Das demokratische Weltparlament - Bummel, Andreas; Leinen, Jo

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In atemberaubendem Tempo schreitet die Verflechtung der Welt voran. Die globalen Herausforderungen unserer Zeit überfordern die Nationalstaaten. Die Menschheit befindet sich in einer entscheidenden Phase - nach der Entstehung der Demokratie in den antiken Stadtstaaten Griechenlands und ihrer Ausweitung auf die modernen Territorialstaaten im 18. Jahrhundert steht nun der nächste Schritt bevor: eine demokratische Weltrevolution und ein Parlament der Menschheit. Denn die politische Entwicklung der Menschheit ist nicht vorbei. Für eine friedliche, gerechte und nachhaltige Weltzivilisation ist ein…mehr

Produktbeschreibung
In atemberaubendem Tempo schreitet die Verflechtung der Welt voran. Die globalen Herausforderungen unserer Zeit überfordern die Nationalstaaten. Die Menschheit befindet sich in einer entscheidenden Phase - nach der Entstehung der Demokratie in den antiken Stadtstaaten Griechenlands und ihrer Ausweitung auf die modernen Territorialstaaten im 18. Jahrhundert steht nun der nächste Schritt bevor: eine demokratische Weltrevolution und ein Parlament der Menschheit.
Denn die politische Entwicklung der Menschheit ist nicht vorbei. Für eine friedliche, gerechte und nachhaltige Weltzivilisation ist ein evolutionärer Sprung zu einer föderalen Weltrepublik erforderlich. Im Mittelpunkt dieses Projekts steht der Aufbau eines demokratischen Weltparlaments. Vor dem Hintergrund der Problematik der Moderne beleuchtet dieses Buch die Geschichte, Relevanz und Umsetzung einer kosmopolitischen Idee, die aktueller nicht sein könnte.
  • Produktdetails
  • Verlag: Dietz, Bonn
  • Artikelnr. des Verlages: .120492
  • Erscheinungstermin: 20. Februar 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 213mm x 149mm x 40mm
  • Gewicht: 739g
  • ISBN-13: 9783801204921
  • ISBN-10: 3801204928
  • Artikelnr.: 47172094
Autorenporträt
Leinen, Jo
Jo Leinen, geb. 1948 in Bisten, Mitglied des Europäischen Parlaments und Präsident der Europäischen Bewegung International. Zuvor war er saarländischer Umweltminister. Studium der Wirtschafts- und Rechtswissenschaften.

