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Mit der Geschichte ihrer eigenen Mutter erzählt Barbara Honigmann nüchtern, poetisch und bewegend das unglaubliche Leben einer außergewöhnlichen Frau im Europa der Kriege und Diktaturen. "Ein Kapitel aus meinem Leben", so nannte ihre Mutter Lizzy mit betontem understatement das heikelste Kapitel dieses ungewöhnlichen Lebens: ihre Ehe mit dem weltberühmten "Meisterspion" Kim Philby, der als sowjetischer Agent in England arbeitete und später in die Sowjetunion flüchtete.…mehr

Produktbeschreibung
Mit der Geschichte ihrer eigenen Mutter erzählt Barbara Honigmann nüchtern, poetisch und bewegend das unglaubliche Leben einer außergewöhnlichen Frau im Europa der Kriege und Diktaturen. "Ein Kapitel aus meinem Leben", so nannte ihre Mutter Lizzy mit betontem understatement das heikelste Kapitel dieses ungewöhnlichen Lebens: ihre Ehe mit dem weltberühmten "Meisterspion" Kim Philby, der als sowjetischer Agent in England arbeitete und später in die Sowjetunion flüchtete.
  • Produktdetails
  • Verlag: HANSER
  • Artikelnr. des Verlages: 505/20531
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 152
  • Erscheinungstermin: 9. August 2004
  • Deutsch
  • Abmessung: 209mm x 134mm x 22mm
  • Gewicht: 290g
  • ISBN-13: 9783446205314
  • ISBN-10: 3446205314
  • Artikelnr.: 12724483
Autorenporträt
Barbara Honigmann, geboren 1949 in Ost-Berlin, wohin ihre Eltern aus dem Exil zurückgekehrt waren. Sie arbeitete als Dramaturgin und Regisseurin. Seit 1984 lebt sie in Straßburg. Für ihre Romane wurde sie ausgezeichnet: 1994 mit dem Nicolas-Born-Preis, 2004 mit dem Solothurner Literaturpreis, 2011 mit dem Max-Frisch-Preis der Stadt Zürich, 2012 mit dem Elisabeth-Langgässer-Preis und 2015 mit dem Ricarda-Huch-Preis.
Rezensionen
Besprechung von 18.12.2004
Nah an der Wahrheit lügen
Barbara Honigmann erzählt von ihrer ungreifbaren Mutter
Trennung verbindet. Vor zwanzig Jahren hat Barbara Honigmann Deutschland verlassen und sich nach einem Umweg über Paris in Straßburg mit seiner großen jüdischen Gemeinde niedergelassen. Dort begann die 1946 in Ost-Berlin geborene Tochter zurückgekehrter Emigranten mit dem Schreiben ihrer Romane und Erzählungen: „Ich begriff, daß Schreiben Getrenntsein heißt und dem Exil sehr ähnlich ist”, heißt es in dem band „Damals, dann und danach” (1999). Schreiben heißt aber auch Verbundenheit, über alle Trennungen hinweg. Als Schriftstellerin in ihrer Muttersprache kehrte Barbara Honigmann wieder nach Deutschland zurück.
Seit ihrem gefeierten Debüt „Roman von einem Kinde” (1986) schreibt sie an ihrer Familiensaga. Ihre Leser verzaubert sie mit einem ganz unprätentiösen, unverwechselbar persönlichen Ton und Stil, der mit jedem neuen Buch an Leichtigkeit des Herzens und der Hand hinzugewinnt. Und dabei sind die von ihr aufgerollten Kapitel deutsch-jüdischer Geschichte doch eigentlich so schwer wie Blei. Aber da gibt es keine Stelle, die - wie so oft in deutschen Familienromanen - nach Eintopf schmecken würde, in dem verblasste Familienfotos wie Speckschwaden schwimmen.
Die Verbundenheit im Getrenntsein ist der eine Grund jenes Zaubers. Sie gleicht dem Rückblick auf eine vergangene Liebe. Neben der Liebe geht der Trennung aber noch etwas anderes voraus: „Wo Liebe ist, ist auch Verrat”, heißt es im Briefroman „Alles, alles Liebe” (2000), was an einen Gedanken in John Le Carrés Roman „Ein blendender Spion” erinnert: „Liebe ist, was man noch verraten kann, verraten kann man nur, wenn man liebt.” Liebe, Trennung und Verrat sind im privaten wie im politischen Verkehr ihrer Protagonisten - das autobiographische Ich einbezogen - die durchgängigen kleinen großen Themen der Bücher von Barbara Honigmann.
Der Schatten von Kim Philby
