Hellas verstehen - Kambas, Chryssoula / Mitsou, Marilisa (Hrsg.)
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"Hellas" meint im Deutschen die Kultur der griechischen Antike, während es zugleich die Eigenbezeichnung des modernen Griechenlands ist. Doch wo liegt Griechenland im kulturellen Europa? Durch welche Vorstellungen und durch welche Akteure entstand das gegenseitige Bild? Der Band spannt einen Bogen vom deutschsprachigen literarischen Konservatismus der Jahrhundertwende über die Kulturpolitik der NS-Zeit, die Besatzungszeit Griechenlands durch die "Deutsche Wehrmacht" bis zu den Folgen der Ost-West-Spaltung Europas für die gegenseitigen Nachkriegsbeziehungen. Die Beiträge verknüpfen Literatur-…mehr

Produktbeschreibung
"Hellas" meint im Deutschen die Kultur der griechischen Antike, während es zugleich die Eigenbezeichnung des modernen Griechenlands ist. Doch wo liegt Griechenland im kulturellen Europa? Durch welche Vorstellungen und durch welche Akteure entstand das gegenseitige Bild? Der Band spannt einen Bogen vom deutschsprachigen literarischen Konservatismus der Jahrhundertwende über die Kulturpolitik der NS-Zeit, die Besatzungszeit Griechenlands durch die "Deutsche Wehrmacht" bis zu den Folgen der Ost-West-Spaltung Europas für die gegenseitigen Nachkriegsbeziehungen. Die Beiträge verknüpfen Literatur- und Wissenschaftsgeschichte, indem sie den Kulturtransfer an zentralen Institutionen und Vermittlern darstellen und damit eine Grundlage für eine in beiden Ländern weiterhin notwendige Gedächtnisarbeit legen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Böhlau
  • Aufl.
  • Erscheinungstermin: 3. Mai 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 238mm x 155mm x 30mm
  • Gewicht: 775g
  • ISBN-13: 9783412204501
  • ISBN-10: 3412204501
  • Artikelnr.: 26421732
Autorenporträt
Chryssoula Kambas ist Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Osnabrück. Marilisa Mitsou ist Professorin für Neogräzistik an der LMU München.
Inhaltsangabe
Vorwort, Seite ix ERFAHRENES GRIECHENLAND Dorothea Ipsen Visionäre Aneignung der Antike, Seite Die Wahrnehmung Griechenlands in den Reiseberichten von Gerhart Hauptmann und Isolde Kurz, Seite 3 Dieter Werner Realität und Erwartung: Theodor Däublers ungeschriebenes Griechenlandbuch, Seite 15 Hans Eideneier Wo im kulturellen Europa liegt das moderne Griechenland?, Seite 35 KULTURAUFTRAG WÄHREND DER BESATZUNG Frank-Rutger Hausmann Das Deutsche Wissenschaftliche Institut in Athen, Seite 53 Jan Andres Hellas ewig unsre liebe Erlesenes und erlebtes Griechenland bei Rudolf Fahrner, Seite 73 Rudolf Grimm ,Geheimes Deutschland im besetzten Athen?, Seite 95 Danae Coulmas Athen 41. Peter Coulmas im Deutschen Wissenschaftlichen Institut , Seite 117 KULTURPOLITIK DEUTSCHER STAATEN GEGENÜBER GRIECHENLAND Phädra Koutsoukou Die NS-Kulturpolitik gegenüber Griechenland in der Vorkriegszeit: Olympia 1936, Förderprogramme Geisteswissenschaften, Abwerbung griechischer Künstler, Seite 139 Maria Zarifi Im Fadenkreuz der NS-Kulturpolitik, Seite Förderstrategien für die Natur-, Technik- und Humanwissenschaften Griechenlands, Seite 157 Charikleia Bali Direkte und indirekte Einflußnahme auf die Universität Athen während der deutschen Besatzung, Seite Zur Veränderung des Deutschlandbildes der Professorenschaft, Seite 175 Emilia Rofousou Die Kulturbeziehungen zwischen der SBZ/DDR und Griechenland in der Phase der Nicht-Anerkennung, Seite 191 Hagen Fleischer Der lange Schatten des Krieges und die griechischen Kalenden der deutschen Diplomatie, Seite 205 TRANSFERKONTEXT: ZEITGENÖSSISCHE NEUGRIECHISCHE LITERATUR Marilisa Mitsou Griechenfreundschaft gegen Philhellenismus? Karl Dieterichs Lyrik-Anthologie als erste Kanonbildung, Seite 243 Andrea Schellinger Zwischen den Stühlen. Der Kulturmittler Alexander Steinmetz, Seite 269 Chryssoula Kambas Athen und Ägypten. Helmut von den Steinen, Übersetzer von Kavafis, Seite 289 Maria Oikonomou Kapital und Alterität. Zwei deutsche Kavafis-Ausgaben, Seite 329 Gerhard Emrich Isidora Rosenthal-Kamarinea und ihre Anthologie Neugriechische Erzähler, Seite 347 Ulrich Moennig Über das Wesen des Krieges. Der Roman H (Der Club) von Stratis Tsirkas, Seite 355 ÜBER DIE AUTOREN, Seite 371 REGISTER, Seite 375
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 21.06.2010

Falsche Liebe
Seit jeher haben die Deutschen einen
verzerrten Blick auf Griechenland
Geschichten, die derzeit in Griechenland erzählt werden, gehen so: Eine griechische und eine deutsche Autofahrerin streiten um einen Parkplatz. Sagt die Griechin zur Deutschen: „Du Merkel!“ Im Verhältnis der Völker gewinnt in Krisenzeiten das Klischee. Die Wucht, mit der heutzutage längst vergessene Stereotype neu belebt werden, überrascht aber doch. Wer nach Erklärungen dafür sucht, kann mit der Aufsatzsammlung „Hellas verstehen“ auf Spurensuche gehen.
