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Das Abseits als sicherer Ort Reinhard, ein schlecht rasierter, promovierter Mittvierziger ohne Perspektive, hangelt sich halbherzig durchs Leben. Sonja, die Frau an seiner Seite, will nicht länger zusehen, wie er sich zunehmend vernachlässigt und ins gesellschaftliche Aus manövriert. Sie verlässt ihn und heiratet einen anderen, der fest im Leben zu stehen scheint.
Die vermeintliche Stabilität des "Normalen" allerdings bietet ihr keine Rettung, nur gähnende Langeweile. Kann es ein Happy End im sozialen Abseits geben? Mit Witz und Genauigkeit erkundet Wilhelm Genazino den schmalen Grat, der Eigenbrötelei vom Absturz trennt.
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Produktbeschreibung
Das Abseits als sicherer Ort
Reinhard, ein schlecht rasierter, promovierter Mittvierziger ohne Perspektive, hangelt sich halbherzig durchs Leben. Sonja, die Frau an seiner Seite, will nicht länger zusehen, wie er sich zunehmend vernachlässigt und ins gesellschaftliche Aus manövriert. Sie verlässt ihn und heiratet einen anderen, der fest im Leben zu stehen scheint.

Die vermeintliche Stabilität des "Normalen" allerdings bietet ihr keine Rettung, nur gähnende Langeweile. Kann es ein Happy End im sozialen Abseits geben? Mit Witz und Genauigkeit erkundet Wilhelm Genazino den schmalen Grat, der Eigenbrötelei vom Absturz trennt.
  • Produktdetails
  • dtv Taschenbücher Bd.14466
  • Verlag: Dtv
  • Seitenzahl: 157
  • Erscheinungstermin: Dezember 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 118mm x 17mm
  • Gewicht: 170g
  • ISBN-13: 9783423144667
  • ISBN-10: 3423144661
  • Artikelnr.: 42638329
Autorenporträt
Genazino, Wilhelm
Wilhelm Genazino wurde 1943 in Mannheim geboren, arbeitete zunächst als Journalist, später als Redakteur und Hörspielautor. Als Romanautor wurde er 1977 mit seiner 'Abschaffel'-Trilogie bekannt und gehört seither zu den wichtigsten deutschen Gegenwartsautoren. Für sein umfangreiches Werk wurde er mit zahlreichen Preisen geehrt, unter anderem erhielt er 1998 den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und 2004 den Georg-Büchner-Preis. 2007 wurde er mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet, 2010 mit dem Rinke-Sprachpreis. 2011 wurde Genazino in die Akademie der Künste gewählt. 2013 erhielt er den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor, 2014 den Samuel-Bogumil-Linde-Preis für sein literarisches Werk. Wilhelm Genazino lebt in Frankfurt am Main.
Rezensionen
"Wer Genazino noch nicht kennt, dem werden die Augen fürs Leben in seiner unüberwindlichen Romanhaftigkeit geöffnet."
Volker Breidecker, Süddeutsche Zeitung 12.01.2016

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Obschon der Typus von Wilhelm Genazinos Romanhelden konstant bleibt (Akademiker mit dauerhaft provisorischem Beruf und Hang zur distanzierten Beobachtung seiner Mitmenschen), der Autor variiert ihre jeweiligen Marotten aber immer ausreichend, um "ein tatsächlich neues Buch" entstehen lassen, findet Burkhard Müller. Reinhard, der Protagonist des neuen Romans "Bei Regen im Saal", ist ein antriebsloser Tropf, der sein problembeladenes Leben beinahe widerstandslos hinnimmt und dabei - trotz Soßenflecken auf dem Hemd - ziemlichen Erfolg bei den Frauen hat, weil er ihnen seltene Komplimente macht und sich nicht vom "Schönheitsideal der Gegenwart" beschränken lässt, fasst der Rezensent zusammen. Besonders spannend findet Müller Genazinos Beschreibung der Wirkung des Romanhaften: romanhaft betrachtet, gibt es kein eigentlich richtiges oder falsches Leben, es gibt nur "das immer fesselnde Phänomen", so der Rezensent.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 26.07.2014
Der Schlingerkurs einer Existenz

Wieder keine Frau und kein Beruf? Wilhelm Genazinos neuer Roman siedelt auf vertrautestem Terrain. Glück spielt natürlich wieder keine Rolle. Lohnt es sich noch, so etwas zu lesen?

