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In seinem vieldiskutierten Roman erzählt Christoph Hein von einem Vater, dessen Kind die Familie verriet, um sich in den Dienst der RAF zu stellen. Und er erzählt von einem wichtigen, oft verdrängten Stück bundesdeutscher Geschichte. Als der bundesweit gesuchte Terrorist Oliver Zurek bei einem Schußwechsel mit Beamten des Grenzschutzes von einer Kugel tödlich verletzt wird, kommt es zu einem politischen Skandal. Denn die offiziellen Mitteilungen über
seinen Tod - es ist von Selbstmord die Rede - stimmen nicht mit den Zeugenaussagen überein. Olivers Vater, ein ehemaliger Gymnasialdirektor,
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Produktbeschreibung
In seinem vieldiskutierten Roman erzählt Christoph Hein von einem Vater, dessen Kind die Familie verriet, um sich in den Dienst der RAF zu stellen. Und er erzählt von einem wichtigen, oft verdrängten Stück bundesdeutscher Geschichte. Als der bundesweit gesuchte Terrorist Oliver Zurek bei einem Schußwechsel mit Beamten des Grenzschutzes von einer Kugel tödlich verletzt wird, kommt es zu einem politischen Skandal. Denn die offiziellen Mitteilungen über

seinen Tod - es ist von Selbstmord die Rede - stimmen nicht mit den Zeugenaussagen überein. Olivers Vater, ein ehemaliger Gymnasialdirektor, mißtraut den Behörden und versucht, die Wahrheit über den Tod seines Sohnes zu erfahren.
  • Produktdetails
  • Suhrkamp Taschenbücher Nr.3773
  • Verlag: Suhrkamp
  • Artikelnr. des Verlages: 45773
  • 13. Aufl.
  • Seitenzahl: 270
  • Erscheinungstermin: Dezember 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 177mm x 108mm x 25mm
  • Gewicht: 220g
  • ISBN-13: 9783518457733
  • ISBN-10: 351845773X
  • Artikelnr.: 20774457
Autorenporträt
Hein, Christoph
Christoph Hein wurde am 8. April 1944 in Heinzendorf/Schlesien geboren. Nach Kriegsende zog die Familie nach Bad Düben bei Leipzig, wo Hein aufwuchs. Ab 1967 studierte er an der Universität Leipzig Philosophie und Logik und schloss sein Studium 1971 an der Humboldt Universität Berlin ab. Von 1974 bis 1979 arbeitete Hein als Hausautor an der Volksbühne Berlin. Der Durchbruch gelang ihm 1982/83 mit seiner Novelle Der fremde Freund / Drachenblut. Hein wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Uwe-Johnson-Preis und Stefan-Heym-Preis.
Rezensionen
Besprechung von 23.03.2005
Kunst der Empathie
Christoph Hein liest in Frankfurt

Muß ein Liebesroman immer zwischen Mann und Frau stattfinden? Mitnichten. Das belegt der neue Roman, den Christoph Hein jetzt im Suhrkamp Verlag vorgelegt hat. Unter dem Titel "In seiner frühen Kindheit ein Garten" erzählt der Schriftsteller aus Berlin von den Eltern eines RAF-Terroristen. Hein hatte sich schon vor neun Jahren in die Akten über Wolfgang Grams eingelesen, der 1993 am Bahnhof von Bad Kleinen während eines Schußwechsels mit der Polizei umgekommen war. Da er zunächst keine Möglichkeit gesehen habe, das Dokumentarische in das ihm eigene Medium zu übertragen, habe er sich vorerst mit einem Essay begnügt, verriet der Autor seinem Publikum in der Deutschen Bibliothek, wo er seinen Roman jetzt vorstellte.

