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"Meine Tage sind ein wüstes Ankämpfen gegen die Zeit." Walter Kempowski
Mit seinem vielbändigen "Echolot" fand Walter Kempowski eine literarische Form für das kollektive Gedächtnis. Darin bewahrte er auf, was uns allen verloren zu gehen drohte. Seine eigenen Tagebücher dagegen sind der literarische Ort seines individuellen Gedächtnisses und gewähren einen faszinierenden Einblick in das Seelenleben eines der bedeutendsten Schriftsteller der deutschen Gegenwartsliteratur.
Er könne gar nicht begreifen, sagte Walter Kempowski einmal, dass es Schriftsteller gebe, die kein Tagebuch führen
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Produktbeschreibung
"Meine Tage sind ein wüstes Ankämpfen gegen die Zeit." Walter Kempowski

Mit seinem vielbändigen "Echolot" fand Walter Kempowski eine literarische Form für das kollektive Gedächtnis. Darin bewahrte er auf, was uns allen verloren zu gehen drohte. Seine eigenen Tagebücher dagegen sind der literarische Ort seines individuellen Gedächtnisses und gewähren einen faszinierenden Einblick in das Seelenleben eines der bedeutendsten Schriftsteller der deutschen Gegenwartsliteratur.

Er könne gar nicht begreifen, sagte Walter Kempowski einmal, dass es Schriftsteller gebe, die kein Tagebuch führen würden. Ihm selbst war das Tagebuchschreiben viele Jahre lang ein tägliches Exerzitium, mit dem er in seismographischer Empfindlichkeit auf die andrängenden Ereignisse reagierte und mit dem er kleinen und großen Tragödien Herr zu werden versuchte.

Diese Bücher galten ihm, neben den Romanen und dem "Echolot", als dritte Säule seines Schaffens. Nach "Sirius", "Alkor" und "Hamit" erscheint nun mit "Somnia" das Tagebuch aus dem Jahre 1991. Der Titel ist in einem umfassenden Sinn zu verstehen. Denn enthalten sind einerseits die tatsächlichen Träume, die der Autor des Morgens notierte, andererseits aber auch die Sehnsüchte, die ihn umtrieben und die sich teilweise erfüllten, teilweise aber auch unerfüllt blieben. "Somnia" ist das letzte Werk, das Walter Kempowski noch zu Lebzeiten fertigstellen konnte.
  • Produktdetails
  • Verlag: Knaus
  • Seitenzahl: 556
  • Erscheinungstermin: 4. April 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm
  • Gewicht: 772g
  • ISBN-13: 9783813503135
  • ISBN-10: 3813503135
  • Artikelnr.: 23334261
Autorenporträt
Kempowski, WalterWalter Kempowski, geboren am 29. April 1929 in Rostock, starb am 5. Oktober 2007 in Rotenburg an der Wümme. Er gehört zu den bedeutendsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 11.06.2008

