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"Mein Vater heiratete immer dreißigjährige Frauen. [Nur] er wurde älter... Sie hießen Ruth, Litzy, das war meine Mutter, Gisela und Liselotte..." Das ist die private Seite einer Lebensgeschichte, die um die halbe Welt führt: Herkunft aus Frankfurt, Odenwaldschule, Paris-London-Berlin, dazwischen Internierung in Kanada, nach der Emigration der Weg in die DDR. Und bei alldem die wiederkehrende Erfahrung: "Zu Hause Mensch und auf der Straße Jude." Barbara Honigmann erzählt lakonisch und witzig, traurig und mitreißend von ihrer deutsch-jüdisch-kommunistischen Sippe: Ein schmales Buch, aber ein…mehr

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Produktbeschreibung
"Mein Vater heiratete immer dreißigjährige Frauen. [Nur] er wurde älter... Sie hießen Ruth, Litzy, das war meine Mutter, Gisela und Liselotte..." Das ist die private Seite einer Lebensgeschichte, die um die halbe Welt führt: Herkunft aus Frankfurt, Odenwaldschule, Paris-London-Berlin, dazwischen Internierung in Kanada, nach der Emigration der Weg in die DDR. Und bei alldem die wiederkehrende Erfahrung: "Zu Hause Mensch und auf der Straße Jude." Barbara Honigmann erzählt lakonisch und witzig, traurig und mitreißend von ihrer deutsch-jüdisch-kommunistischen Sippe: Ein schmales Buch, aber ein großes Buch über Deutschland - und die bewegende nachgetragene Liebeserklärung an einen außergewöhnlichen Mann.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser, Carl GmbH + Co.
  • Seitenzahl: 160
  • Erscheinungstermin: 28.01.2019
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783446262874
  • Artikelnr.: 55041502
Autorenporträt
Honigmann, Barbara
Barbara Honigmann, 1949 in Ost-Berlin geboren. Arbeitete als Dramaturgin und Regisseurin. 1984 Emigration mit der Familie nach Straßburg, wo sie noch heute lebt. Honigmanns Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Heinrich-Kleist-Preis, dem Max-Frisch-Preis der Stadt Zürich, zuletzt 2018 mit dem Jakob Wassermann-Preis. Bei Hanser erschienen Damals, dann und danach (1999), Alles, alles Liebe! (Roman, 2000), Ein Kapitel aus meinem Leben (2004), Das Gesicht wiederfinden (2007), Das überirdische Licht. Rückkehr nach New York (2008), Chronik meiner Straße (2015) und Georg (2019).
Rezensionen
Besprechung von 12.02.2019
Unter lauter fremden Menschen
„Alle Menschen haben eigenartige Lebensgeschichten. Es kommt aber darauf an, sie zu verändern“: Barbara Honigmann,
die an diesem Dienstag siebzig wird, porträtiert in „Georg“ ihren deutsch-jüdisch-kommunistischen Vater
VON LOTHAR MÜLLER
In ihren Zürcher Poetikvorlesungen vom Herbst 2002 hat Barbara Honigmann ihren Aufbruch in eine Schriftstellerexistenz auf den Sommer 1976 datiert. Da lebte sie in Berlin, der Hauptstadt der DDR, war 27 Jahre alt, hatte mit dem Malen schon begonnen, trug ihr erstes Kind aus, arbeitete als Dramaturgin und Regisseurin in verschiedenen Theatern und schrieb eine Bühnenversion des Märchens „Das singende, springende Löweneckerchen“ aus der Sammlung der Brüder Grimm. Und sie trat in die jüdische Gemeinde ein. Das Märchen war erfolgreich, auch als Hörspiel, Kinderschallplatte und Trickfilm, es sicherte ihre ökonomische Existenz. Das Bekenntnis zum Judentum als Glaubensgemeinschaft war, so hat sie es in mehreren Büchern geschildert, eine Art innerer Ausreise aus der DDR.
Auf den Sommer 1976 folgte der Herbst, in dem Wolf Biermann in Köln sang und danach ausgebürgert wurde. Es begannen, ohne dass das Ende sichtbar gewesen wäre, die späten Jahre der DDR. Barbara Honigmann verließ das Land 1984, ging über Paris nach Straßburg, zwei Jahre später erschien ihr literarisches Debüt, der Erzählungsband „Roman von einem Kinde“.
