Tocotronic (Das Rote Album) - Tocotronic
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Produktdetails
Trackliste
LPDOW 1
1Prolog00:04:16
2Ich öffne mich00:05:13
3Die Erwachsenen00:03:46
4Rebel Boy00:04:07
5Chaos00:04:19
6Solidarität00:03:53
LPDOW 2
1Spiralen00:03:11
2Sie irren00:02:19
3Haft00:03:24
4Zucker00:03:17
5Jungfernfahrt00:05:01
6Diese Nacht00:04:48
7Date mit Dirk (Hidden Track)00:06:13
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 05.05.2015

Wenn Parzival mit Kirschbomben schmeißt

Ihr neues Album schielt auf den Pop-Olymp, die gleichzeitig erscheinende Bandchronik eher auf die Schillerhöhe: Bei Tocotronic gibt es offenbar schon jetzt ein ausgeprägtes Nachlassbewusstsein.

Um die Ästhetik der deutschen Rockband Tocotronic auf einen Begriff zu bringen, böte sich die vom Soziologen Thorstein Veblen geprägte "conspicuous consumption" an - man kann sie etwa mit "Geltungskonsum" oder gar "demonstrative Verschwendung" übersetzen. Das mag für einige überraschend klingen, die in Tocotronic eine system- und kapitalismuskritische Band sehen, ist aber hier nicht in Bezug auf ihre einst gepflegte Trainingsjacken-Mode oder überhaupt auf Materielles gemeint, sondern in Bezug auf die Lyrik Dirk von Lowtzows: Seit dem ersten Album von 1995 ist sie in einen dichtbestickten Patchwork-Stoff mehr oder weniger deutlicher Zitate aus einem breiten wissenschaftlich-künstlerischen Bildungskanon gekleidet.

Das ist ja bei Bands der Hamburger Schule (siehe Blumfeld) nicht überraschend. Waren es bei den frühen Tocotronic allerdings noch eher die kokett anverwandelten Philosopheme Hegels oder Wittgensteins - "Worüber man nicht singen kann, darüber muss man schweigen", sang Lowtzow 1996 -, hat sich das Interesse offenbar Richtung Literatur und Film verschoben. Bei seinem Nebenprojekt Phantom/Ghost, wo Lowtzow in radebrechendem Englisch singt, sind Liedtitel etwa von Alfred Lord Tennyson geliehen; seit dem sogenannten "Weißen Album" (2002) scheint Tocotronic immer stärker von Dandyismus und Dekadenz geprägt.

Inzwischen ist Lowtzow offenbar bei der ganz großen Oper angelangt: "Darling Candy Parzifal / Trinkst Cherry-Cola aus dem Gral / Mit spitzen Fingern (Nagellack) / Du bist ganz sicher / Too krank to fuck", heißt es im Lied "Zucker" auf dem just erschienenen sogenannten "Roten Album" der Band (Vertigo/Universal). Dessen Farbgebung deutet neben erneutem Beatles-Bezug auch plakativ auf Liebe und Revolution hin. Nicht nur auf Wagneropern, sondern wohl auch auf den Film "Blade Runner" spielt das Lied "Spiralen" mit seinen "sterbenden Raketen / nahe dem Tannhäuser Tor" an. Und im frühlingsromantischen Schlusslied der Platte namens "Wiesengrund", bei dem sich der Dichter leicht narzissmusverdächtig im Bächlein spiegelt ("Ich hab ein Date mit Dirk, ich will wissen, ob er mich noch mag"), haben andere Interpreten bereits Theodor Wiesengrund Adorno durchzwitschern gehört. Dafür gibt der Text zwar sonst keine allzu deutlichen Zeichen, aber man ist wohl bei Lowtzow schon fast auf solche Anspielungen konditioniert.

Interessant ist, dass die Band mittlerweile auch musikalische Stile wie Kleider anprobiert: So deutlich im Zitat musiziert wie auf dem neuen Werk hat sie bislang noch nie. Da gibt es Passagen, die direkt aus den englischen achtziger Jahren von The Cure, The Smiths oder sogar den Pet Shop Boys importiert klingen, bei dem Autofahrer-Nachtlied "Chaos" hingegen ist es der treibende Sound von Billy Idols "White Wedding". Der Text wiederum scheint hier inspiriert von Roy Orbisons "I Drove All Night": "Ich bin die ganze Nacht gefahren / Um dein Gesicht noch mal zu sehen."

Man wird noch viele weitere Flicken in diesem Patchwork finden, aber muss auch zugeben, dass das Kleid perfekt genäht ist (der Produzent heißt treffenderweise Moses Schneider) und ziemlich beeindruckend aussieht: Der postmoderne Königsmantel ist ein Quilt, und Tocotronic, die inzwischen ohnehin nicht mehr wie eine deutsche Independent-Rockband, sondern eher wie eine New Yorker Art-Pop-Gruppe aussehen, tragen ihn wohl auch mit einem gewissen Augenzwinkern. Dass hofft man jedenfalls, wenn sie Synthesizer-Trompeten und handclaps einsetzen und wenn Lowtzow Zeilen wie diese singt: "Du schreibst, du lerntest deinen Hass zu tanzen / In der Schule der Extravaganzen / Und du schriebest die Diplomarbeit / Über Empfindlichkeit." Allemal klar ist: So weit vom Gitarrenrock hat sich die Band bislang noch nie entfernt, sie experimentiert hier mit Klängen zwischen Neuer Deutscher Welle, Dancefloor und Darkwave.

