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Walter Hartwright is married, prosperous and a little bored. When he is approached to write a life of the painter Turner he accepts, unaware that his subject lived a life more dark than light. Researching the painter's life, he is soon affected with its possibilities of violence and even murder that he no longer trusts his own sanity and character.…mehr

Produktbeschreibung
Walter Hartwright is married, prosperous and a little bored. When he is approached to write a life of the painter Turner he accepts, unaware that his subject lived a life more dark than light. Researching the painter's life, he is soon affected with its possibilities of violence and even murder that he no longer trusts his own sanity and character.
  • Produktdetails
  • Verlag: Faber & Faber
  • Main
  • Seitenzahl: 480
  • Erscheinungstermin: 20. Mai 2002
  • Englisch
  • Abmessung: 198mm x 128mm x 40mm
  • Gewicht: 382g
  • ISBN-13: 9780571202768
  • ISBN-10: 0571202764
  • Artikelnr.: 10689350
Rezensionen
Besprechung von 10.12.2002
Die Frau in Weiß hat geheiratet
Zerrspiegel: James Wilson sucht William Turner mit Wilkie Collins

Daß sich hinter dem Spitznamen "Admiral Peggy Booth" in Wirklichkeit Joseph Mallard William Turner, einer der größten Maler des neunzehnten Jahrhunderts verbarg, scheint mehr als merkwürdig. Schwer vorstellbar ist dies auch für den wenig erfolgreichen Londoner Maler und früheren Zeichenlehrer Walter Hartright - bis sich die Wege der beiden ungleichen Kollegen kreuzen. Harmlos ist dabei nur der Auftakt von James Wilsons Roman "Der Schatten des Malers": Lady Eastlake, Ehefrau von Sir Charles Eastlake, dem Direktor der Londoner National Gallery, und befreundet mit Walters Halbschwägerin Marian Halcombe, bittet die beiden zum Nachmittagstee. Die vermeintlich zwanglose Einladung entpuppt sich bald als Kreuzverhör Walters durch die Lady. Nach eingehender, zufriedenstellender Begutachtung beauftragt sie ihn, eine Biographie Turners zu schreiben. Dessen guten Ruf wolle sie schützen, nennt sie als Grund für ihr Begehren: Der überaus unseriöse Journalist Walter Thornbury schriebe bereits an einer eigenen, lügnerischen Version der Lebensgeschichte des kürzlich gestorbenen Künstlers.

Für die geglückte Vermittlung dieser Aufgabe hat Walter letztendlich Marian, die mit Sorge seine wachsende Unzufriedenheit beobachtete. Nicht erst seit seine Frau Laura mit den Kindern in Urlaub fuhr und ihn alleine zurückließ, erscheint Walter seine Existenz unausgefüllt und unzulänglich. An dieser Stelle bedient sich James Wilson eines Kunstgriffs in die literarische Vergangenheit: Immerhin bis zu Wilkie Collins' "The Woman in White" aus dem Jahr 1860 muß man zurückblättern - in Deutschland wurde das Buch vor allem durch Arno Schmidts Übersetzung und seine hymnischen Empfehlungen bekannt. Wilson hat für "Der Schatten des Malers" die beiden Collins-Figuren wiederauferstehen lassen und spinnt den Faden geschickt weiter. Minutiös recherchiert, bettet Wilson die Handlung in die verschiedenen Schichten der Londoner Gesellschaft und zaubert die schmutzigen Hinterhöfe von Covent Garden und die verrauchten Spelunken Wappings mit der gleichen Sorgfalt hervor, die er den geschmückten Salons Lady Eastlakes widmet.

Marian, die Walter bereits in "The Woman in White" mit Rat und Tat bei der Aufklärung einer mysteriösen Verwicklung um seine spätere Frau Laura zur Seite stand, ist ihm auch diesmal bei seinen Recherchen aufs aufopferndste zu Diensten. Anfangs noch vereint in detektivischem Eifer, treiben sich bald die Ergebnisse der Erkundigungen, die sie bei Turners ehemaligen Kollegen und Angestellten, Freunden und Feinden einholen, wie ein Keil zwischen sie. Die blinde Vertrautheit zwischen dem harmlosen Walter und der scharfsinnigen Marian, wenn auch immer schon getrübt durch gut verhohlene erotische Interessen, schwindet zusehends.