Der Roman, den das Debüt im Titel trug, war eine Fiktion. Das Werk, das mit diesem Debüt begann, gewinnt seine Gestalt und seinen Ton dadurch, dass Barbara Honigmann, die ihre Stoffe immer wieder dem eigenen Leben oder dem Leben ihrer Eltern entnimmt, die Romanform, etwa den dickleibigen Familienroman, immer wieder ausschlägt. Sie schreibt Porträts, gelegentlich in Form von Briefen, meist aber in Form der autobiografischen Erzählung, und wie eine Malerin gibt sie sich selten mit einer Version des Porträts zufrieden.
Ein schlichter Satz ihrer Poetikvorlesungen nennt dafür den Grund: „Auch nach ihrem Tod verändern sich die Menschen noch.“
Nun, zu ihrem siebzigsten Geburtstag am 12. Februar, ist „Georg“ erschienen, ein Buch über ihren Vater. Nicht zum ersten Mal steht Georg Honigmann, der 1903 in Wiesbaden geboren wurde und 1984 in Weimar starb, im Zentrum eines der Bücher seiner Tochter. In „Eine Liebe aus nichts“ (1991) reiste die Ich-Erzählerin von Paris aus mit einem eng begrenzten, kompliziert zu beantragenden Visum wieder in die DDR ein, die sie soeben verlassen hatte, um am Begräbnis des Vaters teilzunehmen. Und so trat der Tote in den Anfangssätzen dem Leser gegenüber: „So, wie er es in einem hinterlassenen Brief – nicht etwa einem Testament, nur einem Brief, ein paar Zeilen auf einem karierten Zettel – gewünscht hat, ist mein Vater auf dem jüdischen Friedhof von Weimar nach den Vorschriften begraben worden. Auf dem kleinen Friedhof, der ein Stück weit von der Stadt liegt, ist seit Jahrzehnten niemand mehr begraben worden, und man konnte sich über den Wunsch meines Vaters nur wundern, denn er hatte in seinem ganzen Leben überhaupt keine Verbindung zum Judentum und nicht einmal einen hebräischen Namen.“
Als Mahnmal und Gedenkstätte wurde der verfallene jüdische Friedhof in Weimar 1983 wiederhergerichtet, ein Jahr vor dem Tod Georg Honigmanns. Außerhalb der Stadt liegt er nicht, als Begräbnisstätte diente er nicht mehr. Im neuen Buch, „Georg“, liegt der Vater denn auch „nach seinem Wunsch auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee begraben, manchmal besuche ich sein Grab, er liegt dort unter lauter fremden Menschen“.
Die Frage nach dem Judentum des Vaters, die beide Bücher verbindet, bleibt von der literarischen Umbettung unberührt. Sie führt ins Zentrum der Lebensgeschichte Barbara Honigmanns und ihrer Eltern, die 1946 aus dem englischen Exil nach OstBerlin gingen, um dort den Sozialismus aufzubauen. Zu Beginn ihres Buches „Ein Kapitel aus meinem Leben“ (2004) hat die Tochter ihr Aufwachsen in einer Villa in Karlshorst beschrieben. Hier stand die Mutter im Vordergrund, Litzy, in Wien geboren, einer ungarisch-jüdischen Familie entstammend, die gegen Ende der Zwischenkriegszeit ein mondänes Leben in Paris führte, ehe sie angesichts einer drohenden Besetzung durch die Deutschen nach London ging. Nicht ein Lebenskapitel der Tochter, sondern der Mutter gab dem Buch den Titel, ihre Ehe mit Kim Philby, der 1963 als sowjetischer Spion enttarnt wurde. „Ich möchte gern in meiner Eigenart des Schreibens und nicht in meiner Eigenart des Lebens wahrgenommen werden,“ hat Barbara Honigmann einmal geschrieben. Der Satz ist ein Stoßseufzer angesichts der Neigung des Publikums, den Lebensstoff, der in einem Stück Literatur enthalten ist, wichtiger zu nehmen als die Form, in der er gestaltet ist. Honigmanns Umgang mit der zeithistorischen Dimension ihres autobiografischen Erzählens ist gegen die Privilegierung der „Eigenart des Lebens“ auf Kosten der „Eigenart des Schreibens“ gerichtet. „Es war grausam, Ethel und Julius Rosenberg hinzurichten, aber unschuldig waren sie nicht‘, sagte meine Mutter, während sie vor dem Spiegel ihre wilde Frisur in irgendeine Ordnung zu bringen versuchte.“
