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Zwischen Charleston und Stechschritt. Schwarze im Nationalsozialismus - Martin, Peter / Alonzo, Christine i.A. d. NS-Dokumentationszentrums KölnHrsg.)
Vergriffen, keine Neuauflage

Bewertung von kaiser Ilus aus Bonn-Germany

Total gut dass es Dokumenten der Vergangenheit noch existieren und Spuren der Geschiste noch bewahren. Alle Menschen sind gleich. Die Verrükteit der Mensch macht dass Leben …


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1 Kundenbewertung

Die Schwarzen, die nach dem Ersten Weltkrieg als Künstler, Geschäftsleute, Diplomaten, Soldaten oder als deren Kinder in Deutschland lebten, trafen auf widersprüchliche Reaktionen aus Modernisierungshoffnungen, exotischen Phantasien, Angst und Hass bis hin zur Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten. Der Band ergründet die vielfältigen historischen und ideologischen Wurzeln des Verhältnisses der Nationalsozialisten zu den Schwarzen: die Teilnahme farbiger Kolonialtruppen und US-Soldaten am Ersten Weltkrieg und später die Beteiligung farbiger Kontingente der Alliierten an der Besetzung des…mehr

Produktbeschreibung
Die Schwarzen, die nach dem Ersten Weltkrieg als Künstler, Geschäftsleute, Diplomaten, Soldaten oder als deren Kinder in Deutschland lebten, trafen auf widersprüchliche Reaktionen aus Modernisierungshoffnungen, exotischen Phantasien, Angst und Hass bis hin zur Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten. Der Band ergründet die vielfältigen historischen und ideologischen Wurzeln des Verhältnisses der Nationalsozialisten zu den Schwarzen: die Teilnahme farbiger Kolonialtruppen und US-Soldaten am Ersten Weltkrieg und später die Beteiligung farbiger Kontingente der Alliierten an der Besetzung des Rheinlands, die von der Propaganda als 'Schwarze Schmach' ausgeschlachtet wurde, die Bewegung der so genannten 'Rassenhygiene', das anhaltende Streben nach einer Wiedergewinnung von Kolonialbesitz und die Angst vor dem Aufstand der Kolonisierten bis zur 'Deutschen Afrika-Schau', einer schwarzen Wanderbühne in der NS-Zeit. Dagegen stehen der Jubel der Boheme über den Jazz, 'afrikanische' Modetänze wie den Charleston, Josephine Baker und der Einfluss der afrikanischen Kunst auf die Kunst der Avantgarde, die bereits in den zwanziger Jahren zu Angriffspunkten nationalvölkischer Agitation gegen die vermeintliche Überfremdung der deutschen Gesellschaft wurden.
  • Produktdetails
  • Verlag: Dölling & Galitz
  • Seitenzahl: 790
  • Deutsch
  • Abmessung: 230mm
  • Gewicht: 1860g
  • ISBN-13: 9783935549844
  • ISBN-10: 3935549849
  • Artikelnr.: 12525946
Autorenporträt
Peter Martin, Dr. phil., Jg. 1942, Historiker und Soziologe, Mitarbeiter in der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur.
Rezensionen
Besprechung von 24.01.2005
Die schwarze Gefahr als Feindbild der Nazis
„Mischlinge” wurden im Dritten Reich zwangsweise sterilisiert, viele farbige Kriegsgefangene ermordet
Sofort nach ihrem Machtantritt begannen die Nationalsozialisten aus ihrem Rassenwahn die ersten brutalen Konsequenzen zu ziehen. In der Frühphase ihrer Herrschaft geschah dies allerdings noch streng geheim. Es begann am 13. April 1933 mit einem Erlass des preußischen Innenministers Hermann Göring an die Regierungspräsidenten, Anzahl und Alter der von farbigen Soldaten der früheren französischen und amerikanischen Besatzungstruppen im Rheinland mit deutschen Frauen gezeugten „Mischlinge” festzustellen. Laut dieser Statistik gab es im Reichsgebiet 385 Mischlingskinder. Diese offiziell so bezeichneten „Rheinlandbastarde” wurden bald das Ziel gesetzloser Zwangsmaßnahmen der Nazis: Nach Bildung einer „Sonderkommission 3” im Jahr 1937 wies man die Kinder, häufig mit Hilfe der Gestapo und inzwischen eingesetzter Amtsvormunde, in spezielle Kliniken ein und ließ sie dort zwangsweise sterilisieren. Kein einziges Kind wurde bis heute als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt, keines hat eine Entschädigung erhalten.
Dieser Teil der in die Praxis umgesetzten NS-Rassenideologie wird von Reiner Pommerin im dickleibigen Buch des Herausgeber- und Autorenpaars (auch im Leben) Peter Martin und Christine Alonzo detailgenau dokumentiert. Insofern entspricht der Untertitel „Schwarze im Nationalsozialismus” nur einem Teilaspekt, während der werbewirksam formulierte Haupttitel „Zwischen Charleston und Stechschritt” das Thema viel weit gespannter umfasst. Es geht auch um die Vor- und Nachgeschichte der Ausgrenzung und Verfolgung der Schwarzen.
In 35 Einzelbeiträgen werden in dem Buch die Auswirkungen des Rassismus bereits in der Weimarer Republik und vor allem in der NS-Zeit wissenschaftlich beleuchtet. Und dies auch für den historisch interessierten Laien in höchst lesbarer Form, ergänzt noch durch die reichlich eingestreuten Illustrationen: Dokumente, Fotos, Zeitungsausschnitte, Plakate und Karikaturen. Der Aufwand von Quellenstudium, gründlicher Recherche und detektivischem Aufspüren seltener, bisher unveröffentlichter Bilddokumente rechtfertigen es, dieses Sachbuch als ein Standardwerk zu betrachten.