Da überrascht es kaum, wenn aus ihrem neuen Buch „Ein Kapitel aus meinem Leben” zu erfahren ist, dass Honigmanns Mutter, deren Porträt die früheren Bücher nur schemenhaft zeichneten, in einem ihrer vielen früheren Leben die Ehefrau des britischen Meisterspions und Doppelagenten Kim Philby war. Das gefährliche Liebesspiel, Mutter und Tochter im Titel miteinander zu identifizieren, kann das Buch sich nur leisten, weil ihm das Bewusstsein unwiderruflichen Getrenntseins vorausgeht. Aber auch von diesem neuen Kapitel der Honigmann’schen Familiensaga wird ganz nüchtern, unaufgeregt und unspektakulär erzählt, wie von einer beiläufigen Facette im vielgestaltigen, rätselhaft changierenden Bild der eigenen Mutter.
Der zweite Grund für den Zauber von Honigmanns Prosa ist nämlich die Sprache selbst. Es ist eine unerhörte Sprache, die so wirkt, als sei sie nicht geschrieben, sondern gesprochen, obwohl sie außerhalb von Honigmanns Büchern nirgendwo mehr zu hören ist: Ein lebendiges, unaufdringlich hervorquellendes Parlieren im entspannten, umgänglichen Plauderton, aus dem noch ein leises Berlinern herauszuhören ist, ganz unberührt von jeder Abnutzung durch den formlosen und saloppen Alltagsjargon, welcher das Gros der Gegenwartsliteratur regiert.
Es muss in der alten, sich mehr und mehr einmauernden DDR Oasen der ungezwungenen Gesprächs-, beinahe Salonkultur gegeben haben: Im privaten oder halböffentlichen Parlieren wurde dort offenbar noch eine weltläufige Bürgerlichkeit gepflegt, wie es sie in der alten neureichen BRD kaum mehr gegeben hat. Zumindest im Hause der Honigmanns in Berlin-Karlshorst muss es so noch zugegangen sein. Die Eltern und ihre Freunde und Bekannte zählten zum „antifaschistischen Gründeradel” der DDR - Exilanten, Widerstandskämpfer, KZ-Überlebenden -, hochgebildet, aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammend. Sie genossen Privilegien, die es ihnen im Austausch gegen bedingungslose Unterordnung und Loyalität zur Partei erlaubten, ihre geistigen und ästhetischen Vorhalte gegenüber dem realen Sozialismus preußisch-protestantischer Provenienz zu einer Art innerem Exil zu kultivieren. Es trat an die Stelle des äußeren Exils, wohingegen sie ihre zumeist jüdische Herkunft verleugnet und verdrängt hatten.
Das Porträt ihres Vaters hat Barbara Honigmann in dem Buch „Eine Liebe aus nichts” (1991) gezeichnet, dessen Titel auf Liebe und Liebesverrat anspielt. Die Mutter, Alice Kohlmann, alias Kollmann, verheiratete und geschiedene Friedmann, Philby und Honigmann, Litzy, Lizy, Lizzy oder auch Lisa gerufen, im Jahr 1910 in Wien geboren, im Grenzgebiet zwischen Ungarn und Kroatien aufgewachsen, war über Wien, Paris und das Spanien des Bürgerkriegs vor den Nazis ins britische Exil geflohen. Ihre Ehe mit dem Geheimdienstler Kim Philby, den möglicherweise sie erst zur Spionagetätigkeit für den KGB angeworben hatte, hielt von 1933 bis 1945. Nach dem Krieg ließ sie sich zusammen mit ihrem dritten Ehepartner, einem journalistischen „Überläufer”, in Ost-Berlin nieder, bis sie im fortgeschrittenen Alter die ob ihrer Stillosigkeit degoutierte DDR verließ, um nach Wien zurückzukehren. Im Urteil der Tochter fällt das Verhältnis der Mutter zur Familie, zur jüdischen Herkunft und zum geliebten, rettenden, verratenen England in eins: „Vielleicht gehörte meine Mutter zu den Menschen, die, was sie lieben, verraten müssen und gerade in diesem Verrat ihre Bindung und enge Zugehörigkeit ausdrücken.”