Die Beschäftigung mit Hellas beginnt, wo das Unglück seinen Lauf nahm: im 19. Jahrhundert, mit der Aneignung der Antike durch ein schwärmerisches Philhellenentum. Ein verinnerlichtes ideales Griechenlandbild verhinderte nicht nur die unvoreingenommene Betrachtung der Antike, es verstellte auch den Blick auf die Gegenwart. Die Freunde der Hellenen, schreibt Hans Eideneier, seien schon bald so weit gegangen, die Griechen zu verachten. Der Byzantinist sieht darin „ein Phänomen, das nur in deutschen Landen mit solcher Energie betrieben“ wurde. Gleichwohl: Das Heil in „Arkadien“ zu suchen, wurde Teil deutscher Seelenfindung.
Die Volte der Geschichte: Die Ideologie des schönen Scheins wurde mit dem Wittelsbacherkönig Otto nach Griechenland exportiert und dort nur zu gern importiert: Den Bewohnern Griechenlands kam die Fiktion einer Kontinuität von der Antike bis in die Gegenwart zupass. Eideneier schlägt in seinem erhellenden Beitrag den Bogen zu heute und beklagt eine fortgesetzte Ignoranz, beispielweise gegenüber der aktuellen neugriechischen Literatur.
Hitler ließ Olympia ausgraben
Der Angriff der Wehrmacht wurde noch unmittelbar vor dem April 1941 von vielen Griechen für unmöglich gehalten, glaubten sie doch an ein von Bewunderung geprägtes Verhältnis speziell der Deutschen zu ihrem Land. Deutsche Offiziere ließen sich dann auch über die Akropolis führen. Hitler ließ schon von 1937 an propagandawirksam das antike Olympia weiter ausgraben, mit Einkünften aus „Mein Kampf“. Seine Antikenverehrung verhinderte allerdings keine der vielen Grausamkeiten. Die barbarischen Übergriffe der Besatzer ließen später die zahlreichen deutschfreundlichen Professoren in Hellas, sofern sie den Furor überlebt hatten, an ihrem Ideal verzweifeln. Der Band widmet diesem dunkelsten Kapitel der „Kultur-Beziehungen“ mehrere aufschlussreiche Texte.
Wie die Erinnerung an die braune Ära später erfolgreich „liquidiert“ wurde, und zwar auf Bestreben beider Seiten, zeichnet Hagen Fleischer nach: Er beschreibt die deutsch-griechische Nachkriegsgeschichte anhand von diplomatischen und sonstigen Hinterlassenschaften beider Nationen. In der jüngsten Schimpfkanonade gegen die „Pleite-Griechen“ fand Fleischer ethnische Stereotype wieder, mit denen schon die deutsche Besatzungspolitik einst brutalisiert wurde. Die Hysterie in den griechischen Medien hat es daher leicht, mit Nazi-Stereotypen an nicht verheilte Wunden zu rühren – zumal die deutsche Entschädigungspolitik es im Fall Griechenlands versäumt hat, für Heilung zu sorgen.
Wie die Vergangenheit noch spukt, trotz Jahrzehnten gemeinsamer europäischer Geschichte, musste Fleischer in einem Standardlexikon der neu-griechischen Sprache feststellen. Dort lautet ein Anwendungsbeispiel für die harmlose Präposition „von“: „Er wurde von den Deutschen exekutiert.“ Mit Sprache und Literatur befasst sich der letzte Teil des Bandes. Die deutsche Übersetzung von Nikos Kazantzakis’ Roman „Alexis Sorbas“ hat die Griechenland-Wahrnehmung vieler junger Deutscher geprägt. Sorbas tanzt sich am Ende das Unglück von der Seele, ein Unglück, an dem er selbst mitgewirkt hat. CHRISTIANE SCHLÖTZER
CHRYSSOULA KAMBAS, MARILISA MITSOU (Hrsg.): Hellas verstehen. Deutsch-griechischer Kulturtransfer im 20. Jahrhundert. Böhlau Verlag, Köln 2010. 380 Seiten, 39,90 Euro.
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