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Der Roman beginnt mit einer Abrechnung mit der Elterngeneration, die Vesper im Folgenden verächtlich als >>vegetables politischen Überzeugung zu lösen versucht. Die Droge dient in diesem Zusammenhang der inneren Befreiung. Doch die dokumentierten LSD-Trips zeigen, wie illusionslos Vesper auch im Stadium des Rauschs seine Existenz beurteilt. Seine Lebensenergie scheint von einem unkontrollierten Hass (so auch der ursprünglich von ihm gewählte Titel des Romans) bestimmt.…mehr

Produktbeschreibung
Der Roman beginnt mit einer Abrechnung mit der Elterngeneration, die Vesper im Folgenden verächtlich als >>vegetables<< bezeichnet. Im Verlauf des Romans wird transparent, dass er durch das Schreiben seinen inneren Konflikt zwischen der Liebe zum übermächtigen Vater und seiner eigenen radikalen politischen Überzeugung zu lösen versucht. Die Droge dient in diesem Zusammenhang der inneren Befreiung. Doch die dokumentierten LSD-Trips zeigen, wie illusionslos Vesper auch im Stadium des Rauschs seine Existenz beurteilt. Seine Lebensenergie scheint von einem unkontrollierten Hass (so auch der ursprünglich von ihm gewählte Titel des Romans) bestimmt.
  • Produktdetails
  • rororo Taschenbücher Nr.15097
  • Verlag: ROWOHLT TB.
  • 7. Aufl.
  • Seitenzahl: 720
  • Erscheinungstermin: Januar 1995
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 116mm x 35mm
  • Gewicht: 404g
  • ISBN-13: 9783499150975
  • ISBN-10: 3499150972
  • Artikelnr.: 02053707
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 13.03.2005

Hitlers Hippies
Ein Wahnsinn, dieses Buch: Bernward Vespers "Reise" wird wiederaufgelegt

Es war in München, wo die Reise des Bernward Vesper begann, es war Anfang August im Jahr 1969, und Barton war auch dabei, der Maler aus New York; sie hatten sich das LSD auf der Leopoldstraße besorgt, und im Englischen Garten, oben auf dem Monopterus, meinten beide, als ob sie blutige Anfänger wären, daß ja gar keine Wirkung zu spüren sei, nur die Türme und die Kuppeln der Stadt, da waren sie sich einig, leuchteten an diesem Abend besonders schön, und dann sind sie losgegangen, ohne ein Ziel, und im Hofgarten gestand Vesper seinem Begleiter, dem Juden Barton, daß er, Vesper, Adolf Hitler sei, und später, am frühen Morgen, als sie aus der Theatinerkirche heraustraten, war Vesper sich sicher, daß er Jesus sei, und er sprach zu seinem Vater, und er sprach von seinem Sohn, der seine Sonne sei, und morgens standen sie vor einer Wohnung in der Maxvorstadt, sie klingelten, und Uschi Obermaier machte auf, und Vesper schlief ein paar Stunden, im Kinderbett, und am Nachmittag war die Wirkung noch immer nicht vorbei, und abends hat er sich in seinen alten Volvo gesetzt, sein Ziel war Undingen, auf der Schwäbischen Alb, wo er seinen Sohn besuchen wollte, und wenn man das liest, ein Mann unterwegs durch die deutsche Provinz auf der Suche nach einem Ort, der tatsächlich Undingen heißt, wird man vom Lesen und von Deutschland selber ganz verrückt.