Die professionelle Vergesslichkeit einer verwandlungstollen Frau, die mit schwankenden Identitäten gleich mehrere parallele Leben führte und so viele Gesichter hatte, dass sie sich nicht einmal mehr an ihre natürliche Haarfarbe erinnern konnte - so oft hatte sie ihre Haare umgefärbt -, dehnte sich auf das Verhältnis zu ihrer Tochter aus. Auch ihr gegenüber lüftete sie keines der vielen Rätsel, die sie aufgab. Schon gar nicht die Geheimnisse aus ihrer früheren Ehe mit dem Spion, allenfalls einen Bruchteil davon erst kurz vor ihrem Tod. Dafür lehrte sie die Tochter eine Tugend, die zur Schriftstellerei beinahe prädestinierte: die hohe Kunst, „so nah wie möglich an der Wahrheit” zu lügen. Und: „das Allerwichtigste in ihrem Leben, die Contenance kam noch vor dem Marxismus-Leninismus”. Auch die Techniken der Konspiration und der Gegenkonspiration konnte Barbara Honigmann von ihrer Mutter lernen. Sie kamen zum Zug, als sie sich im Kreise weniger Gleichgesinnter - gegen die Selbstvergessenheit der Eltern - das tabuisierte Jüdischsein und die orthodoxe Religion der Großeltern aus dem Nichts heraus wieder erschuf.
Doch irgendwann wurde Barbara Honigmann ihr Jüdischsein zu einer Selbstverständlichkeit, die keiner angestrengten Identitätssuche mehr bedurfte, so wie sie auch darauf verzichtete, der Mutter nachzuspionieren: „Ich bin nirgends hingereist, hingefahren, hingegangen. Habe keine Dokumente gesucht, gefunden, gesehen.” Ein kleiner Verrat nur geht der Trennungsarbeit voraus: „Sie hat mich geboren, und nun setze ich sie wieder als Legende in die Welt. Kurz hinter der Wahrheit und dicht neben der Lüge, so wie es ihr Credo war.” Und ähnlich wie die Mutter die leeren Räume liebte, liebt Barbara Honigmann die Orte der Übergänge, Neuanfänge und Verwandlungen: Ihre Mutter, schreibt sie, wäre wohl am liebsten „Innenarchitektin geworden, denn das Entwerfen, Dekorieren, Ausmessen, Zeichnen, Umstellen, Möblieren und folgerichtig auch das Umziehen waren ihre eigentliche Leidenschaft; neu beginnen und neu gestalten, aus dem Nichts Form entstehen lassen, alles hinter sich lassen, alles wieder neu beginnen. Denn Gestalt wächst aus der Leere, sagte sie, und deshalb sei die Leere das Wichtigste und Schönste an einem Raum”. Viva!
Alle starren Auffassungen von Identität sind dagegen nur Lug und Trug. Barbara Honigmann jedenfalls ist der Abschied, die Trennung von den Eltern, von den Freunden von den vormals Geliebten, von Deutschland und von allem Identitätsgerede geglückt. Solche Trennungen verbinden. Ihr Buch ist ein sprachliches und erzählerisches Ereignis. Und ein bisschen Verrat darf schon dabei gewesen sein.
VOLKER BREIDECKER
BARBARA HONIGMANN: Ein Kapitel aus meinem Leben. Hanser Verlag, München 2004. 142 Seiten, 15,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Susanne Mayer hat sich von Barbara Honigmanns neuem Buch umgarnen lassen. Es geht darin um die Mutter der Autorin, die Gefährtin des berüchtigten Doppelagenten Kim Philby. Aber einen Doku-Krimi oder Spionagethriller hat die Rezensentin dabei nicht in Händen gehalten, auch kein echtes Porträt der Mutter Honigmanns. Vielmehr werde der Leser "mit tastenden Erzählbewegungen", mit Spekulationen und Unsicherheiten "in einen Raum gelockt, in dem die Gestalt der Mutter gleich einem Vexierbild aufblitzt, um sofort wieder zu verschwinden". Honigmanns Kapitel aus ihrer Familiengeschichte ist im Tonfall nüchterner Alltäglichkeit verfasst und offenbart zeitweilig eine "maximal schmerzhafte Distanz" zwischen Mutter und Tochter, findet Mayer. Dass die Erzählerin ihrer verschwiegenen, alle politischen Verstrickungen herunterspielenden Mutter nicht richtig habhaft wird (oder werden möchte) und auch keine spektakulären Geheimnisse enthüllt, macht für die Rezensentin die eigentümliche Qualität des kleinen Bandes aus. Als letztes Geheimnis enthüllt sich weder eine Heldin noch ein Geheimdienstskandal, sondern eine geheimnisvoll schillernde Erzählhaltung, resümiert die erfreute Kritikerin.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 10.09.2004
Meine Mutter und der Spion
Barbara Honigmann verstößt gegen das Verschwiegenheitsgebot

