Ende der Hypnose - Reuß, Roland

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Dreißig Jahre nach dem Vordringen digitaler Technik ins Wohnzimmer leiden wir immer noch unter der kollektiven Hypnose, die Marshall McLuhan als erste Konsequenz der Heraufkunft eines neuen Mediums diagnostiziert hat. Wer sich ihr zu entwinden versucht und Kritik am fallout der Digitalisierung übt, wird schnell als konservativ denunziert - obwohl allein Kritik so etwas leisten könnte wie eine Überschreitung des Rahmens, der von den zunehmend monopolistischer agierenden Großkonzernen wie Google, Apple, Microsoft et al. vorgegeben wird. Deren Interessen spiegeln sich im manipulierten Bewußtsein…mehr

Produktbeschreibung
Dreißig Jahre nach dem Vordringen digitaler Technik ins Wohnzimmer leiden wir immer noch unter der kollektiven Hypnose, die Marshall McLuhan als erste Konsequenz der Heraufkunft eines neuen Mediums diagnostiziert hat. Wer sich ihr zu entwinden versucht und Kritik am fallout der Digitalisierung übt, wird schnell als konservativ denunziert - obwohl allein Kritik so etwas leisten könnte wie eine Überschreitung des Rahmens, der von den zunehmend monopolistischer agierenden Großkonzernen wie Google, Apple, Microsoft et al. vorgegeben wird. Deren Interessen spiegeln sich im manipulierten Bewußtsein einer zutiefst verunsicherten Öffentlichkeit, die sich mehr oder weniger bereitwillig über das Medium ausbeuten läßt. Das Einverständnis mit der immer mehr alle Kreativität erstickenden Entwicklung wird als 'alternativlos' verstanden. Die Analysen von »Ende der Hypnose« wenden sich gegen die weitverbreitete Komplizenschaft mit den technokratischen Grundzügen des Zeitalters. Sie versuchen, einen nach vorne gewandten Begriff von Kritik zu gewinnen, der die Gegenwart an ihren eigenen Ansprüchen auf Freiheit, individuelle Entfaltung und Authentizität mißt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Stroemfeld
  • Seitenzahl: 125
  • Erscheinungstermin: September 2012
  • Deutsch
  • Abmessung: 177mm x 113mm x 15mm
  • Gewicht: 136g
  • ISBN-13: 9783866001411
  • ISBN-10: 386600141X
  • Artikelnr.: 36385936
Autorenporträt
Roland Reuß, Jahrgang 1958, Studium in Heidelberg. Dissertation mit einer Arbeit zu Hölderlin: '.../ Die eigene Rede des andern.' Hölderlins Andenken und Mnemosyne (erschienen bei Stroemfeld/Roter Stern 1990). Herausgeber der editionswissenschaftlichen Zeitschrift Text.Kritische Beiträge (Stroemfeld/Roter Stern 1995ff.)
Rezensionen
Besprechung von 06.10.2012
Der Wutkulturbürger

Die Fortschreibung der "Minima Moralia" im Zeitalter der Digitalisierung: Der streitbare Philologe Roland Reuß geht aufs Ganze, verdammt das Internet und rettet das Buch. Dass er dazu selbst eines schreibt, ist nur konsequent.

Von Edo Reents

Wenn nicht alles täuscht, regt sich das früher nur von konservativen Knochen geäußerte Bedürfnis, das Internet einfach mal oder am besten für immer "abzuschalten", in letzter Zeit häufiger. Legion sind die Bücher, die sich, statt mit dem unzweifelhaft immer noch vorhandenen Nutzen, mit den eher nachteiligen psychosozialen Folgen der Internetnutzung befassen. Die Hypnose, in die der Übertheoretiker Marshall McLuhan jede mit einem neuen Medium konfrontierte Gesellschaft versetzt sah, scheint anderen Störungen gewichen: Aufmerksamkeitsdefizit, Gedächtnisschwund, allgemeine Zerstreuung.

Das "Ende der Hypnose" ruft nun, an McLuhan anknüpfend, Roland Reuß in einem kleinen, aber feinen Buch aus. "Vom Netz und zum Buch" - der zunächst etwas ungelenk wirkende Untertitel macht die absehbare Stoßrichtung noch deutlicher: Das "vom" nicht nur rein thematisch verstanden ("über das Netz"), sondern vor allem auch im Sinne von "vom Netz gehen", also "abschalten".

Dass dies ginge und sogar erforderlich wäre, ist ein Befund, den Reuß mit gepfefferter Kulturkritik würzt. "Der dumme, mit politischer Resignation und Zynismen paktierende Spruch, man könne ,das Netz' nicht abschalten, erinnert mich an den nicht minder dummen, man bekäme seinen Strom aus der Steckdose, nicht aus Atomkraftwerken. Beides sind Nullsätze, weil sie der Frage des politischen Umgangs, der Frage nach der Einhegung des Schädlichen an Technik, der Kulturfrage par excellence, mit Absicht ausweichen."