"Die namentlich genannten Personen des Romans sind frei erfunden", heißt es im Buch. Sicher, ein Oliver Zurek wird in keiner juristischen Akte geführt. Dennoch war es für Hein ein Gebot der Fairness, der hinterbliebenen Familie noch vor der Veröffentlichung Einblick in sein Manuskript zu gewähren. Vor sieben Wochen erhielt er einen Brief von Grams' Eltern, über dessen Inhalt er sich jetzt freilich ausschwieg. Was hatte ihn getrieben, diesen Stoff auszuwählen, hatten sich vor dem Frankfurter Publikum schon die Rezensenten gefragt. Das Ressentiment eines in der DDR sozialisierten Autors gegen die selbstgerechte Bundesrepublik? "Der Stoff sucht sich den Autor aus", konterte Hein jetzt und sicherte sich einen Extra-Applaus mit der jüngst viel diskutierten Frage: "Wie können wir die Demokratie schützen, ohne sie zu erdrosseln?"

Solche Sorgen hatte die Kritik in dem Buch jedenfalls nicht entdeckt. Vielmehr bemängelte sie das Betuliche dieses "Rührstücks" und "frommen Traktätchens". Tatsächlich fällt dem Leser, der erst im vorigen Jahr von der kunstvollen Komposition und dem trockenen Humor in Heins "Landnahme" verwöhnt worden war, nun eine extreme Kunstlosigkeit auf. Hat der Autor seine 271 Seiten einfach zwischendurch hingehudelt? Den kummervollen und öden Alltag des Ehepaars Zurek ohne den geringsten Anspruch an Form und allgemeine Aussage eins zu eins abgeschildert? Den Gerechtigkeitsanspruch des Vaters zu ernst genommen, ohne der anderen, der staatlichen Seite Gehör zu schenken und eine Stimme zu geben? Fest steht: Hein hat versucht, sich einzufühlen in einen Mann, der fünf Jahre nach dem gewaltsamen Tod seines Sohnes von Selbstvorwürfen zerfressen wird, und die Kunst der Empathie hat dabei offenbar die Kunst des Wortes verdrängt.

Daß der Autor seine Mittel beherrscht, hat er hinreichend bewiesen. Wenn er sich ihrer begibt, wird er dafür einen Grund gehabt haben. Hein bestand auch jetzt darauf, daß er die zeitgeschichtliche Folie, die Suhrkamp-Geschäftsführer Rainer Weiss vor der Lesung umriß, nur benutzt habe, um einen Roman über die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn zu schreiben. Einen RAF-Roman habe er nicht verfaßt: "Darum geht es gar nicht." Schließlich habe er die Personen ja gar nicht gekannt, keinen Kontakt zur Familie Grams hergestellt, bevor das Manuskript fertig war. Eines jedenfalls hat er während der Arbeit an diesem Buch begriffen: "Was die RAF-Mitglieder ihren Familien angetan haben" und "daß die Eltern ihr Leben lang daran tragen werden".

CLAUDIA SCHÜLKE

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Nun also ist auch der Schriftsteller Christoph Hein im Westen angekommen, stellt der Rezensent Martin Lüdke erst einmal fest. In seinem jüngsten Roman nämlich erzählt er eine durch und durch westdeutsche Geschichte. Stark angelehnt ist sie an den bis heute ungeklärten Fall des Todes des RAF-Terroristen Wolfgang Grams. Hat er in Bad Kleinen Selbstmord begangen, wurde er ermordet? Um die Klärung dieser Frage geht es Hein natürlich nicht - vielmehr um die von diesem realen Fall sich entfernende Geschichte eines Vaters, der Gerechtigkeit für seinen Sohn will, aber nicht bekommt. Eine Studie also über Recht und Gerechtigkeit, die Lüdke in die Nähe des von Kleist (nach einer wahren Geschichte) erzählten Falles des "Michael Kohlhaas" rückt. Mit dem einen Unterschied allerdings, dass der Vater zuletzt nicht zum "Märtyrer seines Rechtgefühls" wird, sondern zum "Repräsentanten unserer Zivilgesellschaft". (Seltsam, dass niemand ein Wort darüber verliert, dass Wolfgang Grams Vater Mitglied der Waffen-SS war). Dieser Roman, resümiert Martin Lüdke, ist ein "Lehrstück", aber eines, das uns sowohl "anrührt" als auch "angeht".

