Schade, dass sie eine Hure war - Ford, John

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John Ford Schade, daß sie eine Hure war ALT ENGLISCHES THEATER NEU, Band 4

Produktbeschreibung
John Ford Schade, daß sie eine Hure war ALT ENGLISCHES THEATER NEU, Band 4
Rezensionen
Besprechung von 10.04.2003
Als die Literatur
noch Recht hatte
John Fords klassischer Schocker
„Schade, dass sie eine Hure ist”
In dem Roman „Le crépuscule des dieux” des sonst zu Recht vergessenen französischen décadent Élémir Bourges plant das fin-de- siècle-typische Luder Giulia Belcredi, mit dem „düsteren Lächeln der Mona Lisa” gesegnet und logisch „sanft und eisig zugleich”, das perfekte Verbrechen: Sie liest den Bankerten des Herzogs den Byronschen „Manfred” vor und John Fords Schauerschicksalstragödie „Schade, dass sie eine Hure ist”. Die Geschwister tun wie geheißen, vollziehen den Inzest und Brüderchen entleibt sich anschließend vor moralischem Selbstekel. Die Götter dämmern, der Vorhang fällt, die Erde hat sie nimmer.
Für Oscar Wilde, selber ein gewitzigter connaisseur solch überfeinerter wie verbotener Näschereien, meinte in den Stücken der Elisabethaner John Webster und John Ford den „Schrei der Natur” zu hören. Der ertönte so laut, dass jedenfalls Fords 1633 in London uraufgeführtes Stück in den dreieinhalb Jahrhunderten seither nur selten auf die Bühne kam. „Romeo und Julia” ließ man sich eingehen, schon weil die Liebenden, denen die böse Welt ihr Glück nicht gönnte, erst tot übereinander kollabierten, aber die Fordsche Spielart der bedenkenlosen Liebe war einfach zuviel. Giovanni und Annabella sind Geschwister, außerdem beide wohlgestalten Leibes, überdies klug genug, um keinen andern als ihrer Liebe würdig zu erkennen, also nach dichterischem Willen, wenn auch nicht nach göttlichem Ratschluss füreinander bestimmt. Es ist Wahnsinn, oder eine Krankheit: „Glaubt es mir, ich bin krank”, meldet Giovanni seiner Schwester, „So krank, ich fürchte/Es kostet mich das Leben.”
Der Weg in dieses Unheil ist zwar mit reichlich Anathemata gepflastert („Wer seiner Wollust sich verdingt als Knecht/Umarmt die Hölle, macht Gott ungerecht/Und das tat ich”), allein, es kommt zum Vollzug, als wär’s die natürlichste Sache der Welt. Dazu tritt ein ausgesucht finstres Personal an natürlich italienischer Lotter- und Liederlichkeit, Zofen, Nebenbuhler, Kardinäle, aber mittendrin in all den Verbrechen triumphiert die fast keusche Liebe zwischen Giovanni und Annabella. Ihre Ehe ist im Himmel geschlossen, wer also wäre ermächtigt, sie hienieden aufzulösen?
So schlägt das Schicksal schließlich zu mit eiserner Faust, aber selbst da hat sich Ford keinerlei Zwang angetan: Das herausgerissene Herz der eigenhändig erdolchten Geliebten und Schwester auf ein Messer gespießt, betritt Giovanni den Festsaal wie ein böser Geist, ersticht den nebenbuhlerischen Soranzo und lässt sich planmäßig von dessen Mietlingen töten. „Die Mächte, die bestimmen über unsterbliche Seelen/Sie hielten mich nicht auf.” Gute alte fromme Zeit.
Der Menschen laute Lust
B.K. Tragelehn aus der Entlarvungsschule der Fa. Brecht & Müller hat das Stück übersetzt und zugunsten einer angeblich besseren Sprechbarkeit bei Anmut und Würde reichlich gespart. „Das ist genau der Punkt” ist zwar quellreines Fernsehdiskussionsdeutsch und vielleicht sogar bühnentauglich, aber sonst eher unpoetisch. Eh er sie meuchelt, stimmt Giovanni folgendes Liebeslied auf seine geliebte Schwester an: „If ever aftertimes should hear /Of our fast-knit affections, though perhaps/The laws of conscience and of civil use/May justly blame us, yet when they but know/Our loves, that love will wipe away that rigour,/Which would in other incests be abhorr’d.” Und was tut die Übersetzung? Die Übersetzung jätet sorgsam alles Poetische aus dieser Hymne und verirrt sich schließlich auch noch in der Grammatik des hohen Tons: „Wenn spätere Zeiten jemals hörn (doch, ja, „hörn” steht da)/Von unserer Einigkeit, obwohl vielleicht/Gewissens Spruch und bürgerliches Recht/Uns tadeln, dennoch, wenn sie etwas wüßten/Von unserer Liebe, wischt die Liebe weg/Strenge, die sonst die Blutschande verabscheut.”
Tragelehns Übersetzung wurde seit 1992 wiederholt aufgeführt. Diese Ausgabe ähnelt einem gebundenen Programmheft, ist aber nicht ohne Verdienst. Sie bringt allerlei Material aus der Wirkungsgeschichte sowie eine nützliche Bibliografie, mag aber nicht erklären, warum für den salvatorischen Titel „‘Tis a pity she’s a whore” im Deutschen die Vergangenheitsform gewählt wurde. Von den Druck- und Satzfehlern hält sich am hartnäckigsten die Schreibweise „Luigi Visconti” für Luchino Visconti, der das Stück 1961 im Théâtre de Paris mit dem Liebespaar Romy Schneider und Alain Delon inszenierte.
Am Ende ruht sogar ein wenig Segen auf dieser Prosa: Die Literatur hat in letzter Zeit doch einiges von jener Urgewalt eingebüßt, derer sich die frevle Giulia Belcredi noch so kennerisch zu bedienen wusste. Es muss einmal anders gewesen sein; Liebe war eine Krankheit, und der Dichter hat sie diagnostiziert. Heut schweigt der Menschen laute Lust, und dass einer die Hölle umarmte, ist auch schon länger nicht mehr berichtet worden. Liebe ist, na ja, nur so ein Spruch. Und die Gefahr, dass nach Lektüre dieses Gefühlsüberschwangs jemand seine Schwester und womöglich ohne den Segen der Kirche freite, ist dann doch eher gering.
WILLI WINKLER
JOHN FORD: Schade, dass sie eine Hure war. Deutsch von B.K. Tragelehn. Erschienen in der Reihe „Alt-Englisches Theater neu”, Band 4. Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt am Main 2002. 184 Seiten, 28 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Besprechung von 04.03.2003
Herzstücke, aber nicht medium
Zwei Theaterklassiker des englischen Barocks in Neuübersetzungen