Medientagebuch und Mördergrube
Wiedervereinigt mit der Geschichte: Walter Kempowskis Aufzeichnungen aus dem Jahr 1991
Ein Eintrag aus Walter Kempowskis Tagebuch von 1991 gilt dem Zappen. Da schreibt er: „,Zapper‘ heißen die Leute, die dauernd das Programm wechseln.” Der Zapper war damals, als das Privatfernsehen gerade erst begann, unser Leben umzukrempeln, noch ein neues, kulturkritisch beklagtes Phänomen. In den besseren Kreisen zeigte man mit dem Finger auf den, der zappte – wie auf jemanden, der nicht still auf seinem Stuhl sitzen kann. Bei Kempowski ist das anders. Er ist förmlich von stolzer Freude erfüllt, für ein neues Medien-Verhalten sogleich einen anschaulichen Begriff zur Hand zu haben. Weiß er, dass er selber zu den Zappern gehört? Wenn es je einen begnadeten Zapper gab, dann war es nämlich Walter Kempowski.
Sein neues, nun posthum erschienenes, aber noch von ihm selbst redigiertes Tagebuch „Somnia” ist auch ein Fernseh-Tagebuch. Wie sein Kollege Peter Rühmkorf, dessen Tagebücher geradezu Exzesse des TV-Glotzens dokumentieren, hat auch Kempowski haltlos ferngesehen. Das ist nicht überraschend. In gewisser Weise ist das Fernsehen ebenso wie das „Echolot” ein kollektives Tagebuch. Eines, das der Nutzer sich individuell zusammenstellt, indem er beherzt und umherschweifend von der Fernbedienung Gebrauch macht. Wie sollte Kempowski davon nicht fasziniert sein?
Immer mittendrin
„TV: Die Möglichkeit, 16 Programme empfangen zu können, bringt dem Fernsehzuschauer seine Kreativität zurück. Er kann sich eine Collage der Wirklichkeit zusammenstellen, die nur von ihm gemacht wird, also ein Original. Allerdings verschwindet es sofort, es wird nicht festgehalten. Es ist also nichts zu beweisen.”
Aber auch das Tagebuch selbst, wie es Kempowski betreibt, folgt dem Prinzip des Zappens. In kurzen Abständen wird zwischen den Themen hin- und hergesprungen. An keinem Punkt wird so lange verweilt, dass sich eine Geschichte mit Anfang und Ende ergeben würde. Immer ist man mittendrin, ohne genau zu wissen, woran man ist, weil man den Anfang mal wieder nicht mitbekommen hat. „Es ist also nichts zu beweisen” – das gilt unbedingt auch von „Somnia”. In diesem Tagebuch geht es nie um die lückenlose Argumentation, um die restlose Durchleuchtung eines Sachverhalts: „Den Ober-Grünen Ströbele hat es erwischt, er hat in Israel irgendwas Saudummes gesagt.” Was er genau gesagt hat, wird nicht mitgeteilt. Man erinnert sich nur noch dunkel. Das ist aber auch nicht wichtig. Was zählt, ist der ungefilterte Affekt. „Herrlich, dass wir die Frau Ditfurth nicht mehr sehen müssen.”
Es sind die Emotionen, Ressentiments, Empfindlichkeiten und Verstimmungen, die Glücksgefühle des Rechtbehaltens und des Triumphierens, die spöttische Abrechnung mit lebenden und toten Gegnern, von denen die Seiten handeln. Ein gutes Tagebuch ist nie das Zeugnis einer edlen Seele. Und der wunderbare Kempowski alles andere als ein Stoiker, der sich beherrscht und die hässlichen Gedanken seines Innenlebens unterdrückt. Eine Zensur durch das moralische Über-Ich findet nicht statt. Keiner plaudert freimütiger aus der Mördergrube, die unser Herz ist, als Kempowski. Interessanterweise ist es gerade diese Eigenschaft, die seine Tagebücher zu so einer liebenswerten und belebenden Lektüre machen: „Ein äußerst brutaler US-Krimi erfrischte mich. Zwei Stunden Dürrenmatt schenkte ich mir.”
Kempowski hat sich bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr – und kein Ehrendoktor und keine Aufwartung durch den Bundespräsidenten vermochten daran etwas zu ändern – als einen Ausgegrenzten, von den Tischen des Establishments und der Kulturschickeria Ferngehaltenen empfunden. Hört er die Namen Böll oder Grass, schon ist die Stimmung dahin. Er, der als junger Mensch acht Jahre in Bautzen, im Gelben Elend, interniert war, war seither ein aufrechter Antikommunist – in einer Zeit und einem Kulturmilieu, dass Thomas Manns Satz, der Antikommunismus sei die Grundtorheit des Jahrhunderts, für weise hielt. Da hat sich über die Jahre bei Kempowski vieles angestaut. Und nun ist die Mauer gefallen, die mächtige Sowjetunion zusammengebrochen und er irgendwie doch noch in der Zielgeraden des Weltenlaufs Gewinner der Geschichte geworden, und doch wird ihm der Sieg nicht richtig zuerkannt. Zwar schlägt sein Herz höher, wenn im Verkehrsfunk plötzlich von