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Deutschland versinkt im Schulchaos. Reform folgt auf Reform und doch verändert sich an den grundsätzlichen Defiziten so gut wie nichts. Die Schule ist heillos überfordert, soll sie doch alle gesellschaftlichen Probleme von der Integration bis hin zur demokratischen Erziehung lösen. Dazu Lehrermangel allerorten, Defizite bei der Digitalisierung und die fatalen Auswirkungen des Neoliberalismus, Stichwort Ware Bildung. Die Coronakrise hat das Versagen der Bildungspolitik endgültig offenbart. Heinz-Peter Meidinger vertritt 160.000 Lehrkräfte in Deutschland und ist der wohl gefragteste Experte in…mehr

Produktbeschreibung
Deutschland versinkt im Schulchaos. Reform folgt auf Reform und doch verändert sich an den grundsätzlichen Defiziten so gut wie nichts. Die Schule ist heillos überfordert, soll sie doch alle gesellschaftlichen Probleme von der Integration bis hin zur demokratischen Erziehung lösen. Dazu Lehrermangel allerorten, Defizite bei der Digitalisierung und die fatalen Auswirkungen des Neoliberalismus, Stichwort Ware Bildung. Die Coronakrise hat das Versagen der Bildungspolitik endgültig offenbart. Heinz-Peter Meidinger vertritt 160.000 Lehrkräfte in Deutschland und ist der wohl gefragteste Experte in Sachen Schulpolitik. Wer könnte besser die Todsünden des Schulsystems benennen?
  • Produktdetails
  • Verlag: Claudius
  • Seitenzahl: 126
  • Erscheinungstermin: 25. Januar 2021
  • Deutsch
  • Abmessung: 175mm x 109mm x 17mm
  • Gewicht: 154g
  • ISBN-13: 9783532628645
  • ISBN-10: 3532628643
  • Artikelnr.: 60487628
Autorenporträt
Heinz-Peter Meidinger, Jahrgang 1954, ist Gymnasialdirektor im Ruhestand und seit 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 25.01.2021