Kannibalismus ist nur einer jener beiden ekelerregenden Triebwünsche, in deren strikter Verwerfung Kultur und die Zivilgesellschaft gründen. Der andere, der im Namen der Gemeinschaft mit Verbot belegt sein muß, ist die Inzestneigung, und doch drängt gerade die natürliche Verwandtschaft sich wohl als Grund intimster Seelenbindung auf: "Die Nähe in Geburt und Blut erzwingt nur / Nähere Nähe in der Leidenschaft." Soll so ein Bruder zu der Schwester sprechen? "Ihr müßt mich lieben, oder ich muß sterben." Muß man das dulden? "Wohin du gehst, in mir halt ich dich hier / Und weiß, wo du auch bist, ich bin bei dir." Dürfen wir wirklich mitansehen, wie Geschwister solche Sinnlichkeit ausleben und dabei gar ein Kind zeugen?

Im Theater eines John Ford jedenfalls werden wir Zeuge, wie all dies geschieht, und müssen dazu noch erleben, wie unser Entrüstungssturm in ungewollte Anteilnahme umschlägt, wenn bedingungslos passionierte Selbsthingabe die Figuren zu ihrem verwerflichen und grausigen Handeln treibt. Fords Stück "Schade, daß sie eine Hure war", 1633 in London aufgeführt und in einem kolportagehaften Renaissance-Italien angesiedelt, ist ein überhitztes Rache- und Intrigendrama aus oft erprobten Versatzstücken, die ein grelles Bühnenspektakel und damit einen Publikumserfolg versprechen. Dazu zählt auch das Inzestthema. Doch mit nie zuvor gewagter Offenheit setzt hier der Autor alles ein, um im Tabubruch nach dem wahrhaften Ausdruck verschütteter Sehnsüchte zu forschen. In brüchiger und stammelnder, vielfach vom Vers in Prosa kippender Sprache suchen die Geschwister Worte für das Unerhörte ihrer Leidenschaft und schwanken dabei zwischen ständigem Verstummen und exaltiertem Wortschwall im Gefühlsausbruch - wie wir es sonst wohl nur bei Kleist noch finden.

