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Eine Stadt in Rußland wird von Bösen Geistern heimgesucht, die ein Labyrinth aus Leidenschaft und Angst, Qual und Obsession errichten - eine Welt des Taumels, der keiner zu entfliehen vermag. In ihrer Mitte steht Stawrogin, von dem sich alle Orientierung erhoffen. Er ist ein genialisch Desillusionierter, der sich über jede gesellschaftliche und sexuelle Konvention hinwegsetzt, um doch mit jeder Ausschweifung die gleiche Schalheit zu erfahren. In Stawrogins Nähe wird eine revolutionäre Zelle gegründet, deren Mitglieder durch einen Mord zusammengeschweißt werden sollen. In den Sog der Ereignisse…mehr

Produktbeschreibung
Eine Stadt in Rußland wird von Bösen Geistern heimgesucht, die ein Labyrinth aus Leidenschaft und Angst, Qual und Obsession errichten - eine Welt des Taumels, der keiner zu entfliehen vermag. In ihrer Mitte steht Stawrogin, von dem sich
alle Orientierung erhoffen. Er ist ein genialisch Desillusionierter, der sich über jede gesellschaftliche und sexuelle Konvention hinwegsetzt, um doch mit jeder Ausschweifung die gleiche Schalheit zu erfahren. In Stawrogins Nähe wird eine
revolutionäre Zelle gegründet, deren Mitglieder durch einen Mord zusammengeschweißt werden sollen. In den Sog der Ereignisse gerät auch ein
Altliberaler, der Ziehvater jener revolutionären Zelle, der die Schönheit der Kunst gegen das Brot der Notwendigkeit verteidigt, aber auf verlorenem Posten steht.
Wie kein zweites Buch Dostojewskijs ist Böse Geister ein Roman der Stimmen: Eine ganze Stadt spricht und entfaltet ihre Tragödie in Monologen und Dialogen, die wie Kraftfelder die Handlung vorantreiben. Und es entsteht wie nebenbei ein
Handbuch vom Mißbrauch und der Perversion der Macht.

Böse Geister ist eines der düstersten Bücher Dostojewskijs, und doch funkelt es vor humoristischen und satirischen Einlagen und witzigen Dialogen: Swetlana Geiers Übersetzungskunst läßt uns hinter den Bösen Geistern einen neuen
Dostojewskij entdecken.
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 968
  • Erscheinungstermin: August 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 146mm x 58mm
  • Gewicht: 1195g
  • ISBN-13: 9783100154019
  • ISBN-10: 3100154010
  • Artikelnr.: 30844674
Autorenporträt
Dostojewskij, Fjodor M.
Fjodor Michailowitsch Dostojewskij (1821-1881) war ursprünglich Leutnant in St. Petersburg. Er quittierte seinen Dienst 1844, um freier Schriftsteller zu werden. Seine Romane 'Verbrechen und Strafe', 'Der Spieler', 'Der Idiot', 'Böse Geister', 'Ein grüner Junge', 'Die Brüder Karamasow' sowie 'Aufzeichnungen aus dem Kellerloch' liegen im Fischer Verlag in der herausragenden Übersetzung von Swetlana Geier vor.
Rezensionen
Besprechung von 01.12.1998
Auch Beamte kennen die Ekstase
Schlagen statt schmettern: Dostojewskij treibt auf deutsch die bösen Geister aus / Von Theodore Ziolkowski

Den deutschen Intellektuellen hat es Dostojewskij seit langem angetan. Für Nietzsche gehörte "dieser tiefe Mensch" zu den "schönsten Glücksfällen" seines Lebens; er galt ihm als der einzige Psychologe, von dem er etwas lernen konnte. Der junge Rezensent Theodor Heuss nannte ihn 1906 hellsichtig "den größten Dichter der russischen Sprache". In den Aufsätzen, die Hermann Hesse gleich nach dem Ersten Weltkrieg dem russischen "Mantiker" widmete, wurde er als das "Fühlhorn" gefeiert, das sich ein ganzes Zeitalter ausgebildet hatte als Organ für seine Phantasien und Träume.

Unter Dostojewskijs Romanen haben seit dem Zweiten Weltkrieg "Die Dämonen" beziehungsweise "Böse Geister" eine besondere Attraktivität ausgeübt. Thomas Mann, als er seinen "Doktor Faustus" schrieb, schätzte Stawrogin als "vielleicht die unheimlich anziehendste Figur der Weltliteratur". Schon durch den Titel wies Heimito von Doderer auf die literarische Inspiration für seine Wiener Chronik des Jahres 1926/27, auf "Die Dämonen" (1956). In dem Text zum Fernsehfilm "Dostojewskij und Petersburg" (1969) meinte Heinrich Böll, daß Dostojewskij in den "Dämonen" Liquidationstechniken und -ideologien unserer Zeit "mit exakter Prophetie" beschrieben habe. Die vierteilige Fernsehverfilmung von 1977 brachte die beunruhigende Aktualität des politischen Verschwörungsromans ans Licht.