Biblischer Realismus
Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Lehrerverbands, hat ein Buch geschrieben: „Die 10 Todsünden der Schulpolitik“. Es ist in jedem Fall besser als sein Titel
Die deutschen Schulen, findet Heinz-Peter Meidinger, sind besser als ihr Ruf. Alles schlechtzureden oder ein „undifferenziertes Katastrophenszenario“ zu beschwören, helfe niemandem weiter, schreibt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Diesen erfreulich differenzierten Sätzen würde man als Leser sofort zustimmen, stünden sie nicht selbst in einem Buch, das allen Ernstes „Die 10 Todsünden der Bildungspolitik“ heißt. Dass Meidinger „als niederbayerischer Katholik“ sogar zu einem „kleinen theologischen Exkurs“ ansetzt, um die Fruchtbarkeit des Begriffs Todsünde für die Bildungspolitik zu belegen, macht die Sache eher schlimmer. „Don’t judge a book by its cover“, sagt man auf Englisch, frei übersetzt: Beurteile ein Buch nicht nach dem, was vorne draufsteht, sondern nach dem, was drinsteht. Manchmal fällt das gar nicht leicht.
Meidinger ist, zumal seit Beginn der Corona-Krise, so etwas wie Deutschlands unbekanntester Prominenter. Die wenigsten könnten wohl aus dem Stegreif sagen, wie Deutschlands Oberlehrer heißt, aber viele dürften Meidingers Gesicht aus dem Fernsehen kennen oder seine immer etwas heisere Stimme aus dem Radio, wo er seit Monaten die Konzeptlosigkeit der Kultusminister beklagt. Um das „katastrophale Krisenmanagement bei der Bewältigung der Corona-Pandemie an Schulen“ (Todsünde Nr. 6) geht es natürlich auch in seinem neuen Buch. Doch vor allem thematisiert Meidinger die ungelösten Probleme, die der aktuelle Ausnahmezustand vorübergehend in den Hintergrund gedrängt habe.
„Eine Streitschrift“ soll das Buch sein, und das ist nicht zu viel versprochen. Als Präsident des Lehrerverbands spricht Meidinger seit 2017 theoretisch für alle Lehrerinnen und Lehrer und damit auch für alle Schulen. Bei seinen Auftritten, gerade seit Beginn der Corona-Krise, merkt man das auch. Doch als Autor hat Meidinger sich für die scharf angespitzte Perspektive des niederbayerischen Gymnasialdirektors entschieden, der er bis zu seiner Pensionierung im Sommer ja auch war.
Allein die Auswahl der „Todsünden“: Meidinger beklagt eine Inflation guter Noten, eine Abkehr vom Leistungsprinzip, einen fatalen Trend zur Akademisierung auf Kosten der beruflichen Bildung, eine „Schulpolitik, die von Ideologien bestimmt wird“, eine Bildungspolitik „die als Experimentierfeld unausgereifter Reformen“ herhalten muss. Eine Gesamtschullehrerin aus Nordrhein-Westfalen wird sich da eher nicht wiederfinden – auch deshalb, weil Meidinger der Meinung ist, dass „kaum ein Schulmodell so umfassend und klar gescheitert“ ist wie die Gesamt- oder Gemeinschaftsschule.
Bemerkenswert ist aber vor allem, dass die Fragen, die im Alltag dieser Gesamtschullehrerin wohl die größte Rolle spielen, in Meidingers Mängelliste praktisch nicht vorkommen: Wie gelingt es, der Vielfalt im Klassenzimmer gerecht zu werden? Wie spricht man Kinder an, die zu Hause kein Deutsch lernen? Wie kann die Schule Chancen schaffen, die ohne sie nicht denkbar wären? Meidinger hat recht, als „Reparaturbetrieb der Gesellschaft“ ist die Schule überfordert. Aber diese Themen links liegen zu lassen, lässt seinen oft wohltuend kühlen Realismus sehr kalt erscheinen.
Umso intensiver arbeitet er sich an längst abgeflauten Debatten ab – das achtjährige Gymnasium, das dreigliedrige Schulsystem, Pisa, die Bologna-Reform. Sein Buch wirkt dadurch zuweilen arg rückwärtsgewandt, zumal Meidinger selbst einräumt: „Die Hoch-Zeit ideologiegeprägter Auseinandersetzungen um die Schulstruktur ist vorbei.“ Auch bei der umstrittenen Methode „Schreiben nach Gehör“ oder dem Fremdsprachenunterricht in der Grundschule sind die von Meidinger so geschmähten Reformer längst in die Defensive geraten. Doch das ist eben seine Philosophie: aus der Vergangenheit zu lernen, dass es den Schulen umso besser geht, je weniger an ihnen herumgedoktert wird.
Lesenswert ist Meidingers Buch vor allem wegen der Passagen, in denen er kundig die oft ungünstigen Bedingungen analysiert, unter denen Schulpolitik entsteht. Es beginnt bei dem geringen Stellenwert, den die Parteien dem Thema beimessen, und hört beim „Dauerversagen des Bildungsföderalismus“ noch längst nicht auf. „Erfolgreiche Schulpolitik braucht einen langen Atem und gute langfristige Konzepte“, schreibt Meidinger. „Damit passt sie in keiner Weise zu einem Regierungshandeln und in ein parlamentarisches Umfeld, deren politischer Zeit- und Planungshorizont in der Regel auf vier Jahre begrenzt ist.“
Das Ergebnis dieses Missverhältnisses zeigt besonders der Lehrermangel und der daraus resultierende Unterrichtsausfall, Meidingers „Todsünde Nr. 8“. Der Lehrermangel, vor allem an den Grundschulen, stelle derzeit „die größte Bedrohung für die Bildungsqualität in Deutschland dar“, schreibt er. Und siehe da: Man muss gar nicht biblisch werden, um ein Problem eindringlich zu beschreiben. Es geht auch ganz nüchtern.
PAUL MUNZINGER
„Eine Streitschrift“? Das ist
nicht zu viel versprochen
„Die 10 Todsünden der Schulpolitik. Eine Streitschrift“ von Heinz-Peter Meidinger erscheint am 25. Januar 2021 im Claudius Verlag. Das Buch hat 126 Seiten.
Foto: Miriam Kurz/Claudius Verlag
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensent Uwe Ebbinghaus begrüßt einerseits die knappe Pointiertheit des Buches von Heinz-Peter Meidinger zur missratenen Schulpolitik nicht nur während der Pandemie. Andererseits hätte der Präsident des Deutschen Lehrerverbands seine Fundamentalkritik ruhig etwas differenzierter angehen können, findet Ebbinghaus, etwa, wenn der Autor sich zum Thema Inklusion äußert oder zum Krisenmanagement der Kultusminister. Dass Meidingers Kritik viel Potenzial hat, ahnt der Rezensent allerdings auch. Vielleicht lässt sich über wichtige Themen wie ein vergleichbares Abitur ja bei Gelegenheit noch detaillierter diskutieren, hofft er.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 13.02.2021