Bernward Vesper, die Romanfigur, ist von der Reise nie wirklich zurückgekommen, was daran lag, daß Bernward Vesper, der Autor, sein Buch nicht zu Ende geschrieben hat. Es ging seinem Kopf und seiner Seele nicht besonders gut in den Jahren 1970 und 1971, er war erst in Haar bei München, in der geschlossenen Psychiatrie, bis ihn Freunde nach Hamburg-Eppendorf brachten, wo man den Kranken besser behandelte, aber umgebracht hat er sich dann doch in Hamburg, und das unfertige Manuskript lag bei Jörg Schröder herum, dem März-Verleger, der dafür auch schon einen Vorschuß überwiesen hatte, es lag im Keller, bis sich, sechs Jahre später, Jörg Schröder daran erinnerte, es in Satz gab und einen schönen gelben März-Umschlag entwerfen ließ. "Die Reise" verkaufte sich nicht besonders gut, dann kam aber der deutsche Herbst, und Hanns-Martin Schleyer war tot, Andreas Baader war tot und Gudrun Ensslin auch, Bernward Vespers Ex-Verlobte, die Mutter seines Sohnes Felix, die Frau, um welche in der "Reise" so intensiv getrauert wird, weil sie den Helden, den traurigen Vesper, für Andreas Baader verlassen hat. Vespers Buch, das empfahl damals jeder Rezensent, war als Dokument zu lesen, als Protokoll des Scheiterns und Porträt einer verlorenen Generation.

Es gab Kritiker, die den toten Autor allen Ernstes lobten für seine Unversöhntheit mit den herrschenden Verhältnissen und für die vielen Drogen, für das LSD und das Haschisch, das immer wieder in kiloschweren Platten durch den Roman und die sommerheißen Münchner Straßen getragen wird, gab es aber strenge Rügen, weil die Droge, wie jeder kritische Kritiker weiß, ja keine Waffe des Widerstands ist, sondern bloß ein Mittel zur Flucht aus der Welt. Den allerdümmsten Artikel über "Die Reise" hat vermutlich Heinrich Böll geschrieben, in der Zeitschrift "Konkret", wo er "Die Reise" wie ein medizinisches Bulletin las, und die Krankheit, das waren naturgemäß die sogenannten deutschen Zustände, und als Therapie verschrieb er eine große Dosis Moral, und weil damit allein keine drei Seiten zu füllen sind, brachte Böll unterwegs wirklich alles durcheinander, die Morde der RAF, das Erschrecken beim Lesen von Vespers Text und die Erziehungsmethoden von Bernward Vespers Vater, der seinen Sohn offenbar tatsächlich zwang, den Teller leer zu essen: das alles war, irgendwie, Terror für Heinrich Böll.

Den zweitdümmsten Text hat, im "Spiegel", Christian Schultz-Gerstein geschrieben, im Jahr 1979, als Jörg Schröder eine erweiterte Fassung der "Reise" herausbrachte, mit Material über Bernward Vespers Kindheit und Jugend, Material, welches anscheinend belegte, daß Vesper nicht die ganze Wahrheit über sich und seinen Vater ausgebreitet habe, was Schultz-Gerstein, so als hätte "Die Reise" den Untertitel "meine Beichte" oder "ein Rechenschaftsbericht", dem toten Dichter nicht verzieh.

Vespers Vater hieß Will und wird, der Einfachheit halber, gern als Nazi-Dichter apostrophiert; tatsächlich war, was er so schrieb, schon während der Weimarer Republik, völkisch-protestantisch, provinziell und voller Haß auf die sogenannten Asphalt-Literaten, und so antisemitisch war Vesper, daß er nicht einmal Katzen, diese orientalischen Tiere, ausstehen konnte; seine Lyrik, die sich so sehnte nach dem Klang von Hölderlin, war der Travestie meistens näher als der Hommage. Während des Krieges und in den Jahren danach lebten die Vespers auf Triangel, einem Gut in der Nähe von Hannover, und es stimmt schon, daß in der "Reise" vom Leiden unter diesem Vater sehr viel die Rede ist und von der Loyalität und der Solidarität des Sohnes nicht ganz soviel - auch wenn die Szene, in welcher sich Bernward Vesper für Jesus hält und der Unterschied zwischen seinem Vater und Gottvater verschwimmt, zu den intensivsten Momenten der "Reise" gehört. Und unvergeßlich ist vermutlich allen Lesern der Moment, in dem das Buch davon erzählt, wie Bernward Vesper seinem sterbenden Vater den Namen Gudrun ins Ohr gehaucht habe; dann, so der Roman, habe Bernward zwei Wochen lang geheult.