Kann man bei einem außergewöhnlich homogenen Romanwerk wie dem Wilhelm Genazinos von einem Altersstil sprechen? Mit 71 ist er dafür jedenfalls nicht zu jung. Die Frage ist nur, was ein Altersstil ist. Sofern man ihn landläufig versteht und damit eine gewisse Abgeklärtheit meint, vielleicht sogar Desillusionierung, dazu, in stilistischer Hinsicht, die Neigung, alles (vermeintlich) Überflüssige wegzulassen, wird man feststellen dürfen: So ist Genazino schon zu "Abschaffel"-Zeiten verfahren, vor bald vierzig Jahren also, und es hat sich seitdem nichts Wesentliches daran geändert. Gelegentlich äußern auch Genazino-Fans einen leichten Überdruss am immer recht Gleichen. Plausibler und gerechter aber will es scheinen, auch hierin, in der beharrlichen Variation und Verfeinerung des Vertrauten, eine der Stärken dieses Autors zu sehen, dessen Kunst in jüngeren Jahren im positiven Sinne altklug wirkte. Deswegen bietet seine Literatur auch kaum eine Handhabe, sie nach Lebensalter und Reifegrad zu sortieren.

Im neuen, wiederum gewohnt schlanken Roman "Bei Regen im Saal" lässt sich aber tatsächlich so etwas wie ein Altersstil ausmachen. War man in den Büchern der vergangenen fünfzehn Jahre auf (natürlich ohnehin nur ganz wenige) Passagen und Episoden gestoßen, von denen man dachte, Genazino hätte sie genauso gut auch weglassen können, so ist nun eine Verdichtung der Reflexion und - dieses Wort ist auf Genazino ja nur bedingt anwendbar - des Dramatischen erreicht, die kaum noch steigerbar sein dürfte.

Ein längeres Zitat vom Anfang des sechsten Kapitels, ziemlich in der Mitte des Buchs: "Weil es gerade regnete, konnte ich mir leichter als sonst eingestehen, dass ich als Überwinder bisher nur wenig Erfolg hatte. Während des Herumstehens im Regen gelang mir das Gefühl meiner momentanen Abtrennung von der Welt. Dabei konnte ich mir die harmlose Freude am stillen Herumtrödeln nicht länger leisten. Ich musste den Schlingerkurs meiner Existenz endgültig beenden. Gegen die Ödnisse der Tage ging ich rücksichtslos vor, aber wie beendete man das Schwanken einer Biografie? Ich ahnte, dass ein anhaltend falsches Leben im Handumdrehen in ein Schicksal umschlagen konnte. Mein Innenleben war nicht so großartig, dass ich vor ihm keine Angst hätte haben müssen."

Diese Passage besteht nur aus gebräuchlichen, an sich wenig originellen, aber, im Kontext einer Situations- und Mentalitätskennzeichnung, dann doch überraschenden Wörtern. So, in diesen noch recht vagen, aber wuchtigen Ausdrücken, schreibt heute kaum ein Romanschriftsteller; viele wären wahrscheinlich versucht, die geschilderte Szene, in der zugleich ein ganzes Psychogramm steckt, mit Adjektiven zu präzisieren. Genazino geht damit sparsam um, und die, die er verwendet, sind auch eher allgemein gehalten: "harmlos", "still", "rücksichtslos" - darunter wird jeder etwas anderes verstehen, und trotzdem wird jeder wissen, was gemeint ist. Nur so, im Verzicht auf jede weitere Ausschmückung, bleibt beim Lesen genug Raum für eigene Phantasien, ohne dass man den Eindruck hätte, es mit einem ungenauen Text zu tun zu haben.

