Unterm Rad - Hesse, Hermann
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Ein Schulmeister hat lieber zehn notorische Esel als ein Genie in seiner Klasse, und genau betrachtet hat er ja recht, denn seine Aufgabe ist es nicht, extravagante Geister heranzubilden, sondern gute Lateiner, Rechner und Biedermänner. Wer aber mehr und Schwereres vom anderen leidet, der Lehrer vom Knaben oder umgekehrt, wer von beiden mehr Tyrann, mehr Quälgeist ist, und wer von beiden es ist, der dem anderen Teile seiner Seele und seines Lebens verdirbt und schändet, das kann man nicht untersuchen, ohne bitter zu werden.…mehr

Produktbeschreibung
Ein Schulmeister hat lieber zehn notorische Esel als ein Genie in seiner Klasse, und genau betrachtet hat er ja recht, denn seine Aufgabe ist es nicht, extravagante Geister heranzubilden, sondern gute Lateiner, Rechner und Biedermänner. Wer aber mehr und Schwereres vom anderen leidet, der Lehrer vom Knaben oder umgekehrt, wer von beiden mehr Tyrann, mehr Quälgeist ist, und wer von beiden es ist, der dem anderen Teile seiner Seele und seines Lebens verdirbt und schändet, das kann man nicht untersuchen, ohne bitter zu werden.
  • Produktdetails
  • Suhrkamp BasisBibliothek (SBB) Nr.34
  • Verlag: SUHRKAMP
  • 13. Aufl.
  • Seitenzahl: 288
  • Erscheinungstermin: November 2012
  • Deutsch
  • Abmessung: 177mm x 115mm x 20mm
  • Gewicht: 192g
  • ISBN-13: 9783518188347
  • ISBN-10: 3518188348
  • Artikelnr.: 10292175
Autorenporträt
Das umfangreiche lyrische Werk Hermann Hesses (* Calw 1877, † Montagnola 1962) geriet über die großen Romanerfolge wie "Peter Camenzind" (1904), "Demian" (1919), "Siddhartha" (1922), "Der Steppenwolf" (1927), "Narziß und Goldmund" (1930) oder "Das Glasperlenspiel" (1943) fast ein wenig in Vergessenheit. Hermann Hesse, der 1946 für sein Gesamtwerk den Nobelpreis für Literatur erhielt, wuchs in einem pietistischen Elternhaus auf. Nach einer höchst konfliktreichen Jugend - u. a. verübte er einen Selbstmordversuch, brach die Schule und später eine Lehre ab und rebellierte gegen die von ihm empfundene Scheinheiligkeit der Gesellschaft - verarbeitete er diese Zeit auch in "Unterm Rad" (1906). Das Ringen um den eigenen Lebensweg bleibt für Hermann Hesse zeitlebens ein Thema - auch in seinen Büchern und Gedichten -, und er trifft damit oft den Nerv einer Jugend auf der Suche. Hesse, der sich im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger gemeldet hatte, wegen Untauglichkeit aber in der Kriegsgefangenenfürsorge arbeitete, wurde zum entschiedenen Pazifisten und Kriegsgegner. Privat kämpfte er gegen das Auseinanderbrechen seiner ersten Ehe mit Maria Bernoulli, diverse Schicksalsschläge und die Trennung folgten. Hesse heiratete noch zwei Mal und lebte ab 1919 bis zu seinem Tod im schweizerischen Montagnola in der Nähe von Lugano. 1954 erhielt er den Militärorden Pour le Mérite, 1955 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels - zahlreiche Preise waren ihm zuvor zuteil geworden.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 29.01.2005

Band 46
Griechisch pauken in Streuobstwiesen
Hermann Hesses Roman „Unterm Rad”
Nach Pisa und den Morden von Erfurt haben manche „Unterm Rad” wieder hervorgekramt, denn hier zerbricht am Ende ein Schüler am Leistungsdruck der strengen Klosterschule. Als Rüstzeug
für Reformen unseres Bildungssystems taugt Hesses Schulroman aber kaum - nicht nur, weil er schon vor hundert Jahren entstanden ist. Sicher, Hesse beklagt auch eine inhumane Schule, an welcher der sensible Hans Giebenrath scheitert. Doch mehr noch scheint er das idyllische Leben im kleinen Städtchen zu beschwören, aus dem auszubrechen gefährlich ist - eine Welt, die Sehnsüchte weckt und zugleich erschrecken lässt angesichts eines heute schwer erträglichen Fatalismus.
Kaum ein deutscher Schriftsteller ist im Ausland so bekannt wie Hesse, dennoch verschmähen die Germanisten ihn. Er gilt als altmodisch. Man verschlingt „Siddhartha” oder „Steppenwolf” mit siebzehn, vielleicht noch zweiundzwanzig Jahren, später wundert man sich darüber wie über den ersten Jugendschwarm. Dass Hesse dennoch bei jungen Menschen so gut ankommt, muss an den Protagonisten liegen, die auf der Suche nach sich selbst sind, an der Exotik fremder Welten, an der Esoterik.
„Unterm Rad” zählt nicht zu den Kultbüchern, darum kann man es unbefangener (wieder) lesen. Mit diesem Roman gelang Hesse 1906 der Durchbruch, wohl auch, weil der Text authentisch ist: Hesse hatte ebenfalls eine schreckliche Schulkarriere hinter sich, hatte wie Hans Giebenrath das württembergische Landesexamen abgelegt und die Maulbronner Klosterschule besucht. Aber er floh nach sieben Monaten, weil er „Dichter oder gar nichts” werden wollte - nicht aber Pfarrer oder Professor, wie für die Maulbronner Absolventen üblich. Sein Vater ließ ihn in eine Heilanstalt sperren und seinen Geisteszustand untersuchen. Nur weil Hesse sich unterwarf, entkam er und machte später - ebenfalls wie Hans Giebenrath - eine Lehre als Schlosser.
Doch während Hesse dem Unglück immer wieder entfliehen konnte und viele Krisen durchlebte, bleibt seine Romanfigur im Schultrauma gefangen und überlebt nicht. Warum Hans Giebenrath letztlich scheitert, wird nicht wirklich klar. Er hätte ja auch, wie sein einziger Freund, statt Griechisch zu pauken, als Zeichen des Widerstands Gedichte schreiben und abhauen können. Oder Emma, die hübsche Nichte des Schusters, lieben und wieder Gefallen am einfachen Leben finden können. Doch er treibt wie ein Blatt im Wind, und am Ende weiß man nicht, ob er willentlich ins Wasser gegangen oder nach seinem ersten Rausch versehentlich gestürzt ist.
Während manche Schilderung ferner Länder, etwa Indiens, in Hesses Büchern heute komisch anmutet, spürt man die Authentizität von „Unterm Rad” noch immer. Das Buch mag altmodisch sein, die Sprache zuweilen betulich. Trotzdem bleibt „Unterm Rad” einer der glaubwürdigsten Schulromane überhaupt.
JEANNE RUBNER
Hermann Hesse
Foto: Gret Widmann
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