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 15.03.2005
Träumer sind es, keine Täter
Eine trockene Sprache ist keine Gewähr für die Wahrheit des Gesagten: Christoph Hein besichtigt die späten Tage der RAF und erfindet eine falsche Geschichte
In dem kleinen Band „Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF”, dessen Lesenswürdigkeit gar nicht heftig genug empfohlen werden kann (Verlag Hamburger Edition, 12 Euro), geht Jan Philipp Reemtsma der Frage nach: „Was heißt ,die Geschichte der RAF verstehen‘?” Reemtsma schaut sich dafür die Selbstauskünfte der Terroristin Birgit Hogefeld und die ihrem Selbstbild in den wesentlichen Aspekten folgende Deutung durch den Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter an. Die Terroristin und der Psychoanalytiker werden dabei immer deutlicher als dream team der Verklärung erkennbar, in dem letzterer die moralischen Sublimierungen Hogefelds psychosozial flankiert. Was dabei entsteht, ist ein Mythos, der Schuld allenfalls als ein Aus-dem-Ruder-Laufen ursprünglich höchst nachvollziehbarer, ethisch hochwertiger Motive der Beteiligten zu fassen vermag.
Das apologetische Kernstück ist dabei der Verweis auf die verdrängte Nazivergangenheit der Bundesrepublik. Dem Unwillen, das Verschweigen der Nazi-Verbrechen hinzunehmen, wächst legitimatorische Bedeutung zu. Gerade die enorme Moral-Sensibilität von Menschen wie Birgit Hogefeld, so suggeriert Richter, habe diese in der Empörung gegen dieses Unrecht selbst zuletzt zu unrechten Mitteln greifen lassen. (Es gehört zum Erfolg dieser Vermarktungsstrategie, dass ein Teil der Gesellschaft bereit war, die Herkunft einiger Terroristen aus protestantischen Pfarrhäusern oder die Tatsache, dass sie Studienstiftler des deutschen Volkes waren, wie einen Hinweis ihrer besonders elaborierten Reflexionskultur zu nehmen.)
Ebenso wichtig ist es für diese Mythologisierung der RAF-Taten, dass die Terror-Gruppe als ursprünglicher Teil der Linken wahrgenommen wird, die erst aufgrund des äußeren Drucks in eine zu bedauernde Selbstisolierung gedrängt worden sei - mit den entsprechend fatalen Folgen der Eskalation und Militarisierung (gewissermaßen vom ,bloßen‘ Kaufhausbrand zur Ermordung eines amerikanischen GI’s). Reemtsma weist dieses Phantasma zurück: „Eine RAF, die Teil der nicht mordenden Linken gewesen wäre, wäre nicht die RAF gewesen, und die RAF wurde nicht gewalttätig, weil sie isoliert war, sondern isolierte sich, weil sie anfing, Bomben zu legen und Menschen zu töten.”
Schaut man sich heute die Kaltblütigkeit und Brutalität, die alle Taten der RAF von der ersten Stunde an gekennzeichnet haben, an, muss man sich tatsächlich die Augen reiben, wie ein beachtliches Milieu von Sympathisanten vor der Leere und Sinnlosigkeit dieser Gewalt die Augen verschließen konnte und exkulpierende Kontextualisierungen favorisierte. Dazu gehört die Vorstellung, erst ein rigide auf Eskalation setzender Obrigkeitsstaat habe die Brutalisierung der RAF vorangetrieben. Und dazu gehört selbstverständlich auch der bis weit in die achtziger Jahre, bis zu Reinhard Hauffs Film „Stammheim”, reichlich und unermüdlich genährte Verschwörungsverdacht, die Stammheim-Inhaftierten seien ermordet worden. Reemtsma schreibt: „RAF - das bedeutet nicht eine Kette von Ohnmachtserfahrungen, die zu weiteren Radikalisierungen führte, sondern eine Lebensform, die Machterfahrungen mit sich brachte wie keine andere.”