Bummel, Andreas
Andreas Bummel, geb. 1976 in Kapstadt, leitet die internationale Kampagne für ein Parla-ment bei der UNO und gehört dem Council des World Federalist Movement-Institute for Global Policy an. Zuvor tätig bei einer Unternehmensberatung.
Rezensionen
Besprechung von 15.05.2017
Transkontinentaler
Einheitskuchen
Jo Leinen und Andreas Bummel legen eine
Welt-Zukunftsvision vor – mit extrem steilen Thesen
VON WOLFGANG FREUND
Man stelle sich eine „Welthauptstadt“ vor, vielleicht in einer Nicht-Landschaft aus dem Nichts gestampft, eine Art Hyper-Brasilia, geworfen mitten auf ein Stück aalglatter Sahara-Steinwüste. Der dort amtierende „Weltpräsident“ könnte aus Norwegen oder Indonesien stammen, der „Weltbundeskanzler“ aus dem Kongo oder Nordkorea. Parteichefs von politischen Formationen wie GSR (Global Social Revolutioners), UIS (Union of Islamist Suiciders), TMP (Taliban Monster Party) oder TWFK (The White Front Klan) kämen aus Tunesien, Deutschland, Afghanistan, vielleicht auch aus Nordamerika, Weißrussland, Frankreich, Ungarn oder von der Insel Sansibar. In welchen Zungen würden all diese Staats-, Regierungs- und Parteichefs miteinander reden und umsetzbare „Entscheidungen“ auf kleinstem gemeinsamen Nenner treffen, wie etwa das Festschreiben einer weltweit verbindlichen Bananenlänge oder die mondiale Normkrümmung eines Kalaschnikow-Magazins?
Solche Fragen stellt der Ironiker unweigerlich, fängt er an, in dieses 450-Seiten-Opus hineinzulesen. Denn schnell stellt sich heraus, dass die beiden Autoren dieser „kosmopolitischen Vision“ eine Utopie vorlegen, diesen Begriff im wissenschaftlichen Sinne verstanden, das heißt Utopie als think piece („Denkstück“) einer im „griechischen Kalender“ (ad calendas graecas) liegenden fernen Zukunft, die sich tatsächlich in etwa so ereignen könnte, wenn nicht, ja wenn nicht ... da sonst noch einiges wäre. Das dem Thema verbundene Bonner Verlagshaus scheint sich auf Zukunftsvisionen dieser Art einzuschießen (2016 etwa erschien die „politische Utopie“ von Ulrike Guérot „Warum Europa eine Republik werden muss!“).
Der Saarländer und Europapolitiker Jo Leinen (Jahrgang 1948) und der Kapstadt-Deutsche Andreas Bummel (Jahrgang 1976), Mitglied des UN-nahen World Federalist Movement-Institute for Global Policy, holen sehr weit aus. Ihr Atem reicht zurück bis in die Antike; denn los geht’s bereits mit „Kosmopolitismus im alten Griechenland“ oder auch „kosmopolitischen Wurzeln in Indien und China“, und dann mit fliegenden Fahnen voran „von der Stoa bis Kant“ und danach flugs in die Gegenwart und deren Myriaden von international angelegten Entwürfen und Institutionen. Die Autoren wollen damit bis in feinste historische, das heißt politische, geistige und soziale Verästelungen hinein beweisen, dass unsere Menschheitsentwicklung genau auf das hin zutreibe, wovon sie selbst träumen, nämlich einem transkontinental und transkulturell zusammengebackenen Einheitskuchen.
Der Wunsch der Autoren als Vater ihres schöpferischen Gedankens? Einer Utopie kann man so etwas nicht übel nehmen, vorausgesetzt man bleibt dabei, dies eine Utopie zu nennen und keine zwingende Gesetzmäßigkeit. Hinter dem Vorgehen mag auch die alte Soziologenweisheit stehen, dass Entwicklungssprünge in der Menschheitsgeschichte offenbar dort stattfinden, wo sich die Träger eines solchen multiplikativ oder auch potenzierend mengenmäßig verdichten, also in ständig steigender großer Anzahl auf beschränktem Raume vorkommen. Ohne Florenz keine Renaissance, ohne Silicon Valley keine numerische „Weltkultur“. Der Beleg e contrario wäre dann die Vermutung, dass in Regionen wie Afghanistan, Nepal, Haiti oder der afrikanischen Sahelzone in den nächsten Jahrzehnten, vielleicht sogar Jahrhunderten, wohl kaum „Erfindungen“ getätigt würden, die vermöchten, das Miteinander aller Menschen besser zu gestalten.
Aus all der Unordnung eine funktionstüchtige „Weltrepublik“ zimmern? Man kann das sehr unterschiedlich sehen und die gegenwärtigen auch äußerst chaotischen Zustände zusammennageln, wie immer man will. Zwei Welttendenzen schlagen sich ständig ihr sogenanntes Besserwissen um die Ohren: Weltbürger-Ideologien hier, Neo-Nationalismen dort. Beide Tendenzen haben Hochkonjunktur, und niemand kann vernünftigerweise sagen, wie dieser Wettstreit letztlich enden wird. Sind neue Regionalismen und Mondialisierung unter technisch-wissenschaftlichem Zwang miteinander vereinbar und geeignet, am Sankt-Nimmerleins-Tag eine „Weltgesellschaft“ plus „Weltregierung“ mit einem „Weltparlament“ zu begründen? Nichts erscheint unwahrscheinlicher, trotz Völkerbund selig und UN, derzeit noch am Leben. Oder gerade deshalb, wegen der sich immer von Neuem zeigenden Unfähigkeit solcher Institutionen, mit grenzüberschreitenden Widrigkeiten konstruktiv fertigzuwerden. Doch unmöglich ist es auch nicht, beinahe wie mit dem Glauben an Gott. Seine Existenz ist weder beweis- noch widerlegbar. Also glauben wir besser mal tüchtig … Man kann nie wissen!
Apropos „transkulturell“ oder auch Sprachen: Überlegungen zu einer möglichen Weltkultur – man verwende hier bitte nicht den aus schnoddrigem Politologendeutsch geborenen Terminus „Leitkultur“, denn da stellt sich sofort die Frage nach dem „Leithammel“! – oder zu den Sprachen, in denen ein solches Weltparlament palavern könnte / müsste, kommen in diesem Opus magnum praktisch nicht vor. Wäre es womöglich Globish, also ein auf Weltniveau abgerutschtes Englisch? Natürlich besteht auch die Möglichkeit, dass „Sprachen“ in dem Sinne, wie wir diese heute noch verstehen, zum Zeitpunkt der Realexistenz eines futuristischen Weltparlaments längst nicht mehr gesprochen, vielmehr zu einem globalen, einheitlich-elektronischen „Gedankenaustausch“ geschrumpft sein werden, wo als Variable nur noch Kombinationen aus Nullen und Einsen Gültigkeit besäßen. In vielen Bereichen der Alltagskommunikation sind wir bereits so weit. Alle Warencodes in Supermärkten von Tokio bis Buenos Aires lesen sich schon heute so. Camembert, Kartoffelpuffer oder Corned Beef als 0011110001010001. Bon appétit. Da ist „Weltkultur“ im Werden, die krebszellenartig da und dort bereits existiert.
Als formale Irritation erweist sich die herausgeberische Eigenheit, die bei Büchern dieser Art um sich zu greifen scheint: Anmerkungen und Quellen, wie es sich für ein Werk mit zitierfähigen Aussagen gehört, gibt es darin in großer Anzahl. Sie sind jeweils auf Kapitelebene durchnummeriert und werden als „Endnoten“ am Schluss des Buches auf 41 Seiten vorgestellt. Aus einem Guss. Lesen verkommt so zu Blättern. Es ist eine neue Zitierform, die alles sein mag, nur nicht leserfreundlich. Das alte System von Anmerkungen als Kleingedrucktem am unteren Seitenende war und ist besser. Käme heute dieses Verfahren in unserem „ökonomischen“ Zeitalter, da alles primär nach Profitmargen entschieden wird, den Verleger etwa zu teuer? In diesem Fall müsste die Empfehlung lauten: Bitte woanders sparen!
Natürlich ist das Buch wichtig und lesenswert, sonst ergäben die vorstehenden Bemerkungen wenig Sinn, zumal es flüssig geschrieben ist. Etwas häufig auftretendes, über das rational Sinnvolle hinausgehende USA-Bashing lässt eher linkslastiges Denken bei den Autoren durchschimmern. Aber bitte, solche Bücher muss es (noch) geben dürfen. Ohne sie wären wir mit unserem Latein längst am Ende. Man sollte sich aber dessen bewusst bleiben, dass es sich bei „Weltparlament“ um eine „Utopie“ handelt, die offen bleiben muss für jede Widerlegung durch mehr oder minder unerwartete, doch „realexistierende“ Ereignisse. Denn wie der Poet schon gewusst hatte: Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.
Wolfgang Freund ist deutsch-französischer Sozialwissenschaftler (Schwerpunkt: Mittelmeerkulturen). Zahlreiche Publikationen auf Deutsch, Französisch und Englisch. Lebt heute in Südfrankreich.
Momentan lautet der Wettlauf:
Weltbürger-Ideologien gegen
Neo-Nationalismen
Jo Leinen,
Andreas Bummel:
Das demokratische Weltparlament. Eine kosmopolitische Vision. Verlag J. H. W. Dietz Nachf. Bonn 2017. 453 Seiten, 26 Euro.
E-Book: 23,99 Euro.
Stadt der Zukunft, wie man sie 1960 sah. Damals wurde die neue Hauptstadt Brasilia aus dem Boden gestampft. Im Bild das Gebäude des Nationalkongresses, einst vom Architekten Oscar Niemeyer entworfen und zur WM 2014 illuminiert.
Foto: Reuters
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Transkontinentaler
Einheitskuchen