Der obige Abschnitt enthält nämlich auch die wesentlichen Kategorien für Genazinos erzählerisches Verfahren und dessen philosophisch-ästhetische Voraussetzungen, die sich nach wie vor an Freud, Kafka und Adorno orientieren: ein generelles Fremdheits- beziehungsweise Entfremdungsgefühl, das jederzeit selbstkritisch durchdrungen wird; das von der Literaturkritik bisweilen verharmloste, scheinbar nutz- und ziellose, in Wirklichkeit nur der seelischen Entlastung dienende Flanieren; eine innere Leere, in der gleichwohl keinerlei Platz für Illusionen ist und die allenfalls in alltäglicher Beschaulichkeit ausbalanciert werden kann.

Und wenn sie nicht in der Balance ist? Genazinos Helden geraten zwar, aufgrund einer relativen Ereignislosigkeit, so gut wie nie außer sich; aber sie sind von zweierlei Mächten durchweg und sehr stark getrieben: dem Sexualtrieb, dem in immer wiederkehrender Routine abgeholfen wird, und der Erinnerung an die Kindheit, aus der heraus die elterlichen Schatten als anhaltend hemmende Prägemuster bedrohlich und doch wehmütig stimmend auftauchen.

Angesichts dieses Gefüges, das sich durch viele Genazino-Jahre hindurch als stabil erwiesen hat - den Kritikern kommt es natürlich zu starr vor -, lohnt es sich kaum, auf die Figuren und deren Erlebnisse jedes Mal groß einzugehen. Deshalb hier nur stichwortartig: ein promovierter Philosoph namens Reinhard, der in einem Hotel arbeitet und später in einem Anzeigenblatt landet; eine Freundin und Bettgenossin, die irgendwann, ermüdet von Reinhards Unentschlossenheit, einen anderen heiratet, von diesem aber wieder zurückkehrt; dazu jede Menge gleichsam anlassloser, aber in der gedanklichen Dichte, mit der sie berichtet werden, imponierende Stadt-Spaziergänge.

"Bei Regen im Saal" erinnert an "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman", eines von Genazinos besten Büchern, in dem mit großer Wahrhaftigkeit von einer Schriftsteller-Werdung erzählt wird. Dort war die bescheidene Zeitungskarriere, die der Held zuvor noch durchläuft, eines der ganz großen Glanzstücke. Hier ist es ein in erwarteter Trostlosigkeit absolviertes Familientreffen, aus dem blitzhaft die genazinohafte Entlarvungskomik aufsteigt. Reinhard erträgt die Gegenwart seines Bruders kaum: "An seiner Leutseligkeit erkannte ich, dass er mich in Kürze anpumpen würde." Mit meisterlichen Strichen werden hier Aspekte des Persönlichen und Sozialen gezeichnet und ins Typisch-Vertraute erhoben - es ist bitter, was berichtet wird, und doch zum Lachen.

Ansonsten stoßen wir auf die bestens erprobten Muster: Wieder ist es eine verkrachte, karg behauste Existenz, ein müder, kraftloser Protagonist um die vierzig mit Neigung zur Polygamie auf der Suche nach einem geregelten Leben und gleichzeitig auf der Flucht davor, der jede seelische Regung genauestens registriert, sich davon deprimieren, sich aber auch zu einem kalten, ja manchmal auch bösen Blick bestimmen lässt, der sich konsequent aufs unscheinbare, oft unterpriviligierte Leben richtet. Auf die Idee, seine Helden in die Frankfurter Goethestraße zu schicken, an der die Leute ihre Maseratis oder Porsches abstellen, um ihr Geld in den sündhaft teuren Bekleidungsgeschäften zu lassen, käme Genazino im Leben nicht - diese Art von vordergründiger, rein opportunistischer Kapitalismuskritik ist mit ihm nicht zu machen.