Was je an Mythologisierungen der RAF kurrent war, feiert einen trüben zweiten Frühling in Christoph Heins Roman „In seiner Kindheit ein Garten”. Vermutlich wollte Hein zeigen, dass er als Intellektueller auf keinem Auge blind ist, durch keine staatliche Macht sich ins Bockshorn jagen oder seinen Blick trüben lässt - ganz gleich, ob sich dieser Staat sozialistisch oder parlamentarisch-rechtsstaatlich gibt. Stattdessen macht er sich zum Sprachrohr jener Mythologisierungen.
Es passt also, dass Birgit Hogefeld in Heins Roman vorkommt - unter anderem Namen natürlich, denn wir haben es mit einem Schlüsselroman zu tun. Hier heißt sie Katharina Blumenschläger. (Der Anspielungsartist Hein möchte uns mit zartem Strich auf Bölls „Verlorene Ehre der Katharina Blum” hinweisen.) Und sie darf da aus dem Gefängnis in einem Brief erklären: „Unsere Menschlichkeit kann uns zu Unmenschlichkeiten führen, das ist widersinnig und empörend, aber ich habe es erleben müssen. Das Ungeheuer sind nicht wir, wir haben nur versucht, das Ungeheuerliche nicht hinzunehmen.”
Birgit Hogefeld war jene Kampfgenossin, die zusammen mit Wolfgang Grams 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen von der Polizei gestellt wurde. Heins Roman nimmt diese Ereignisse von Bad Kleinen noch einmal auf. Damals starb bei der Festnahme Wolfgang Grams und ein GSG 9-Beamter. Letzterer sei durch einen Schuss Wolfgang Grams gestorben, während dieser, bereits verletzt, sich mit seiner Pistole selbst den Todesschuss gegeben habe. Doch gab es so viele Pannen, Unklarheiten und Widersprüchlichkeiten in der Aufklärung dieser Schießerei, dass schon wenige Tage nach dem Vorfall die Version kursierte, Grams sei von GSG 9-Beamten durch einen sogenannten aufgesetzten Schuss hingerichtet worden, während das GSG 9-Opfer durch friendly fire, durch die Kugel eines Kollegen, gefallen sei. Die Ermittlungspannen führten zum Rücktritt des Innenministers Rudolf Seiters und des Generalbundesanwalts Alexander von Stahl. Ein Gericht räumte später ein, dass sich der Ablauf nicht mehr restlos aufklären lasse.
Überhaupt keine Frage: Das ist ein hochspannender Stoff - sowohl von seiner kriminalistischen wie seiner politischen wie seiner individualpsychologischen Seite. Zu den beachtlichsten Filmen der neunziger Jahre gehört fraglos Andreas Veiels „Blackbox BRD”, der unter anderem die Eltern Grams vor die Kamera bringt. Auch Heins Roman erzählt die Geschichte von Wolfgang Grams Familie nach seinem Tod - sie heißen im Buch Zurek. Aber leider erschöpft sich die ganze qualvolle Seelenschau der Eltern, die sich zum ungeklärten Schicksal ihres toten Sohnes verhalten müssen, in der Reproduktion von Entlastungsdiskursen, wie sie Birgit Hogefeld ins Feld geführt hat. „Das sind”, sagt der Vater Zurek einmal, „keine Terroristen, es sind Träumer, nichts weiter.” Und an anderer Stelle sagt er über seinen Sohn: „Wenn Oliver wirklich ein Terrorist geworden ist, so hat ihn der Staatsschutz dazu gemacht.” So kann das der Vater eines toten Sohnes durchaus sehen. Vielleicht muss er es sogar so sehen. Für die Erkenntnisskrupulösität eines modernen Romans ist das aber zu wenig - und leider kommt Heins Buch, und er will es auch gar nicht, nie über die Perspektive des Vaters hinaus. So wird Heins scheinbar biederer Realismus, der ganz auf die Identifikation mit dem Vater setzt, zu einer literarischen Manipulation - oder anders gesagt: Arbeit am Mythos.
Christoph Hein
In seiner frühen Kindheit ein Garten
Roman. Suhrkamp Verlag 2005. 271 Seiten, 17,90 Euro.
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