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"Das eigene Geburtsdatum ist schwer loszuwerden. Auch M. schleppt es mit sich herum." Die ersten zwanzig Jahre sind ein Gepäck, das ein Mensch nie wieder los wird. Aber die Erinnerung ist ein fragmentarischer und unzuverlässiger Ratgeber. Deshalb nimmt sich der Autor die Freiheit der Regie und der Collage, fügt Motive, Bilder und Anekdoten zu einem Opus incertum zusammen. So nannten die alten Römer eine spezielle Art ihres Mauerbaus: ein "ungesichertes Werk".
In Impressionen, Sprüngen und Exkursen folgen wir also den Geschichten des M., den Abenteuern eines, der sich den Zumutungen der
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Produktbeschreibung
"Das eigene Geburtsdatum ist schwer loszuwerden. Auch M. schleppt es mit sich herum." Die ersten zwanzig Jahre sind ein Gepäck, das ein Mensch nie wieder los wird. Aber die Erinnerung ist ein fragmentarischer und unzuverlässiger Ratgeber. Deshalb nimmt sich der Autor die Freiheit der Regie und der Collage, fügt Motive, Bilder und Anekdoten zu einem Opus incertum zusammen. So nannten die alten Römer eine spezielle Art ihres Mauerbaus: ein "ungesichertes Werk".

In Impressionen, Sprüngen und Exkursen folgen wir also den Geschichten des M., den Abenteuern eines, der sich den Zumutungen der Geschichte zu entziehen wusste: Familien-Bande und erste Liebe, frühe Lektürelust und Mediensucht, jede Art von Ausweichmanöver vor falscher Autorität, ein missglückter Sprengstoffversuch, Fahnenflucht, Schwarzhandel und dann das Glück akademischer Freiheit im Studium - noch jenseits von Pisa und Bologna: Ob es um jesuitisch geprägte Marx-Exerzitien oder, unter Vortäuschung von Altgriechisch-Kenntnissen, um ein "Mokka-Seminar" im professoralen Salon ging, um ein bisschen Linguistik oder Psychiatrie - hier ließ man ihn in Ruhe.

Aber ist es nur das Buch eines Subjekts namens M.? Der Autor selbst bewahrt uns, mit Blaise Pascal, vor dem Irrtum: "Manche Autoren sagen, wenn sie von ihren Werken sprechen: Mein Buch, mein Kommentar, meine Geschichte. Besser wäre es, sie sagten: Unser Buch, unser Kommentar, unsere Geschichte - weil gewöhnlich mehr Gutes von anderen als von ihnen darin steht."
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Seitenzahl: 239
  • Erscheinungstermin: 16. Oktober 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 213mm x 128mm x 25mm
  • Gewicht: 504g
  • ISBN-13: 9783518428214
  • ISBN-10: 3518428217
  • Artikelnr.: 52365452
Autorenporträt
Enzensberger, Hans Magnus
Hans Magnus Enzensberger wurde 1929 in Kaufbeuren geboren. Als Lyriker, Essayist, Biograph, Herausgeber und Übersetzer ist er einer der einflussreichsten und weltweit bekanntesten deutschen Intellektuellen.
Rezensionen
"Enzensbergers Autobiographie ist vergnüglich, gibt viel zu denken, ist hervorragend gestaltet ... "
Dirk von Petersdorff, Frankfurter Allgemeine Zeitung 18.10.2018
Besprechung von 22.11.2018
LITERATUR
Innen gegossen, außen lässig
Hans Magnus Enzensbergers Erinnerungsbuch „Eine Handvoll Anekdoten
– auch Opus incertum“ ist ein
Dialog des Autors mit sich selbst. Er perfektioniert darin seine Kunst, sich nicht in die Karten blicken zu lassen
VON INSA WILKE
Jetzt kommen die Bußübungen. Die Klarstellungen. Die Mythenbildung letzter Hand. „Eine Handvoll Anekdoten“ nennt Hans Magnus Enzensberger (kurz: HME) seine Kindheits- und Jugenderinnerungen bescheiden, fügt dann aber doch den Untertitel an, den Fachbegriff für eine Technik des römischen Mauerbaus: „Auch Opus incertum“. Charmant, ein bisher nie so der Öffentlichkeit anvertrautes Mauer-Werk ist es also schon, aber eines, das bitte mit Vorsicht zu genießen ist. Erinnerungen und Überlieferungen seien schließlich fragile und fragwürdige Angelegenheiten, die es überlegt zusammenzusetzen gilt. So kennt man ihn, den mephistophelischen Ironiker, der sich wie kaum ein anderer um die Literatur verdient gemacht hat und sich nun schon seit Jahren vom Rand aus das Treiben der anderen anschaut und ab und zu dazwischenruft.
Im nächsten Jahr wird HME neunzig Jahre alt und hat vorbereitend seinen Lobrednern noch einmal Stoff gegeben. Neben seiner Anleitung „Schreiben für ewige Anfänger“, die der ehemalige Lektor unter seinem Pseudonym Andreas Thalmayr im Hanser-Verlag veröffentlicht hat, sind 2018 im Suhrkamp-Verlag sein Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann und „99 literarische Vignetten“ erschienen, gewidmet den Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die „Staatsterror und Säuberungen überlebt haben, mit all den moralischen und politischen Ambivalenzen“.