Das erste Gebot versteht sich von selbst: Du sollst nicht lügen. Das zweite ist ein Gebot des Pragmatismus: Aber wenn du lügst, dann lüge so nah wie möglich an der Wahrheit. So hat es Barbara Honigmann in ihrer Kindheit von der Mutter gelernt. Daran hält sie sich. Diese Sätze dienen ihr heute als Leitfaden des literarischen Schreibens. In all ihren Büchern schreibt sie so unverhüllt autobiographisch, daß man ihre fortgesetzte Familienrecherche, die eine Rekonstruktion ihrer jüdischen Wurzeln ist, fast schon als Dokumentarliteratur in eigener Sache lesen kann. Von Buch zu Buch schreibt sie sich tiefer hinein in diese Geschichte, benutzt Briefe, Tagebuchnotizen und Aktenmaterial als Quellen - soweit sie ihrer habhaft werden kann. Doch üppig ist die Hinterlassenschaft der Familie nicht. Die Mutter war eine Spurenvernichterin. Sie zerriß Briefe, die sie gelesen hatte, und verwahrte Fotos achtlos und ohne Beschriftung in einem Karton. Da bleibt der Tochter nichts anderes übrig, als ihre Version des Lebens der Mutter dicht an der Wahrheit entlang zu erfinden. "Ein Kapitel aus meinem Leben" heißt ihr neues Buch, das diese Geschichte erzählt.