Turners Lebenswelt, die das ungleiche Paar Stück für Stück zu rekonstruieren versucht, präsentiert sich ihnen wie ein Puzzlespiel, zu dem jeder der Befragten einen Baustein aus zwei unterschiedlichen Sets beizutragen hat: Das eine ergibt das Bild eines extrem verschlossenen, geizigen, arroganten, eitlen, kalten und hartherzigen Manns, der vor dem Umgang mit Prostituierten und selbst vor einem Mord nicht zurückschreckt, das andere fügt sich zu einem humorvollen, genialen, mitfühlenden, freundlichen und lebenslustigen Menschen zusammen, der durch schwierige Familienverhältnisse geprägt ist. In Form von Briefen und Tagebucheinträgen seiner beiden Protagonisten - der Aufbau erinnert also an Collins' Roman - vermittelt Wilson zwei völlig disparate subjektive Wahrheiten: die eine gesteuert von Logik, die andere unter dem Diktat überwältigender Emotion.

Die Schizophrenie der Situationen und Begegnungen auf ihrer Entdeckungsreise in die Vergangenheit beginnt rasch, Walter aus seinem psychischen Gleichgewicht zu werfen. Er ist abgestoßen und fasziniert zugleich von den Möglichkeiten dieses unbekannten Kosmos, der sich vor ihm erschließt. Bis zur Erschöpfung wirft er sich in seine Aufgabe und verschwindet immer tiefer im Sog des Ringens um eigene und fremde Identitäten. In Wirklichkeit hält Turner Walter nur einen Zerrspiegel vor, in dem dieser bereitwillig glaubt, ein authentischeres und machtvolleres Selbst zu entdecken. Turner ist die Initialzündung für Walters unterdrückte Triebe und Frustrationen; die Ungeheuer, die er zu sehen glaubt, sind nur Ausgeburten seiner eigenen Phantasie.

Wilson behandelt damit auch das bekannte Thema von Wesen und Natur des Künstlers. Wird erst am Rand gesellschaftlich akzeptablen Verhaltens eine kreative Intensität freigesetzt, die das normale Maß an Realitätsempfinden überwindet und in Sphären vorstößt, die das Genie erleben muß? Sind Grenzerfahrungen, wie Turner sie offensichtlich erlebte, die Voraussetzung für das Schaffen großer Kunstwerke?

James Wilson entfaltet den kontroversen Charakter des Lichtmalers in vielen Schattierungen, doch zum eigentlichen Motor der Geschichte entwickelt er spannungs- und facettenreich das Psychogramm Walters, der an den scheinbar unvereinbaren Gegensätzen dieses fremden, faszinierenden Lebens zerbricht. Walters eigene Unzufriedenheit und Instabilität sind die Voraussetzung. Nur so konnte er auch das Opfer des Komplotts werden, das sich hinter seinem Auftrag verbirgt. Wilson seziert nicht nur einfühlsam das nervliche Kostüm des unglücklichen jungen Mannes, sondern führt dabei auch die heuchlerischen Bildungsbürger der viktorianischen upper class vor.

Die tatkräftige Marian dagegen bleibt die einzige, die ihren Instinkten noch vertrauen kann. Und doch wird auch sie schließlich zum Opfer des Wahns ihrer engsten Umgebung. Ihr allein gelingt es, Turners Widersprüchlichkeiten durch ihre eigene Integrität zu erklären: In seiner traumatischen Kindheit findet sie Deutungen für die späteren Brüche in seinem Leben, die sie anhand seiner Gemälde, in denen sein Innerstes Ausdruck fand, rekonstruiert.

Walters Verwandlung in einen rücksichtslosen Wüstling macht ihn - zumindest in diesem Fall - allerdings nicht zu einem besseren Künstler, womit bewiesen wäre, daß bewußtseinsverändernde Grenzerfahrungen allein noch aus keinem Stümper ein Genie gemacht haben.

CARINA VILLINGER

James Wilson: "Der Schatten des Malers." Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Rita Seuß und Thomas Wollermann. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2002. 505 S., geb., 24,90 [Euro].

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