Wie überleben in finsteren Zeiten? – Das ist ein Lebensthema des HME, der selbst, seit er 1957 mit „Verteidigung der Wölfe“ in die Öffentlichkeit trat, die Räume zwischen Widerstand, Mitmachen und Weglaufen ausgelotet hat.
Dieses Lebensthema klingt auch in der „Handvoll Anekdoten“ an, die er als Rhetoriker alter Schule mit der captatio benevolentiae „Nichts Besonderes aus den ersten dreißig Monaten“ beginnt, um am Ende die gar nicht so handlungsarmen, gar nicht so bescheidenen Anekdoten mit einer mittelalterlichen Kunst-Strophe noch schnell in den imaginären Konjunktiv zu setzen: „Wenn er über sich selber schreibt, / schreibt er über einen andern. / In dem, was er schreibt, / ist er verschwunden.“
Man erinnere sich – und lese dazu das sehr lehrreiche Kapitel über das Verhältnis von Hannah Arendt und Hans Magnus Enzensberger aus Thomas Wilds Buch „Nach dem Geschichtsbruch“ (Matthes & Seitz) –, dass HME Anfang der Sechzigerjahre als „Vertreter der neuen intellektuellen Generation nach dem Krieg“ galt. Hannah Arendt lobte 1964 seinen „Sinn für das Konkrete und das bedeutende Detail“ und kritisierte zugleich seine politischen Analysen und seine „hoch kultivierte Form des Escapismus“. HMEs Sprachanalysen der „Bewusstseins-Industrie“ verfehlten ihre Wirkung hingegen nicht. Die Methode „alles liegt offen, man muss es nur lesen“, mit der er Spiegel, Neckermann-Katalog und FAZ zu Leibe rückte, lässt sich jetzt gut auf ihn selbst anwenden.
Es sind die Vorkriegs-, Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsjahre, denen sich HME im Zwiegespräch mit seinem jüngeren Ich „M.“ in kurzen bebilderten Episoden widmet. Die Fotos aus dem Familienarchiv der Enzensbergers bezeugen im Zweiklang mit den zeitdokumentarischen Bildern Authentizität. Aber Obacht, plötzlich wird da die Erinnerung an die Hopfenernte im Namen des „Endsiegs“ mit einem Bild fröhlicher Kinder illustriert, die eher HMEs Enkel sein könnten. Hinter der angegebenen Bildquelle lottaleben.de verbirgt sich eine Nürnberger Werbeagentur. Zufall? Bequemlichkeit eines Autors, der schon für seine „99 literarischen Vignetten“ den konservativen Impuls unterdrückte und begeistert Wikipedia fledderte? Hat man bei den Vignetten den Eindruck, der Autor drücke sich vor dem Eigentlichen, den eigenen Haltungen und Handlungen, so handeln die Anekdoten genau davon, wenn auch immer noch verkappt, verschoben und zensiert.
Beginnen wir mit dem, was HME schon immer Vergnügen gemacht hat: der Selbsterfindung. Die Anekdote „Unter Brüdern“ beschreibt M.s diabolische Lust an der Manipulation. Da wird der winzige Bruder vom kleinen M. erpresst, eine Druckerei zu betreten, um deren Slogan „Bei uns können Sie alles drucken!“ zu überprüfen: M. „sah durch das Schaufenster zu, wie der verzweifelte Bruder seinen Wunsch vorbrachte“, um dann gedemütigt und weinend zu „seinem Peiniger“ zurückzukehren. Dazu passt, wie der fünfjährige M. beim Diebstahl eines ihm in seinen Augen zustehenden englisch-deutschen Langenscheidt-Liliput-Wörterbuchs ertappt wird. Er lässt die Demütigung nicht auf sich sitzen: „Also ging er, entschlossen, die Scharte auszuwetzen, ein paar Tage später mit größerer Umsicht vor.“
M. ist ein Glückspilz, einer, der amoralisch tut und nach seiner eigenen Moral handelt, der Hitler durchschaut und die HJ täuscht, einer, den eine „triebhafte Neugier“ treibt und der von HME als „gerissen“ bezeichnet wird, wenn es um die Schwarzmarktgeschäfte geht, mit denen der Teenager die Familie über Wasser hält. M. ist Eulenspiegel, eine literarische Figur, ein Trickser, dem noch die Bußübungen zum Vergnügen werden und mit ihm seinen Leserinnen und Lesern, denen zuliebe HME mit Zeitkolorit nicht spart. Die Säcke mit Linsen werden ihnen vor Augen geführt, die Schwemme der Dienstmädchen, die Kinderbücher, in denen Schwarze noch Menschenfresser genannt werden durften (das waren noch Zeiten!), aber auch die Nachbarschaft von Julius Streicher, die Realität von Phosphorbomben und der Nürnberger Parteitage, bei denen es hinter den Kulissen zuging wie beim Kölner Karneval, wenn Lachen des Erbrochenen in Hauseingänge schwappen.