Im bleiernen Grau auch dieses Romans, das die heil- und hoffnungslose, aber gegen anhaltende Erschütterungen doch ganz gut gefeite Ich-Perspektive grundiert, ist allerdings eine Fülle an Sentenzen auszumachen, die einen Enzensberger eigentlich erblassen lassen müsste. Genazino schreibt wie ein Musiker, der Melodie und Rhythmus bedient; äußere Handlung und Nachdenken sind unentwirrbar miteinander verwoben. Das nahezu stillstehende Leben produziert Bilder wie von Edward Hopper. Das aufrichtige Anerkennen der Unabänderlichkeit gewisser Charaktereigenschaften mag manchen Leser dabei entmutigen. Genazinos besonderer Realismus wirft aber äußerst scharfe Blicke auf die sozialen Tatsachen.

"Mehrmals täglich durchzog mich das unabweisbare Gefühl, dass sich bei mir eine falsche Biografie an die Stelle einer nicht auffindbaren richtigen Biografie schob und dass die falsche Biographie auch noch attraktiv war, weil durch sie das Erscheinen der bloßen Romanhaftigkeit des Lebens begann." Diese tiefsinnige Poetik in eigener Sache mag, auf den Protagonisten bezogen, kein rechter Trost sein - dem Schriftsteller Wilhelm Genazino wird sie hoffentlich noch ganz viele gute böse Romane möglich machen.

EDO REENTS.

Wilhelm Genazino: "Bei Regen im Saal". Roman.

