A New History of German Literature - Wellbery, David E.
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Gü nter Grass, Edward Dimendberg on Holocaust memorials.

Produktbeschreibung
Gü nter Grass, Edward Dimendberg on Holocaust memorials.
  • Produktdetails
  • Verlag: Belknap Press Of Harvard University Press
  • Seitenzahl: 1056
  • Erscheinungstermin: 7. Januar 2005
  • Englisch
  • Abmessung: 260mm x 177mm x 55mm
  • Gewicht: 1725g
  • ISBN-13: 9780674015036
  • ISBN-10: 0674015037
  • Artikelnr.: 13620080
Autorenporträt
David E. Wellbery ist Professor für deutsche Literatur an der University of Chicago. 2010 bekam er den Jacob- und-Wilhelm-Grimm-Preis des Deutschen Akademischen Austauschdienstes.
Rezensionen
Besprechung von 22.04.2006
Ein Hauch von fröhlicher Wissenschaft
Ein Meilenstein: Frei von Kanonzwängen eröffnet David E. Wellberys spektakuläre deutsche Literaturgeschichte von Amerika aus den Blick auf unsere Kulturgemeinschaft

Kehren die Wälzer zurück? Einst waren sie die Zierde des gebildeten Hauses, die dicken Bücher mit goldgepreßtem Einband, in denen die Geschichte der deutschen Literatur zu lesen war "von den Anfängen bis zur Gegenwart". Gervinus hatte damit begonnen, Wilhelm Scherer folgte ihm nach, dann unternahmen es alle möglichen bald reaktionären, bald liberalen Geister, ihre Belesenheit und ihre politischen Ideen en bloc ins deutsche Heim zu liefern. Der aufgeklärte Oskar Walzel trat neben den Finsterling Adolf Bartels.

Stets waren diese Literaturgeschichten an einen pointierten Begriff der deutschen Nation gebunden. Sie führten deren geistige Einheit vor, als politisch noch keine Rede davon sein konnte; später feierten sie das Wilhelminische Reich. Der Propagandacharakter schien zu dem Unternehmen zwingend zu gehören. Noch Josef Nadlers "Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften" diente sich mit servilem Rassismus dem Hitlerregime an. Das letzte monumentale Beispiel für solche Verknüpfung von Literatur und Politik war die vielbändige "Geschichte der deutschen Literatur" aus der DDR, in welcher der Gang der deutschen Dichtung als ein langer Marsch zum Arbeiter- und Bauernstaat erschien. Allerdings war dieses Unternehmen so reich an philologischen Realien, daß es seinen Gebrauchswert über das Ende des mißglückten Staates hinaus behalten hat.

Jetzt kommt aus den Vereinigten Staaten ein neues und spektakuläres Exemplar der merkwürdigen Gattung, drei Pfund schwer, "A New History of German Literature". Hauptherausgeber ist David E. Wellbery; mehr als hundertfünfzig Vertreter der internationalen Germanistik und angrenzender Wissenschaften verantworten die einzelnen Kapitel. Ein Kuriosum? Eine Verrücktheit? Ein Husarenstreich? Tollkühn ist das Unternehmen auf jeden Fall. Es wagt es, die deutsche Literatur als Einheit vorzustellen in einer Zeit, die sich mit deren unabsehbarer Heterogenität längst abgefunden hat. Und es fürchtet sich auch nicht vor dem ideologischen Pferdefuß, dessen man die Gattung spontan verdächtigt. Schon um dieses Mutes willen darf man den Folianten mit einem Böllerschuß begrüßen.