Stau vor Eisenach die Rede ist und voller Befriedigung stellt er fest, dass auf den Briefmarken wieder „Deutschland” stellt, aber die Linken wollen ihre Niederlage nicht eingestehen. Günter Grass und Lafontaine wettern gegen die Wiedervereinigung, und seine alten Landsleute aus Mecklenburg, auf die er sich so sehr gefreut hatte, tun so, als hätte der Westen sie geplündert und um alles Glück der Welt gebracht. Da vergeht Kempowski die Hochstimmung. Grimmig notiert er: „Jetzt, wo der Spuk vorüber zu sein scheint, packt mich erst die kalte Wut über das 68er Intellektuellenpack. Ich hätte die größte Lust, den ,Alkor‘ (ein früheres Tagebuch) zum Abrechnungsbuch zu machen, würde mich nicht scheuen, denunziativ zu werden. Die Liste ist lang genug.”
Im Alltags-Gang
Kempowskis bestes Tagebuch ist „Hamit”, ein Dialektausdruck für Heimat. Es umfasst das Jahr 1990, als Kempowski erstmals nach Jahrzehnten wieder in seine Heimatstadt Rostock reisen kann. Wenn man „Somnia” vielleicht für nicht ganz so brillant hält wie „Hamit”, dann vielleicht, weil das Jahr 1991 alle Motive des Wiedervereinigungsjahrs fortschreibt, ohne die jungfräuliche Frische ihres ersten Auftauchens zu haben. Nun ist das Rollenverhalten schon ziemlich eingespielt zwischen den Wiedervereinigungsgegnern und den Patrioten. Die Stasi-Akten bringen eine Ungeheuerlichkeit nach der anderen an den Tag, in den neuen Ländern tauchen Skinheads auf, in Ost und West wird über „Schein-Asylanten” diskutiert und die Stimmung ist allgemein von gereizter Wehleidigkeit. Die Weltgeschichte hat Kurs gehalten, aber in den Alltags-Gang runtergeschaltet. Zumindest was Deutschland betrifft.
Auf internationaler Ebene hingegen ist das Jahr 1991 dramatisch. Und Kempowski verfolgt alles genau mit am heimischen Fernseher. Der erste Irak-Krieg unter Bush senior, der gescheiterte Putsch gegen Gorbatschow und das anschließende offizielle Ende der Sowjetunion, die Unabhängigkeitserklärungen der baltischen Staaten und der Beginn des Kriegs im ehemaligen Jugoslawien. „Wir sind”, notiert Kempowski einmal, „mit unserer Geschichte wiedervereinigt.” Tatsächlich identifiziert Kempowski sich fast verschmelzend mit Deutschland. Die Nation wird dabei vorgestellt wie ein Individuum: „Die blonden Esten. Ob die uns wenigsten mögen? Man sehnt sich so nach Sympathie.” Nichts regt ihn deshalb mehr auf, als wenn die Medien den Deutschen Ausländerfeindlichkeit vorwerfen. Eine „Medienblase” sei das. Bei diesem Thema sieht man die Schattenseiten von Kempowskis Lagerdenken vielleicht am schärfsten. Schon weil die Linken für die Ausländer sind, muss er dagegen sein. In seinem Trotz ist ihm auch abenteuerlichste Dialektik Recht: „Und außerdem hassen uns die Ausländer dafür, dass wir sie aufnehmen.”
Ein anderer wichtiger Gegner in diesem Jahr ist die Friedensbewegung. Da macht Kempowski manch guten Punkt. Wobei der Reiz des Tagebuchs wie gesagt nicht in der Wahrheit, sondern im aufblitzenden Affekt liegt. „,Ich will nicht sterben!‘ steht hier in Münster an einer Hauswand. Davon ist ja auch gar nicht die Rede! Kein Gedanke! Jedenfalls nicht auf der Stelle.” Köstlich, wie sich Kempowski am Urheber eines Satzes, der ihn ärgert, rächt, indem er diesem seine Sterblichkeit unter die Nase reibt. Köstlich und vollkommen idiosynkratisch. So ist Tagebuch.
Was heißt es, ein Leben zu leben? Es heißt vor allem, mal schlechter Laune zu sein und mal guter. Die Gründe für das eine oder das andere sind meist ephemer. Schlechte Laune herrscht immer, wenn Kempowski sich von Kollegen geschnitten fühlt. Das kommt jeden dritten Tag vor: „Man müsste diese Leute einfach mal fragen: ,Sagen Sie mal, was liegt eigentlich gegen mich vor? Gibt’s Akten?‘” Gute Laune dagegen, wenn sich doch noch Zeichen einstellen, die auf Ruhm deuten: „Der Flughafenmensch in Bremen erkannte mich und gab mir einen besonders guten Platz am Notausgang.” Und dann ist da noch die Ehefrau. „Eben höre ich, dass Hildegard vor sich hin pfeift. Sie hängt die Teppiche auf. Auch schön, eine Ehefrau mit guter Laune zu haben.”IJOMA MANGOLD
WALTER KEMPOWSKI: Somnia. Tagebuch 1991. Knaus Verlag, München 2008. 557 Seiten, 24,95 Euro.
Walter Kempowski: „Lesung in der Akademie der Künste. Wenn man da Mitglied ist, kriegt man kein Honorar – schmerzlich.” Foto: Regina Schmeken
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 29.03.2008