Der scharfe und zugleich kühle Ton dieser Aphorismen erinnert an die "Minima Moralia". Damit ist das Buch hoch, aber nicht zu hoch gehängt. Es birgt hinter buchmacherisch wertbeständiger Fassade eine gedankliche Wucht, die sich allein schon aus der hochpolitischen Analyse ergibt und Adornos Projekt, vielleicht unbewusst, fortschreibt. Waren die "Minima Moralia" noch von einer allgemeinen Heillosigkeit ausgegangen, die durch das (falsche) politische und wirtschaftliche System verursacht wurde, so sieht Reuß das Politische jetzt gleichsam von der Technik vertilgt, es ist in die Vertriebswege unserer Kommunikation abgewandert und deswegen nicht mehr sichtbar.

Mit nicht nachlassender Insistenz umkreist Reuß die Monopolisten Google und Facebook, die für den (naiven) Nutzer schöne bunte Geräte bereitstellen und ihn dabei in einer Weise ausnehmen und versklaven, wie Adorno sich das selbst vom abhängigsten Lohnarbeiter nicht albträumen ließ: indem sie die Wahrnehmungsstrukturen deformieren und einen Begriff von "Kultur" kassieren, an den Reuß unbeirrbar glaubt - Kultur als etwas, das Freiheit und Konzentration zur Voraussetzung hat.

Der Heidelberger Germanist, der als Herausgeber von philologischen Großtaten wie einer Kleist- und einer Kafka-Ausgabe sowie als Initiator des Heidelberger Appells für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte ausgewiesen ist, glaubt nicht nur an Wort und Schrift, sondern vor allem auch daran, dass es nicht gleichgültig ist, wo, in welchem Kontext und wie diese publiziert sind. Nicht jede Tirade auf die Internet-Konzerne ist dabei neu; neu oder in dieser Zuspitzung verblüffend (und wiederum an Adorno erinnernd) ist dagegen der politische Zusammenhang, den Reuß dabei herstellt: "Wer Firmen wie Google oder Facebook ,gut' findet, hat den korrumpierenden Primat allesunterjochender Werbung mit allen seinen gruseligen Nebeneffekten schon akzeptiert; für das Projekt einer Reform von Gesellschaft im Spätkapitalismus scheidet er damit aus." Schon der Augenschein spricht für diese Diagnose: Wirkliche Systemkritik wird im Netz kaum geübt, die gibt (oder gab) es nur im Buch.

Und hier, über die Verteidigung authentischer, sorgfältig fabrizierter und von kommerziellen Einflüssen unbehelligter Schriftlichkeit, ergibt sich der Effekt, dass das sich kulturell aufgeschlossen gebende Gerede über die Wissens- und Informationsgesellschaft gerade jene von den digitalen Strukturen geschaffene und zuletzt ökonomische Abhängigkeit von "Wissen" und "Information" befestigt. Unnachgiebig attackiert Reuß den Mitmach-Optimismus, der immer nur noch mehr Daten, aber nie Kritik produziert.

Dies alles ist nicht einfach bloß Wasser auf die Mühlen von Kulturpessimisten, die glauben, es reiche noch für einen Intellektuellen, wenn er sich beim Knöpfchendrücken dumm anstellt. Hier schreibt ein hochgebildeter Wutkulturbürger mit scharfem, unabhängigem Blick, den das Temperament nur manchmal aus der Kurve trägt ("Der Mensch, das Wild, wird, bei lebendigem Leib bereits, zerlegt"). Was Autorschaft und Autorität miteinander zu tun haben, droht in der allgemeinen Vernetzung aus dem Blick zu geraten. Roland Reuß führt uns den Zusammenhang exemplarisch vor.

Roland Reuß: "Ende der Hypnose". Vom Netz und zum Buch.

Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main 2012. 128 S., br., 12,80 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Eingenommen ist Kurt Drawert für Roland Reuss' Auseinandersetzung mit der Kritik an den Kritikern der Digitalisierung des Lebens, die häufig allzu schnell und leichtfertig als konservative Technikfeinde abqualifiziert werden. Der Essay des Autors ist für ihn ein glänzendes Plädoyer der Aufklärung zur Beendigung der "digitalen Hypnose". Beim Kritikverständnis und beim humanistischen Ton von Reuss fühlt sich Drawert an Kant erinnert. Sympathisch ist ihm, wie sich der Autor um Wahrheit bemüht, ohne sie als Gewissheit zu behaupten. Sein Fazit: "ein kluges, ein wichtiges, ein wunderbares Buch".

© Perlentaucher Medien GmbH