Wo es Reformeifer tatsächlich braucht
Kein gutes Zeugnis für die Kultusminister: Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, nimmt die Schulpolitik ins Visier

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, ist einer der bekanntesten Interessenvertreter des Landes. In der Pandemie verging zeitweilig kein Tag, ohne dass er in irgendeinem Medium mit einer zugespitzten Äußerung zitiert worden wäre. Sein Eintreten galt dabei meist der Einhaltung oder Anpassung von Hygiene- und Stufenplänen. Im Oktober wurde er für seine Warnung, die Kultusminister sollten ihre "Salamitaktik" aufgeben - viele Schulen durften zu dieser Zeit nur in äußersten Notfällen auf Wechsel- oder Distanzunterricht umstellen -, sonst drohe bald eine Schließung des gesamten Systems, scharf kritisiert. Seine Voraussage wurde jedoch bald von der Realität bestätigt, der Lockdown auch für Schulen war nicht mehr aufzuhalten. Meidinger hatte in der unübersichtlichen, durch viele faule Kompromisse geprägten Situation Augenmaß und Standfestigkeit bewiesen.

Überraschend nun, dass dem sonst gerne etwas weitschweifig argumentierenden früheren Gymnasialschulleiter in diesem Buch knappe hundertdreißig Seiten genügen, um die "zehn Todsünden der Schulpolitik" zu entfalten, wobei zudem die Redundanz nicht gering ist. Der auf dem Cover prangende Hinweis "Aktuell zur Coronakrise" stimmt nur zum Teil, die auf die Pandemie bezogenen Passagen sind sehr knapp, wobei die zutage getretenen Missstände freilich auch keiner allzu tiefen Analyse bedürfen. Die Politik habe versagt, schreibt Meidinger, weil sie die Durchführung des Digitalpakts "ewig verschleppt", die Einrichtung "funktionierender Lernplattformen" verschliefen, einen Sanierungsstau von geschätzten 45 Milliarden Euro erzeugt und es versäumt habe, Lehrer ausreichend fortzubilden sowie genügend von ihnen einzustellen. Das Krisenmanagement der Kultusminister sei durch anhaltendes "Versagen" geprägt gewesen. Dass schwerfällige Schulleitungen und anpassungsunwillige Lehrer an dem zum Teil planlosen Distanzunterricht eine Mitschuld trugen, bleibt im Buch unerwähnt.

Meidinger bedauert, dass durch die Corona-Krise einige wichtige Zukunftsthemen für Schulen in den Hintergrund getreten seien. Er nennt die Integration von Kindern mit Migrationskontext, das Auseinanderklaffen der Schulleistungen zwischen den einzelnen Bundesländern sowie die fehlende Vergleichbarkeit der Abschlüsse als Beispiele. Gerade die Frage nach einem vergleichbaren Abitur aber ist in den vergangenen Wochen stark in den Vordergrund getreten, und die Integrationsfrage hat in der Pandemie eine neue Tiefe erlangt. Gerne hätte man in diesem Buch mehr darüber gelesen, wie es mit den Abschlussprüfungen der Corona-Jahrgänge weitergehen soll und was unternommen werden kann, damit die ins Hintertreffen geratenen Kinder aus benachteiligten Verhältnissen schnell wieder aufschließen. Doch zu diesen Themen schreibt Meidinger kaum etwas - anders als zu wohlbekannten Dauerbrennern wie "Schreiben nach Gehör" oder "Bestnoteninflation".