„Der Krieg hat ihm nicht viel ausgemacht“, schreibt HME über M.: „Gewissensbisse: selten; Schuldgefühle: Fehlanzeige.“ Auf die ersten Toten habe er „merkwürdig ungerührt“ reagiert, „so als hätte er sich vor einer feindlichen Welt bereits eingeigelt.“ Man soll verstehen, dass M. verletzbar war, und nicht nur der arrogante, scham- und angstfreie jugendliche Superheld, den die Anarchie am Ende des Krieges „begeisterte“ und der diese Zeit als eine der „Freiheit“ erlebte. Römisches Mauerwerk: innen gegossen, außen lässig.
Es geht bei diesen interessanten Stellen weniger darum, dass M., so HME, zu vergessen pflegte, den Preis dieser Freiheit zu erwähnen und wegen „seiner moralischen Mängel“ und „seines Leichtsinns oft getadelt wurde“, sondern eher um Hannah Arendts Kritik an seinen politischen Analysen, wenn er von „unheimlichen Energien“ schreibt, die dafür gesorgt hätten, dass Menschen sich „verheizen ließen, statt massenhaft zu meutern und nach Hause zu gehen.“ In solchen Bemerkungen liegt eine Ungenauigkeit, die immer dann akut wird, wenn HME von sich auf andere schließt. Das gilt auch für seine witzig formulierte und im Grunde wahre, aber eben ungenaue Kritik am Bildungssystem, die er polemisch daran festmacht, „daß der Lehrkörper bis heute drei oder vier Jahre damit zubringt, den Kindern Lesen und Schreiben, Addieren und Multiplizieren beizubringen, Fertigkeiten, die sich jedes normale Kind mühelos innerhalb von sechs Wochen aneignen kann.“
Nun darf man das alles nicht für bare Münze nehmen. Aber es ist doch vielsagend, dass HME nicht imstande ist, über sich jenseits der Masken zu schreiben, die er kultiviert hat. Nur an wenigen Stellen zeigt sich die Person, die um ihre verstorbenen jüngeren Brüder trauert, die ihren Vater für seine Integrität bewundert und die in einer „vormoralischen Reaktion“ durch den Ekel beim Anblick der ausgezehrten KZ-Überlebenden zu einem chronischen Misstrauen dem Staat und seinen Amtsträgern gegenüber erzogen wurde.
Die Bußübung, die dieses Buch jenseits der amüsanten Eulenspiegelgeschichten und anrührenden Erinnerungen auch ist, nämlich als Rechtfertigung einer politischen Pose, die HME in den Sechzigerjahren einzunehmen begann, und als Eingeständnis, bis heute nur in römischer Mauertechnik über die Prägungen dieser Zeit schreiben zu können, geht weit über die Distanzierung von den Mitläufern der Nazis und in personam vom fast gleichaltrigen Antipoden Günter Grass hinaus. An einer Stelle spricht er, dessen Wappentier der unangreifbare und ungreifbare Mauersegler ist, von sich als einem schlechten Träumer: „Am Morgen weiß er nicht mehr, welchen Müll das Unbewußte ihm im Schlaf herbeigeschleppt hat. Jeder Deutung zieht er die Verdrängung vor.“
HMEs „Anekdoten“ erzählen von dieser Schwäche, die literarisch leicht in eine Stärke zu verwandeln ist. Dieses vergnügliche, immer wieder sehr warmherzige Buch eines trauernden Konservativen wirkt überraschender- und wohl unbeabsichtigter Weise wie eine Forderung, die Deutung der Träume zu übernehmen, das Verdrängte auszusprechen. Und das ist auch nötig, denn Jüngere können sich die Bequemlichkeit nicht mehr leisten, unangreifbar zu bleiben und relevante gesellschaftliche Fragen als „politische Korrektheiten“ abzutun. Es ist die Aufgabe der Enkelinnen und Urenkelinnen, gemeinsam mit den „Neu-Deutschen“ endlich die Linien der Nachkriegszeit zu unterbrechen. Die Alten werden dabei nicht helfen können, denn unsere Bewunderung geht sie nichts an.
Hans Magnus Enzensberger: Eine Handvoll Anekdoten – auch Opus incertum. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 239 Seiten, 25 Euro.
Seine Methode, „alles liegt offen,
man muss es nur lesen“, lässt sich
jetzt gut auf ihn selbst anwenden
Er ist nicht imstande, über sich
jenseits der Masken zu
schreiben, die er kultiviert hat
„Am Morgen weiß er nicht mehr,
welchen Müll das Unbewußte ihm
im Schlaf herbeigeschleppt hat“
„Gewissensbisse: selten; Schuldgefühle: Fehlanzeige“: Hans Magnus Enzensberger.
Foto: Regina Schmeken
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Dirk von Petersdorff, Frankfurter Allgemeine Zeitung 18.10.2018