aus sozialdemokratischem Elternhaus stammend, kam 1915 als Dolmetscher nach Konstantinopel; er sprach Türkisch und Arabisch. Als Übersetzer bereiste er verschiedene Gegenden der Türkei und wurde so, wie es im Nachwort von Helmut Donat heißt, "Augenzeuge des Genozids am armenischen Volk". Wenn er die "Christengreuel" schildert, spricht Vierbücher allerdings nicht aus eigener Anschauung, sondern zitiert andere, etwa Johannes Lepsius, jenen Theologen und Vorsitzenden der Deutsch-Armenischen Gesellschaft, der während des Krieges beim Auswärtigen Amt gegen die "Christenmassacres" protestiert hatte.

"Armenien 1915" ist die einzige längere Schrift des radikaldemokratischen Redners und Schreibers Heinrich Vierbücher. Sie erschien erstmals 1930 im pazifistischen Verlag Walter Hammers und wurde vor allem in der Weimarer Friedensbewegung gelesen. Während jener Jahre vermißt Vierbücher ein Bekenntnis zu einem deutschen Schuldanteil am Völkermord: "Man sträubt sich mit allen Kräften dagegen, die Sünden des alten Systems zuzugeben, als wenn die Schande der Gestrigen eine Schmach für die Heutigen sein könnte, wenn diese von dem Willen zu einer menschlicheren Politik getragen sind." Entgegen seiner Ankündigung, "auf kleinstem Raum ein Bild der größten Christenverfolgung der Geschichte zu zeichnen", malt Vierbücher eben zugleich sein persönliches Bild von Deutschland, pointiert und polemisch. Wilhelm II., heißt es etwa, dieser "Handelsreisende der deutschen Imperialisten", hätte es "seinem Freund" Sultan Abdul Hamid gern nachgetan und seine unliebsamen Höflinge einfach geköpft: "Wie wäre es den Sozialdemokraten ergangen, wenn Wilhelm gekonnt hätte, wie er wollte!"

Vierbüchers Zorn richtet sich aber nicht nur gegen die Regierung des Kaiserreichs, die er mitverantwortlich macht am Mord an den Armeniern, sondern vor allem auch gegen die türkischen Täter: "Deutschland war den Türken im Kriege gerade gut genug, den Vorhang zu halten, hinter dem mehr als eine Million unschuldiger Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet wurden." Die meisten der 26 kurzen Kapitel befassen sich mit der Türkei und der Schuld, die sie 1915 auf sich geladen habe. Das armenische Volk sei natürlich "sowenig ein Volk von Engeln als irgendein anderes Volk", schreibt Vierbücher - aber in seinen Augen sind die armenischen Christen, wie es auch im Untertitel des Bandes heißt, ein Kulturvolk. Das türkische Volk hingegen sei "kein Kulturvolk im großen Sinne des Wortes. Seine Sprache steht auf der Stufe eines Negeridioms, aber es ist die unvergleichliche Sprache für den Rekrutendrill." Zurückblickend kann Vierbücher bei den Jungtürken keinen Fortschritt gegenüber den "Alttürken" erkennen: "Gewalt, Gewalt und nochmals Gewalt, das ist das Zeichen der türkischen Geschichte." Warum er dann überhaupt die Sprache dieses Volkes erlernte und sein Land bereiste, läßt Vierbücher offen.

FLORENTINE FRITZEN

Heinrich Vierbücher: Armenien 1915. Was die kaiserliche Regierung den deutschen Untertanen verschwiegen hat: Die Abschlachtung eines Kulturvolkes durch die Türken. Donat Verlag, Bremen 2004. 103 S., 12,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Als "pointiert und polemisch" beschreibt Rezensentin Florentine Fritzen diese 1930 zuerst erschienene Darstellung des pazifistischen "radikaldemokratischen Redners und Schreibers". Darin gehe es nicht nur um die "größte Christenverfolgung der Geschichte", den von moslemischen Türken begangenen Völkermord an den christlichen Armeniern. Im Zuge von Heinrich Vierbüchers Anklage der Deutschen, insbesondere des Kaisers und der Deutschen Bank, das Verbrechen aus politischem und wirtschaftlichem Eigennutz billigend in Kauf genommen zu haben, las die Rezensentin das Buch auch als sehr scharfes und persönlichen Porträt des Deutschland jener Jahre.

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