Es liegt nahe, daß einer Bernward Vesper, den Autor, mit Bernward Vesper, der Romanfigur, verwechselt, und wenn man arbeitshypothetisch von der Identität beider Figuren ausginge, hätte man natürlich noch ein paar Fragen an das Buch, man würde fragen, was denn so los war in den Köpfen von Gudrun Ensslin und Bernward Vesper, in den Jahren nach dem Tod des Vaters, als beide, einerseits, mit linken politischen Positionen sympathisierten und moderne Lyrik verlegten. Und gleichzeitig kämpften sie für die Rehabilitation Will Vespers und um eine Edition seiner gesammelten Werke, und dabei waren ihnen auch alte und neue Nazis als Verbündete immer gut genug. Und natürlich drängt sich der Verdacht auf, daß da die Kinder den Wahn der Eltern geerbt hätten; die Bundesrepublik in ihrer ganzen Normalität und Spießigkeit war Will Vespers Feind gewesen, so wie sie dann der Feind der RAF war. Und wenn der Roman-Bernward die Normalmenschen auf jeder zweiten Seite als "vegetables", als Gemüse beschimpft, dann traut man ihm durchaus zu, daß er ganz gerne die Kohlköpfe rollen ließe.

Aber "Die Reise" ist ein Roman und keine Beichte, und daß Schröder das Buch im Untertitel "Romanessay" nannte, ist nur dem Umstand geschuldet, daß der Versuch, einen Roman zu schreiben, nicht ganz vollendet wurde - und wie weit aber Vesper damit gekommen ist, das zeigen ganz eindrucksvoll jene Passagen, die den Trip des Bernward Vesper beschreiben. Man muß weder von den Drogen noch vom Schreiben allzuviel verstehen, um zu begreifen, daß man von so einem LSD-Erlebnis nicht einfach ein Protokoll anfertigen kann. Die Ströme des Bewußten und Unbewußten, der Fluß der Assoziationen und Impressionen: das alles läßt sich nicht so einfach in die Kanäle der Sprache leiten. Und wenn Vesper die abendliche Autofahrt von München nach Undingen buchstäblich und äußerst suggestiv als eine Odyssee beschreibt, als Irrfahrt durch eine Welt, auf der ein seltsamer, bedrohlicher Zauber liegt, dann ist das eher eine große Kunst als nur die Mitschrift dessen, was so vorgeht in einem Kopf, der an den Verhältnissen krank geworden ist.

Und wenn Vesper immer wieder zurückblendet, in seine Kindheit und Jugend auf dem Gut, wenn er den Vater zitiert, die Mutter viel schweigen läßt und sich selber als Fremden in einer fremden Welt beschreibt und das alles "einfache Berichte" nennt, dann spricht auch hier nicht die historische Wirklichkeit zum Leser; es ist eher ein enormer Stilwille, welcher allerdings einem wie Böll so gut wie nichts und Männern wie William S. Burroughs und Jack Kerouac um so mehr verdankt.

Natürlich ist es ein Wahnsinn, dieses Buch, das seinen Leser anstrengt, aufregt, manchmal hochgradig verwirrt, es ist ein Wahnsinn, so wie Rainald Goetz' "Irre" ein Wahnsinn ist und Christian Krachts "Faserland" auch - und natürlich bohrt es sich so tief hinein in die deutschen Seelen, die deutschen Köpfe, bis es an den Punkt gelangt, wo es furchtbar weh tut, bis es, in der schwärzesten Stunde einer Sommernacht, an dem Punkt ist, wo, mitten im fröhlichen Hippiemünchen, die Geister der Vergangenheit erscheinen und sich nicht verscheuchen lassen vom Haschischdunst am Monopteros, vom Lärm auf der Leopoldstraße, vom Lächeln Uschi Obermaiers am Morgen danach. Natürlich erzählt dieses Buch von einem sehr deutschen Wahnsinn und von einem sehr deutschen Leiden daran. Aber daß ihm das gelingt, ist nicht Bernward Vespers Wahn. Es ist Bernward Vespers Kunst.