Das Grundkonzept, bei dem sich die Herausgeber an ein französisches Vorbild anlehnten, ist verblüffend einfach. Einzelessays von je etwa fünf Seiten, vom Verfasser unterzeichnet, reihen sich aneinander zu einem riesigen Laufteppich durch über tausend Jahre deutschsprachiger Kultur. Während jedoch die traditionellen Literaturgeschichten immer zuerst die Epochen definierten und geistesgeschichtlich illuminierten, denen dann die Autoren mit ihren Werken als Zeugen zugeordnet wurden, tritt hier der historische Moment in sein absolutes Recht. Der Augenblick ist es, der sein Licht auf das Zeitalter wirft. Die Epoche erscheint nicht als vorgedeuteter Raum, der nur noch Belege gestattet. Die Idee dieser neuen Literaturgeschichte besteht in der entschlossenen Ablehnung all der ideologischen Strategien, mit denen die Tradition der Gattung arbeitete.

Das hat einen existentialistischen Zug. Nicht das einzige Symptom übrigens für eine Wiederkehr dieser Lebenslehre. Die Systemfeindlichkeit hat hier System. Was zählt, ist der einzelne und sein gelebter Augenblick, und genauso sollen auch die Autoren ans Werk gehen. Sie schreiben aus der Begegnung mit einer weltgeschichtlichen Sekunde heraus, ergriffen von der Erfahrung und frei in der Gestaltung ihrer fünf Seiten. So verbindet sich das Erzählerische spielend mit strenger Theorie und die ästhetische Reflexion mit historischer Erhellung. Es gibt eine Menge glänzender Texte in diesem Buch; ihre Verbindung von Eleganz und Belehrung erinnert an die Schreibkultur des achtzehnten Jahrhunderts. Gewiß liegt das eine oder andere auch stumpf und resonanzlos einfach so da. Doch damit mußte bei dem Konzept gerechnet werden; es tut dem Wert des Ganzen keinen Abbruch.

Ein Hauch von fröhlicher Wissenschaft schwebt über den tausend Seiten. Vergnügt spürt man das Vergnügen der planenden Herausgeber und der von ihrem Gegenstand begeisterten Autoren. Es setzte dies wohl den atlantikweiten Abstand vom akademischen Ernst der deutschen Germanistik mit ihren bibeldicken Habilitationsschriften voraus, die niemand zu Ende liest und die so schmerzlich gegen die Regel verstoßen, daß man dicke Bücher nur schreiben soll, wenn man sie nicht schreiben muß.

Jedes Kapitel beginnt mit einem Datum. Dazu fügt sich eine Schlagzeile, nicht selten mit ironisch gesetztem Sensationseffekt. Zum Beispiel: "1492, 7. November. Ein Meteor trifft die Erde nahe der Westgrenze des Heiligen Römischen Reiches." Das ist der Auftakt zu einem großartigen Text, der zunächst berichtet, wie Sebastian Brant, Professor an der jungen Basler Universität, jenes Ereignis im Elsaß mit einem weitverbreiteten Einblattdruck publizistisch verwertet. Dann wird Brants größter Bucherfolg geschildert, die Satire "Das Narrenschiff" von 1492, ihre europaweite Karriere und ihre Bedeutung für die Entfaltung des humanistischen Schlüsselthemas der Stultitia, der Narrheit. Gleichzeitig öffnet sich der Blick auf die Kulturlandschaft am Oberrhein, wo die Konzilien von Konstanz und Basel einen zivilisatorischen Schub ausgelöst hatten. Dieser führte nicht nur zu einer Blüte der Wissenschaften und Künste, sondern nahm auch die neuen Drucktechniken aus dem Raum zwischen Mainz und Straßburg gierig auf und eröffnete das erste Goldene Zeitalter einer Buchkultur mit beweglichen Typen.

Das Narrenthema vermittelt uns den Blick jener Zeit auf Welt und Gesellschaft; die Illustrationen zu Brants Werk, Dürer zugeschrieben, belegen die zukunftsträchtige Zusammenarbeit von Künstlern, Buchdruckern und Gelehrten. So weitet sich die Sicht des Lesers vom konkreten Ereignis auf die Epoche. Das Operieren mit "sich ereigneten unerhörten Begebenheiten" (Goethes Novellendefinition) verleiht dem Werk einen erzählerischen Reiz, der das Lesen beflügelt.