Nie wieder was davon gehört

Das letzte Buch, das Walter Kempowski fertiggestellt hat: Sein Tagebuch "Somnia" hadert mit den historischen Umbrüchen des Jahres 1991 - und mit täglichen Lästigkeiten.

Von Hannes Hintermeier

Wir schreiben das Jahr, in dem der Kommunismus "in einer großen Wolke von Schutt untergegangen" ist. Es ist das Jahr des ersten Irak-Krieges, als Saddam Hussein die dreiste Spielfigur im ersten Fernsehkrieg der Geschichte gibt. Sechzehn Fernsehprogramme bieten, so notiert der leidenschaftliche Fernsehkritiker Walter Kempowski, die Möglichkeit, sich seine eigene Wirklichkeit zusammenzustellen. Es ist auch das Jahr, in dem er die Reaktionen auf sein erstes Tagebuch "Sirius" verkraften muss; in dem er häufig in seine alte Heimatstadt Rostock und quer durch Neufünfland fährt; in dem er hadert mit Nachbarn, Gesundheit, Literaturbetrieb. Es berühren sich Weltgeschichte und Leibschneiden, schlechte Schnitzel und perfekte Kirchenmusik, Hakeleien mit dem Verlag und lästige Besucher, merkwürdige Träume und unauslöschliche Hoffnungen.

Dabei könnte es Walter Kempowski in jenem Jahr, wenn er denn der ausschließliche Rechthaber gewesen wäre, der er angeblich gewesen ist, doch recht wohl ergangen sein. Aber wie das so ist, wenn einem der Lieblingsfeind wegstirbt: Es fehlt schon etwas, auch wenn der "absolut mausetote" Kommunismus noch genug Zerstörung in seinem Strudel hinterlässt, um einem wie ihm Reibungshitze zu liefern. Denn Kempowski leidet auf seine manchmal abstrakte Weise mit den Menschen, mit denen er als Misanthrop nicht kann. Und er hadert mit denjenigen, die das System im Westen perpetuiert haben. "Kalte Wut" packt ihn "über das 68er-Intellektuellen-Pack", Denunziationen nimmt er sich vor - für seinen nächsten Tagebuch-Band.