Die Hauptkritik des Autors an der deutschen Schulpolitik zielt auf den blinden Reformeifer in den wechselnden deutschen Kultusministerien der letzten Jahrzehnte. Doch in dieser Akzentuierung liegt ein Grundwiderspruch des Buches. Einerseits soll nach Meidingers Wunsch eine Beruhigung eintreten, am besten ein Status vor G8 und den verschiedenen Gemeinschaftsschulprojekten etabliert werden. Andererseits hat die Corona-Pandemie gezeigt, und Meidinger selbst hat es eingangs festgestellt, dass enormer Reform- und Gestaltungsbedarf im Schulsystem besteht. Nicht zu vergessen, dass sich in der Corona-Krise durch die digitale Praxis in einigen Bereichen auch Verbesserungsmöglichkeiten ergeben haben, deren Übernahme in den Regelbetrieb man dringend ins Auge fassen sollte. So besteht die "Todsünde Nummer Acht" in Meidingers Streitschrift darin, dass "massiver" Unterrichtsausfall an Schulen seit Jahren hingenommen werde. Mit einer gut organisierten Lernplattform aber könnten Schüler, sollte ein Lehrer erkrankt sein, vergleichsweise problemlos, durch selbständiges Arbeiten am Computer in der Stundenplanung verbleiben. Damit gäbe es schon eine Todsünde weniger.

Widerspruchsfrei ist auch Meidingers Sicht auf die Inklusion an Regelschulen nicht, die er im zweiten Kapitel darlegt. Hier erweckt er über weite Strecken den Eindruck, als sei das Inklusionskonzept per se zum Scheitern verurteilt, da es kaum irgendwo an einer Regelschule in verantwortlicher Weise umgesetzt werde. Mit dieser letzten Diagnose mag der Autor nicht falsch liegen, die personelle Unterbesetzung bei der Förderung von Inklusionskindern spricht aber noch nicht grundsätzlich gegen das Konzept eines gemeinsamen Unterrichtens von Kindern mit und ohne Behinderung. Es ist einseitig, die Inklusion, so wie Meidinger es tut, als Ausgeburt menschenferner "Ideologie" darzustellen. Ebenso gut könnte man das Konzept als Ausdruck ebenjenes "Humanismus" betrachten, den Meidinger im vierten Kapitel beschwört, wenn es ihm um die Abwehr der Ökonomisierung von Schulen etwa durch das G8-Abitur geht. Der Präsident des Lehrerverbands hat sich gelegentlich schon differenzierter zum Thema "Inklusion" geäußert.

Wichtig ist Meidingers Plädoyer für die ins Hintertreffen geratene berufliche Bildung im neunten Kapitel. Mit seiner Kritik an der "fehlenden Einbeziehung und Partizipation" von Lehrern, Schülern und Eltern bei den Pandemie-Entscheidungen der Kultusminister gibt er einen Anstoß mit viel Potential. Angesichts seiner kompakten Aufzählung von Kommunikationsversäumnissen in der Corona-Krise kann man tatsächlich nur den Kopf schütteln. Die Kultusministerkonferenz tauge nicht als Entscheidungsinstanz in Krisenzeiten, schreibt Meidinger zum Schluss. Diese Diagnose wird so bald wohl nicht widerlegt werden.

UWE EBBINGHAUS

Heinz-Peter Meidinger: "Die 10 Todsünden der Schulpolitik". Eine Streitschrift. Claudius Verlag, München 2021. 126 S., geb., 15,- [Euro].

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