Jo Leinen und Andreas Bummel legen eine
Welt-Zukunftsvision vor – mit extrem steilen Thesen

VON WOLFGANG FREUND

Man stelle sich eine „Welthauptstadt“ vor, vielleicht in einer Nicht-Landschaft aus dem Nichts gestampft, eine Art Hyper-Brasilia, geworfen mitten auf ein Stück aalglatter Sahara-Steinwüste. Der dort amtierende „Weltpräsident“ könnte aus Norwegen oder Indonesien stammen, der „Weltbundeskanzler“ aus dem Kongo oder Nordkorea. Parteichefs von politischen Formationen wie GSR (Global Social Revolutioners), UIS (Union of Islamist Suiciders), TMP (Taliban Monster Party) oder TWFK (The White Front Klan) kämen aus Tunesien, Deutschland, Afghanistan, vielleicht auch aus Nordamerika, Weißrussland, Frankreich, Ungarn oder von der Insel Sansibar. In welchen Zungen würden all diese Staats-, Regierungs- und Parteichefs miteinander reden und umsetzbare „Entscheidungen“ auf kleinstem gemeinsamen Nenner treffen, wie etwa das Festschreiben einer weltweit verbindlichen Bananenlänge oder die mondiale Normkrümmung eines Kalaschnikow-Magazins?