Auch damals schon kommt das richtige Leben vermeintlich aus der Fernsehen; und das hält gleichmütig fest, wenn Gorbatschow auf der Krim in Geiselhaft genommen oder in den Alpen Sport getrieben wird. Immer eines neben dem anderen - und auf verteufelte Weise gleich ärgerlich. Denn Stänkern, manchmal Pöbeln, mag Kempowski schon sehr. Seine Übellaunigkeit gibt er ungern an der Garderobe ab, gleich am Neujahrstag notiert er: "Merkwürdig, dass es keinen Schanzensprung für Frauen gibt, sonst drängen sie sich doch überall rein. Boxen tun sie doch schon? Skisprung führt wohl zu Unterleibsverletzungen, da senkt sich die Gebärmutter irgendwie. Bei der Schießerei machen sie schon mit, ohne dass feministische Friedensvereine bislang Einspruch erhoben haben. ,Biathlon' heißt das." Heute ist Deutschland eine Nation von Biathletinnen, und die Männer rennen zur Kosmetikerin.

Drei Tagebücher hatte Walter Kempowski bislang vorgelegt. Es begann mit dem erwähnten "Sirius", das er noch "eine Art Tagebuch" untertitelte. Es erschien 1990 und präsentierte die Aufzeichnungen des Jahres 1983. "Alkor" (2001) beschrieb das Epochenjahr 1989 und "Hamit" (2006) das Folgejahr 1990. Nun also "Somnia" - zu deutsch: Träume, Träumereien -, das Tagebuch 1991. Es ist das letzte Buch, das Walter Kempowski, abgesehen von einem noch unveröffentlichten Gedichtband, fertiggestellt hat, also in mehrfacher Hinsicht ein Schlussstein seines Werkes. "Ich schreibe lauter letzte Bücher. Hoffentlich hat das keine Folgen", ergänzt er selbstironisch 2007 einen Eintrag, wohl wissend, dass seine letzten Monate gekommen sind.

In mehrfacher Hinsicht bricht er das Tagebuch auf, öffnet es für Fundstücke. Mit Plankton-Fischerei, jenen fremden Stimmen, die er hier vor allem zum Thema Mauerfall sammelt. Mit Albumzeichnungen von Autoren und Prominenten, mit Gedenktagen, Fotografien, Skizzen und schließlich mit den beim Lektorat mit seinem langjährigen Weggefährten Karl Heinz Bittel eingefügten Kommentare, deren häufigster und vernichtendster immer dann kommt, wenn Kempowski nach Begegnungen mit Veranstaltern, Antiquaren oder Kollegen Versprechungen gemacht wurden, die niemals gehalten wurden: "Nie wieder was davon gehört."

Zum Beispiel bei seinem Abschied nach zehnjähriger Dozententätigkeit an der Universität Oldenburg: Seine Bücher sind nicht in der Universitätsbibliothek, noch nicht einmal zu einer Medaille bringt er es, von einem Ehrrendoktorat zu schweigen. Kein rühmliches Ende eine drei Jahrzehnte währenden Laufbahn als Pädagoge. Dabei sieht der versierte Dorfschullehrer hier einen Schwerpunkt seiner Lebensleistung. Pädagogen müssten gar nicht viel wissen, notiert er, nur Humor müssten sie haben und die Kinder lieben. Aber mit gesellschaftlichen Spielregeln sei es nicht mehr weit her, seit die Achtundsechziger diese "abgeschafft und verhöhnt hätten": "Man muss sich wundern, dass es immer noch so viele ordentliche Leute gibt."

Die lieben Kollegen haben es einfach immer besser als er, selbst wenn sie gerade sterben. Als Max Frisch das Zeitliche segnet, diagnostiziert der Nartumer Einzelgänger "ein Riesen-Tamtam. Ich zittere davor, wenn Inge Meysel stirbt." Und auch verblichene Kollegen werden argwöhnisch beäugt: "Lese Biographie Andersch. Wie umsichtig der seine Karriere geplant hat. - Ich rutsch' immer so durch. - Hab' dafür aber meine Finanzen in Ordnung und war nicht in der Kommunistischen Partei." Kempowski weiß, dass er sich selbst im Wege steht, aber er kann nicht aus seiner Haut. Obendrein absolviert er ein Arbeitspensum, das sein Nervenkostüm verschleißt. "Die Empfindlichkeits-Wellen wallten in mir rauf und runter, und wie das dann so ist, alles fiel mir hin, und ich stieß mich, und jedes kleine Malheur war von Wutausbrüchen gefolgt, die auf Außenstehende immer so abstoßend wirken. Als Schriftsteller hat man beherrscht und in sich ruhend durch die Gegend zu schreiten." Genau diese Übung gelingt in diesem Jahr noch weniger als sonst.