Die Mutter war ein chamäleonhaftes Wesen. Sie hieß Alice Kohlmann oder Kollmann, wurde aber in früheren Lebensabschnitten Lizzy oder Litzy genannt. Ihre Haare färbte sie so lange in allen Tönen, daß sie ihre natürliche Farbe vergaß. Ihren Geburtstag feierte sie, weil es praktischer war, am 1. Mai - und nicht am 2. oder 3., an dem sie 1909 geboren wurde. Und noch das Datum ihres Todes, allein in einem Altersheim in Wien, ist unklar. Weil sie mitten in der Nacht starb, mußte die Tochter sich für eine Stunde entscheiden und den Schlußpunkt unter die mütterliche Undeutlichkeit am Rande der Wahrheit setzen.

Schon in den früheren Prosatexten konnte man einiges über die Mutter erfahren - vor allem, wie zurückhaltend sie war, wenn es galt, Auskunft über ihr Leben zu geben. In "Eine Liebe aus Nichts" (1991), wo es um das Sterben des Vaters ging, blieb sie eine Randfigur, die systematisch aus dem Geschehen hinausgeschrieben wurde. Während Barbara Honigmann ihre 1984 vollzogene Übersiedlung von Ost-Berlin nach Straßburg und damit gewissermaßen den Übertritt vom Sozialismus ins Tora-Judentum reflektierte, erfand sie für die Mutter eine Rückkehr ins angebliche Geburtsland Bulgarien. Dort habe sie bald nur noch bulgarisch gesprochen, so daß die weitere Verständigung mit ihr unmöglich wurde. In den essayistischen Erzählungen "Damals, dann und danach" wurde die Geschichte der Mutter schon etwas verständlicher. Ihr Geburtsort Wien, ihre Kindheit bei den Großeltern in einem ungarischen Dorf, die Exilstationen der Kommunistin in Paris und London, ihre Unzugehörigkeit in Ost-Berlin, wohin sie nach dem Krieg ihrem dritten Mann folgte, sind aus diesen Texten bekannt. Die Schwierigkeit der Tochter bestand darin, "daß unsere Eltern, indem sie ihr Judentum völlig beiseite gelegt, sich auch von ihrer Herkunft und Geschichte ganz abgeschnitten hatten und deshalb nur in Rätseln oder überhaupt nicht zu uns sprechen konnten. Diese Rätsel wollten wir nun sozusagen hinter ihrem Rücken lösen."

Für die 1949 geborene Barbara Honigmann ergab sich daraus die Pflicht zur Wiederentdeckung des eigenen Judentums - gegen die bis zur Selbstverleugnung assimilierten Eltern, die sie in einen "Zustand völliger Unbehaustheit" versetzt hatten. Deren Schweigen und die Verdrängung der Herkunft erklärte sie einerseits mit dem verbreiteten Schuldsyndrom der Überlebenden des Holocaust, vor allem aber mit der Unvereinbarkeit von jüdischer und kommunistischer Identität. So gab es 1951 in der DDR eine Verordnung, wonach Parteimitglieder nicht auch Mitglied der Jüdischen Gemeinde sein konnten. Die Mutter trat deshalb aus der Jüdischen Gemeinde aus. Für die Tochter ist es nun eine Überraschung zu entdecken, daß sie sich nach 1945 überhaupt für die Jüdische Gemeinde interessiert hat und dort Mitglied wurde.

In "Ein Kapitel aus meinem Leben" drängen sich jedoch andere Gründe für die mütterliche Geschichtsverschwiegenheit auf. Der "junge Engländer", dessen Bild sich einst in der Schachtel mit Fotos fand, entpuppt sich als zweiter Ehemann der Mutter. Es ist Kim Philby, ein britischer Geheimdienstmann, der 1964 in England als russischer Agent enttarnt wurde, sich aber rechtzeitig in die Sowjetunion absetzen konnte. Die Mutter war von 1933 bis 1945 mit ihm verheiratet und teilte mit ihm die Konspiration. Ja, vielleicht war sie es sogar, die den Kontakt zum sowjetischen Geheimdienst herstellte. Als Achtzigjährige erzählte sie der Tochter erstmals von "diesem Kapitel aus meinem Leben". Doch viele Fragen blieben offen. Barbara Honigmann begnügt sich damit, die Geheimnisse, die ihre Mutter umstellen, zu benennen, anstatt die Lücken mit Erfindungen auszufüllen. Rätselhaft etwa, warum der sowjetische Geheimdienst der Mutter so vertraute, daß er sie zwischen 1945 und 1964, als Philby enttarnt wurde, unbehelligt ließ. Als Geheimnisträgerin war sie ein Risiko und hätte jederzeit nach West-Berlin fahren können, um ihr Wissen preiszugeben. Oder stand sie auch da noch in Diensten des KGB?