CLAUDIUS SEIDL

Bernward Vesper: "Die Reise". Herausgegeben und mit einer Editionschronologie versehen von Jörg Schröder. Area-Verlag, Erftstadt 2005. 720 Seiten, 12,95 Euro.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 05.04.2005

Morgen früh, wenn Gott will
Mit Hitler & LSD im Münchner Hofgarten: Bernward Vespers Fragment „Die Reise” ist wieder da
Allein schon wegen des zeitgeschichtlichen Sexappeals würde heutzutage wahrscheinlich jeder Verlag anbeißen und das Ganze als autobiographisches Textspektakel verkaufen: Sohn eines von Hitler geehrten NS-Dichters, dessen völkisch-nationales Sprachgeschepper er Anfang der Sechziger sogar noch selbst herausgibt. Verlobt mit Gudrun Ensslin, die ihm von Andreas Baader ausgespannt wird; vorher zeugen die beiden noch einen Sohn und begründen mit der „Edition Voltaire” einen theoretischen Zulieferbetrieb für die Straßenrevolte. Wühlt sich dann zwei Jahre lang in ein riesiges autobiographisches Textlabyrinth hinein, in dem er zugrunde geht. „Die Reise” ist ein Trip ohne Wiederkehr, im März 1971 kommt Bernward Vesper in die Psychiatrie, wo er kurz darauf an einer Überdosis Barbiturate stirbt.
Die Verlage aber lehnten ab. Sechs Jahre lang. Erst Anfang 1977, nach einer irrwitzigen Lektorats-Odyssee, erschien das Buch bei Zweitausendeins in kleiner Auflage. Es wurde Frühling, es wurde Sommer. Dann kam der Deutsche Herbst, und plötzlich liefen Schockwellen durch die Republik: Die Frankfurter Rundschau pries das Buch als „wichtigste literarische Neuerscheinung des Jahres”, Peter Laemmle sprach vom „Nachlass einer Generation” und Peter Weiss bezeichnet „Die Reise” in seinen Notizbüchern als „den intellektuellen Höhepunkt der Bewegung des Jahres 1968”.
Vielleicht hätte Bernward Vesper selbst diese raunende Begeisterung gar nicht gewundert. Die Briefe, die er während der Niederschrift an seinen Verleger Jörg Schröder schickte, zeugen von einem irritierend sicheren Wissen darum, dass „Die Reise” ein wichtiges Buch werden würde, ja manchmal klingt es fast nach Sportpalast: „Wir werden ihnen eine Melodie vorsingen, die ihnen hundert Jahre in den Ohren dröhnen soll”.
Eine Melodie? „Die Reise” ist ein kakophoner Themencluster, Selbstanalyse, Drogenprotokoll und immer neue Suche nach der „in den Brunnen gefallenen Kindheit”. Vesper selbst nannte sein Schreibprojekt im ersten Brief an den Märzverlag zunächst „Trip”. Aber während des Schreibens entstand dann etwas ganz Anderes. Natürlich, es gibt den Trip, die drogenberauschte Reise von Jugoslawien über München nach Tübingen. LSD wird in diesen Passagen verbrämt als novalishaftes Heilmittel zur Befreiung von sich selbst. Nur wenn man neben sich steht oder über sich schwebt, kann man die eigene Konditionierung und Prägung sehen: „Ja, ich wusste genau, dass ich Hitler war, bis zum Gürtel”, phantasiert er einmal, da ist er gerade in München, „dass ich da nicht herauskommen würde, dass es ein Kampf auf Leben und Tod ist . . .”.
Der Geruch von Kartoffeläckern
Hinter dem LSD-Trip dräut und drängt der Versuch, möglichst klar und erinnerungsscharf die eigene Kindheit und Jugend zu erzählen. Diese Passagen, immer eingeführt als „Einfacher Bericht”, die sich eingangs schüchtern dazwischenschalten, schieben sich immer mächtiger in den Vordergrund. Wegen dieses kunstvoll einfachen Berichts, der so detailgenau und präzise den Geruch von Kartoffeläckern und das protestantisch schlechte Gewissen beim Onanieren, die niedersächsische Mooridylle und die Insichgekrümmtheit eines Jugendlichen beschreibt, wurde „Die Reise” als „Nachlass einer Generation” gelesen, einer Generation, die im Schatten der Nachkriegszeit und dem diffusen Gefühl einer abgestorbenen Leere groß und klein gehalten wurde: „Wir sind aufgewachsen im Kalten Krieg, die Kinder von Murks und Coca-Cola”.
Das schwarze Loch, um das der Text kreist, ist Vespers eigener Vater, Will Vesper, der Nazi-Barde, der auf dem niedersächsischen Gut Triangel herrschte wie ein Landjunker und noch Ende der fünfziger Jahre seinen Kindern Vorträge darüber hielt, warum „die Katzen die Juden unter den Tieren” waren: „Und Gott war mein Vater und mein Vater war Gott, morgen früh, wenn Gott will, wirst Du wieder geweckt, mein Vater hieß Will.” Den gesamten Text über arbeitet sich Vesper rastlos an der Übermacht dieses Vaters ab: „mein vater (noch einmal, und zum letzten mal, und ganz von neuem)” heißt es einmal so zäh wie hartnäckig, als versuche da einer immer neu, einen rutschigen Hang zu erklimmen.