Das Wissen der Mutter in diesem Anfangssatz des ihr gewidmeten Buches führt tief hinein in die Geschichte der sowjetischen Spionage. Aber die Erzählung wird die Balance wahren zwischen der zeithistorischen Dimension und der Frisur und Haarfarbe der Mutter und daran arbeiten, sie in eine Figur zu verwandeln, die ihr literarisches Leben unabhängig von ihrer Beglaubigung durch die Wirklichkeit führt.
Dieser Verwandlung unterliegt nun, in „Georg“, der Vater. Die Umrisszeichnung ähnelt der in „Eine Liebe aus nichts“. Er ist der Journalist aus bürgerlichem Hause, der in Hessen aufwuchs und die Odenwaldschule unter dem Reformpädagogen Paul Geheeb besuchte, der Feuilletonautor der Vossischen Zeitung in Düsseldorf und Paris, der Exilant, der als enemy alien aus London in ein Internierungslager nach Kanada gebracht wurde, der Mann mit vier Ehen und vielen Affären, der die Mutter, seine zweite Ehefrau, für eine Schauspielerin verlässt, die nach dramatischer Trennung eine weitere Nachfolgerin findet: „Mein Vater heiratete immer dreißigjährige Frauen. Er wurde älter, aber seine Frauen blieben immer um die Dreißig.“
Zur Umrisszeichnung gehört auch die Abwehr und Bagatellisierung des eigenen Judentums zugunsten der politischen Mission. Aber wie sich in „Georg“ die Figur der Schauspielerin durch den Namen Gisela an die – ebenfalls aus Hessen stammende – Schauspielerin und Sängerin Gisela May annähert, die Diva der DDR, so wird auch der Satz „er hatte in seinem ganzen Leben überhaupt keine Verbindung zum Judentum“ noch einmal genauer betrachtet. Und revidiert. In diesem neuen Porträt tritt die Genealogie der Herkunftsfamilie leuchtend hervor, Aktenvermerke des britischen Geheimdienstes wie der Staatssicherheit klassifizieren seine jüdische Physiognomie, und als er über das Rentenalter schon hinaus ist, nähert er sich einem Stoff, von dem die Tochter meint, darin könnte ein Buch stecken, das er womöglich gern geschrieben hätte: „Georg vertiefte sich, während er seine Bücher über die kapitalistische Monopolpresse und die Manipulationen durch die Pressezaren Hearst und Hugenberg schrieb, in die Auseinandersetzungen über den Platz der Juden in der Gesellschaft, die sein Großvater und dessen Mitstreiter im Preußen des 19. Jahrhunderts geführt hatten. Da man in der Staatsbibliothek nicht so viele Kopien anfertigen konnte, schrieb er die Texte und Argumentationen des Für und Wider die Emanzipation der Juden teilweise Seite für Seite mit der Hand ab und versah sie am Rande mit vielen Ausrufungszeichen“.
Nicht ohne Pathos, mit deutlich hörbarem Anklang an die Feuerbachthese von Karl Marx, hat Barbara Honigmann einmal geschrieben: „Alle Menschen haben eigenartige Lebensgeschichten. Es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Das ist ihr in „Georg“ ganz ohne Pathos gelungen.
„Auch nach ihrem Tod
verändern sich
die Menschen noch.“
1946 gingen die Eltern aus dem
Exil nach Ostberlin, den
Sozialismus aufzubauen
„Er wurde älter, aber seine
Frauen blieben immer
um die dreißig.“
Barbara Honigmann, 1949 in Ostberlin geboren, emigrierte 1984 mit ihrer Familie nach Straßburg.
Foto: Max Lautenschlaeger / VISUM
Barbara Honigmann: Georg. Carl-Hanser-Verlag, München 2019.
158 Seiten, 18 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 12.02.2019
Erzähl weiter, Pappi

