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Auf einem Friedhof in der Nähe der Einflugschneise eines Flughafens treffen sich regelmäßig drei Frauen, um die Grabstätten ihrer verstorbenen Männer zu pflegen: Lore Müller-Kilian, eine kapriziöse Industriellengattin mit Hang zur Champagner-Einsamkeit; die 80-jährige Kunstprofessorin Ziva Schlott sowie Karline Regenbein, eine bescheidene, im Abseits des Kunstbetriebs wirkende Malerin. Eines Tages taucht dort Eduard Wettengel auf. Auch er ist seit kurzem verwitwet. Mit einem Mal kommt Leben in die Trauergemeinschaft. Das weibliche Trio buhlt um die Gunst des Galeristen. Herrlich komische, bissig-schöne Verwicklungen nehmen ihren Lauf.…mehr

Produktbeschreibung
Auf einem Friedhof in der Nähe der Einflugschneise eines Flughafens treffen sich regelmäßig drei Frauen, um die Grabstätten ihrer verstorbenen Männer zu pflegen: Lore Müller-Kilian, eine kapriziöse Industriellengattin mit Hang zur Champagner-Einsamkeit; die 80-jährige Kunstprofessorin Ziva Schlott sowie Karline Regenbein, eine bescheidene, im Abseits des Kunstbetriebs wirkende Malerin. Eines Tages taucht dort Eduard Wettengel auf. Auch er ist seit kurzem verwitwet. Mit einem Mal kommt Leben in die Trauergemeinschaft. Das weibliche Trio buhlt um die Gunst des Galeristen. Herrlich komische, bissig-schöne Verwicklungen nehmen ihren Lauf.
Autorenporträt
Kerstin Hensel wurde 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren. Sie studierte am Institut für Literatur in Leipzig und unterrichtet heute an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«. Bei Luchterhand sind zuletzt erschienen: die Liebesnovellen »Federspiel« der Band »Das verspielte Papier - über starke, schwache und vollkommen misslungene Gedichte« sowie der Lyrikband »Schleuderfigur«. Kerstin Hensel lebt in Berlin.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 03.07.2020

LITERATUR
Deutsch-deutsche Ehegeschichten
Als Lyrikerin ist Kerstin Hensel bekannt für ihr ausgeprägtes Formbewusstsein.
In ihrem Roman „Regenbeins Farben“ buhlen drei Witwen um einen alleinstehenden Galeristen
VON KRISTINA MAIDT––ZINKE
Es ist fast so, als hätte Kerstin Hensel ihre Novelle „Regenbeins Farben“ in vorauseilender Intuition für diesen verfinsterten Sommer geschrieben. Denn was könnte besser zur Stimmung dieser Tage passen als eine Geschichte, die von Todesfällen und Trauerritualen, von Alter und Einsamkeit, von Witwenschaft und Künstlerarmut und nicht zuletzt von trockenem Husten erzählt? Und das wiederum auf eine Weise, die geeignet ist, uns der lastenden Wirklichkeit für eine Weile zu entheben?
Vielleicht würde ein Anfangssatz wie dieser sonst im Betriebslärm untergehen, doch in der Muße eines erzwungenen Stillstands kann man ihn gebührend auf sich wirken lassen: „Fünfzehn Uhr drei, unter das karfreitägliche Scheideläuten, das sich nach einem hellen, übermütigen ersten Schwingen rasch erwärmt, zu beruhigender Dumpfheit anschwillt, gleichsam klar und gleichmäßig an Tempo gewinnt, mischt sich das Dröhnen einer Boeing 753, die, von Teneriffa kommend, sich im Endanflug auf die Stadt befindet, im steilen Winkel, keine tausend Meter über dem Hauptweg des Nordfriedhofs.“
Auf dem Friedhof in der Einflugschneise – ein Bild für die menschliche Existenz, das auch Beckett eingefallen sein könnte – treffen sich regelmäßig drei Damen, eine hochbetagt, eine betagt und eine nicht mehr jung, um die Gräber ihrer verblichenen Gatten zu pflegen. Es sind dies die emeritierte Kunstprofessorin und Kettenraucherin Ziva Schlott, die champagnersüchtige Industriellen- und Sammlerwitwe Lore Müller-Kilian und die unscheinbare, im Schatten der Kunstszene still und bescheiden wirkende Malerin Karline Regenbein. Alle drei stehen in einer lebensgeschichtlichen Verbindung mit dem erfolgreichen, gleichwohl schüchternen Galeristen Eduard Wettengel, der seinerseits frisch verwitwet ist und denselben Gottesacker frequentiert. Und alle drei sind, um es drastisch zu sagen, schon lange hinter ihm her.