Wenn man die musikalische Entwicklung von Tocotronic überblickt, ist sie schon erstaunlich. Am Anfang war ihr Sound oft nahe der Unerträglichkeit. Das ist zwar ein etwas biederer Vorwurf gegen eine vom Punk inspirierte Band, aber die schönste Attitüde hilft irgendwann ja nichts mehr, wenn der Groove nicht stimmt. Umso beachtlicher ist ihr Fortschritt, insbesondere auch seit der Bereicherung durch den Gitarristen und Keyboarder Rick McPhail seit 2004, die für Tocotronic einen Quantensprung bedeutete. Jene, die über Arne Zank früher vielleicht nicht zu Unrecht sagten, er könne überhaupt nicht Schlagzeug spielen, können sich heute vom Gegenteil überzeugen, und auch Jan Müllers Basslinien sind um einiges abgefeimter geworden.

Welchen Weg die Gruppe schon zurückgelegt hat, kann man mit dem gleichzeitig zum Album veröffentlichten Monumentalband "Die Tocotronic Chroniken" (Blumenbar Verlag bei Aufbau, 384 S., geb., 49,90 [Euro]) nachvollziehen. Während das Musikwerk offenbar nach dem Pop-Olymp schielt, zielt das Buch mit dem seinerseits nicht unbescheidenen Titel eher auf die Schillerhöhe, auf der das deutsche Literaturarchiv steht: Aufgemacht ist er jedenfalls fast wie ein Marbacher Katalog. Er dokumentiert mit großer Akribie die Bandgeschichte von der Frühzeit bis heute, also von selbstgedruckten Flyern mit dem Charme von Erpresserbriefen und von alten Polaroids aus der Hamburger Alternativszene bis zur opulenten künstlerischen Inszenierung der Gegenwart; von Kellerclubs und Kassettenrecorder-Aufnahmen bis ins "Candybomber-Studio" im ehemaligen Flughafen Tempelhof, wo die Band heute mit einem Instrumentenarsenal herumtüftelt, in dem auch die elektrische Sitar nicht fehlt.

Den Begleittext hat der Kulturjournalist Jens Balzer geschrieben. Das Dilemma der Außenseiter-Band Tocotronic, schon nach kurzer Zeit stilprägend geworden zu sein, mithin auch verehrt und viel kopiert, beschreibt er anhand ihrer Entwicklung vom ersten zum zweiten Album innerhalb des Jahres 1995 so: "Während ,Digital ist besser' vom Distinktionswillen gleichermaßen geschmacksbegabter wie grundgenervter junger Männer gegenüber dem Rest der Mehrheitsgesellschaft handelt, so handelt ,Nach der verlorenen Zeit' von ihrem Distinktionswillen gegenüber allen anderen gleichermaßen geschmacksbegabten wie grundgenervten jungen Männern, die sich ihrerseits von der Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen versuchen."

Balzer macht den ehrbaren Versuch, Tocotronic auszuerklären, der freilich auch die Gefahr birgt, ihrer künstlerischen und intellektuellen Koketterie auf den Leim zu gehen und hagiographisch zu werden. Dabei entstehen dann solche Sätze: "Sie haben die Wonnen des Körpers entdeckt und das Genießen der Passivität. Jetzt müssen sie auch den Tod nicht mehr fürchten."

Beim Prunk der bis zum letzten Detail abgebildeten Archivalia macht der Band schon im Inhaltsverzeichnis deutlich ("Tonträger, Etiketten, Kleidung, Tragetaschen, Nebenprojekte und Werbesticker"), dass Tocotronic längst auch ein Merchandising-Phänomen geworden ist. Manche Dokumente haben Witz und Charme, etwa ein Brief von Neuntklässlern der Michael-Ende-Schule, die fragen: "Ist das Lied ,Michael Ende, du hast mein Leben zerstört' persönlich gemeint?" Interessant an den von Jan Müller gesammelten Stücken aus dem Bandarchiv ist auch, dass sich schon in der Frühzeit etwas verrät, was man bei Schriftstellern im Hinblick auf die Schillerhöhe jüngst als "Nachlassbewusstsein" bezeichnet hat: Ein Konzeptblatt Dirk von Lowtzows zu dem Song "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein" etwa, das diesen als "Jazz-Rock-Oper" inszeniert, wirkt belustigend bis größenwahnsinnig. Insofern hat sich trotz all der Stilwandel bei Tocotronic wohl nicht viel verändert.

JAN WIELE

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