Es erscheint als eine Fortsetzung der 2001 erschienenen Untersuchung „Schwarze Teufel, edle Mohren” von Peter Martin, in der beschrieben wurde, welche Rolle die Afrikaner in Bewusstsein der Deutschen spielen. Seinerzeit hatte der Autor das Phänomen der schwarzen Hautfarbe, wie es schon seit der Römerzeit auf die Menschen der westlichen Hemisphäre wirkte, wie kein anderer deutlich gemacht. Das neue Kompendium zeigt die weitere Radikalisierung des Rassismus. Kaiser Wilhelm II. hatte sich noch mit Wilhelm Sambo aus Kamerun ein Patenkind geleistet, das es auf Veranlassung seines Namenspatrons bis zum Kesselpauker beim Trompetenkorps des Leibgarde-Husaren-Regiments im Rang eines Vizewachtmeisters gebracht hat.
Obwohl sich während der 20er und 30er Jahre nur rund 3000 Farbige in Deutschland aufhielten, enthüllt die Reaktion der Deutschen auf diese Minderheit schon vor den gezielten Repressalien der Nationalsozialisten den unterschwelligen Rassismus. Da mischt sich Bewunderung für die musikalischen, artistischen und sportlichen Talente, etwa von Josephine Baker, Sidney Bechet oder Jesse Owens mit der Angst vor dem „Andersartigen”. Noch bis in die frühen 30er Jahre fanden viele „Neger” Beschäftigung als Komparsen in Abenteuerfilmen, ehe die Verfolgungen Einzelner, die sich mit deutschen Frauen eingelassen hatten, wegen „Rassenschande” begannen. Die Besucher der populären „Deutschen Afrikaschau” 1936 ahnten nicht, dass die Darsteller, darunter viele Eingeborene aus ehemaligen deutschen Kolonialgebieten, zu einer fahrenden Bühnentruppe vereint werden sollten mit dem Ziel, „die Neger dem Müßiggang zu entziehen” und zugleich für die Wiedererlangung der Kolonien zu werben. Und die Behörden erhofften sich eine bessere Kontrolle der Farbigen, „um Rassevergehen leichter unterbinden zu können”.
Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs wurde schließlich offene Gewalt gegen Schwarze angewandt. Einige Kriegsgefangene wurden ermordet. Im Frankreich-Feldzug wurden die schwarzen von den weißen Gefangenen vielfach getrennt, es kam zu Massakern. Der Umstand, dass nicht nur die SS, sondern auch die Wehrmacht an solchen Verbrechen beteiligt war, hat schon die entsprechende Wanderausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung dokumentiert. Dessen Leiter Jan Philipp Reemtsma hat die Recherchen zu dem vorliegenden Buch entscheidend gefördert, dem Institut gehörte der Herausgeber Martin bis 2000 selber an.
Martin kam nicht umhin, seiner Edition über die Rassenpolitik des Nationalsozialismus ein weiteres Kapitel über die Nachkriegszeit anfügen zu müssen. Unter der provozierenden Überschrift „Seit 1945 - alles anders?” werden beschämende Erfahrungen von schwarzen Soldaten der US-Streitkräfte, von Studenten und Lehrlingen im Rahmen entwicklungspolitischer Zusammenarbeit geschildert. Dazu gehören auch die Erlebnisse von Afrikanern, die in der DDR ausgebildet wurden, und von Asylsuchenden auf der Flucht vor Krieg und wirtschaftlichem Elend. So endet das Buch, dem viele Leser zu wünschen sind, mit dem Hinweis auf eine nicht mehr zu übersehende Minderheit der deutschen Gesellschaft, „deren bleibende Präsenz nicht zu bezweifeln ist”.
GUNTER PÉUS
PETER MARTIN UND CHRISTINE ALONZO (Hg.): Zwischen Charleston und Stechschritt - Schwarze im Nationalsozialismus. Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 2004. 790 Seiten, 29,80 Euro.
Sie brachte die rassistischen Kategorien ins Wanken: die Tänzerin Josephine Baker, die vor allem in den 20er und 30er Jahren für Aufsehen sorgte.
Foto: dpa
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Gunter Peus findet, man könne die Untersuchung über die Ausgrenzung und Verfolgung der Schwarzen im Dritten Reich getrost als Standardwerk bezeichnen. Die gründliche Recherche, das Quellenstudium und die Veröffentlichung seltener und bisher unveröffentlichter Bilddokumente gäben hierzu Anlass. Zudem sei das Buch selbst für den historisch interessierten Laien "höchst lesbar", lobt der Rezensent. Von Peter Martin und Christine Alonzo herausgegeben, beleuchtet es den unterschwelligen Rassismus der Deutschen in den 20er und 30er Jahren und später die offene Gewalt unter den Nationalsozialisten. Der Beitrag von Reiner Pommerin etwa beschreibt die Zwangssterilisation der so genannten "Rheinlandbastarde", der Kinder aus Verbindungen von Mitgliedern der ehemaligen Besatzungstruppen mit deutschen Frauen, im Jahre 1937. Das detailgenaue Buch, "dem viele Leser zu wünschen sind", schließe mit den "beschämenden Erfahrungen" von Afrikanern, die derzeit in Deutschland leben.

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