Soeben erschien ein Büchlein, in dem Vespers früherer Freund Henner Voss erzählt, was für ein abscheulicher Mensch dieser Vesper doch gewesen sei, laut und plump, verkorkst und peinlich. Die Moral des etwas eitlen Bändchens ist die oft gehörte Leier vom nahtlosen Übergang aus der faschistoid indoktrinierten Jugend ins Umfeld der RAF. Weit interessanter war Gerd Koenens kluges Buch „Vesper Ensslin Baader” von 2003, in dem dieser „Die Reise” als eine Art literarische Parallelaktion zum Terror der RAF interpretierte: „In einem Akt totaler Überspannung hatte Vesper versucht, alle Erlösungs- und Größenphantasien dieser Jahre in sich aufzunehmen und zu artikulieren.”
Wie gut, dass nun Vespers Buch selbst wieder vorliegt, mit einer Editionschronologie versehen von seinem Verleger und fernen Freund Jörg Schröder. Schröder erinnert sich, dass die Verleger Anfang der Siebziger auch deshalb davor zurückschreckten, „Die Reise” zu veröffentlichen, weil der Text Fragment geblieben war. Aber gerade das Zerrüttete, fragmentarisch Widersprüchliche macht seine Stärke aus. Wer die Geduld hat, sich durch diese Textbaustelle aus fulminanten Drogenprotokollen und tastender Selbstvergewisserung über die eigene Biographie, aus Skizzen der abgestorbenen Leere der fünfziger Jahre und dem revolutionären Parolengerede, bei dessen Lektüre man sich vorkommt, als müsse man eine Tüte Mehl essen - wer also die Geduld hat, sich durch all das hindurchzulesen, der sieht, dass Vesper die Kritik, die Koenen und Voss vorbringen, längst in viel schärferer Form selbst formuliert hat; dass er der imaginierten Wärme kämpfender Kollektive genauso misstraute wie seiner eigenen widersprüchlichen Vita.
„Ich bin ein kaputter Typ” heißt es mehrfach in den nachgelassenen Notizen. Vesper erscheint als Frauenbenutzer und Egomane, die landjunkerhafte Arroganz, mit der er all seine Zeitgenossen als „vegetables” in einen Topf wirft, klingt wie ein unheimliches Echo des väterlichen Herrenmenschengeredes. Aber er hat eben die Größe, sich ungeschönt aufzuschreiben, aufzureiben. Vesper arbeitet an der Erlösung durch das Wort, er will das Großreinemachen, mit protestantischer Gründlichkeit versucht er sich in literarischem Selbstexorzismus: „So wie es ist, die Wahrheit sagen, vermischt mit den Lügen, die stehen bleiben, die sich verstecken, die nicht mit dem langen Haken (des Masochismus?) aus ihren Höhlen hervorgeholt werden können.”Als „Kampf auf Leben und Tod” bezeichnete er sein Projekt während des zitierten Hitler-Trips im Münchner Hofgarten. Zwei Jahre nach der Mitschrift dieses Trips kommt Vesper auf einer Reise wieder durch München und erleidet dort einen schweren schizoiden Schub. Zwei Monate später ist er tot.
Der Brief in der Schublade
Seinen Sohn Felix erwähnt Vesper zunächst nur en passant, wie ein Haustier, das halt irgendwie da ist. Aber er widmet sein Buch diesem Sohn und wendet sich immer neu an ihn, ja Felix, die „kleine Sonne”, wird zum utopischen Bezugspunkt des riesigen Schreibprojekts: „Lieber Felix”, heißt es in einem Absatz über die Qualen der Schule, „bis auf die letzten beiden Jahre habe ich jedes Mal bescheinigt bekommen, dass ich das Klassenziel nicht erreichen werde. Ich wusste, mit welcher Post der Brief bei uns zu Hause ankam. Ich fing ihn ab und legte ihn in eine Schublade, um ihn, wenn ich mal eins hätte, meinem Kind zu geben, wenn es mal einen kriegte. Ich habe ihn noch. Für Dich. Dein Veschper-Papa.”
Vespers Sohn, der Dramatiker und Dramaturg Felix Ensslin sagte kürzlich am Rande der von ihm kuratierten RAF-Ausstellung, jeder könne beweisen, dass er mehr zu sagen hat als das, was sich aus seiner Biographie ergibt. „Man hat eine Chance, dieser Zwickmühle zu entkommen. Aber es ist viel Arbeit.” Bernward Vesper ist an dieser Arbeit zugrunde gegangen.
ALEX RÜHLE
BERNWARD VESPER: Die Reise. Herausgegeben und mit einer Editionschronologie von Jörg Schröder. 720 Seiten. Area-Verlag, Erftstadt 2005. 12,95 Euro.
Bernward Vesper im Januar 1971, kurz vor seinem Zusammenbruch, bei einem Besuch im März-Verlag
Foto: Jörg Schröder
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repräsentiert den Nachlaß einer ganzen generation --- in jeder Zeile ein Meisterwerk Die Weltwoche