Diese geistige Nähe hat ihren Grund vielleicht auch in der Tatsache, daß der russische Schriftsteller dieses Werk in Dresden konzipierte und - trotz der Geldnöte und der epileptischen Anfälle, trotz des Ärgers mit seinen Verlegern und der Enttäuschung über die kühle Rezeption seines Romans "Der Idiot" - zum großen Teil dort schrieb. Jeden Morgen arbeitete er in den drei möblierten Zimmern in der Viktoriastraße, die er mit Frau und Kind bewohnte. Nachmittags machte er die gewohnten Runden: zur Post, wo er sich vergeblich nach Zahlungsanweisungen erkundigte, zum Zwinger, wo er stundenlang vor seinen Lieblingsgemälden verweilte, zum Lesesaal, wo er sich mit den ausländischen Zeitschriften beschäftigte, zum Italienischen Dörfchen, wo er blauen Aal aß, und zum Großen Garten, wo er den öffentlichen Konzerten zuhörte. Dresden, zu dem er "eine eigene Schweiz im Taschenformat" rechnete, wird ja in diesem russischen Roman an wichtigen Stellen erwähnt - vor allem im Zusammenhang mit Raffaels "Sixtinischer Madonna", "die Idee der ewigen Schönheit", und Claude Lorrains "Acis und Galatea", in dem Stawrogin das Ideal vom Goldenen Zeitalter erblickte.

In Dresden verhärtete sich auch - unter den europäisierten Emigranten der russischen Kolonie, unter den ihm unsympathischen Deutschen und unter dem entgeisternden Eindruck des Deutsch-Französischen Kriegs - seine slawophile Ablehnung einer zersetzenden westlichen Zivilisation. So trug er sich mit dem Plan eines "Lebens eines großen Sünders", eines russischen Faust, der durch Verbrechen und Glaubensverlust endlich den Weg zur Erlösung erkämpfen sollte. Bald entstand neben diesem vorwiegend religiösen ein zweites, eher politisches Projekt. Als Dostojewskij im Winter 1869/70 von der Ermordung eines Studenten in Moskau erfuhr, der von seinen Mitstreitern umgebracht worden war, weil er sich von ihrer Verschwörergruppe zurückziehen wollte - die berüchtigte Netschajev-Affäre -, wollte er ein Tendenzstück als "Roman-Pamphlet" gegen den Nihilismus der sechziger Jahre schreiben. Allmählich - wir können das in seinen Notizheften verfolgen - verwickelten sich die beiden Projekte ineinander, und es entstand der Roman, der ab Januar 1871 in der Zeitschrift "Russischer Bote" erschien.

Es ist fast ein Wunder, daß aus einer so komplizierten Genese Dostojewskijs spektakulärstes, am meisten diskutiertes Werk entstand - das Musterexemplar eines "politischen" Romans, gerade weil er keine Ideologie vertritt, sondern das gesellschaftliche Chaos darstellt, aus dem sich Ideologien destillieren. "Böse Geister" hat nicht einen Helden, sondern eine Gruppe von Gestalten, die einander kaleidoskopartig ablösen, indem sie aus unversöhnlichen Perspektiven aneinander vorbeireden. Jede dieser Figuren könnte einen Roman für sich beanspruchen: der byronsche Stawrogin, der durch seine Verbrechen über Gut und Böse hinauszugehen versucht, sich aber aus Verzweiflung über die Lüge seiner Existenz erhängt; dessen ehemaliger Lehrer, der belächelte Altliberale Stepan Trofimowitsch Werchowenskij; dessen intriganter Sohn Pjotr, der terroristische Führer der Anarchisten-Zelle; der slawophile Schatow (und des Verfassers wahrer Doppelgänger), der in den Verdacht des Verrats gerät und deswegen von der anarchistischen Zelle ermordet wird; der atheistische Kirillow, der aus konfusen philosophischen Prinzipien heraus Selbstmord begeht und die Verantwortung für den Mord an Schatow auf sich zu nehmen versucht; der posierende Großschriftsteller Karmasinow, in dem Dostojewskij seinen ideologischen Gegner Turgenjew karikiert.

Die Zentralgestalt des Romans ist die Gesellschaft der russischen Provinzhauptstadt, deren Frieden durch die Ereignisse eines Spätsommermonats um 1870 gestört wird. Diese Gesellschaft, die neben etwa vierzig namentlich genannten Personen auch durch Gruppen von Fabrikarbeitern und Bauern sowie typische Figuren wie "die Gymnasiasten" oder "die Studentin" verkörpert wird, bietet Gelegenheit für die brisanteste soziale Satire, die Dostojewskij geschrieben hat, wobei kein Individuum und kein Stand seinem Spott entging. Die Stimme der Stadt ist der Chronist Anton Lawrentjewitsch, der einige Monate nach den September-Ereignissen seinen Bericht verfaßt und der - als Freund und Bekannter der Hauptfiguren, als Mitglied des "Clubs" sowie des liberalen Kreises um Stepan Trofimowitsch und als Zeuge der wichtigsten Episoden - die Meinungen und Reaktionen der Gemeinschaft fast chorartig zum Ausdruck bringt. Auf die Heilung dieser kranken Gesellschaft durch die Austreibung der sie infizierenden "bösen Geister" hofft der slawophile Dostojewskij.