Denn Walter Kempowski sitzt an zwei Büchern, die zu den wichtigsten seiner Laufbahn gehören werden. Da ist einmal das mehrbändige Collage-Unternehmen "Echolot", das bei seinem Erscheinen 1993 eine Begeisterungswelle auslöst und das Bild des Autors als zu vernachlässigende Randfigur auflöst. Und da ist zum anderen der Roman "Mark und Bein", der bei seinem Erscheinen 1992 für erhobene Rezensenten-Zeigefinger sorgt. Kempowski schildert darin die Ostpreußen-Fahrt des verschmockten Hamburger Literaten Jonathan Fabrizius, der im Auftrag eines japanischen Luxusautomobilherstellers Polen bereist.

Lebensthema Schuld und Vertreibung

Erstens soll er eine "gegen den Strich gebürstete" Reportage über das Land schreiben und zweitens mit diesem Text eine Rallye für Autotester vorbereiten helfen, bei der es unter anderem um die Frage geht, ob man es den Achtzylinder-Piloten zumuten solle, sich mit der schmerzhaften deutsch-polnischen Geschichte auseinanderzusetzen. Der nach Umfang schmale Roman ist, was seinen Plot angeht, kein Meisterwerk, wohl aber ein wichtiges Scharnier im Werkplan. Hier bringt er sein Lebensthema Schuld und Vertreibung so widerspenstig gegenüber allen damals opportunen Haltungen zu Papier, dass die Reaktionen nicht gut ausfallen konnten. Im zeitlichen Abstand liest man den Roman tatsächlich unbefangener, auch wenn eine bestimmte Ressentiment-Huberei noch immer verstörend wirkt.

Kempowski intoniert mit "Mark und Bein" den Hauptakkord, der dann zu seinem letzten Roman "Alles umsonst" (2006) führt. Jonathan Fabrizius ist nämlich in Ostpreußen geboren worden, 1945, als die Rote Armee gen Westen vorrückte und die deutschen Flüchtlinge vor sich hertrieb; die Mutter stirbt bei der Geburt im Dorf Rosenau; der Vater, ein Leutnant, kommt bei einem Bombenangriff ums Leben. Im Roman wird sich das so lesen: "ALLES UMSONST! Und er meinte damit nicht den Tod seiner Mutter und nicht den des Vaters, der ,ins Gras hatte beißen müssen', nicht die Schlafcouchen, die sein Onkel fabrizierte, sondern die Qual der Kreatur, das an den Pfahl gehenkte Fleisch, das Kalb, das er gesehen hatte, gefesselt und geknebelt, den Verschlag in der Marienburg zur Marter vorbereitet, den schlurfenden Zug der Menschen unter einem verdammenden Himmel." Im Tagebuch schreibt Kempowski unter dem Datum vom 18. Juli über die Entstehungsschmerzen von "M/B": "Text hat mich sehr mitgenommen. Es sind da immer noch Reste, die das abgebrochene Gespräch mit meinem Vater betreffen. Aber wer kommt je mit seinen Eltern zu einem Ende? Erwarten sie uns an der letzten Tür? Ich weiß nicht, ob ich das wünschen soll."

Festzuhalten ist, dass Walter Kempowski in seinen politischen Einschätzungen genauso richtig und daneben lag wie jeder bessere Leitartikler. Richtig etwa in der Haupstadtdebatte. Als sich im Bundestag eine klare Mehrheit für Bonn abzeichnet, flippt der grundsätzliche Wiederaufbaubefürworter naturgmäß aus: "Wenn das stimmt, werde ich Terrorist." Er lobt die staatsmännischen Auftritte von Schäuble, Kohl und Hans Jochen Vogel, er geißelt Rita Süssmuth ("grinste einigermaßen debil") und Norbert Blüm. Ziemlich falsch interpretiert er offenkundig den Machtwillen anderer Politiker: "Lafontaine auf dem SPD-Parteitag. Gott sei Dank kann der Mann nicht reden. Rhetorisch unbegabt. Er ersetzt Rhetorik durch Gestik. Hat auch kein Charisma." Oder: "Engholm, der an seiner Pfeife saugende Dünnmann. Vielleicht ein ganz angenehmer Mensch, aber doch kein Bundeskanzler. Da sollten sie lieber den Thierse aufstellen."