Dieser Mann muss etwas an sich haben, das die erotischen Träume reifer Frauen jedweder Altersklasse stimuliert, und deshalb ist es interessant, wie Kerstin Hensel sich so einen Spät-Womanizer vorstellt: „Er misst fast ein Meter neunzig, hätte ihm die Trauer nicht den Rücken gebuckelt. Trotz der hochgewachsenen Erscheinung verraten die Gliedmaßen starken Knochenbau. Eine Wollmütze schützt den Kopf des Mittfünfzigers vor Kälte und Sonnenlicht. Bereits in Jugendzeiten ist er unfreiwillig zu einer Oberkopfglatze gekommen. Seitdem hegt und pflegt Herr Wettengel ein Band fossiler Lockenpracht, das, die Schläfen am unteren Hinterkopf miteinander verbindend, unter der Mütze hervorquillt.“ Ein glattrasiertes Gesicht „von baccalaurischer Ausstrahlung“, eine Höckernase und eine schwarzrandige Brille komplettieren das Porträt, schließlich ein Mund, der „aufgrund des sanft gerundeten Amorbogens und der aufwärts gerichteten Mundwinkel“ auch bei tiefster Niedergeschlagenheit des Herrn Wettengel ständig zu lächeln scheint.
Gegen dieses Mannsbild sehen die dahingeschiedenen Ehemänner der drei Grazien in deren Erinnerung alt aus – der strebsame Betriebswirt und Akademierektor Hartwig Schlott ebenso wie der kunstsinnige Lackfabrikant Hubertus Freimut Kilian und der egomanische Fotokünstler Rüdiger Habich, der seine Witwe Karline Regenbein auch nach seinem Ableben noch immer scharf zu beobachten scheint. Zwischen den amüsanten bis tragikomischen Episoden, in denen das weibliche Trauertrio um die Gunst des Galeristen buhlt, erzählt Kerstin Hensel in Retrospektiven vier deutsch-deutsche Ehegeschichten – oder sogar fünf, denn die merkwürdige Familienhistorie des Eduard Wettengel gehört auch dazu.
Dabei mischt sie in die Farben ihrer kräftig ausmalenden Fantasie zahlreiche Realitätspartikel, aber dass es ihr darum nicht geht, zeigt schon die minimalistische Nonchalance, mit der sie zwei Sätze zur „Wende“ in ihr Panorama von Lebensläufen einfügt: „Die Zeiten hatten sich gedreht. Gleichsam wie mit leichter Hand und doch schwer, sodass eine knirschende Gewalt Freude und Verzweiflung aneinander verrieb.“
Hensel, 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren, bekleidet seit fast zwei Jahrzehnten an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ die Professur für Deutsche Verssprache und Diktion. Als Lyrikerin ist sie für ihr ausgeprägtes Formbewusstsein bekannt, als Prosaautorin für ihre eigenwillige Figurenzeichnung und ihren manchmal bizarren, zuweilen bösen Humor. Ihre Novelle, in der man nach den Merkmalen der Gattung suchen darf wie nach gut versteckten Ostereiern, spielt diese Qualitäten einfallsreich aus, ohne ins Spleenige abzudriften. Unglücklicherweise ist das Lektorat der Versuchung erlegen, sich auf die Sprach-Akribie der Autorin zu verlassen und Flüchtigkeiten zu übersehen, die selbst Pedanten gelegentlich unterlaufen: Das stört in Texten, die ansonsten so viel Sorgfalt und Feingefühl verraten, umso mehr, und darum schmerzt es regelrecht, dass im zitierten Eröffnungssatz das Wort „gleichsam“ irrtümlich anstelle von „zugleich“ verwendet wurde. Es gibt einen Parallelfall in einem späteren Kapitel – und leider noch ein paar Stellen, an denen liebevoll Gefügtes kippelt.
Dafür kann man von der alten, hartnäckig hustenden Professorin Schlott lernen, wie man der Trauer einen Tritt versetzt, bevor sie einen frisst, und am Ende erhebt man sich mit Karline Regenbein, die mutig aus dem Schatten getreten ist, im Flugzeug hoch über Friedhofsgrün und Karfreitagsläuten und sieht mit ihr Herrn Wettengel immer kleiner werden.
Kerstin Hensel: Regenbeins Farben. Novelle. Luchterhand Literaturverlag, München 2020. 254 Seiten, 18 Euro.
Dieser Mann muss etwas
haben, das die erotischen Träume
reifer Frauen stimuliert
Gerade in Texten, die von
ihrer Sorgfalt leben,
stören Flüchtigkeiten
Engelsstatue in Berlin: In Hensels Roman ist der Friedhof Schauplatz amouröser Wirrungen.
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»So detailverliebt und farbig ihre Sprache ist, so zurückhaltend ist die Handlung dieser versponnenen Novelle.« Meike Schnitzler / Brigitte