Überdies jedoch riskiert Fords Drama, die skandalösen Reden der verzweifelt Liebenden auf offener Bühne in Körperbilder von schrecklicher Einprägsamkeit umzusetzen. "Reiß mir die Brust auf, dort siehst du mein Herz": was wir anfangs hören und für eine schwärmerische Redensart halten, wird im Schlußakt ausagiert. Auf der Dolchspitze das rausgerissene Herz der Schwester, die er im Liebesakt erstochen hat, stellt sich der Bruder schließlich der Familie und gibt der entsetzten Allgemeinheit ein blutiges Bilderrätsel auf. Die Lösung kann kaum darin liegen, angewidert den Blick abzuwenden, denn hier wird nur ins Wörtliche gewendet, was jede gesellschaftsfähige Praxis der Passionen ansonsten metaphorisch regelt und in sprachliche Figuren bannt: "Es ist ein Herz / Ein Herz, ihr Herrn, drin meins begraben ist." Doch der entstellenden Kultivierung erst einmal beraubt, werden die schönsten Liebesschwüre zu mörderischen Albträumen menschlicher Leidenschaft. Diese sind es, die John Ford uns unerbittlich vorführt, wenn er die Schaubühne zu einer anatomischen Anstalt macht.

Mehr als zweihundert Jahre vergessen, wurde sein Werk zur Zeit der Décadence wiederentdeckt, von Maeterlinck bearbeitet, von Benjamin geschätzt und von Artaud für das "Hervorbrechen einer latenten Tiefenschicht an Grausamkeit" gefeiert. 1961 unternahm Luigi Visconti eine opulente Aufführung mit Alain Delon und Romy Schneider; 1989 ließ Peter Greenaway sich davon für seine kannibalistische, barocke Liebesbilderorgie "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" anregen. Und da wir neuerdings auch hierzulande nicht nur öffentliche Leichenschau und -sektion geboten bekommen, sondern zugleich beobachten müssen, wie medial gestiftete Entgrenzungsphantasien in reale Schlachtkammern münden, lohnt es sich um so mehr, den Blick auch wieder auf das alte Theatermedium zu richten und dessen Inszenierungen versagter Wünsche zu bedenken. Eine neue deutsche Ausgabe von Fords Stück bietet dazu jetzt Gelegenheit.

Erschienen im Verlag Stroemfeld/Roter Stern, bildet sie den fulminanten Auftakt einer von C. M. und B. K. Tragelehn herausgegebenen, sehr vielversprechenden Reihe, die uns englische Bühnenerfolge des späten 16. und 17. Jahrhunderts neu zugänglich und nutzbar machen will. Es ist die machtvolle Periode Shakespeares und seiner jüngeren Zeitgenossen, die mit Ford bereits in eine Spätzeit gesteigerter Theaterexzesse übergeht und wenig später in den Wirren von Revolution und Bürgerkrieg versinkt. Neben "Schade, daß sie eine Hure war" ist ebenfalls "Der Wechselbalg" erschienen, ein kaum minder wüstes Hofdrama um verlorene Unschuld, Liebesverbrechen, Wahnsinn und Verrat, das 1622 aus der Zusammenarbeit von Thomas Middleton und William Rowley hervorging und, in einer legendären Zürcher Inszenierung mit Bruno Ganz und Edith Clever, 1970 die Geburt der Berliner Schaubühne einleiten sollte. Beide Stücke, vom Berliner Autor und Regisseur B. K. Tragelehn neu übersetzt, werden nun in schöner Buchgestaltung mit etlichem sehr lesenswerten Material zur Quellen- und Rezeptionsgeschichte präsentiert.

Ein Vorbild dieses verdienstvollen Unternehmens ist die Reihe "The Revels Plays" des englischen Methuen Verlages, die seit langem deutlich macht, was unsere Theaterkultur mit der kanonischen Verengung auf William Shakespeare zu verlieren droht. Daher ist auch an der Konzeption von Tragelehns Projekt besonders zu begrüßen, daß sie die bekannten Werke des großen Bühnenzauberers in eine Auswahl weniger bekannter, doch ebenso brisanter Stücke von Kollegen und Rivalen einreiht. Die spannendsten Aufschlüsse ergeben sich nämlich erst, wenn wir den Querverbindungen und Durchkreuzungen der Texte auf die Spur kommen. So ist John Fords glühende Beschwörung verbotener Liebe in einer korrupten Patriziergesellschaft ganz klar Spiegelung und Gegenentwurf zu Shakespeares "Romeo und Julia". Eine Generation später greift Ford die alte Figurenkonstellation wieder auf und verkehrt nur ein entscheidendes Detail ins Gegenteil: Bei ihm brechen die bedingungslos Liebenden ein ehernes Gebot, weil sie aus demselben statt aus verfeindetem Elternhause stammen. Und statt des Händedrucks der Väter über ihren toten Kindern, mit dem Shakespeares Jugendtragödie hoffnungsvoll schließt, bleibt bei Ford nur das zynische Schlußwort über einer schönen Frauenleiche, das der Stücktitel zitiert. Blutschande duldet keinerlei Versöhnung.