Aber natürlich tun sich auch 1991 noch tiefe Blicke in ein versunkenes Land auf, in die alte Bundesrepublik, an den Beginn von Karrieren, die heute ihrem Höhepunkt zustreben. Etwa wenn der Diarist über die Frau des niedersächsischen Ministerpräsidenten Albrecht schreibt - diese lasse ihre Kinder, in Bettlakengewänder gehüllt, von ihr verfasste griechische Trauerspiele vor Gästen aufführen. Dann sieht man plötzlich die heutige Familienministerin die vorpolitische Bühne betreten - und Ursula von der Leyen mit neuen Augen.

Aber genug. Am Ende von "Somnia" steht eine Schlaganfall-Diagnose. Wir wissen heute, dass Walter Kempowski noch sechzehn Jahre zu leben hatte und dass er diese Zeit klug genutzt hat. Seine Tagebücher werden, ähnlich wie das "Echolot", mit den Jahren immer wichtiger werden. Hat er dort die Stimmen der vielen gerettet, die sonst vergessen worden wären, spricht er hier - allein, nackt, sich gegen das Vergessen stemmend.

- Walter Kempowski: "Somnia". Tagebuch 1991. Knaus Verlag, München 2008. 557 S., geb., 24,95 [Euro].

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"Eine meisterliche Verzahnung von kollektiver und persönlicher Erinnerung." Der Spiegel (Über "Alkor")

"Walter Kempowski ist ein Bibliothekar der Erinnerung." Süddeutsche Zeitung

"In der deutschen Literaturlandschaft ist Walter Kempowski eine Ausnahmeerscheinung, weil er dem Dokumentarischen soviel Aussagekraft zutraut." Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Es wäre vielleicht um unser historisches Gedächtnis besser bestellt, hätten wir mehr als den einen Kempowski." Die Welt

"Kempowski - das zeigt sich immer deutlicher - ist nicht nur ein exquisiter Arrangeur historischer Dokumente, sondern auch ein Romancier [...] und Tagebuchschreiber erster Güte." Neue Zürcher Zeitung (über "Hamit")

"Freuen aber können wir uns auf jene drei Werke, welche er den Monaten vor seinem Tod noch abgetrotzt hat, einen Band mit Gedichten und einen mit Prosa und einen weiteren Band seines Tagebuchs." Süddeutsche Zeitung

"Das Werk eines Jahrhundertautors" Frankfurter Allgemeine Zeitung

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Fasziniert zeigt sich Rezensent Rainer Moritz von Walter Kempowskis letztem Werk, seinem Tagebuch des Jahres 1991. Er nennt den Schriftsteller einen "kautzig-großartigen Mann" und "Beobachtungsvirtuosen". Erstaunlich findet Moritz die Offenheit, mit der Kempowski schreibt, beeindruckend, wie er Notizen zu seinen Arbeiten mit Tageseindrücken, Erinnerungen, Urteilen über Politker, Kollegenschelten, Fernsehfrüchten und familiären Begebenheiten vermischt. Angetan haben es ihm dabei die verschiedenen Tonlagen, die der Schriftsteller anschlägt, hoch und tief, komisch und ernst. "Wer sich einmal auf diesen so engen wie weiten Kempowski-Kosmos einlässt", resümiert der Rezensent, "kommt nicht umhin, dem damals 62-Jährigen fast willenlos zu folgen."

© Perlentaucher Medien GmbH
"Somnia ist die weise und würdige Abschiedsgeste des deutschen Dichterchronisten Walter Kempowski." Die Welt