Verlag Carl Hanser, München 2014. 160 S., geb., 17,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 30.07.2014
Weltekel mit Grundsicherung
Von Buch zu Buch setzt Wilhelm Genazino seinen Kampf gegen die Zumutungen eines allzu
alltäglichen Alltags fort. „Bei Regen im Saal“ heißt die neueste Ausfaltung des Genazino-Mikrokosmos
VON ULRICH RÜDENAUER
Wilhelm Genazinos Romanfiguren gehören zu einer wenig gelittenen Gattung – herumstreunende, „herumempfindelnde“, seltsam verstockte, melancholische und allen Alltagserscheinungen renitent begegnende Männer in mittleren Jahren, die bei weitem nicht ihre besten sind. Sie sind empfänglich für das nie endende urbane Murmeln und den Schwingungen der Welt fast schutzlos ausgeliefert. Es erfasst sie ein Trotz gegen die modernen Zeitläufte, der von faszinierter Anteilnahme kaum zu unterscheiden ist. Genau registrieren sie die Stellen, an denen das Weltgefüge brüchig wird. Sie fürchten sich vor den Obdachlosen, die in Mülleimern nach Brauchbarem suchen; gesellschaftliche Außenseiter sind ihnen bedrohlich vertraut, denn sie selbst wähnen sich insgeheim in einer sozialen Abwärtsspirale.
  Genazinos Ich-Erzähler verwenden unbewusst Begriffe wie „Negerkind“, weil sie das Ressentiment, gegen das sie wie gegen alles Kleinbürgerliche fortwährend ankämpfen müssen, nie ganz loswerden. Alles beziehen sie auf sich, alles kommt ihnen gefährlich nah. Ständig begleitet sie Widerwille, zuweilen Sorge. Kaufhäuser sind Beton gewordener Konsumterror; nur unter Protest setzen sie einen Fuß hinein. Die Flecken auf ihren Jacken tragen sie als Ausdruck einer tief liegenden Scham, die mit ihrem ungenügenden Leben ebenso zu tun hat wie mit dem Wissen um die Vergänglichkeit. Sie begreifen es als demütigend, einer unter vielen zu sein. Deshalb müssen sie immerzu auf das in den Straßen Gesehene mit größter Neugier und verwunderter Abwehr reagieren – die Reflexion ist ein Reflex auf die narzisstische Kränkung, die Furcht vor Entindividualisierung. Ihre Beobachtungen allerdings führen in wunderbar poetische Fluchträume, das Schlendern zur Entschleunigung des eigenen Seins, die Liebe zur Einfalt zum Mut zur Erkenntnis. Wo es besonders trostlos wird, entsteht eine tröstende Form der Komik. Man muss diese anachronistischen, sogar unsympathischen Wesen mögen, vielleicht auch, weil sie einen unaufdringlich mit den eigenen Verschrobenheiten bekannt machen.
  In den Großstädten findet man diese ebenso weltfremde wie weltzugewandte Sorte des Flaneurs kaum noch. Die meisten Passanten sind heute flüchtige Wesen. Halb Konsument, halb Anhängsel elektronischer Gerätschaften starren sie in ihre Smartphones und treffen sich in Cafés mit ihren digitalen Freunden. Genazinos Figuren hingegen fühlen sich konfrontiert mit einem akuten Wirklichkeitsüberschuss, auf den sie mit Überdruss und Überempfindlichkeit reagieren. Ihr Weltekel ist weit umfassender als der kleine großstädtische Radius, in dem sie sich bewegen. „Ich war dagegen, dass es nur noch eine Welt gab, in der Turnschuhe, Bluejeans und belegte Brote den Ton angaben.“
  Es wäre ein Fehler, von einem neuen Roman Wilhelm Genazinos zu sprechen. Auch das gerade erschienene Buch „Bei Regen im Saal“ ist eine Fortsetzung des Kampfes gegen die Zumutungen der Alltagsbewältigung, der mit des Autors ureigenen literarischen Mitteln geführt wird. Ein 43-jähriger Mann – der allerdings sehr viel älter und aus der Zeit gefallen erscheint – schlingert ziellos durchs Leben. Sein überlanges Philosophiestudium, das mit einer Promotion über Kants Apodiktizität endete, hat eher ornamentalen Charakter. Sein Geld verdient er als Barkeeper in einem Hotel; nebenbei versucht er sich als „Überwinder“ – einer dieser wunderbar versponnenen Pseudo-Berufe, wie sie Genazinos Neurotiker immer wieder zur Unterstreichung ihrer Lebensuntauglichkeit ausüben, man denke nur an den „Apokalyptiker“ in „Die Liebesblödigkeit“ oder den Schuhtester in „Ein Regenschirm für diesen Tag“.
  Die Freundin des Ich-Erzählers, auch das ein typisches Genazino-Ingrediens, ist stark verankert „in der realen Welt“. Sonja versucht ihren Partner zu etwas mehr Wirklichkeitssinn anzuleiten. Als das misslingt, stellt sie den lethargisch-elegischen Charakter vor vollendete Tatsachen: Sie verlässt ihn und überlässt ihn seinem Schicksal. Er überlegt sehr pragmatisch, welche seiner weiblichen Bekanntschaften als neue „Lebensfortsetzungsbegleiterin“ taugen könnte – Frauen sind in diesem selbstbezüglichen Kosmos austauschbare Wesen, die eine Art Grundsicherung rudimentärer Lebensbedürfnisse gewährleisten sollen. Allerdings fehlt ihm Sonja dann doch, die Unruhe nimmt zu. Das Dasein gleicht immer mehr einer „dunkel getönten Rhapsodie“, und er selbst verwandelt sich in einen „unansehnlichen Sehnsuchtsklumpen“. Die größte Niederlage für einen Genazino-Helden ist freilich, dass das beargwöhnte „Schwanken einer Biografie“ tatsächlich enden könnte. Als der Ich-Erzähler eine Stellung bei einer Provinzzeitung annimmt, ist das eine missmutig erduldete Schmach. Der Alltag macht ihn immer „kleinlauter“, obwohl ihm diese Kapitulation vor der Wirklichkeit seine Sonja schließlich zurückbringt.
  Die zunehmende Zermürbung durch die Anforderungen einer längst nicht mehr hinnehmbaren Welt könnte man leicht als plumpen Kulturpessimismus eines alternden Autors deuten. Das würde allerdings der inneren Zerknirschung seines Helden nicht gerecht. Man merkt sehr rasch die existenzielle Verzweiflung, die sich hinter den idiosynkratischen Verhaltensmustern verbirgt. Vanitas-Motive tauchen auf, etwa wenn sich der Erzähler an den Kopf fasst und nicht mehr Haut und Haare fühlt, „sondern immer gleich den Schädel“. Regressionsphantasien nehmen breiteren Raum ein und paaren sich mit einer dem Genazino-Leser sehr vertrauten, leitmotivisch gebrauchten Busenobsession. Der „Honigbusen“ von Sonja oder die „üppigen Busen“ der Frauen im Dunstkreis des Erzählers erinnern ihn zusehends an die Brüste der Mutter. Wie überhaupt Bilder der toten, unverstandenen Eltern durch dieses Buch geistern, als würden sie ihren Sohn hinterrücks doch noch heimholen wollen. Er ertappt sich dabei, Ähnlichkeiten zwischen sich und dem Vater auszumachen. Und entdeckt Marotten seiner Eltern wieder, die ihm peinlich sind und ihn zugleich berühren. Je mehr sich die längst überwundenen Eltern wieder im Leben des Sohnes einnisten, desto mehr gleitet er selber ins Alter hinüber.
  „Man kann nicht älter werden, ohne sich in sich selbst zu verirren, dachte ich an mich hin und versank in einer mir vertrauten Stummheit.“ Seine Helden mögen dem Verstummen nah sein, sich nach dem „empörungsfreien“ Gleichmut von Tieren sehnen – Genazino aber schenkt den leise schwindenden Männern in seinen Büchern durch seine Sprache weiterhin kleine Alltagsepiphanien, die ein einvernehmliches Auskommen mit dem gewöhnlichen Unglück ermöglichen. Und wenn es nur einer jener erkenntnisfördernden Verleser ist, der aus dem „Vollkorntoast“ einen „vollkommenen Trost“ macht.
Aus dem Überdruss schöpfen
seine Ich-Erzähler eine tröstende
Form lapidarer Komik
An einem Wirklichkeitsüberschuss leiden die Helden von Wilhelm Genazino, gegen den auch Kant nicht hilft.
Foto: Miro Kuzmanovic/Reuters
    