Die bühnenerprobte Sprachgestalt, in der wir den vielstimmigen Stücken jetzt begegnen, ist ebenso spürbar an Brecht geschult wie an Müller geschärft und gerät doch nur vereinzelt in die Nähe manieristischer Routine. Mit einiger Drastik rauht Tragelehns Übersetzung allen polierten Ausdruck auf und scheut, wenn gestischer Gewinn zu holen ist, weder vor pointierter Wortwahl noch vor sperrigem Satzbau zurück. Bei der Lektüre sorgt die eigenwillige Interpunktion für zusätzliche Irritierung. Dennoch wird alles Stocken und Befremden letztlich produktiv, da es uns die alten Texte nahebringt, ohne die geschichtlichen Barrieren einzuebnen. Entbehrlich ist dagegen, wenn die Herausgeber zugleich als Schulmeister auftreten und sich veranlaßt sehen, einigen Interpreten, die sie im Anhang zu Wort kommen lassen, ideologiekritische Kopfnoten zu verpassen. Es darf Lesern ruhig zugemutet werden, beispielsweise über die ordnungspolitischen Voraussetzungen von T. S. Eliots Literaturbetrachtung, die ausführlich dokumentiert wird, selbst zu urteilen.

Doch derlei Beckmessertum am Rande wird in beiden Bänden reichlich aufgewogen. Wenn Fords fürchterlicher Held erklärt, "daß dieser Erdball / Verbrannt sein wird zu Asche in Minuten", oder wenn im "Wechselbalg" der Unhold sterbend resümiert: "Ich dank dem Leben nichts / Nur diese Lust. Sie hat mir so geschmeckt / Daß ich sie ausgetrunken habe" - dann können wir in ihren todestrunkenen Reden wohl Resonanzen unserer eigenen Spätzeit hören, die nicht erst mit dem Fall von Armin M. aus Rothenburg zu unheimlicher Aktualität gelangt sind. In dieser Weise bietet die Reihe "Alt englisches Theater neu" einen beispielhaften Brückenschlag zwischen philologischer und künstlerischer Arbeit, zwischen Leselust und Bühnenpraxis sowie zwischen historischer Vergegenwärtigung und aktueller Aneignung. Als nächstes in der Reihe ist "Der Sturm" angekündigt. Man darf gespannt sein, wie Shakespeares kolonialer Kannibale Caliban daraus zu uns spricht.

TOBIAS DÖRING

Thomas Middleton & William Rowley: "Der Wechselbalg". Aus dem Englischen von B. K. Tragelehn. Verlag Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt am Main 2002. 169 S., geb., 28,- [Euro].

John Ford: "Schade, daß sie eine Hure war". Aus dem Englischen von B. K. Tragelehn. Verlag Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt am Main 2002. 184 S., geb., 28,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Auf Begeisterung stößt der erste Band der neuen Reihe "Alt englisches Theater neu" bei Tobias Döring. Philologische Arbeit und bühnenpraktische Kenntnisse fließen hier dank Herausgeber B. K. Tragelehn zusammen, schwärmt Döring und begrüßt, dass in der Reihe nicht nur Shakespeares Stücke, sondern auch die anderer Kollegen und Rivalen vorgesehen sind. Viele Stücke des 16. und 17. Jahrhunderts erschließen sich erst durch Querverbindungen, meint Döring. Für ihn liest sich Fords "Schade, dass sie eine Hure war" wie eine Entgegnung auf Shakespeares "Romeo und Julia"; nur ein kleines, aber entscheidendes Detail hat Ford verdreht, teilt er mit: das Liebespaar stammt nicht aus verfeindeten Elternhäusern, sondern aus einem Elternhaus. Eine drastische Liebes- und Inzestgeschichte also, so Döring, die unversöhnlich endet und das Metaphorische ins Wörtliche wendet. Ähnlich wie bei Kleist schlage die Sprache häufig von Vers in Prosa um, schwanke zwischen völligem Verstummen und exaltierter Rede. Der Band steuert nicht nur eine neue Übersetzung bei, lässt uns Döring wissen, sondern erschließt ebenfalls Quellen zur Rezeptionsgeschichte; zuletzt ließ sich Peter Greenaway für seinen amourös-kannibalistischen Film "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" davon anregen.

© Perlentaucher Medien GmbH…mehr