"1818. Daniel Schmolling wird wegen Mordes an seiner Verlobten hingerichtet." Diese Boulevardnachricht führt zu einem Essay über E. T. A. Hoffmann und einige seiner Meistererzählungen. Hoffmann, Jurist bei Tage und Autor zur Nacht, war Appellationsrichter bei dem Mordprozeß Schmolling, der eine für das moderne Rechtswesen grundlegende Debatte über die Zurechnungsfähigkeit pathologischer Verbrecher und über das Gewicht psychiatrischer Expertisen in der Urteilsfindung auslöste. Hoffmann selbst führte diese Debatte später weiter in den Disputen über den Zwangsmörder Cardillac innerhalb seiner Novelle "Das Fräulein von Scuderi".

Wie unabhängig das Buch von den innerdeutschen Kanonzwängen ist, zeigt die souveräne Studie über Grillparzer, einen Autor, der im heutigen Deutschland einer rätselhaften Ächtung verfallen scheint. Das Porträt ist gleichzeitig eines des Jahres 1834, und dieses Jahr steht wiederum exemplarisch für die Epoche und den heiklen Epochenbegriff des Biedermeier. Grillparzers Stück "Der Traum ein Leben" wird zum Schlüssel für die Metternich-Zeit mit ihrem europaweiten Spitzelsystem, zu dem das ebenso umfassend angelegte neue Eisenbahnnetz in eine kuriose Analogie, aber auch in gefährliche Konkurrenz trat.

Bei Werken dieser Art ist eine Form der Kritik stets am leichtesten und am wohlfeilsten: Man schlägt das Register auf, sucht nach fehlenden Namen und reibt sie den Herausgebern protestierend unter die Nase. Natürlich schmerzt es, daß Eduard von Keyserling und Wolfgang Koeppen fehlen, daß Schubert oft, aber Schumann nie erwähnt wird, daß sogar, und da jammert man wirklich leise auf, Johann Peter Hebel nicht existiert. Solchen Defiziten gilt es aber den Gewinn entgegenzuhalten, der durch viele unerwartete Themen erbracht wird. Das kann erfrischend sein wie ein offenes Fenster in einem überheizten Raum, und oft stellt man mit Verblüffung fest, daß man wieder zu lernen beginnt wie ein Erstsemestriger. Philosophie-, Politik- und Technikgeschichte finden ihren Platz neben den großen Ereignissen der Poesie, und irgendwann entdeckt man, daß auch eine formidable Geschichte der jiddischen Literatur in das Werk eingeflochten ist.

Mit unterschiedlicher Hingabe werden die Verbindungen der deutschen Literatur zur gleichzeitigen Weltliteratur verfolgt. Während Mallarmés Bedeutung für Stefan George eingehende Würdigung findet und von Fontane aus auf Henry James geblickt wird, bleibt Flauberts Initiationsfunktion für die moderne Prosa unbeachtet. In den Kapiteln über Kafka, der nie ein Hehl daraus machte, wie sehr sich der Vollkommenheitsfanatismus seiner Sätze Flaubert verdankt, fällt dessen Name nie. Flaubert und Ibsen sind die zwei großen Autoren des neunzehnten Jahrhunderts, für die es in der deutschen Literatur keine zeitgenössischen Äquivalente gab. Daher prägten sie das Schreiben in Deutschland wie Einheimische. Ihr vollständiges Fehlen verzerrt das Gesamtbild doch etwas.

Magistral ist demgegenüber wieder die knappe Darstellung der literarischen Beziehungen zwischen Deutschland und Amerika. Sie geht vom Jahr 1855 aus, als der amerikakritische Roman Ferdinand Kürnbergers herauskam, "Der Amerika-Müde". Staunend nimmt man das Ausmaß deutschsprachiger Literatur zur Kenntnis, die in den Vereinigten Staaten selbst erschien. Der Aufsatz spricht von 25 000 Titeln, die, wie bedauernd angemerkt wird, "in den Archiven verstauben". Und angesichts der Tatsache, daß sich heute 25 Millionen Amerikaner ihrer ursprünglich deutschen Herkunft bewußt sind, staunt man über das gewaltige Ereignis friedlicher kultureller Verschmelzung.