Am Anfang sehen wir eine Gesellschaft, deren Gärung sich im Streik der Fabrikarbeiter konkretisiert; in der Sehnsucht der kleinen Beamten nach Veränderung, die Pjotr zu einer Fünf-Mann-Zelle - angeblich Teil einer größeren Verschwörung - organisiert; im Ennui der Gouverneursgattin und ihrer Freunde, deren Wohltätigkeitsfest durch jene Terroristen gestört wird, bei denen sie sich, weil es schick ist, anzubiedern versuchen. In diese zermürbte und allen ablenkenden Aufregungen offenstehende Gesellschaft kehren Stawrogin, Pjotr, Schatow, Kirillow und andere aus Westeuropa und Amerika zurück. Dem ränkesüchtigen Pjotr gelingt es, die fünf naiven Bürger "zum Zweck der systematischen Zersetzung der Gesellschaft" zu Störungen und zum Morden aufzuwiegeln. Am Ende liegen neben Unschuldigen auch die meisten Hauptpersonen durch fremde oder eigene Hand ermordet da. Nur Pjotr hat sich aus dem Staub gemacht. Die nationale Verschwörung, von der er geprahlt hatte, stellt sich als ein Trug heraus.

Die Einwohner der Provinzhauptstadt und deren Chronist bleiben zurück, vielleicht - Dostojewskij läßt die Frage offen - geheilt durch die Austreibung ihrer bösen Geister (wie bei den Gadarener Säuen des Neuen Testaments). Auch Stawrogins Tod, obwohl seine eher philosophisch-religiöse Motivierung (aus dem ursprünglichen Projekt des "großen Sünders") mit der politischen Verschwörung nur locker zusammenhängt, spielt eine erlösende Rolle. Denn in seiner Spannung zwischen einer protonietzscheschen Immoralität und einer slawophilen Religiosität verkörpert er das Spektrum von Ideen und Mächten, die in zerstörerischer Intensivierung auf die Figuren des Romans verteilt sind.

Dostojewskijs "Böse Geister" sind dem deutschen Leser in verschiedenen Verkleidungen erschienen - etwa als "Besessene" (in der Übersetzung von H. Putze, 1888), als "Dämonen" (E. K. Rahsin, 1906) oder als "Teufel" (H. Röhl, 1921; in späteren Auflagen geändert in "Dämonen"). (Alle vier Möglichkeiten werden durch die Lutherische Übertragung der Lukaserzählung von den Gadarener Säuen gewissermaßen autorisiert.) Aber jede Generation verdient eine ihr gemäße Übersetzung kanonischer Werke. Swetlana Geier, die sich durch Neuübertragungen von "Verbrechen und Strafe" und "Der Idiot" bereits hervorgetan hat, bietet eine energische, sehr lesbare Verdeutschung des Romans. Gegenüber den älteren Versionen hat sie einige Stellen korrigiert. Wo etwa bei Röhl "jemand einem kleinen Kind den Kopf zerschmettert", läßt ihm Geier richtiger "den Schädel wegen des Kindes" einschlagen. Idiome werden modernisiert: "auf Tuchfühlung" kommt dem soldatischen Jargon näher als "Fühlung mit den Ellbogen". Die verschiedenen Sprachebenen - von der französierenden Eleganz der provinziellen Elite über die "administrative Ekstase" der Beamten bis zum Dialekt der Bauern und Arbeiter - werden genauer reproduziert. Wo bei Röhl der Zuchthäusler Fedjka ein richtiges Hochdeutsch spricht, läßt ihn Geier (wie auch Dostojewskij) mit Wendungen wie "Astrolom" oder "Planiden" sich versprechen. Und das bedeutungsvolle Kapitel "Bei Tichon", in dem Stawrogin dem verehrten Bischof seine schändlichen Sünden bekennt und sein Credo erklärt, das aber aus Gründen des Anstands bei der Erstveröffentlichung vom Verleger weggelassen wurde und erst 1921 wieder auftauchte, wird hier an seinen richtigen Platz (im zweiten Teil des neunten Kapitels) eingerückt. So liest man diesen großen Roman, wie ihn der Verfasser ursprünglich geschrieben hat. Ein Anhang enthält neben einem Namenverzeichnis der wichtigsten Personen und einer Übersetzung der französischen Textstellen auch nützliche Anmerkungen.

Die Geschichte hat bewiesen, daß die bösen Geister Rußlands und Europas durch den Terrorismus und Anarchismus des neunzehnten Jahrhunderts noch lange nicht ausgetrieben wurden. Die neue Übersetzung dieses Romans begegnet einer politisch-religiösen Welt, in der dieselben Geister noch wüten.

Fjodor Dostojewskij: "Böse Geister". Roman. Aus dem Russischen übersetzt von Swetlana Geier. Ammann Verlag, Zürich 1998. 967 S., geb., 98,- DM.

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