    
    
    
    
Wilhelm Genazino: Bei Regen im Saal. Roman. Hanser Verlag, München 2014.
158 Seiten, 17,90 Euro, E-Book 13,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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"Vielleicht sein bestes Buch." Edo Reents, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.12.14 "Genazino schenkt den leise schwindenden Männern in seinen Büchern durch seine Sprache weiterhin kleine Alltagsepiphanien, die ein einvernehmliches Auskommen mit dem gewöhnlichen Unglück ermöglichen." Ulrich Rüdenauer, Süddeutsche Zeitung, 30.07.14 "Genazinos Romane fallen zunehmend aus der Zeit, in der sie freilich nie wirklich feststecken. Das ist wieder eine Freude." Judith von Sternburg, Frankfurer Rundschau, 30.07.14 "Wilhelm Genazinos Poetik der Beharrlichkeit ist darum gleichzeitig ein Gegenentwurf zu einer literarischen Betriebsamkeit, die immer schneller und effizienter Wirklichkeit in Literatur verwandeln möchte und mitunter vergisst, dass sich an den Widerhaken einer stoischen Aufmerksamkeit die schönsten und bemerkenswertesten Geschichten verfangen". Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung, 29.07.14 "Genazino schreibt wie ein Musiker, der Melodie und Rhythmus bedient; äußere Handlung und Nachdenken sind unentwirrbar miteinander verwoben. Das nahezu stillstehende Leben produziert Bilder wie Edward Hopper." Edo Reents, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.14 "Man liest Genazinos Bücher ungefähr so, wie man sich Woody-Allen-Filme anschaut ... Man wartet auf die kurzen Momente, da die alltäglichen Dinge zu schillern beginnen, in einem neuen Licht erscheinen und der Schrecken, der sich aufbaut, in Komik umschlägt." Claus-Ulrich Bielefeld, Die Welt, 26.07.14 "Genazino liefert die glaubwürdige Nutzanwendung auf die deutschen Zustände des Jahres 2014 mit ihren ganz anderen Verhältnissen, Ansprüchen und Toleranzen. Es atmet den Geist eines leicht muffigen, doch zarten Trosts; und man muss sich in den Mut der Verzagtheit finden, um ihn anzunehmen". Burkhard Müller, Die Zeit, 07.08.14…mehr