Bei älteren Literaturgeschichten sind die Kapitel zur jeweiligen Gegenwart für den heutigen Leser stets die seltsamsten. Auf unfreiwillig komische Art werden sie bestimmt vom Tagesruhm Vergessener und von der Ahnungslosigkeit gegenüber Unsterblichen. Die federführenden Germanisten versuchten sich jeweils dadurch abzusichern, daß sie zuletzt einige Lumpensammlerkapitel anhängten. Darin brachten sie so viele Namen wie möglich unter, um ja keinen Zeitgenossen zu vergrämen und keinen kommenden Stern zu übersehen. Dieses Problem meistert die neue Literaturgeschichte so klug wie unbekümmert. Den Zwang zu Epochendefinitionen ist sie ja von Anfang an los, und geschützt durch den breiten Atlantik, kennt sie auch die Angst nicht, sensible Koryphäen vor den Kopf zu stoßen. Das Verfahren, von prägnanten Daten auszugehen, bewährt sich hier auf neue Weise.

"1949, 7. Oktober" - das Gründungsdatum der DDR ermöglicht die Darstellung des Sozialistischen Realismus in seiner Selbstverklärung als "Heroischer Antifaschismus", der dazu neigte, über der Verherrlichung verfolgter Kommunisten die Judenvernichtung auszublenden. "1953, 26. März. - Der Bayerische Rundfunk sendet Max Frischs Hörspiel ,Herr Biedermann und die Brandstifter'." - Das führt zu einer präzisen Studie über die Bedeutung des Hörspiels in der Nachkriegsliteratur und seine neuen ästhetischen Formen. Nicht ohne Bewegung darf man noch einmal dem kürzlich verstorbenen Gordon A. Craig begegnen, dem Grandseigneur, der hier über die "Blechtrommel" schreibt - nicht unter dem Jahr 1959, als der Roman erschien, sondern unter 1958, als Grass für zwei Kapitel seiner noch unfertigen Arbeit den Preis der "Gruppe 47" erhielt. Handke und Habermas, Johnson und Bernhard, Jelinek und Grünbein werden profiliert hervorgerückt; am Ende steht der 15. Dezember 2001: "W. G. Sebald stirbt bei einem Autounfall in Norfolk, England."

Trotz dieser Einzelporträts nehmen sich die letzten hundert Seiten des Werks keineswegs als eine Galerie der Großen aus. Die Mehrzahl der Daten zielt auf historische, politische und kulturgeschichtliche Brennpunkte, von denen aus das Literarische in entsprechender Brechung aufleuchtet. Enzensberger tritt unter dem Stichdatum des 2. Juni 1967 ins Bild, dem Beginn der Studentenrevolte, als die intellektuelle Opposition gegen die Kultur der Adenauer-Zeit in die rüde Oppositionsästhetik der Achtundsechziger überging. Die Selbstmorde der "RAF" im Oktober 1977 setzen die Perspektive, unter der das Spätwerk Heiner Müllers, insbesondere "Hamletmaschine", erfaßt und gedeutet wird.

Einem gewaltigen Panorama steht man in diesem Buch gegenüber. Überall kann man hineingreifen, sofort ist man bei der Sache, und wo man's packt, da ist's interessant. Und so frei von allem nationalistischen Schmock ist das Ganze, daß man sich bei der Freude ertappt, dieser Sprach- und Kulturgemeinschaft anzugehören.

"A New History of German Literature". Herausgegeben unter dem Vorsitz von David E. Wellbery von Judith Ryan, Hans Ulrich Gumbrecht, Anton Kaes, Joseph Leo Koerner und Dorothea E. von Mücke. The Belknap Press of Harvard University Press, Cambridge, Massachusetts 2005. 1004 S., geb., 45,- $.

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