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Frank Schäfer bespricht in einer Doppelrezension Bernward Vespers Romanfragment "Die Reise" und Henner Voss' Erinnerungen an seine gemeinsame Zeit mit dem Autor, der sich 1971 unter LSD-Einfluss das Leben nahm. Dass "Die Reise" nun in einem Nachdruck vorliegt, findet der Rezensent nicht zuletzt deshalb sehr begrüßenswert, weil der Leser sich bei der Lektüre davon überzeugen kann, dass der Autor zu Unrecht als "Kronzeuge für einen vermeintlich subkutanen Faschismus" galt. Tatsächlich schreibe Vesper "mit entlarvender Offenheit" über die Indoktrination durch einen Vater, der auch nach dem Krieg ein Nazi blieb, so Schäfer beeindruckt. Der Autor schildere dezidiert seine "Abrichtung zum autoritären Zwangscharakter" durch die Erziehung des Vaters und seine "Emanzipation" während seiner Studienjahre, schreibt der Rezensent weiter. Daneben enthält das Buch Reisebeschreibungen, Zeitungsartikel, Briefe und Beschreibungen seiner Drogenerfahrungen, und wenn das alles nicht immer "spannend zu lesen", ja, mitunter geradezu "zäh" ist, so lässt sich Schäfer dennoch von der "Authentizität" dieses Buches einnehmen. Als "kollektive Autobiografie" ist der Roman angelegt und er wurde auch als "Nachlass einer Generation gelesen, was seinen enormen Erfolg erklärt, so der Rezensent, der dem Roman große "Überzeugungskraft" zuspricht.

© Perlentaucher Medien GmbH
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