Barbara Honigmann schreibt die verblüffende Lebens- und Liebesgeschichte ihres Vaters auf.

Zu ihrem heutigen siebzigsten Geburtstag macht Barbara Honigmann sich ein Geschenk: Sie legt die Geschichte ihres Vaters vor. 35 Jahre war sie alt, als Georg Honigmann (1903 bis 1984) starb; jetzt, 35 Jahre nach dem Tod, erzählt sie sein Leben und ihr eigenes Leben mit ihm, gestaltet es in einer Montage von Perspektiven, die die autobiographische Struktur ihres Werkes zur kunstvollen Poetologie entfaltet.

Das Autobiographische ist Barbara Honigmanns Element. Sie ist eine Erzählerin und eine Malerin, die Menschen, über die sie schreibt, prägen sich dem Leser bildhaft ein, sie stehen ihm wie ein Porträt vor Augen. So war es schon in "Ein Kapitel aus meinem Leben" (2004), ihrem Buch über die Mutter. Litzy Kohlmann war nicht nur eine attraktive femme fatale - eine in Wien geborene Kommunistin, die Georg Honigmanns Lebensweg bestimmte, als sie 1946 heirateten -, sie war auch geheimnisumwittert. Ihr erster Mann war der Spion Kim Philby gewesen, die Fakten ihres Lebens hat sie immer verschleiert, und das Bild, das ihre Tochter von ihr zeichnete, musste daher zu großen Teilen ein Schattenriss bleiben.

Ganz anders ist das Porträt ihres Vaters, das sie uns jetzt gibt. Sie ist ihm näher als ihrer Mutter, das spürt man auf jeder Seite des Buches, und diese Nähe ist ein wenig paradox. Die Eltern hatten sich scheiden lassen, als ihre einzige Tochter sechs Jahre alt war, Barbara lebte bei ihrer Mutter und sah den Vater zumeist nur an Wochenenden oder in den Schulferien, schon in Gesellschaft der nächsten Frau, die er inzwischen geheiratet hatte. Woher also kommt das Gefühl der Intimität, das man beim Lesen ihres Erinnerungsbuchs hat?

"Erzähl weiter, Pappi" lautet ein Refrain darin. Die Tochter streut ihn immer wieder ein, als wollte sie ihren Vater zum Weitersprechen animieren, oft hält sie nur fest, was sie von ihm gehört hat. Georg Honigmann hat seine Geschichte niemals aufgeschrieben, und auch das ist merkwürdig, denn er war ein bekannter Journalist, für den das Schreiben Beruf und Berufung war.

Er stammte aus Hessen und war der Sohn von Georg Gabriel Honigmann, einem bedeutenden Arzt und Medizinprofessor in Gießen. Er besuchte die berühmte Odenwald-Schule, an die er glückliche Erinnerungen hatte, im Berlin der Weimarer Republik begann er seine Journalistenkarriere bei der Ullstein-Presse, und zu Beginn der dreißiger Jahre ging er als Auslandskorrespondent nach London. Hier machte er sich bald einen Namen, und nach dem Ende des "Dritten Reiches" hätte er seine Karriere in England oder in der westdeutschen Presse fortsetzen können, aber es ist anders gekommen.

Ein wiederkehrendes Motiv des Buchs sind die Ehen, die Georg Honigmann geschlossen hat, insgesamt vier. Als er Kim Philby und dessen Frau Litzy in London begegnete, war er noch mit seiner Jugendliebe aus den Tagen der Odenwald-Schule verheiratet. Später ließen Litzy und er sich von ihren vorherigen Partnern scheiden und heirateten in Ost-Berlin, wohin sie gegangen waren, weil Litzy es so wollte. "Bevor ich deine Mutter kennenlernte, war ich weit davon entfernt, ein politischer Mensch zu sein", schreibt er seiner Tochter in einem Brief. Erst Litzy hat ihn bewogen, in die DDR zu gehen, und das, so zeigt Barbara Honigmann einfühlsam, war eine unglückliche Entscheidung.

Ihr Vater war ein humorvoller Mensch, und Diktaturen vertragen keinen Humor. Nach dem 17. Juni 1953 suchte das DDR-Regime nach Ventilen für den öffentlichen Druck und gestattete eine Reihe satirischer Kurzfilme, "Das Stacheltier". Georg Honigmann, ihr Produktionsleiter, hatte unter ständiger Zensur zu leiden, und kurz nach dem Mauerbau wurde er abgesetzt. Ähnliches wiederholte sich bei dem politischen Kabarett "Die Distel", dessen Leitung er bald darauf übernahm. "Der Gedanke an die ,Distel' verursacht mir Übelkeit und Brechreiz", schreibt er aus Prag, wohin er sich für einige Tage vor den Querelen geflüchtet hat.

