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17 Millionen »ganz normale Männer« kämpften während des Zweiten Weltkriegs in Hitlers Armee. Felix Römer schafft aus über hunderttausend Seiten US-amerikanischen Vernehmungsberichten und Abhörprotokollen ein wirklichkeitsgetreues Bild der deutschen Wehrmacht. Hier sprechen die Akteure selbst - wir sehen den Krieg mit den Augen des normalen Soldaten. …mehr

Produktbeschreibung
17 Millionen »ganz normale Männer« kämpften während des Zweiten Weltkriegs in Hitlers Armee. Felix Römer schafft aus über hunderttausend Seiten US-amerikanischen Vernehmungsberichten und Abhörprotokollen ein wirklichkeitsgetreues Bild der deutschen Wehrmacht. Hier sprechen die Akteure selbst - wir sehen den Krieg mit den Augen des normalen Soldaten.
Autorenporträt
Felix Römer, Dr. phil., geboren 1978 in Hamburg, wurde 2007 mit einer wegweisenden Arbeit über die Geschichte des »Kommissarbefehls« an der Universität Kiel promoviert. Von 2008 bis 2012 lehrte und forschte er am Historischen Seminar der Universität Mainz als Stipendiat der Fritz Thyssen-Stiftung im Projekt »Referenzrahmen des Krieges«. Seit 2012 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in London.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 03.06.2013

Abgehörte Siegesstimmung
Wehrmachtsangehörige in amerikanischer Gefangenschaft: Handlungsspielräume von Individuen

Ausgelöst durch die Debatte über die umstrittene Wehrmachtsausstellung setzte seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine intensive wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Armee ein, die Europa über mehr als fünf Jahre in Angst und Schrecken versetzt hatte und deren Generälen es nach 1945 gelungen war, sich von den Verbrechen der SS abzusetzen. Dieses Bild wurde inzwischen umfassend korrigiert. So hat das Militärgeschichtliche Forschungsamt das grundlegende, zehnbändige Werk "Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg" herausgegeben. Beim Institut für Zeitgeschichte entstanden im Rahmen des Forschungsprojektes "Wehrmacht in der NS-Diktatur" mehrere wichtige Arbeiten. Verschiedenen hohen Generälen wurden wissenschaftliche Biographien gewidmet (beispielsweise Beck, Fromm, Paulus).

Inzwischen sind zu den verwendeten Unterlagen noch weitere, seit Jahrzehnten nicht beachtete Quellen gekommen: die Verhörprotokolle der Briten und Amerikaner sowie deren heimlich abgehörte Gespräche zwischen den deutschen Gefangenen. Dazu hat Sönke Neitzel im Jahr 2005 ein beeindruckendes Buch "Abgehört. Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942-1945" vorgelegt. Felix Römer, der zu der Forschergruppe um Neitzel gehört, wertete erstmals die mehr als 100 000 Seiten der Protokolle und abgehörten Gespräche von über 3000 deutschen Kriegsgefangenen aus, die in Fort Hunt, wenige Meilen südlich von Washington D.C., von 1943/44 an inhaftiert waren. Das Fort war streng geheim. Die abgehörten Informationen wurden nicht einmal für Strafverfahren wegen eingeräumter Kriegsverbrechen verwendet. Die amerikanischen Unterlagen können, im Unterschied zu den britischen, bestimmten Personen, ihrer Herkunft und ihrem Lebenslauf zugeordnet werden. Außerdem handelt es sich vor allem um Soldaten, Unteroffiziere sowie Offiziere unterhalb des Generalsranges. Den hohen Quellenwert der Unterlagen sieht Römer zu Recht darin, dass "man die Wehrmacht und den Zweiten Weltkrieg mit den Augen der Soldaten" sieht.

In acht Kapiteln (Gefangenschaft, Ideologie, Soldatenethos, Kameradschaft, Kampfmoral, Truppenführer, Kämpfen und Töten, Kriegsverbrechen) wird ein beeindruckendes, teilweise auch bedrückendes Bild gezeichnet. Bei den Gesprächen der Gefangenen untereinander standen konkrete Fragen im Vordergrund. Wenn, was selten vorkam, über Kriegsverbrechen (so die Ermordung der russischen Kriegsgefangenen) oder den Holocaust gesprochen wurde, wussten die meisten etwas davon, lehnten dies aber ab. Allerdings waren die Soldaten zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich intensiv mit diesen Verbrechen zu beschäftigen. Keine kritischen Aussagen zum Holocaust gab es von Angehörigen der Waffen-SS und von Fallschirmjägern.