Folgenreicher für die Tochter ist es jedoch, daß das Schweigen der Mutter nun weniger als Verdrängung des Jüdischen denn als eine in Fleisch und Blut übergegangene Konspiration erscheint. Damit revidiert Barbara Honigmann ihre frühere Sichtweise, ergänzt sie zumindest durch ein anderes, widersprüchliches und gefährliches Element. Auch die eigene Suche nach ihrer jüdischen Identität muß sie nun neu begründen. Tradition und Religiosität wurden ihr einst um so wichtiger, je unhaltbarer die kommunistischen Ideale der Eltern waren. Jetzt, mehr als ein Jahrzehnt nach dem Untergang des Sozialismus und dem Tod der Mutter, kann diese Frontstellung schon lange nicht mehr genügen. Das eigene Jüdischsein hat unterdessen an Selbstverständlichkeit gewonnen. Der in früheren Büchern gelegentlich spürbare, unangenehm eifrige Ton der frisch Bekehrten ist verschwunden. Deshalb wird jetzt der Blick frei für die andere Geschichte der Mutter.

Indem Barbara Honigmann diese Geschichte erzählt, verstößt sie jedoch gegen das Verschwiegenheitsgebot, lehnt sich also doch noch einmal auf. Die Mutter hatte sich allen Auskunftsbegehren von Philby-Biographen hartnäckig verweigert. Sie wollte nicht in solchen Büchern als Frau des Spions vorkommen. Barbara Honigmann "verrät" nun mit dem Roman ihre Mutter. Ihr Erzählen ist ein Akt der Dekonspiration, ihr Buch ein Epitaph voll zärtlicher Zuneigung. Liest man ihre Bücher nacheinander, läßt sich erkennen, wie mühsam es gewesen ist, Nähe zu dieser Mutter herzustellen. Alice Kohlmann hat ihre Eltern in London in Gräbern ohne Steine und Namen zurückgelassen. Nur eine gezeichnete Karte im Nachlaß verriet, wo diese Gräber sich befinden. Barbara Honigmann ist nicht bereit, die mütterliche Spurenverwischung fortzusetzen, im Gegenteil. Sie arbeitet hartnäckig daran, ihre Herkunft kenntlich zu machen. Ein größerer Gegensatz als der zwischen einer Geheimdienstlerin und einer nach Öffentlichkeit strebenden Schriftstellerin ist wohl kaum denkbar.

JÖRG MAGENAU

Barbara Honigmann: "Ein Kapitel aus meinem Leben". Hanser Verlag, München/ Wien 2004. 142 S,, geb., 15,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Alltägliche Weltgeschichte: Was für ein aufregendes, kluges, hinreißendes Buch... Barbara Honigmann erzählt von ihrer Mutter. Doch deren Biografie ist so unvergleichlich und von solcher Dynamik, dass sie ganz eigene Perspektiven auf die deutsche Vergangenheit des 20. Jahrhunderts eröffnet. Zudem schreibt sie mit so federnder Leichtigkeit, mit so viel warmherziger Ironie der Mutter und gelassener Distanziertheit der eigenen Person gegenüber, dass dieses Buch nicht nur zu einer intellektuellen Bereicherung, sondern zugleich zu einem großen Lesevergnügen wird... Ein kleines Wunderding: schön, souverän, eindringlich."
Uwe Wittstock, Die Welt, 04.09.04

"Ein berührendes und unterhaltsames Porträt einer eigenwilligen Frau, ein vielschichtiges Zeitbild, in dem sich individuelle Widersprüche in den Paradoxien der Zeitgeschichte spiegeln. ... So souverän und zugleich liebevoll muss man die Freiheiten des biografischen Schreibens erst einmal auszureizen wissen."
Sibylle Birrer, Neue Zürcher Zeitung, 25./26.09.04

"Barbara Honigmann gibt der Sache, auch den Gefühlen, den einfachsten und manchmal gerade deshalb umso raffinierteren Ausdruck - oft voller Witz und Ironie."
Claudia Kühner, Tages-Anzeiger, 21.10.04

"Barbara Honigmanns Buch ist ein sprachliches und erzählerisches Ereignis."
Volker Breidecker, Süddeutsche Zeitung, 18./19.12.04