Man kann Barbara Honigmanns Vaterbuch auf vielen Ebenen lesen: als eine europäische Geschichte über kommunistische Gruppen im London der Kriegsjahre, die vom britischen Geheimdienst beschattet wurden; als eine deutsch-deutsche Geschichte über West-Emigranten, die ins Visier der Stasi gerieten; als Privatgeschichte eines bekannten Journalisten, der in dritter Ehe mit einer noch bekannteren Schauspielerin, Gisela May, unglücklich verheiratet war.

Georg Honigmann gehörte zur privilegierten DDR-Prominenz, aber seine Privilegien bereiteten ihm keine Freude. Als er schon auf dem Sterbebett lag, sagte er zu der behandelnden Ärztin "I am an old man in a hurry" und bat sie, alle weiteren Untersuchungen einzustellen: "Was an mir nicht stimmt, könnten wir doch für uns beide vorteilhafter bei der Obduktion feststellen." Vielleicht dachte er dabei an seine besseren Tage in England und war bereit, sich aus der Welt des realen Sozialismus zu verabschieden.

Das Buch spricht den Leser auf den verschiedensten Ebenen an, die Intimität jedoch, mit der sich Barbara Honigmann an ihren Vater erinnert, hat einen eigenen Grund. "Ich bin ins Jüdische Museum gegangen", schreibt er in seinem Brief aus Prag, wo er die "Distel" zu vergessen sucht, dort "sah ich mir die schöne Sammlung und die Spanische Synagoge an und habe auch den verwunschenen Friedhof mit dem Grab von Rabbi Löw besucht."

Es ist ein seltener Augenblick im Leben dieses Mannes, der sich zwischen allen Fronten aufreibt, doch für seine Tochter ist er entscheidend. Barbara Honigmann gehört zu einer Generation, die man als "post-assimilatorisch" bezeichnen kann: Schon 1984, noch vor dem Mauerfall, hat sie die DDR verlassen und lebte seither mit Mann und Kindern in einer thoratreuen Gemeinde in Straßburg. Nach langen Umwegen fand sie zum Judentum zurück, das ihr Vater und Großvater längst verlassen hatten.

Ihre Vorfahren, so erzählt sie an einer anderen Stelle, haben alle geschrieben: In der Zeitschrift "Der Israelit" bekämpfte ihr Urgroßvater nach 1848 noch die Antisemiten; ihr Großvater in Gießen dagegen war schon ganz unjüdisch, er gab medizinische Fachzeitschriften heraus; und dem "linientreuen" Kommunisten Georg Honigmann war das Judentum von Staats wegen untersagt. Seine Tochter versucht es seit Jahrzehnten anders. Jetzt hat sie ihrem traurig entwurzelten Vater ein schönes Denkmal gesetzt.

JAKOB HESSING

Barbara Honigmann: "Georg".

Carl Hanser Verlag, München 2019, 157 S., geb., 18,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Barbara Honigmann begibt sich auf die Spuren ihrer Familie und rollt dabei ein halbes Jahrhundert europäischer Gewaltgeschichte auf." Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung, 28.02.19 "Das Buch 'Georg' ist dort am besten, wo die Autorin sich dem Vater behutsam, aber nicht unkritisch nähert: dort, wo sie versucht, zu verstehen, was nicht zu verstehen ist, dort, wo sie versucht, ihm gerecht zu werden, auch in seinem Versagen. Geschickt weicht sie der Gefahr postumen Psychologisierens aus." Klara Obermüller, Neue Zürcher Zeitung am Sonntag, 24.02.19 "Nicht ohne Pathos, mit deutlich hörbarem Anklang an die Feuerbachthese von Karl Marx, hat Barbara Honigmann einmal geschrieben: 'Alle Menschen haben eigenartige Lebensgeschichten. Es kommt aber darauf an, sie zu verändern.' Das ist ihr in 'Georg' ganz ohne Pathos gelungen." Johan Schloemann, Süddeutsche Zeitung, 12.02.19 "Barbara Honigmann hat ihrem traurig entwurzelten Vater ein schönes Denkmal gesetzt." Jakob Hessing, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.02.19 "Barbara Honigmanns kritische Annährung an diesen Georg ist ein bewegendes kleines Stückchen Literatur." Bernd Noack, BR Diwan, 10.02.19 "Georg Honigmann ist 1984 in Weimar gestorben. Fünfundreißig Jahre später hat seine Tochter ihm eine beeindruckende Liebeserklärung nachgetragen." Christoph Schröder, SWR 2 Lesenswert, 10.02.19