Solche Fragen stellt der Ironiker unweigerlich, fängt er an, in dieses 450-Seiten-Opus hineinzulesen. Denn schnell stellt sich heraus, dass die beiden Autoren dieser „kosmopolitischen Vision“ eine Utopie vorlegen, diesen Begriff im wissenschaftlichen Sinne verstanden, das heißt Utopie als think piece („Denkstück“) einer im „griechischen Kalender“ (ad calendas graecas) liegenden fernen Zukunft, die sich tatsächlich in etwa so ereignen könnte, wenn nicht, ja wenn nicht ... da sonst noch einiges wäre. Das dem Thema verbundene Bonner Verlagshaus scheint sich auf Zukunftsvisionen dieser Art einzuschießen (2016 etwa erschien die „politische Utopie“ von Ulrike Guérot „Warum Europa eine Republik werden muss!“).

Der Saarländer und Europapolitiker Jo Leinen (Jahrgang 1948) und der Kapstadt-Deutsche Andreas Bummel (Jahrgang 1976), Mitglied des UN-nahen World Federalist Movement-Institute for Global Policy, holen sehr weit aus. Ihr Atem reicht zurück bis in die Antike; denn los geht’s bereits mit „Kosmopolitismus im alten Griechenland“ oder auch „kosmopolitischen Wurzeln in Indien und China“, und dann mit fliegenden Fahnen voran „von der Stoa bis Kant“ und danach flugs in die Gegenwart und deren Myriaden von international angelegten Entwürfen und Institutionen. Die Autoren wollen damit bis in feinste historische, das heißt politische, geistige und soziale Verästelungen hinein beweisen, dass unsere Menschheitsentwicklung genau auf das hin zutreibe, wovon sie selbst träumen, nämlich einem transkontinental und transkulturell zusammengebackenen Einheitskuchen.

Der Wunsch der Autoren als Vater ihres schöpferischen Gedankens? Einer Utopie kann man so etwas nicht übel nehmen, vorausgesetzt man bleibt dabei, dies eine Utopie zu nennen und keine zwingende Gesetzmäßigkeit. Hinter dem Vorgehen mag auch die alte Soziologenweisheit stehen, dass Entwicklungssprünge in der Menschheitsgeschichte offenbar dort stattfinden, wo sich die Träger eines solchen multiplikativ oder auch potenzierend mengenmäßig verdichten, also in ständig steigender großer Anzahl auf beschränktem Raume vorkommen. Ohne Florenz keine Renaissance, ohne Silicon Valley keine numerische „Weltkultur“. Der Beleg e contrario wäre dann die Vermutung, dass in Regionen wie Afghanistan, Nepal, Haiti oder der afrikanischen Sahelzone in den nächsten Jahrzehnten, vielleicht sogar Jahrhunderten, wohl kaum „Erfindungen“ getätigt würden, die vermöchten, das Miteinander aller Menschen besser zu gestalten.

Aus all der Unordnung eine funktionstüchtige „Weltrepublik“ zimmern? Man kann das sehr unterschiedlich sehen und die gegenwärtigen auch äußerst chaotischen Zustände zusammennageln, wie immer man will. Zwei Welttendenzen schlagen sich ständig ihr sogenanntes Besserwissen um die Ohren: Weltbürger-Ideologien hier, Neo-Nationalismen dort. Beide Tendenzen haben Hochkonjunktur, und niemand kann vernünftigerweise sagen, wie dieser Wettstreit letztlich enden wird. Sind neue Regionalismen und Mondialisierung unter technisch-wissenschaftlichem Zwang miteinander vereinbar und geeignet, am Sankt-Nimmerleins-Tag eine „Weltgesellschaft“ plus „Weltregierung“ mit einem „Weltparlament“ zu begründen? Nichts erscheint unwahrscheinlicher, trotz Völkerbund selig und UN, derzeit noch am Leben. Oder gerade deshalb, wegen der sich immer von Neuem zeigenden Unfähigkeit solcher Institutionen, mit grenzüberschreitenden Widrigkeiten konstruktiv fertigzuwerden. Doch unmöglich ist es auch nicht, beinahe wie mit dem Glauben an Gott. Seine Existenz ist weder beweis- noch widerlegbar. Also glauben wir besser mal tüchtig … Man kann nie wissen!