Gleichzeitig blickte man auf die Russen herab und war sich des besonderen Charakters des Ostfeldzuges im Klaren. Man war stolz auf die Wehrmacht oder SS, identifizierte sich mit ihnen und fühlte sich den anderen Armeen überlegen. Allerdings gab es an der Westfront und in Italien bei neu aufgestellten Verbänden eine größere Bereitschaft zu kapitulieren als im Osten oder bei Eliteverbänden. Zentrale Erfahrung in der Wehrmacht war einerseits die soziale Kontrolle und andererseits die Kameradschaft. Man begeisterte sich für die Wirkung der Waffen. Kämpfen und Vernichten wurden zum Selbstzweck. Die wachsende Kampferfahrung führte zu einer zunehmenden Brutalisierung. Sich selbst schätzten die Gefangenen meist als hart, aber nicht grausam ein.

Der alliierte Bombenkrieg scheint die Soldaten stärker beeindruckt zu haben, als man dies bisher annahm. Weniger überraschend sind die Befunde, dass der Hitler-Mythos bei abnehmender Tendenz noch Bestand hatte, die NSDAP schlecht angesehen war und die Soldaten der Waffen-SS die stärkste Identifizierung mit Hitler aufwiesen. Die Indoktrination durch die Hitler-Jugend und die Propaganda machte die Jüngeren zu besonders loyalen Soldaten. Das Attentat vom 20. Juli 1944 wurde unter Hinweis auf den Fahneneid meist abgelehnt. Erschreckend ist auch, wie lange viele Gefangene noch 1944/45 mit einem deutschen Sieg rechneten.

Eine zentrale Rolle für das Durchhalten der Wehrmacht bis zum bitteren Ende spielten die Truppenführer - und zwar unabhängig von ihrer Einstellung zum Nationalsozialismus. Ursachen waren ihre ideologischen oder professionellen Einstellungen. Sie verhinderten auch ohne Kontakt zu den Leitungsebenen in den meisten Fällen eine schnelle Kapitulation. Nationalismus und Militarismus waren verinnerlicht und führten zu einer nahezu bedingungslosen Loyalität zum Staat. Dazu kam die hohe Identifikation der Soldaten mit der Wehrmacht "bis zum bitteren Ende".

Die zentrale und gut belegte Aussage des Buches ist die große Bedeutung des Individuums selbst bei kollektiver Gewalt. "Wenn deutlich würde, dass der Krieg im Ganzen nicht ohne den Anteil des Einzelnen funktionierte, wäre viel erreicht." Das Buch ist also ein Plädoyer, das Individuum mit seinen Handlungsspielräumen - bei allen Einschränkungen - ernst zu nehmen. Unklar bleibt für den Rezensenten die Frage nach den Auswahlkriterien der Amerikaner für die abgehörten Gefangenen und damit ihrer Repräsentativität für die gesamte Wehrmacht, da zum Beispiel U-Boot-Besatzungen (500) unter den über 3000 Abgehörten stark überrepräsentiert waren. Die anderen Gefangenen stammten zwangsläufig von der Westfront, aus Italien oder aus Nordafrika. Zwar verfügten viele über Erfahrungen von der Ostfront, aber zumindest das Thema Gefangenschaft stellte sich im Osten anders als im Westen oder Süden. Bei den Debatten um den kürzlich ausgestrahlten Rommel-Film wurde zudem der Quellenwert der abgehörten Gespräche prinzipiell in Frage gestellt, ohne dies allerdings zu begründen oder gar zu belegen.

Unabhängig von diesen kleinen Fragezeichen hat Römer ein sehr wichtiges, gut lesbares, eindringliches und überzeugend argumentierendes Buch geschrieben, das hoffentlich viele Leser finden wird.

THOMAS SCHNABEL

Felix Römer: Kameraden. Die Wehrmacht von innen. Piper Verlag, München 2012. 544 S., 24,99 [Euro].

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»In seinem Buch 'Kameraden' zeigt Felix Römer Innenansichten der Wehrmacht, wie sie in dieser Tiefe bisher nirgendwo zu finden waren.« Mitteldeutsche Zeitung 20140823

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Als gut lesbar, überzeugend in der Argumentation, kurz, als empfehlenswert stuft Thomas Schnabel das von Felix Römer verfasste Buch ein. Römers Auswertung von über 100.000 Seiten Protokollen und Gesprächsmitschnitten deutscher Kriegsgefangenen anno 1943/44 im amerikanischen Fort Hunt bietet dem Rezensenten einen hohen Quellenwert. Letzterer besteht für Schnabel vor allem in der Perspektive. Ideologie, Ethos, Kampfmoral, Kameradschaft, Töten und Kriegsverbrechen aus der Sicht von einfachen Soldaten, Offizieren und Unteroffizieren haben Schnabel tief beeindruckt, aber auch bedrückt. Überraschende Befunde, wie der Eindruck des alliierten Bombenkriegs auf die Zeitzeugen, wechseln laut Rezensent mit weniger überraschenden Ergebnissen, wie demjenigen von der Dauerhaftigkeit des Hitler-Mythos. Römers Plädoyer dafür, das Individuum und seine Handlungen auch im Kontext kollektiver Gewalt ernst zu nehmen, kann Schnabel nur unterschreiben.

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