Apropos „transkulturell“ oder auch Sprachen: Überlegungen zu einer möglichen Weltkultur – man verwende hier bitte nicht den aus schnoddrigem Politologendeutsch geborenen Terminus „Leitkultur“, denn da stellt sich sofort die Frage nach dem „Leithammel“! – oder zu den Sprachen, in denen ein solches Weltparlament palavern könnte / müsste, kommen in diesem Opus magnum praktisch nicht vor. Wäre es womöglich Globish, also ein auf Weltniveau abgerutschtes Englisch? Natürlich besteht auch die Möglichkeit, dass „Sprachen“ in dem Sinne, wie wir diese heute noch verstehen, zum Zeitpunkt der Realexistenz eines futuristischen Weltparlaments längst nicht mehr gesprochen, vielmehr zu einem globalen, einheitlich-elektronischen „Gedankenaustausch“ geschrumpft sein werden, wo als Variable nur noch Kombinationen aus Nullen und Einsen Gültigkeit besäßen. In vielen Bereichen der Alltagskommunikation sind wir bereits so weit. Alle Warencodes in Supermärkten von Tokio bis Buenos Aires lesen sich schon heute so. Camembert, Kartoffelpuffer oder Corned Beef als 0011110001010001. Bon appétit. Da ist „Weltkultur“ im Werden, die krebszellenartig da und dort bereits existiert.

Als formale Irritation erweist sich die herausgeberische Eigenheit, die bei Büchern dieser Art um sich zu greifen scheint: Anmerkungen und Quellen, wie es sich für ein Werk mit zitierfähigen Aussagen gehört, gibt es darin in großer Anzahl. Sie sind jeweils auf Kapitelebene durchnummeriert und werden als „Endnoten“ am Schluss des Buches auf 41 Seiten vorgestellt. Aus einem Guss. Lesen verkommt so zu Blättern. Es ist eine neue Zitierform, die alles sein mag, nur nicht leserfreundlich. Das alte System von Anmerkungen als Kleingedrucktem am unteren Seitenende war und ist besser. Käme heute dieses Verfahren in unserem „ökonomischen“ Zeitalter, da alles primär nach Profitmargen entschieden wird, den Verleger etwa zu teuer? In diesem Fall müsste die Empfehlung lauten: Bitte woanders sparen!

Natürlich ist das Buch wichtig und lesenswert, sonst ergäben die vorstehenden Bemerkungen wenig Sinn, zumal es flüssig geschrieben ist. Etwas häufig auftretendes, über das rational Sinnvolle hinausgehende USA-Bashing lässt eher linkslastiges Denken bei den Autoren durchschimmern. Aber bitte, solche Bücher muss es (noch) geben dürfen. Ohne sie wären wir mit unserem Latein längst am Ende. Man sollte sich aber dessen bewusst bleiben, dass es sich bei „Weltparlament“ um eine „Utopie“ handelt, die offen bleiben muss für jede Widerlegung durch mehr oder minder unerwartete, doch „realexistierende“ Ereignisse. Denn wie der Poet schon gewusst hatte: Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.

Wolfgang Freund ist deutsch-französischer Sozialwissenschaftler (Schwerpunkt: Mittelmeerkulturen). Zahlreiche Publikationen auf Deutsch, Französisch und Englisch. Lebt heute in Südfrankreich.

Momentan lautet der Wettlauf:
Weltbürger-Ideologien gegen
Neo-Nationalismen

Jo Leinen,
Andreas Bummel:
Das demokratische Weltparlament. Eine kosmopolitische Vision. Verlag J. H. W. Dietz Nachf. Bonn 2017. 453 Seiten, 26 Euro.
E-Book: 23,99 Euro.

Stadt der Zukunft, wie man sie 1960 sah. Damals wurde die neue Hauptstadt Brasilia aus dem Boden gestampft. Im Bild das Gebäude des Nationalkongresses, einst vom Architekten Oscar Niemeyer entworfen und zur WM 2014 illuminiert.

Foto: Reuters

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